{"id":105551,"date":"2023-10-20T11:30:51","date_gmt":"2023-10-20T09:30:51","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=105551"},"modified":"2023-10-20T13:54:43","modified_gmt":"2023-10-20T11:54:43","slug":"karin-leukefeld-ueber-schreibverbot-im-nd-vom-urspruenglichen-selbstverstaendnis-des-journalismus-komplett-entfremdet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=105551","title":{"rendered":"Karin Leukefeld \u00fcber Schreibverbot im nd: \u201eVom urspr\u00fcnglichen Selbstverst\u00e4ndnis des Journalismus komplett entfremdet\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Die Zeitung <em>nd<\/em> &ndash; ehemals <em>Neues Deutschland<\/em> &ndash; hat der langj&auml;hrigen Nahost-Korrespondentin Karin Leukefeld die Zusammenarbeit aufgek&uuml;ndigt. Der Vorgang erinnert angesichts der Begr&uuml;ndungen nicht nur an das derzeitige Ph&auml;nomen der &bdquo;Cancel Culture&ldquo;, sondern auch an den Stalinismus, von dem sich das <em>nd<\/em> noch als <em>Neues Deutschland<\/em> nach dem Untergang von DDR und SED distanziert und verabschiedet hat. Mit <strong>Karin Leukefeld<\/strong> hat <strong>Tilo Gr&auml;ser<\/strong> &uuml;ber den Vorgang gesprochen.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_9178\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-105551-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/231020-Leukefeld-nd-Schreibverbot-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/231020-Leukefeld-nd-Schreibverbot-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/231020-Leukefeld-nd-Schreibverbot-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/231020-Leukefeld-nd-Schreibverbot-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=105551-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/231020-Leukefeld-nd-Schreibverbot-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"231020-Leukefeld-nd-Schreibverbot-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Frau Leukefeld, Sie berichten seit vielen Jahren als fast einzige deutsche Korrespondentin direkt aus dem Nahen Osten. Leser der NachDenkSeiten kennen Sie sicherlich, da Sie ja h&auml;ufig f&uuml;r uns schreiben. Ihre Berichte waren zuletzt auch immer wieder in anderen linken und alternativen Medien zu lesen. Doch selbst das wird anscheinend immer weniger. Warum?<\/strong><\/p><p>Als ich im Jahr 2000 zun&auml;chst in der T&uuml;rkei, dann im Irak meine Arbeit begann, habe ich f&uuml;r den <em>ARD<\/em>-H&ouml;rfunk, vor allem f&uuml;r den <em>WDR<\/em>, f&uuml;r den <em>Deutschlandfunk<\/em> und auch f&uuml;r die <em>Deutsche Welle<\/em> berichtet. Die Reportagen wurden h&auml;ufig vom <em>Schweizer Rundfunk<\/em> &uuml;bernommen. Die <em>Junge Welt<\/em> und das <em>Neue Deutschland<\/em> geh&ouml;rten von Anfang an zu den Abnehmern meiner Berichte, auch die <em>Katholische Nachrichten-Agentur<\/em>.<\/p><p>2005 ging ich nach Damaskus, weil es in Bagdad zu gef&auml;hrlich wurde. Ich folgte in gewisser Weise den irakischen Fl&uuml;chtlingen, von denen mehr als 1 Million in Syrien Zuflucht fand. In Damaskus beantragte ich die Akkreditierung, die ich 2010 erhielt. 2011 waren meine Berichte aus Kairo vom Tahrir-Platz gefragt, doch als ich &ndash; zur&uuml;ck in Damaskus &ndash; von dort berichtete, dass die Menschen gegen&uuml;ber dem &bdquo;Arabischen Fr&uuml;hling&ldquo; sehr zur&uuml;ckhaltend waren und auf das verwiesen, was sie &ndash; mit dem jungen Pr&auml;sidenten Assad &ndash; schon an Ver&auml;nderungen erreicht hatten, erhielt ich Absagen selbst zu Reportagen, die schon bestellt waren.