{"id":10579,"date":"2011-09-01T09:37:51","date_gmt":"2011-09-01T07:37:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=10579"},"modified":"2014-09-09T15:19:06","modified_gmt":"2014-09-09T13:19:06","slug":"medienkritik-penner-vertreibung-mit-gutem-gewissen-oder-wie-der-dr-dr-erlinger-einem-munchner-fitness-spieser-auf-die-sprunge-hilft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=10579","title":{"rendered":"Medienkritik: Penner-Vertreibung mit gutem Gewissen oder wie der Dr. Dr. Erlinger einem M\u00fcnchner Fitness-Spie\u00dfer auf die Spr\u00fcnge hilft"},"content":{"rendered":"<p>Im &bdquo;S&uuml;ddeutsche Zeitung Magazin&ldquo; Nummer 34 vom 26. August 2011 bekennt Meike Winnemuth, dass sie <a href=\"http:\/\/sz-magazin.sueddeutsche.de\/texte\/anzeigen\/36148\">die neueste Hut-Mode der Damen der &bdquo;gehobenen Gesellschaft&ldquo; Englands nicht versteht<\/a>. Solche Probleme &ndash; H&uuml;te, die an Satellitensch&uuml;sseln oder Klobrillen erinnern &ndash; hat oder h&auml;tte man gern. Es folgt eine Tiroler Tourismuswerbung mit einem Foto vom steinernen &bdquo;Herz[en] der Alpen&ldquo; und dann l&auml;sst uns, so bestens vorbereitet und eingestimmt, der <a href=\"http:\/\/sz-magazin.sueddeutsche.de\/texte\/anzeigen\/36161\">Dr. Dr. Erlinger<\/a> an der &bdquo;Gewissensfrage&ldquo; eines &bdquo;Hendrik A., M&uuml;nchen&ldquo; teilhaben und nat&uuml;rlich auch daran, wie er diesem &bdquo;Hendrik A.&ldquo; auch noch das letzte F&uuml;nkchen Gewissen, das er aufbringt, erstickt. Von Hans Otto R&ouml;&szlig;er<br>\n<!--more--><br>\nHier zun&auml;chst die Frage und die Karikatur, die sie von der Antwort trennt:<\/p><blockquote><p>Dr. Dr. Erlinger<br>\n&raquo;Ich habe ein Problem mit meinem liebsten Trimm-dich-Pfad: In einer der &ouml;ffentlich zug&auml;nglichen und &uuml;berdachten Trainingsstationen hat sich ein Obdachloser einquartiert. Er wohnt dort, wo ich fr&uuml;her meine Bauchmuskulatur trainiert habe, und behindert dadurch das Training vieler Freizeitsportler. Eigentlich hat er da nichts zu suchen, aber es kommt mir unmenschlich vor, ihn fortzujagen. Er braucht eine Wohnung, ich brauche meinen Sport. Was tun?&laquo; Hendrik A., M&uuml;nchen<\/p><\/blockquote><p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/sz-magazin.sueddeutsche.de\/upl\/images\/user\/8059\/36526.jpg\" alt=\"Die Gewissensfrage: Ist es unmenschlich, einen Obdachlosen von einem Trimm-dich-Pfad zu vertreiben, wenn er dort das Training behindert?\" title=\"Die Gewissensfrage: Ist es unmenschlich, einen Obdachlosen von einem Trimm-dich-Pfad zu vertreiben, wenn er dort das Training behindert?\"><\/p><p>Vorab und jenseits des Gewissens irritiert die ethnologische Information, dass es um M&uuml;nchen nicht nur immer noch &bdquo;Trimm-dich-Pfade&ldquo; und Menschen gibt, die sie benutzen, sondern sogar Menschen (oder mindestens einen), die &uuml;ber diese abgelebten Kreationen unbehaglicher Leibeskultur Favoritenlisten f&uuml;hren.<\/p><p>Die Frage gibt einen Hinweis darauf, wie sehr es den Fragesteller verlangt, seinem inneren Schweinehund Freilauf zu gew&auml;hren: Es &bdquo;kommt&ldquo; ihm &bdquo;unmenschlich vor&ldquo;, den Obdachlosen &bdquo;fortzujagen&ldquo;, aber, so lesen wir mit, vielleicht kommt ihm das ja nur aus einer unaufgekl&auml;rten Sentimentalit&auml;t oder &bdquo;Gef&uuml;hlsduselei&ldquo;, um es gut deutsch zu formulieren, so vor, vielleicht und hoffentlich verh&auml;lt es sich in Wirklichkeit, in der Wirklichkeit der aufgekl&auml;rten Moral, ja ganz anders? Schein oder Sein? Diesem Wissensdrang und Gewissenszwang gew&auml;hrt bereits der erste Satz der Erlingerschen Antwort Erleichterung. &bdquo;Einen Obdachlosen von einem Platz zu vertreiben, der ihm sprichw&ouml;rtlich ein Dach &uuml;ber dem Kopf bietet, erscheint tats&auml;chlich inhuman.