{"id":105854,"date":"2023-10-27T11:00:42","date_gmt":"2023-10-27T09:00:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=105854"},"modified":"2023-10-27T16:17:14","modified_gmt":"2023-10-27T14:17:14","slug":"europa-spielt-keine-rolle-mehr-ungarischer-politologe-ueber-waldai-klub-2023","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=105854","title":{"rendered":"\u201eEuropa spielt keine Rolle mehr\u201c \u2013 Ungarischer Politologe \u00fcber Waldai-Klub 2023"},"content":{"rendered":"<p>Bei dem j&auml;hrlichen internationalen Waldai-Forum in Sotschi Anfang Oktober haben Vertreter des Westens weitgehend gefehlt. Auch die Themen haben sich ge&auml;ndert: Im Fokus standen nicht mehr die Prozesse in Russland, sondern in der Welt. <strong>G&aacute;bor Stier<\/strong>, langj&auml;hriger Auslandsjournalist aus Ungarn, war bereits zum 14. Mal dabei und fragte Putin nach der Bedeutung Europas f&uuml;r sein Land. Im Interview erz&auml;hlt der Politologe auch davon, warum Viktor Orb&aacute;n nicht bestraft werden sollte. Das Interview mit G&aacute;bor Stier f&uuml;hrte <strong>&Eacute;va P&eacute;li<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_7796\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-105854-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/231027_Europa_spielt_keine_Rolle_mehr_Ungarischer_Politologe_ueber_Waldai_Klub_2023_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/231027_Europa_spielt_keine_Rolle_mehr_Ungarischer_Politologe_ueber_Waldai_Klub_2023_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/231027_Europa_spielt_keine_Rolle_mehr_Ungarischer_Politologe_ueber_Waldai_Klub_2023_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/231027_Europa_spielt_keine_Rolle_mehr_Ungarischer_Politologe_ueber_Waldai_Klub_2023_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=105854-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/231027_Europa_spielt_keine_Rolle_mehr_Ungarischer_Politologe_ueber_Waldai_Klub_2023_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"231027_Europa_spielt_keine_Rolle_mehr_Ungarischer_Politologe_ueber_Waldai_Klub_2023_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Vom 2. bis 5. Oktober haben Sie am diesj&auml;hrigen Waldai-Forum, dem 20-j&auml;hrigen Jubil&auml;umstreffen, in Sotschi teilgenommen &ndash; zusammen mit 140 G&auml;sten aus 42 L&auml;ndern. Was war Ihr Eindruck? Wer waren die Teilnehmer?<\/strong><\/p><p>Ich hatte den Eindruck, dass Russlands Selbstbewusstsein im Vergleich zum Moskauer Treffen vor einem Jahr zugenommen hat. Es hat den Schock &uuml;berwunden, gegen seinen Willen in einen h&auml;sslichen Bruderkrieg hineingezogen worden zu sein, und ist viel selbstsicherer geworden. Im Gegensatz zu fr&uuml;her sprechen nun Experten und Politiker offener &uuml;ber die Geschehnisse in der Ukraine und sind der Ansicht, die Zeit arbeite f&uuml;r sie. Obwohl die russische Bev&ouml;lkerung die Notwendigkeit eines Krieges nicht versteht, h&auml;lt sie die Niederlage Russlands f&uuml;r unannehmbar. Russland ist daher entschlossen, seine Ziele zu erreichen, und wird nicht nachgeben. Dies wurde auch in Gespr&auml;chen mit Wladimir Putin und mehreren Mitgliedern der russischen Regierung deutlich, darunter Au&szlig;enminister Sergej Lawrow und Alexander Nowak, einer der stellvertretenden Ministerpr&auml;sidenten mit Zust&auml;ndigkeit f&uuml;r den &bdquo;Kraftstoff- und Energie-Komplex&ldquo;. Russland ist vom Aufstieg des sogenannten Globalen S&uuml;dens und von der Unvermeidbarkeit einer multipolaren Weltordnung &uuml;berzeugt. Es fiel auf, wie sehr der &bdquo;Globale S&uuml;den&ldquo; das Forum in Bezug auf Themen und Teilnehmer dominierte und wie sehr Europa in den Hintergrund gedr&auml;ngt wurde.