<\/p><p>Zun&auml;chst ging das Interesse an meinen Berichten beim &ouml;ffentlich-rechtlichen Rundfunk zur&uuml;ck. Eine Ausnahme war lange noch der <em>BR<\/em>, der meine Reportagen gerne nahm, wie man mir versicherte. Weil sie so anders waren, weil dort Leute direkt zu Wort kamen. Ich traf in Damaskus politische Oppositionelle, mit denen ich Interviews f&uuml;hrte, ihre Veranstaltungen besuchte u.a.m. Je mehr die Konfrontation in Syrien zunahm, desto weniger Berichte wurden mir abgenommen. Zudem erhielt ich Drohmails von angeblichen oder tats&auml;chlichen syrischen Oppositionellen, die auch die Medien mit diffamierenden Leserbriefen gegen mich bombardierten. Dann wurde ich von Journalisten innerhalb des Rundfunks diffamiert, f&uuml;r den ich arbeitete und meine Angebote wurden oft gar nicht mehr beantwortet. Ich wei&szlig; von Kollegen aus anderen L&auml;ndern, denen es &auml;hnlich erging, und ich gehe davon aus, dass dieses Vorgehen eine Kampagne gegen Journalisten war, die aus Syrien gegen den Strom berichteten. Wir haben uns an journalistische Ma&szlig;st&auml;be gehalten: vor Ort recherchieren, verschiedene Quellen abfragen, nicht Partei ergreifen.<\/p><p><strong>Welche Erkl&auml;rung haben Sie daf&uuml;r, dass nun nach den etablierten Medien auch solche, die sich links oder alternativ verorten, Ihre Berichte kaum noch ver&ouml;ffentlichen?<\/strong><\/p><p>Die Redaktionen entwickelten eine eigene Vorstellung von dem, was in Syrien geschah. Sie waren sehr beeinflusst von der Berichterstattung der Agenturen und der &bdquo;Leitmedien&ldquo;, die allerdings nur selten eigene Korrespondenten im Land hatten. Die syrischen Oppositionellen im Ausland und diejenigen, die den bewaffneten Kampf propagierten, r&uuml;ckten in den Mittelpunkt. Diese Gruppen entwickelten ja mit so genannten &bdquo;B&uuml;rgerjournalisten&ldquo; ihre eigenen &bdquo;sozialen Medien&ldquo; und dominierten bald &ndash; mit Hilfe westlicher oder westlich orientierter Medien und Technologie &ndash; die Berichtslage &uuml;ber Syrien. Die linken Medien konzentrierten sich zunehmend auf die kurdisch gef&uuml;hrten Kr&auml;fte im Nordosten des Landes, vermutlich, weil diese ihnen politisch n&auml;herstanden. Es gab und gibt auch in Deutschland eine starke Solidarit&auml;tsbewegung mit der kurdischen Bewegung. Manche Aktivisten schlossen sich den kurdischen bewaffneten Kr&auml;ften an, zahlreiche verloren dabei ihr Leben. In den deutschen und linken Redaktionen verengte sich der Blick auf das gesamte Geschehen in und um Syrien.<\/p><p><strong>Nun hat sich die Redaktion der Tageszeitung &bdquo;nd&ldquo;, fr&uuml;her &bdquo;Neues Deutschland&ldquo;, nach mehr als 20 Jahren Zusammenarbeit von Ihnen getrennt. Was ist da passiert?<\/strong><\/p><p>Ich wei&szlig; es nicht. Man hat mich in die Diskussion und Kritik, die es offenbar in der Redaktion &uuml;ber meine Artikel und Reportagen gab, nicht einbezogen. Ich erhielt ein Schreiben per E-Mail von der Redaktionsleitung, die mir den Beschluss einer Debatte und Abstimmung mitteilten, zu der der Redaktionsrat die Mitarbeiter eingeladen hatte. Ich war nicht eingeladen, niemand hat mich angesprochen. Dem Brief zufolge wurde &uuml;ber meine Texte und auch &uuml;ber meine &Auml;u&szlig;erungen in anderen Medien debattiert, dann schlug der Redaktionsrat vor, dar&uuml;ber abzustimmen, ob die Redaktion noch weiter mit mir zusammenarbeiten wolle. Eine &bdquo;deutliche Mehrheit&ldquo; habe sich, &bdquo;bei einigen Gegenstimmen und Enthaltungen, daf&uuml;r ausgesprochen, die Zusammenarbeit&ldquo; mit mir &bdquo;zu beenden und keine Texte mehr&ldquo; von mir &bdquo;zu ver&ouml;ffentlichen&ldquo;. Es h&ouml;rte sich an wie ein Tribunal gegen eine Angeklagte, die nicht anwesend war. Ich wei&szlig; nicht, wer der Redaktionsrat ist. Das <em>nd<\/em> ist ja seit 2021 eine Genossenschaft, da hat sich einiges strukturell und wohl auch personell ver&auml;ndert.