&ldquo; Gemeint ist, um es pr&auml;ziser zu formulieren: Es scheint inhuman zu sein, ist es aber in der Welt der Erlingerschen Moral &sbquo;nicht wirklich&rsquo;.<\/p><p>Diese Pointe schwingt hier zun&auml;chst nur mit, wird angedeutet. Denn Dr. Dr. Erlinger scheint sogar in die Kritik und Klage einzustimmen, dass &bdquo;Menschen wie ihm&ldquo;, dem Obdachlosen in der &uuml;berdachten Trainingsstation, &bdquo;in unserer Gesellschaft immer weniger Raum gelassen wird: In immer mehr Bereichen der St&auml;dte, etwa in Shoppingcentern, aber auch Bahnh&ouml;fen, werden Verhaltensweisen wie das Sitzen auf Freifl&auml;chen verboten und so bestimmte Gruppen der Gesellschaft ausgeschlossen.&ldquo; Dies werde &bdquo;kritisch&ldquo; unter dem Stichwort &bdquo;Privatisierung des &ouml;ffentlichen Raums&ldquo; &bdquo;diskutiert&ldquo;.<\/p><p>Jetzt ahnt man bereits, was kommen wird. &bdquo;An der Stelle stutzt man.&ldquo; L&auml;sst sich der kritische Gedanke nicht auch gegen den Obdachlosen in Stellung bringen? Tats&auml;chlich, er nimmt doch auch &bdquo;einen Teil des der Allgemeinheit dienenden Trimm-dich-Pfades in Beschlag&ldquo;, &bdquo;besetzt&ldquo; ihn und betreibt damit &bdquo;Privatisierung eines &ouml;ffentlichen Raums&ldquo;, und dies &bdquo;mit umgekehrten Vorzeichen&ldquo;.<\/p><p>Peter Sloterdijk hat vor zwei Jahren vorgemacht, wie diese Umkehrung funktioniert: Einf&uuml;hlend interpretiert er zun&auml;chst Rousseaus Erkl&auml;rung der Entstehung von Ungleichheit durch Landnahme: &bdquo;Wer hierbei zu sp&auml;t kommt, den bestraft das Leben. Arm bleibt, wer auf der falschen Seite des Zauns existiert. Den Armen erscheint die Welt als ein Ort, an dem die nehmende Hand der anderen sich schon alles angeeignet hat, bevor sie selber den Schauplatz betraten.&ldquo; Das sei ein Mythos, ein Verdacht, der zur Respektlosigkeit vor dem Eigentum f&uuml;hre, in deren Folge es etwa durch die progressive Besteuerung von Reichen als &bdquo;funktionales &Auml;quivalent zur sozialistischen Enteignung&ldquo; zu einer &bdquo;Ausbeutungsumkehrung&ldquo; komme: &bdquo;Lebten im &ouml;konomischen Altertum die Reichen unmissverst&auml;ndlich und unmittelbar auf Kosten der Armen, so kann es in der &ouml;konomischen Moderne dahin kommen, dass die Unproduktiven mittelbar auf Kosten der Produktiven leben.&ldquo; (FAZ vom 13.06.2009)<\/p><p>Dr. Dr. Erlingers Umkehrung der &bdquo;Vorzeichen&ldquo; geht so: Da der obdachlose Besetzer der Trimm-dich-Station &bdquo;die Sportler&ldquo; von der Benutzung dieser Anlage ausschlie&szlig;e, sei derjenige, dessen Ausschluss aus &bdquo;immer mehr&ldquo; gesellschaftlichen Bereichen eben noch &ndash; scheinbar &ndash; kritisiert wurde, zum eigentlichen Betreiber der Exklusion geworden. Der Exkludierte ist in Wirklichkeit der Exkludierer, der Unsportliche lebt auf Kosten der Sportlichen.