<\/p><p><strong>Sie nahmen zum 14. Mal an dem Treffen teil. Was hat sich seit Ihrer ersten Teilnahme ver&auml;ndert?<\/strong><\/p><p>Wie die Welt, so ver&auml;ndert sich auch der Waldai-Klub. Seit seiner Gr&uuml;ndung im Jahr 2004 lag der Schwerpunkt auf Russland, man wollte den anderen die Prozesse im Land zeigen und verst&auml;ndlich machen. Es war sozusagen ein offenes Fenster zu Russland, durch das alle hineinschauen konnten. Wir konnten einige Regionen kennenlernen, neben Mitgliedern der Regierung und Pr&auml;sident Putin auch Parteif&uuml;hrer treffen. Oppositionspolitiker wie Boris Nemzow, Ilja Ponomarjow und Wladimir Ryschkow wurden zum Waldai eingeladen. Seit Anfang der 2010er-Jahre fokussiert sich diese Denkfabrik zunehmend auf globale Prozesse und den Wandel der Weltordnung und ist damit ein Spiegel der sich wandelnden Welt mit einem starken russischen Narrativ. Dieser Wandel und die ver&auml;nderte Ausrichtung der russischen Au&szlig;enpolitik spiegeln sich auch in der Bandbreite der ausl&auml;ndischen G&auml;ste wider.<\/p><p>Als ich 2009 zum ersten Mal an der Jahrestagung des Klubs teilnahm, waren abgesehen von einigen chinesischen und einem iranischen Wissenschaftler vor allem Wissenschaftler aus dem westlichen Block anwesend. Viele kamen aus den Vereinigten Staaten, dem Vereinigten K&ouml;nigreich, Westeuropa und einige aus Mitteleuropa. Die Angelsachsen f&uuml;hrten die Liste an. In den vergangenen zehn Jahren kamen dann mehr Chinesen hinzu, und es erschienen die Inder, Afrikaner, Araber und Lateinamerikaner, w&auml;hrend die Angelsachsen v&ouml;llig verschwunden sind und es nur noch eine Handvoll Analysten und Journalisten aus Europa gibt.<\/p><p><strong>Wie haben sich die aktuellen Entwicklungen beim diesj&auml;hrigen Waldai-Forum gezeigt? Was waren die Themen?<\/strong><\/p><p>Im Mittelpunkt standen der Wandel der Weltordnung einschlie&szlig;lich der Situation des &bdquo;Globalen S&uuml;dens&ldquo;, die BRICS als Vorboten der neuen Weltordnung, die wachsende nukleare Bedrohung, der Zustand der Weltwirtschaft sowie die Ern&auml;hrungssicherheit, aber auch die russische Zivilisation und die Prozesse in der russischen Gesellschaft.<\/p><p><strong>Warum ist die Teilnahme f&uuml;r Sie als ungarischer Journalist und politischer Experte wichtig?<\/strong><\/p><p>Als Analyst, der sich mit Russland und dem postsowjetischen Raum besch&auml;ftigt, halte ich es f&uuml;r wichtig zu wissen, wie die russische Elite denkt, wie russische Experten sich selbst und die Welt sehen. Genauso wichtig sind aber auch die Wissenschaftler aus den L&auml;ndern des fr&uuml;her vernachl&auml;ssigten Blocks, der heute als &bdquo;Globaler S&uuml;den&ldquo; bezeichnet wird. Wir d&uuml;rfen uns nicht im westlichen Block verschlie&szlig;en. Um globale Prozesse zu verstehen, m&uuml;ssen wir uns der Welt &ouml;ffnen. Wir m&uuml;ssen Beziehungen aufbauen und &ndash; wo immer m&ouml;glich &ndash; die europ&auml;ische Sichtweise, einschlie&szlig;lich der ungarischen Sichtweise, vertreten. In der gegenw&auml;rtigen angespannten internationalen Lage ist es besonders wichtig, die Absichten Russlands zu verstehen, den Dialog aufrechtzuerhalten und die Meinungen aufeinanderprallen zu lassen.