<\/p><p><strong>Gab es einen konkreten Anlass? Was wird Ihnen konkret vorgeworfen?<\/strong><\/p><p>In dem Schreiben wird kein konkreter Anlass genannt. Es hie&szlig;, meine Berichte aus Syrien seien &bdquo;einseitig&ldquo;, ich w&uuml;rde den (politischen) Westen f&uuml;r die schlechte wirtschaftliche Lage verantwortlich machen und &bdquo;Kriegsverbrechen und Interessen&ldquo; Syriens, Russlands und des Iran nicht nennen. Redakteure des <em>nd<\/em> h&auml;tten zudem meine &Auml;u&szlig;erungen in anderen Medien verfolgt, wor&uuml;ber kritisch diskutiert worden sei. Beispielsweise wurde meine Ablehnung des Verbots von <em>RT Deutsch<\/em> kritisiert, weil <em>RT DE<\/em> ein &bdquo;Propagandainstrument der russischen Regierung&ldquo; sei und &bdquo;erheblich mit Fake News&ldquo; arbeite. Wie gesagt, ich wurde nie darauf angesprochen.<\/p><p>Man hat sich auf das Redaktionsstatut berufen, in dem sich die Mitarbeitenden &bdquo;der Verteidigung der Menschenrechte und der Vertretung der Interessen der Marginalisierten sowie dem Kampf gegen Rassismus, Klassismus, Antisemitismus, Sexismus und Faschismus und f&uuml;r den Frieden&ldquo; verpflichten. Davon h&auml;tte ich mich mit vielen meiner &bdquo;Aussagen und Positionen so weit&ldquo; entfernt, dass eine Zusammenarbeit nicht mehr m&ouml;glich sei.<\/p><p>Mir war nicht bekannt, dass meine sonstige Arbeit bei Vortr&auml;gen, Interviews oder f&uuml;r andere Medien von <em>nd<\/em>-Redakteuren verfolgt wurden und ich konnte mich zu keinem der im Brief genannten Punkte &auml;u&szlig;ern, eine kafkaeske Situation. Offenbar war eine Diskussion mit mir auch nicht gew&uuml;nscht.<\/p><p><strong>Die &bdquo;nd&ldquo;-Redaktionsleitung hat Ihnen unter anderem &bdquo;Einseitigkeit&ldquo; beim Thema Syrien, aber auch beim Ukraine-Konflikt vorgeworfen. Sie w&uuml;rden die Schuld f&uuml;r die dortigen Konflikte und Kriege nur dem Westen zuweisen &hellip;<\/strong><\/p><p>Dazu k&ouml;nnte ich nur etwas sagen, wenn das <em>nd<\/em> mir einen konkreten Text vorgehalten h&auml;tte. Nehmen wir die einseitigen wirtschaftlichen Strafma&szlig;nahmen der EU und von den USA. Sie versto&szlig;en gegen das V&ouml;lkerrecht und es gibt zahlreiche Abstimmungen der UN-Vollversammlung, solche Ma&szlig;nahmen zu stoppen. Die US-Armee h&auml;lt wichtige Teile Syriens besetzt, u.a. die Gebiete, wo wichtige Ressourcen des Landes wie &Ouml;l, Weizen, Baumwolle sind. Eine US-Milit&auml;rbasis wurde illegal in unmittelbarer N&auml;he eines wichtigen Grenz&uuml;bergangs zwischen Irak, Jordanien, Syrien gebaut, die den Grenz&uuml;bergang blockiert. Auch andere syrisch-irakische Grenz&uuml;berg&auml;nge werden blockiert von den USA oder den kurdisch gef&uuml;hrten Syrischen Demokratischen Kr&auml;ften (SDK). Das alles sind Tatsachen und es sind nur einige der vielen Verletzungen des internationalen Rechts, die von den USA und ihren Verb&uuml;ndeten in Syrien ver&uuml;bt werden. Dabei geben sie an, dort den IS zu bek&auml;mpfen.