{"id":1058,"date":"2006-02-26T15:26:58","date_gmt":"2006-02-26T13:26:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=1058"},"modified":"2016-02-17T11:22:33","modified_gmt":"2016-02-17T10:22:33","slug":"100-tage-grose-koalition-immer-nur-lacheln-lacheln-trotz-weh-und-tausend-schmerzen-doch-wies-da-drin-aussieht-geht-niemand-was-an","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1058","title":{"rendered":"100 Tage Gro\u00dfe Koalition: \u201eImmer nur l\u00e4cheln, l\u00e4cheln trotz Weh und tausend Schmerzen, doch wie\u00b4s da drin aussieht, geht niemand was an.\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Auf diesen Refrain eines Evergreens aus Franz Leh&aacute;rs Operette &bdquo;Das Land des L&auml;chelns&ldquo; spielt diese Woche die Titelgeschichte des SPIEGELs an. In ganz Deutschland scheint diese seit langem aus der Mode gekommene Operette auf allen Spielpl&auml;nen zu stehen: Bei Konjunkturforschern, bei Ministern, bei H&auml;ndlern, bei Konsumenten, bei Managern, bei B&ouml;rsianern, bei Arbeitsvermittlerinnen, sogar bei Ex-Ministern, Talkmastern oder bei Spa&szlig;machern, so fabuliert der SPIEGEL in gewohnter Oberfl&auml;chlichkeit. Die Operette gilt als eine leicht bek&ouml;mmliche Musikgattung, die vor allem der Unterhaltung und der Ablenkung von den Sorgen des Alltags dienen soll. Doch wie&acute;s da drin aussieht, geht eben niemand was an!<br>\n<!--more--><br>\nEs stimmt: Die &uuml;blichen Miesmacher halten sich zur&uuml;ck, sie sp&uuml;rten allm&auml;hlich den &ldquo;Verdruss am Verdruss&rdquo; (Regierungssprecher Thomas Steg). Die Wirtschaftslobby braucht die Parteien nicht mehr gegeneinander aufzuhetzen, sie vernetzt sich direkt mit der Regierung oder ihren ehemaligen Repr&auml;sentanten. Eine kritische Opposition kommt mangels Masse und haupts&auml;chlich mit sich selbst besch&auml;ftigten Oppositionsparteien nicht mehr vor. Die Gro&szlig;e Koalition &uuml;berzieht ihre knallharten Basta-Entscheidungen &ndash; wie die Rente mit 67 oder K&uuml;rzungen des Arbeitslosengeldes f&uuml;r Junge &ndash; mit der s&uuml;&szlig;en So&szlig;e der Harmonie. Die Kanzlerin schweigt beredt nimmt die leitenden Journalisten zur Hofberichterstattung auf ihre Antrittsbesuche mit, und bekannterma&szlig;en schafft Au&szlig;enpolitik in Deutschland immer die h&ouml;chsten Popularit&auml;tswerte &ndash; die Stimmung ist gut. <\/p><p>Wir haben auf den NachDenkSeiten die Miesmache der Meinungsmacher in diesem Lande immer verurteilt: Weil es ohne Optimismus mit der Wirtschaft nicht aufw&auml;rts gehen kann, weil die Miesmacher unser Land schlechter geredet haben als es da steht, weil die Wirtschaft &Auml;ngste gesch&uuml;rt hat, um ihre Interessen mittels von ihr als alternativlos erkl&auml;rten grundlegenden Struktur- &ldquo;Reformen&rdquo; durchzusetzen. Zwar hat die Wirtschaft bei der Bundestagswahl &uuml;berwiegend auf Schwarz-Gelb gesetzt, doch mit der Gro&szlig;en Koalition l&auml;sst es sich offenbar auch ganz gut leben. Deshalb jetzt die Flucht in die Operette, ins Land des L&auml;chelns, in die Unterhaltung, in die Ablenkung der Menschen von einer stur fortgesetzten und sogar noch beschleunigten &ldquo;Reform&rdquo;-Politik. Dabei lebt die Union komfortabel damit, dass die Sozialdemokraten st&auml;ndig versichern, dass sie die Politik der Gro&szlig;en Koalition bestimmten und mit M&uuml;ntefering und Steinbr&uuml;ck die Noske`schen &ldquo;Bluthunde&rdquo; abgeben. <\/p><p>Eine falsch angelegte und erfolglose Politik, wird aber durch eine gute Stimmungsmache nicht besser und schon gar nicht erfolgreich. Das merkten die Operettendarsteller sp&auml;testens, wenn man sie die Musikpal&auml;ste einmal verlie&szlig;en und sich wieder mit der Realit&auml;t einlassen w&uuml;rden. Joachim Jahnke hat dankenswerter Weise anhand der n&uuml;chternen Wirtschaftsdaten des Statistischen Bundesamtes <a href=\"http:\/\/www.jjahnke.net\/rundbr8.html\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.jjahnke.net\/rundbr8.html\">dargestellt<\/a>, was die &ldquo;Reform&rdquo;-Politik der Gro&szlig;en Koalition in den ersten 100 Tagen zum angeblich Besseren gewendet hat. Die Wirklichkeit ist desillusionierend: <\/p><ul>\n<li>Im letzten Quartal 2005 verzeichnen wir mit 1,8 Millionen die h&ouml;chste je registrierte Zahl an Langzeitarbeitslosen.