{"id":105424,"date":"2023-10-18T09:00:48","date_gmt":"2023-10-18T07:00:48","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=105424"},"modified":"2023-10-18T16:33:51","modified_gmt":"2023-10-18T14:33:51","slug":"wir-muessen-an-frieden-denken-und-nicht-an-krieg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=105424","title":{"rendered":"\u201eWir m\u00fcssen an Frieden denken und nicht an Krieg\u201c"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ulrich Lenz<\/strong> aus Katzenelnbogen ist seit Jahrzehnten in der Friedensbewegung aktiv. Am kommenden Wochenende will er im Bonner Hofgarten mit vielen anderen an die gro&szlig;e Friedensdemonstration vor 40 Jahren erinnern und sich gegen die gegenw&auml;rtige Kriegspolitik hierzulande einsetzen. &Uuml;ber seine Motive hat <strong>Tilo Gr&auml;ser<\/strong> mit ihm gesprochen.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_6\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-105424-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/231018_Wir_muessen_an_Frieden_denken_und_nicht_an_Krieg_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/231018_Wir_muessen_an_Frieden_denken_und_nicht_an_Krieg_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/231018_Wir_muessen_an_Frieden_denken_und_nicht_an_Krieg_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/231018_Wir_muessen_an_Frieden_denken_und_nicht_an_Krieg_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=105424-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/231018_Wir_muessen_an_Frieden_denken_und_nicht_an_Krieg_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"231018_Wir_muessen_an_Frieden_denken_und_nicht_an_Krieg_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Tilo Gr&auml;ser: Herr Lenz, Sie nehmen am 22. Oktober in Bonn im Hofgarten an einer Friedensdemo teil. Was ist da genau geplant und aus welchem Anlass? <\/strong><\/p><p>Ulrich Lenz: Da geht es darum, dass dort vor 40 Jahren eine gro&szlig;e Friedensdemo stattgefunden hat. Es soll daran erinnert werden, wie gut das lief und wie wichtig gerade in der heutigen politischen Situation, u.a. mit dem Krieg in der Ukraine und dem wieder aufgeflammten Konflikt in Pal&auml;stina\/Israel, eine Friedensbewegung ist, die wieder stark agiert und viele kontr&auml;re, andere politische Ansichten au&szlig;en vor l&auml;sst. <\/p><p><strong>Wer l&auml;dt dazu ein, wer organisiert das?<\/strong><\/p><p>Das ist ein Bonner B&uuml;ndnis, &bdquo;Bonn zeigt Gesicht&ldquo;. Die haben <a href=\"https:\/\/bonn-zeigt-gesicht.de\/\">eine eigene Internetseite<\/a>. &bdquo;Wir zeigen der Welt, dass die Friedensbewegung lebt.&ldquo; Das ist der Grundsatz. Und eingeladen sind verschiedene bekannte Redner aus gesellschaftlichen und politischen Bereichen, aus der Friedensbewegung: Gabriele Gysi, J&uuml;rgen Fliege, Diether Dehm, Jens Fischer-Rodrian, Alexander Tuschinski und andere. Es werden wahrscheinlich noch einige mehr da sein. Auf der Webseite ist ein Bild von vor 40 Jahren zu sehen, wo die halbe Million Menschen zu sehen sind, die es damals waren. <\/p><p><strong>Das klingt ja nicht nach irgendwelchen Nostalgikern, die nur daran erinnern wollen, was vor 40 Jahren m&ouml;glich war. Das sollen ja damals eine halbe Million oder so gewesen sein. Das klingt danach, dass dort die sogenannte klassische und die sogenannte neue Friedensbewegung zusammenfinden, wenn ich die Namen h&ouml;re. <\/strong><\/p><p>Ich gehe auch davon aus. Es w&auml;re auch absolut wichtig, wenn das passieren w&uuml;rde. Zu den Miteinladern geh&ouml;rt unter anderem die Bewegung Stopp Ramstein, die eher f&uuml;r die alte Friedensbewegung steht. Es ist wichtig, dass wirklich versucht wird, alle Friedensbewegten zusammenzuf&uuml;hren. <\/p><p><strong>Warum gehen Sie dahin? Warum machen Sie da mit? <\/strong><\/p><p>Das ist f&uuml;r mich absolut wichtig, dass wieder was mit der Friedensbewegung geht. Und zwar ohne Fingerzeig auf irgendwelche L&auml;nder oder Gruppierungen, die angeblich den Frieden sabotieren. Es muss dringend wieder was passieren. Und es ist auch wichtig, Widerspruch zu leisten bei solchen Phrasen wie &bdquo;v&ouml;lkerrechtswidrige Angriffskriege&ldquo; oder wenn, wie