<\/p><p>Soll man das nicht berichten? Keine dieser illegalen Ma&szlig;nahmen hilft den Menschen in Syrien, die vielleicht politisch verfolgt oder gefangen gehalten werden. Im Gegenteil, es verschlimmert die Lage der Bev&ouml;lkerung, dar&uuml;ber gibt es Berichte der UN-Sonderberichterstatterin Alena Douhan. Und schon ihr Vorg&auml;nger Idriss Jazaery hat dar&uuml;ber berichtet, sogar in Berlin auf Einladung von IPPNW. Kaum ein deutsches Medium in Berlin war an dem, was er zu sagen hatte, damals interessiert.<\/p><p>Als deutsche Korrespondentin in einem Kriegs- und Krisengebiet geh&ouml;rt es dazu, die Politik der deutschen Regierung in diesem Konflikt abzubilden und dem internationalen Recht gegen&uuml;berzustellen. Da gibt es erhebliche Diskrepanzen. Die &Ouml;ffentlichkeit dar&uuml;ber zu informieren, ist journalistische Arbeit.<\/p><p><strong>Zum Konkreten: Was ist dran an den Erkl&auml;rungen aus dem &bdquo;nd&ldquo;, dass zum Beispiel in Syrien die dortige F&uuml;hrung mit ihren russischen und iranischen Unterst&uuml;tzern f&uuml;r die Eskalation verantwortlich ist?<\/strong><\/p><p>Ich kann das nicht best&auml;tigen. Beide L&auml;nder haben den syrischen Staat gegen bewaffnete Gruppen unterst&uuml;tzt, weil Syrien um Unterst&uuml;tzung gebeten hatte. Es gab mehr als 50 Fronten in Syrien damals, die syrische Armee war v&ouml;llig &uuml;berfordert. Die Entwicklung und Geschichte des Syrien-Krieges macht das deutlich, es ist nachzulesen. Damit muss man sich &ndash; gerade im Journalismus &ndash; befassen, bevor man etwas berichtet.<\/p><p>Nochmal zur Erinnerung: Es gab einen internen Konflikt, der durch Einmischung von Saudi-Arabien, Katar, der T&uuml;rkei und den USA mit massiven Waffenlieferungen zu einem regionalen und internationalen Konflikt gegen die syrische Regierung wurde. Waffen wurden aus Libyen &uuml;ber das Mittelmeer in die T&uuml;rkei und von dort nach Syrien geschmuggelt. Aus Katar und Saudi-Arabien und Kroatien wurden Waffen nach Jordanien und in die T&uuml;rkei geflogen, und von dort nach Syrien geschmuggelt. In der T&uuml;rkei und in Jordanien entstanden milit&auml;rische Operationszentren von Milit&auml;rs und Geheimdiensten arabischer Staaten, der USA, T&uuml;rkei und von NATO-L&auml;ndern, die die bewaffneten Gruppen in Syrien f&uuml;hrten. Auch Israel war beteiligt.<\/p><p>Alles ist nachzulesen in Recherchen englischsprachiger Medien <a href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/2012\/06\/21\/world\/middleeast\/cia-said-to-aid-in-steering-arms-to-syrian-rebels.html\">wie der <em>New York Times<\/em><\/a>, auch in meinem Buch <em>Fl&auml;chenbrand<\/em> ist vieles dar&uuml;ber zu lesen. Internationale Medien, vor allem <em>Al Jazeera<\/em>, spielten &ndash; mit einer kampagnenartigen Darstellung &ndash; eine wesentliche Rolle in der Eskalation. Und zwar so sehr, dass Journalisten den Sender aus Protest verlie&szlig;en.<\/p><p>Wie gesagt, Russland und Iran haben auf Bitten der syrischen Regierung in den eskalierenden Krieg gegen das Land eingegriffen. Iran und die libanesische Hisbollah fr&uuml;her, Russland im September 2015. Die USA hatten schon im September 2014 mit dem Abschuss von Marschflugk&ouml;rpern aus dem Persischen Golf die syrischen &Ouml;lfelder zerst&ouml;rt, nachdem diese von der &bdquo;Freien Syrischen Armee&ldquo;, der Nusra Front und Al Qaida im Irak besetzt worden waren. Die USA und das &bdquo;Anti-IS-B&uuml;ndnis&ldquo; haben in Syrien operiert, obwohl sie nie von Syrien darum gebeten worden waren und f&uuml;r ihr Handeln auch kein Mandat des UN-Sicherheitsrates vorweisen k&ouml;nnen. Das ist nach dem internationalen Recht nicht zul&auml;ssig, sondern Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines souver&auml;nen Staates. Russland hat den USA immer wieder Angebote zur Kooperation im Kampf gegen den &bdquo;Islamischen Staat&ldquo; gemacht, die USA haben das abgelehnt. Alles was es gab, war eine russisch-US-amerikanische Vereinbarung, sich gegenseitig &uuml;ber Luftangriffe in Syrien zu informieren, um sich nicht gegenseitig abzuschie&szlig;en.