<\/p><p>Tats&auml;chlich l&auml;sst sich die Vertreibungsrechtfertigung, die der Dr. Dr. Erlinger seinem M&uuml;nchner Fitness-Spie&szlig;er ausgestellt hat, auf jede beliebige andere Situation &uuml;bertragen. Wenn ein Obdachloser auf einer Parkbank n&auml;chtigt, darf er davon nunmehr guten Gewissens mit dem Hinweis vertrieben werden, dass er damit &bdquo;andere dauerhaft von der Benutzung &ouml;ffentlicher Einrichtungen&ldquo; ausschlie&szlig;e. Es ist eben dem Reichen und dem Armen verboten, l&auml;nger als sagen wir eine Stunde auf einer Parkbank zu sitzen &ndash; l&auml;nger sitzen oder gar liegen w&auml;re eben schon Exklusion. &bdquo;Sozial Benachteiligte, wie etwa Obdachlose&ldquo;, heuchelt der Dr. Dr. Erlinger, &bdquo;haben es schwer, deshalb sollte man ihnen auch Raum lassen.&ldquo; Wo sollte der sein, wenn jedes Sich-Niederlassen schon f&uuml;r Exklusion gilt? Im Polizeigewahrsam? Da t&auml;ten wir dem Gewissensbereiniger Unrecht. &bdquo;Die Polizei zu rufen schiene&ldquo; ihm &bdquo;tats&auml;chlich hart.&ldquo; Also erstmal Gespr&auml;che f&uuml;hren und wenn diese &bdquo;nicht fruchten&ldquo;, halte er &bdquo;zumindest (!) einen Anruf bei dem f&uuml;r den Trimm-dich-Pfad zust&auml;ndigen Amt f&uuml;r sinnvoll&ldquo;.<\/p><p>Abschlie&szlig;end noch einen Hinweis auf zwei Leerstellen in Dr. Dr. Erlingers asozialer D&uuml;nnbrettbohrerei:<\/p><p>Der Frager hat ein Abw&auml;gungsproblem: &bdquo;Er [der Obdachlose] braucht eine Wohnung, ich brauche meinen Sport.&ldquo; Hier h&auml;tte Herr Erlinger nicht nur das unterschiedliche Gewicht von Bed&uuml;rfnissen, sondern auch unterschiedliche Handlungsm&ouml;glichkeiten abw&auml;gen m&uuml;ssen. Dazu kein Wort. Um mit der L&ouml;sung des moralischen Problems &ndash; Ordnungsamt &ndash; kompatibel zu bleiben, h&auml;tte sich diese Abw&auml;gung, wohlwollend formuliert, auf Stufe 1 der moralischen Urteilsbildung nach Kohlberg bewegen m&uuml;ssen.<\/p><p>Der Frager behauptet, der Obdachlose behindere allein durch seine Anwesenheit &bdquo;das Training vieler Freizeitzeitsportler&ldquo;. Da h&auml;tte man gern Genaueres erfahren, aber Dr. Dr. Erlinger erspart seinem Kunden jede Nachfrage. Die Karikatur f&uuml;llt diese L&uuml;cke. Sie ist so gnadenlos dumm, dass man sie weniger als Verh&ouml;hnung des Obdachlosen, sondern als kritischen Kommentar zu Frage und Antwort lesen sollte.<\/p><p>Was tun? war einmal eine Frage, die ein Jahrhundert er&ouml;ffnet hat. Die Antwort damals hie&szlig; Solidarit&auml;t. Heute sollen wir uns ans Ordnungsamt halten. Das nennt man Fallh&ouml;he.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im &bdquo;S&uuml;ddeutsche Zeitung Magazin&ldquo; Nummer 34 vom 26. 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Es folgt eine Tiroler Tourismuswerbung mit einem Foto vom steinernen &bdquo;Herz[en] der<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=10579\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[183,132,161],"tags":[1183,1141,417,389,460],"class_list":["post-10579","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-medienkritik","category-ungleichheit-armut-reichtum","category-wertedebatte","tag-exklusion","tag-obdachlosigkeit","tag-sloterdijk-peter","tag-sozialrassismus","tag-sz"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10579","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=10579"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10579\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":10581,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10579\/revisions\/10581"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=10579"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=10579"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=10579"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}