jetzt wieder beim Konflikt Pal&auml;stina-Israel, die diffamiert werden, die eigentlich nur auf lange existierende Konflikte reagieren. <\/p><p><strong>Waren Sie denn vor 40 Jahren selber dabei? <\/strong><\/p><p>Ich bin Jahrgang 61. Da ich eine Sechs-Tage-Arbeits-Woche hatte und die Demo an einem Samstag war, konnte ich nicht teilnehmen. Ich habe damals nicht frei bekommen. <\/p><p><strong>Aber Sie waren damals schon in der Friedensbewegung aktiv? <\/strong><\/p><p>Ich war schon im Umfeld der Friedensbewegung. Ich war damals &ndash; daf&uuml;r muss man sich ja heute fast sch&auml;men &ndash; mit einer der ersten bei den Gr&uuml;nen. Die heute das Gegenteil von dem sind, was sie damals waren. <\/p><p><strong>Haben Sie eine Erkl&auml;rung daf&uuml;r, dass es heute schwer ist, auch nur ann&auml;hernd so viele Menschen wie vor 40 Jahren auf die Stra&szlig;en zu bringen? Wirkte damals die mehr oder weniger reale Drohung durch die Atomraketen st&auml;rker als heute die Bedrohung, die Warnung vor der Eskalation des Ukraine-Krieges, die Warnung vor einem m&ouml;glichen Krieg gegen China mit seinen globalen Folgen? <\/strong><\/p><p>Also zum einen denke ich, dass die Menschen heute zeitlich eingeschr&auml;nkter sind als damals. Die meisten leben in einem Hamsterrad, aus dem sie nicht herauskommen, nur um &uuml;berleben zu k&ouml;nnen. Und das Hamsterrad dreht sich auch immer schneller. Das n&auml;chste ist: Wir haben ein Internet, was wir damals noch nicht hatten. Jeder hat heute ein Smartphone, worauf er die neueste Information kriegt und auch mit zwei Klicks irgendeine Unterschriftenaktion unterschreiben kann &ndash; und dann meint, damit w&auml;re die Welt gerettet. Das ist ein Riesenproblem. Fr&uuml;her wurde sich noch real getroffen, verabredet, &bdquo;wir fahren da hin&ldquo;. Das findet heute fast nicht mehr statt. Das hat sich noch potenziert seit den ganzen Corona-Ma&szlig;nahmen, wo es verboten war, Menschen zu treffen. Im Internet kann man sich heute leichter informieren, alleine informieren, ohne mit anderen Menschen in Kontakt zu treten. Fr&uuml;her musste man sich treffen, um Meinungsaustausch zu pflegen, um sich eine eigene Meinung zu bilden. Und das ist auch das, was es heute schwierig macht, eine gro&szlig;e Demonstration aufzuziehen, weil jeder meint, er erf&auml;hrt ja alles zu Hause am Computer &ndash; und das reicht.<\/p><p><strong>Wie sch&auml;tzen Sie diese globale Lage ein? Was ist der Unterschied zu der Zeit vor 40 Jahren? <\/strong><\/p><p>Damals gab es zwei klare Lager. Damals gab es klare Fronten, wo man sagen konnte: Gut und B&ouml;se, zumindest aus Sicht des jeweiligen Lagers. Das war einmal der Westen, der NATO-Bereich, und dann der Ostblock, der Warschauer Vertrag. Und heute haben wir eine un&uuml;berschaubare Lage. Die damals sogenannte Dritte Welt hatte damals nichts zu melden. Heute meldet sie sich selbstbewusst zu Wort. Die heutigen Entwicklungsstaaten haben eine ganz andere Ebene erreicht, auch dank L&auml;ndern wie Russland und China, welche nicht so sehr auf Ausbeutung setzen, sondern auf Kooperation und Entwicklung. Und das wird im globalen S&uuml;den anerkannt. Inzwischen ist es auch so, dass der Westen nicht mehr diese Kraft hat, die er noch vor 40 Jahren hatte. China ist stark geworden. Russland ist auch in den letzten 20 Jahren wieder erstarkt und auf einer wesentlich st&auml;rkeren Ausgangsposition als damals. <\/p><p><strong>Nun habe ich vorhin gerade ganz aktuell und ganz konkret erlebt, wie der SPD-Vorsitzende Lars Klingbeil bei der Vorstellung des Buches &bdquo;Bedingt abwehrbereit&ldquo; von Carlo Masala gesagt hat, die bundesdeutsche Gesellschaft d&uuml;rfe nicht wieder in den Friedensmodus zur&uuml;ckfallen, sie m&uuml;sse quasi aufr&uuml;sten, sie m&uuml;sse sich verteidigungsbereit machen angesichts der ganzen Bedrohung. Das hat auch der Masala gesagt. Der hat auch noch gesagt mit Blick auf den Ukraine-Krieg: Russland darf auf keinen Fall gewinnen, denn ein Sieg Russlands bedeute f&uuml;r Europa etwas, was wir uns noch gar nicht vorstellen k&ouml;nnten. Was halten Sie von solchen Aussagen? <\/strong><\/p><p>Also erst einmal zum &bdquo;Friedensmodus&ldquo;: Wie k&ouml;nnen wir