<\/p><p>Der Krieg in Syrien war nie ein B&uuml;rgerkrieg, sondern es war ein internationaler Krieg gegen und um Syrien. Es gab einen internen Konflikt, der intern h&auml;tte gel&ouml;st werden m&uuml;ssen, und er h&auml;tte gel&ouml;st werden k&ouml;nnen. Da der aber von au&szlig;en im wahrsten Sinne des Wortes befeuert wurde, wurden Gesellschaft und das Land mit allen seinen Errungenschaften zerst&ouml;rt.<\/p><p><strong>Gibt es da einen grundlegenden Konflikt zwischen Redaktionen in einer westeurop&auml;ischen Hauptstadt und Auslandskorrespondenten in entfernten Konfliktgebieten und L&auml;ndern, wenn es um die Einsch&auml;tzungen der Vorg&auml;nge geht?<\/strong><\/p><p>Ja. Nach mehr als 20 Jahren Arbeit in der Region des Nahen und Mittleren Ostens &ndash; aktuell k&ouml;nnen wir das in der Konfrontation Israel-Hamas sehen &ndash; kann ich diese Frage nur ganz klar mit Ja beantworten. Alle Konflikte haben eine Vorgeschichte, alle Krisen haben, bevor es zum Krieg kommt, Ursachen und es gibt L&ouml;sungen und Vorschl&auml;ge, die berichtet werden k&ouml;nnen und m&uuml;ssen.<\/p><p>Woran liegt es, dass sich die Koordinaten in den Redaktionen verschoben haben? Ein Grund ist sicherlich der &bdquo;Krieg gegen den Terror&ldquo; seit 2001, der Gesellschaft, Politik, Wirtschaft, Kultur und Medien durchdrungen hat. In der Au&szlig;enpolitik geht es um Geopolitik und um Interessen. Menschen, Gesellschaften, V&ouml;lker werden dem untergeordnet. &Uuml;ber Fl&uuml;chtlinge zu berichten, bedeutet, &uuml;ber die Zerst&ouml;rung der Lebensgrundlagen dieser Menschen in ihrer Heimat zu berichten.<\/p><p>Medien in den westeurop&auml;ischen Hauptst&auml;dten suchen heute &bdquo;einen Platz am Tisch mit der politischen Macht&ldquo;, wie es der Journalist Patrick Lawrence in seinem Buch &bdquo;Journalists and their shadows&ldquo; beschreibt. Auslandskorrespondenten in L&auml;ndern, die auf der &bdquo;Achse des B&ouml;sen&ldquo; liegen und Hauptschauplatz des &bdquo;Krieges gegen den Terror&ldquo; sind, sind unbequem, um nicht vielleicht sogar zu sagen, sie sind im Weg.<\/p><p>Ein Bericht aus Syrien &ndash; oder einem anderen Land &ndash; ist nat&uuml;rlich anders als der Blick aus deutschen oder anderen ausl&auml;ndischen Redaktionen auf Syrien. Dieses Problem haben viele ernsthaften Korrespondenten, die sich, wie ich, der klassischen journalistischen Korrespondenz verpflichtet haben. Das hei&szlig;t, zwischen Reportage, Interview, Bericht, Meinung, Analyse, Feature zu trennen. Unter dem Motto &bdquo;Leben hinter den Schlagzeilen&ldquo; versuche ich den Menschen eine Stimme zu geben, jenseits von politischer &bdquo;Einordnung&ldquo;, wie sie immer mehr von Redaktionen gefordert wird. Ich frage meine Gespr&auml;chspartner nicht: &bdquo;Wollen Sie den Sturz des Regimes&ldquo;, wie eine <em>Al-Jazeera<\/em>-Journalistin im M&auml;rz 2011 einen alten Mann in Deraaa fragte. Ich frage nach den Lebensumst&auml;nden, welche Klagen es gibt. Ich schreibe f&uuml;r die Leserschaft und nicht, um den Redaktionen zu gefallen.