<\/li>\n<li>Im Januar 2006 mit 1,9 Millionen die h&ouml;chste Zahl an arbeitslosen &auml;lteren Menschen &uuml;ber 50 Jahre.<\/li>\n<li>Im Verh&auml;ltnis zum dritten Quartal ist im vierten Quartal 2005\n<ul>\n<li>der Staatskonsum um 6,3%<\/li>\n<li>die Bruttolohn- und Gehaltssumme um 3,5% gesunken.<\/li>\n<\/ul>\n<\/li>\n<li>Im Verh&auml;ltnis zu 2004 ist zu Ende des Jahres 2005 ist\n<ul>\n<li>die Bruttolohn- und Gehaltssumme um 2,6%,<\/li>\n<li>der Konsum privater Haushalte um 0,7% gesunken.<\/li>\n<\/ul>\n<\/li>\n<\/ul><p>Daf&uuml;r &ndash; oder gerade deshalb &ndash; sind die Sparquote der Verm&ouml;genden und die Unternehmens- und Verm&ouml;genseinkommen weiter um 6,5% gestiegen. <\/p><p>Das Wachstum des Bruttoinlandsprdodukts im letzten Quartal sackte gegen Null, der Inlandsumsatz der gewerblichen Wirtschaft liegt gegen&uuml;ber dem Vorjahr um 1,6% und der Einzelhandelsumsatz im Januar um 2% niedriger. Die Zahl der Besch&auml;ftigten ist weiter im R&uuml;cklauf und die Arbeitslosigkeit stieg entgegen aller Sch&ouml;nrednerei erneut &uuml;ber die 5-Millionen-Marke. <\/p><p>Wie gesagt, wir wollen die Stimmung nicht kaputt reden, wir wollen die Operettenregisseure und das Operettenpublikum aber daran erinnern, dass hinter ihrer guten Stimmung eben noch lange keine bessere Politik steht &ndash; im Gegenteil die harte Wirklichkeit sieht leider ganz anders aus: Im internationalen Vergleich f&auml;llt Deutschland immer weiter zur&uuml;ck. <\/p><p>Wie sehr das &ldquo;Klima&rdquo; von der Wirklichkeit abweicht zeigt ebenfalls Joachim Jahnke http:\/\/www.jjahnke.net\/rundbr9.html in seinen gobal news 246 vom 24.02.06, wo er die Entwicklung des ifo-Gesch&auml;ftsklimaindex mit der Entwicklung des Bruttoinlandsprdodukts vergleicht: Noch nie habe sich der Index so weit von den Realit&auml;ten der statistischen Daten nach oben gel&ouml;st. <\/p><p>Die BILD-Zeitung berichtet am 24.2.06 wie die Erfolgsautorin Hera Lind und andere Promis ihre Millionen, um sie an der Steuer vorbei zu schleusen, mit steuermindernden Anlagen in Ost-Immobilien verzockten. Im hinteren Teil der gleichen Ausgabe berichtet das gleiche Blatt gest&uuml;tzt auf eine Verbraucherumfrage unter 31.000 Deutschen unter 14 Jahren, dass 11,17 Millionen oder 17,2% der Deutschen keinen einzigen Cent frei verf&uuml;gbares Einkommen haben, weitere 6,58 Millionen unter 50 Euro, weitere 10,42 Millionen bis zu 100 Euro und 8,58 Millionen gerade einmal bis zu 150 Euro finanziellen Spielraum im Monat haben. Das hei&szlig;t weit mehr als die H&auml;lfte aller Deutschen haben nicht mehr als 150 Euro von ihrem Nettoeinkommen, die sie &uuml;ber den dringenden Lebensbedarf hinaus f&uuml;r Konsumausgaben im Monat zur Verf&uuml;gung haben. (Siehe dazu noch einmal <a href=\"http:\/\/www.jjahnke.net\/rundbr9.html\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.jjahnke.net\/rundbr9.html\">Joachim Jahnke<\/a>) <\/p><p>So sieht das also im Land des L&auml;chelns &ldquo;drin aus&rdquo;. <\/p><p>Gustav Horn, Wissenschaftlicher Direktor des Instituts f&uuml;r Makro&ouml;konomie und Konjunkturforschung (IMK) sagt zu diesen ern&uuml;chternden Zahlen: &ldquo;Das sind erschreckende Zahlen, die belegen, unter welchem massiven Druck die Einkommen und L&ouml;hne stehen. Wir stecken in der tiefsten Konsumkrise der Nachkriegsgeschichte. Wo soll der Konsum herkommen, wenn die Leute immer weniger im Geldbeutel haben?&rdquo; <\/p><p>Diese Frage sollten sich unsere Operettendarsteller stellen. Aber da w&uuml;rde ihnen ja nur das L&auml;cheln vergehen. <\/p><p>Dazu auch Wolfgang Storz in der <a href=\"http:\/\/www.f-r.de\/_inc\/_globals\/print.php?client=fr&amp;cnt=814862&amp;ref=\/ressorts\/nachrichten_und_politik\/die_seite_3\/\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.f-r.de\/_inc\/_globals\/print.php?client=fr&amp;cnt=814862&amp;ref=\/ressorts\/nachrichten_und_politik\/die_seite_3\/\">FR<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf diesen Refrain eines Evergreens aus Franz Leh&aacute;rs Operette &bdquo;Das Land des L&auml;chelns&ldquo; spielt diese Woche die Titelgeschichte des SPIEGELs an. 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