st&auml;ndig Geld f&uuml;rs Morden ausgeben und auf der anderen Seite kein Geld mehr zum &Uuml;berleben f&uuml;r die Menschen haben? Das ist f&uuml;r mich der erste Grundsatz. Ich finde es schrecklich, die R&uuml;stungsausgaben so massiv zu erh&ouml;hen. Und selbst alleine in Deutschland, abgesehen vom Rest der Welt, fehlt es hier an Unterst&uuml;tzung f&uuml;r Rentner, an Unterst&uuml;tzung f&uuml;r Kinder, auch an Infrastruktur, wo alles im Prinzip zusammenbricht. Wir entwickeln uns in Richtung Zweite-Welt-Land, nur um R&uuml;stungsausgaben machen zu k&ouml;nnen? Das kann es nicht sein. Den Friedensmodus halte ich f&uuml;r sehr wichtig. Wir m&uuml;ssen an Frieden denken und nicht an Krieg. <\/p><p>Sollen wir uns wieder auf eine Zeit einstellen wie kurz vorm Ersten oder Zweiten Weltkrieg? Da l&auml;uft f&uuml;r mich momentan alles darauf hinaus, wenn man sich mit der Geschichte etwas besch&auml;ftigt. Das ist ein Mischmasch aus beidem, der Lage kurz vorm Ersten und kurz vorm Zweiten Weltkrieg. Wir stehen momentan an so einem Punkt, wo alle wieder Hurra schreien, wir m&uuml;ssen Krieg f&uuml;hren. Und das ist falsch. Und dann w&uuml;nschen: Russland soll verlieren. Das ist der falsche Ansatz. Meiner Meinung nach brauchen wir eine multipolare Welt, wo jedes Land seine Berechtigung hat, zu leben und zu &uuml;berleben. Und nicht nur unsere sogenannte westliche Wertegemeinschaft, wie anscheinend ein Lars Klingbeil und dieser Carlo Masala meinen. <\/p><p><strong>Masala meinte auch, dass immer nur mit einer SPD-gef&uuml;hrten Regierung Reformen durchgesetzt werden k&ouml;nnen, die wehtun. Und er sagte, wenn die CDU zum Beispiel das gemacht h&auml;tte, auch mit der sogenannten Zeitenwende 100 Milliarden f&uuml;r die R&uuml;stung und so, da h&auml;tte es viel mehr gesellschaftlichen Widerstand gegeben. Und danach beeilte sich Lars Klingbeil zu sagen: Wir h&auml;tten das auch nicht anders gemacht, wenn wir in der Opposition w&auml;ren und uns in solch einer Situation voll hinter eine CDU-gef&uuml;hrte Regierung gestellt. Also, wie beurteilen Sie das? Wird die SPD tats&auml;chlich immer als &bdquo;Bluthund&ldquo; gebraucht, wie es einst der Gustav Noske 1919 selber wohl gesagt hat? <\/strong><\/p><p>Ja, ich sehe das genauso. Wir d&uuml;rfen nicht vergessen: Die Agenda 2010 wurde unter einer SPD-Gr&uuml;nen-Regierung gemacht. Und jetzt sind wir in einer &auml;hnlichen Situation. Dass alles Soziale unter einer sozialdemokratischen Regierung versucht wird, kleinzureden und zu zerst&ouml;ren. Das ist ein Riesenproblem. Ich erinnere nur daran, dass die SPD anscheinend noch mehr im Windschatten einer US-Regierung hinterherl&auml;uft wie eine CDU. Ich pers&ouml;nlich stehe politisch links. Aber es ist einfach so, dass die SPD immer die Schweinereien macht, die sich eine CDU nicht traut. <\/p><p><strong>Herr Lenz, eine allerletzte Frage. Sehen Sie in der derzeitigen politischen Lage der Bundesrepublik Deutschland eine gesellschaftliche und politische Kraft, die sich st&auml;rker f&uuml;r Frieden einsetzen k&ouml;nnte, die das, was Sie auch besch&auml;ftigt, einbringen k&ouml;nnte in die politische Debatte? <\/strong><\/p><p>Ich gehe davon aus, dass wir im n&auml;chsten Jahr eine neue Partei im linken Spektrum bekommen, angef&uuml;hrt von Sahra Wagenknecht. Vorbereitungen dazu scheinen zu laufen. Ich bin derzeit noch in der Linkspartei und beobachte das. Eine Wagenknecht-Partei w&uuml;rde wichtige Akzente zum Thema Frieden und Soziales setzen.<\/p><p><small>Titelbild: J.H. Darchinger \/ Friedrich-Ebert-Stiftung<\/small><\/p><p><em>Ulrich Lenz (Jahrgang 1961) ist selbstst&auml;ndiger Einzelh&auml;ndler, Kreistagsmitglied und Kreissprecher f&uuml;r die Partei Die Linke im Rhein-Lahn-Kreis (RLP) und Gr&uuml;ndungsmitglied, Mitinitiator und -organisator des NachDenkSeiten-Gespr&auml;chskreises sowie von Aufstehen in der Region Diez (RLP) \/ Limburg (H). Seit seiner Jugend engagiert er sich aktiv bei weiteren sozialen und friedenspolitischen Aktionen.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><strong>Ulrich Lenz<\/strong> aus Katzenelnbogen ist seit Jahrzehnten in der Friedensbewegung aktiv. 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