<\/p><p><strong>Die &bdquo;nd&ldquo;-Redaktion hat Ihnen auch vorgeworfen, sich in anderen Medien &bdquo;politisch positioniert&ldquo; zu haben, und zwar so, wie es den Positionen der Zeitung laut Redaktionsstatut widerspr&auml;che. Das reicht von der Verteidigung der Menschenrechte &uuml;ber den Kampf gegen alle m&ouml;glichen Ismen wie Rassismus und Klassismus samt Antisemitismus bis hin zum Frieden. Wie haben Sie dagegen versto&szlig;en?<\/strong><\/p><p>Dass <em>nd<\/em> &ndash; Mitarbeiter und Redaktionsleitung &ndash; das mitgemacht haben, zeigt, dass sie komplett den Kompass verloren haben. Jede Person hat das Recht, seine\/ihre politische Meinung zu sagen. Das gilt auch f&uuml;r mich als Journalistin. Eine Redaktion lebt &uuml;brigens davon, unterschiedliche Meinungen der Redakteure zu h&ouml;ren und sich auszutauschen. Das sch&auml;rft die Berichterstattung. Die Passage im Redaktionsstatut als Begr&uuml;ndung f&uuml;r die Beendigung der Zusammenarbeit mit mir heranzuziehen, ist reine Diffamierung. Weil indirekt unterstellt wird, ich w&uuml;rde die Menschenrechte missachten, sei rassistisch und anti-semitisch und sei f&uuml;r Krieg, nicht f&uuml;r Frieden.<\/p><p><strong>Das &bdquo;nd&ldquo; wirbt derzeit f&uuml;r sich mit hehren Anspr&uuml;chen wie &bdquo;Demokratie lebt von Streit&ldquo; und der Aufforderung: &bdquo;Mischt mit, bringt Euch ein.&ldquo; Das Blatt leistet angeblich einen &bdquo;wichtigen Beitrag zum Erhalt von Pluralit&auml;t an Themen und Perspektiven in Gesellschaft und Politik&ldquo; und bezeichnet sich als &bdquo;vielstimmig, nervig und immer ein erfrischendes &Auml;rgernis&ldquo;. Was Ihnen da gerade passiert ist, widerspricht dem ganz offensichtlich. Wie sehen Sie das?<\/strong><\/p><p>Ich dachte ja erst, es sei ein Fake-Schreiben. Eine E-Mail ohne Briefkopf, ohne pers&ouml;nliche Unterschriften h&auml;tte von &uuml;berall her kommen k&ouml;nnen. Und sicherlich w&uuml;rde so mancher viel daf&uuml;r geben, eine mehr als 20-j&auml;hrige, auf gewissem Vertrauen gebaute Arbeitsbeziehung mit so einem Fake-Schreiben aus den Angeln zu heben. Aber ich habe im Sekretariat der Redaktionsleitung angerufen und mir wurde best&auml;tigt, dass es echt ist.<\/p><p>Der ganze Vorgang spricht der Eigenwerbung des <em>nd<\/em> Hohn, weil es ein g&auml;nzlich undemokratisches Vorgehen beschreibt. In einer Art &bdquo;Cancel Culture&ldquo;, wie man sie bei Facebook, WhatsApp oder X vormals Twitter findet, wurden meine Arbeit und meine Person diffamiert. Ich erhielt ein finales Schreibverbot im <em>nd<\/em> und das hat nichts mit Pluralit&auml;t zu tun, geschweige denn mit dem journalistischen Auftrag von Aufkl&auml;rung.<\/p><p><strong>Stehen alternative und linke Medien so unter Druck, dass sie sich doch an die Vorgaben des Mainstreams anpassen? Das scheint bei den Vorw&uuml;rfen gegen Sie zu den Themen Syrien und Ukraine der Fall zu sein. Warum geschieht das anscheinend?<\/strong><\/p><p>Ich w&uuml;rde mich nicht wundern, wenn politischer Druck auf die Redaktion ausge&uuml;bt wurde. Von Genossenschaftlern oder anderen Geldgebern, politisch, von wem auch immer. Aber als Freiberuflerin bin ich ja au&szlig;erhalb einer Redaktion und erfahre nichts oder kaum etwas &uuml;ber innere Vorg&auml;nge.<\/p><p><strong>Ich habe der &bdquo;nd&ldquo;-Redaktion Fragen zu dem Vorgang gestellt. Die blieben bis zum gegenw&auml;rtigen Zeitpunkt ohne Antwort. Haben Sie Antworten auf Ihr Schreiben an die Kollegen bekommen? Verweigert die Redaktion dieser Zeitung die notwendige Debatte?<\/strong><\/p><p>Keiner aus der Redaktion hat auf mein Antwortschreiben geantwortet. Entweder gibt es im <em>nd<\/em> ein Klima der Angst oder die Leute, die dort arbeiten, haben sich von dem urspr&uuml;nglichen Selbstverst&auml;ndnis des Journalismus komplett entfremdet. Von Kollegialit&auml;t oder Solidarit&auml;t ganz zu schweigen.<\/p><p><strong>Welche Folgen hat diese Trennung des &bdquo;nd&ldquo; von Ihnen als langj&auml;hriger Korrespondentin f&uuml;r Sie selbst, f&uuml;r Ihre Arbeit?<\/strong><\/p><p>Es fehlt nat&uuml;rlich Einkommen. Meine Akkreditierung in Syrien war 2010 f&uuml;r das <em>Neue Deutschland<\/em> erteilt worden. Ich hoffe, ein anderes Medium wird &uuml;bernehmen. Auch k&ouml;nnen viele Leser und Leserinnen, die meine Reportagen und Berichte seit vielen Jahren verfolgten, gut fanden und das sowohl der Zeitung als auch mir pers&ouml;nlich schrieben, das nicht mehr lesen. Und sie wissen nicht, warum. Pers&ouml;nlich ist so eine Art von Trennung nach mehr als 20 Jahren Zusammenarbeit ein Schlag ins Gesicht. Ich erinnere mich da lieber an den fr&uuml;heren, langj&auml;hrigen Chefredakteur des <em>Neuen Deutschland<\/em>, J&uuml;rgen Reents. Mit ihm gab es immer Diskussionen, die oft nicht einfach waren. Er interessierte sich auch f&uuml;r die Umst&auml;nde, unter denen ich arbeitete. Er war der Einzige, der mich angerufen hat, um zu fragen, wie es mir geht und ob ich Hilfe br&auml;uchte. In Kairo 2011, in Damaskus 2012.<\/p><p><small>Titelbild: Screenshot Weltnetz.tv via YouTube<\/small><\/p><p><em>Anmerkung der Redaktion: Die NachDenkSeiten werden Karin Leukefeld bei der Akkreditierung helfen und sie als gute, langj&auml;hrige freie Mitarbeiterin enger als Korrespondentin f&uuml;r die Nahost-Region einbinden.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Zeitung <em>nd<\/em> &ndash; ehemals <em>Neues Deutschland<\/em> &ndash; hat der langj&auml;hrigen Nahost-Korrespondentin Karin Leukefeld die Zusammenarbeit aufgek&uuml;ndigt. Der Vorgang erinnert angesichts der Begr&uuml;ndungen nicht nur an das derzeitige Ph&auml;nomen der &bdquo;Cancel Culture&ldquo;, sondern auch an den Stalinismus, von dem sich das <em>nd<\/em> noch als <em>Neues Deutschland<\/em> nach dem Untergang von DDR und SED distanziert und<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=105551\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":105552,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,126,209,182,183],"tags":[3041,2175,1471,1955,1163,973,1553],"class_list":["post-105551","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-erosion-der-demokratie","category-interviews","category-medienkonzentration-vermachtung-der-medien","category-medienkritik","tag-cancel-culture","tag-interventionspolitik","tag-investigativer-journalismus","tag-leukefeld-karin","tag-meinungspluralismus","tag-neues-deutschland","tag-syrien"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/231020_titel.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/105551","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=105551"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/105551\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":105588,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/105551\/revisions\/105588"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/105552"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=105551"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=105551"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=105551"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}