<\/p><p><strong>Welche Rolle spielte der Krieg in der Ukraine auf dem diesj&auml;hrigen Treffen?<\/strong><\/p><p>Es ist bezeichnend, dass kein Panel dem Thema Ukraine-Krieg explizit gewidmet wurde. Doch er tauchte in fast jeder Frage auf, und die Diskussionen waren viel offener als noch vor einem Jahr. Ich habe den Eindruck, dass Russland zunehmend lernt, mit dem Krieg zu leben. Noch vor einem Jahr wich Wladimir Putin meiner Frage aus, ob ich in einigen Jahren mit einem russischen oder ukrainischen Visum nach Odessa reisen k&ouml;nne. Dieses Jahr allerdings, obwohl ich meine Frage vom vorigen Jahr nur gestreift habe, hielt der Pr&auml;sident es dennoch f&uuml;r wichtig zu sagen, dass Odessa eine russische Stadt sei. In diesem Satz steckt viel drin, von der russischen Entschlossenheit &uuml;ber das gestiegene Selbstbewusstsein bis hin zu m&ouml;glichen Zielen.<\/p><p><strong>Was bringen solche Treffen? Ist es nur ein Gedankenaustausch zwischen Eliten oder haben sie konkrete Auswirkungen auf die Politik?<\/strong><\/p><p>Ich w&uuml;rde den Schwerpunkt auf den Gedankenaustausch zwischen den Eliten legen, aber die Diskussionen und Fragen werden hoffentlich einen gewissen Einfluss auf das Denken der teilnehmenden Politiker haben. Allerdings w&uuml;rde ich die Bedeutung des Letzteren nicht &uuml;berbewerten.<\/p><p><strong>Infolge der westlichen Konfrontationspolitik und Gespr&auml;chsverweigerung scheint sich Russland vom Westen abzuwenden, insbesondere von Europa. Was ist Ihr Eindruck?<\/strong><\/p><p>Es tut mir leid, sagen zu m&uuml;ssen, dass Europa und Russland einander wieder verloren haben &ndash; nicht zum ersten Mal in der Geschichte. Die Augen der Russen flackern noch auf, wenn sie von Viktor Orb&aacute;ns Ungarn nicht gedem&uuml;tigt und belehrt werden, wenn seine Autos und seine B&uuml;rger nicht ausgewiesen werden. Aber Russland erwartet keine Liebe mehr, sondern nur noch ein wenig Pragmatismus und Berechenbarkeit &ndash; und dass man mit ihm auf Augenh&ouml;he spricht. Moskau will auch geliebt werden &ndash; wie wir alle &ndash;, aber nicht um jeden Preis. Wir sind jetzt an dem Punkt angelangt, an dem Russland seinen Fu&szlig; zwischen T&uuml;r und Angel gesetzt hat, bevor der Westen sie wieder zuschl&auml;gt. Wenn aber Europa nicht begreift, dass es nicht in der Lage ist, Russland zu belehren, k&ouml;nnte es sogar einen Schlag ins Gesicht bekommen. Vorerst aber nimmt Moskau mit gro&szlig;er Genugtuung zur Kenntnis, dass Br&uuml;ssel sich selbst mit den Sanktionen bestraft hat. F&uuml;r Moskau lohnt es sich nicht &ndash; zu Recht, muss ich sagen &ndash;, mit einem Vasallen in erb&auml;rmlichem Zustand zu reden, der in seinem &uuml;bereifrigen Hass sich selbst verliert. Wenn in diesem westlichen Block jemand ein Gespr&auml;ch wert ist, dann sind es die Vereinigten Staaten &ndash; der Puppenspieler. Zumindest sind sie ein w&uuml;rdiger Gegner. Russland wandte sich w&uuml;tend, ein wenig beleidigt und voller Hoffnung an Asien, Afrika und Lateinamerika. Russland ist entt&auml;uscht vom hochn&auml;sigen Europa, das wieder eine Mauer aufzieht wie im Kalten Krieg, und verbittet sich diesen Umgang. Dieses Gef&uuml;hl zog sich unwiderstehlich durch die Gespr&auml;che im Waldai-Klub.<\/p><p><strong>Sie hatten auch diesmal die Gelegenheit, Putin Fragen zu stellen. Was waren die Themen?<\/strong><\/p><p>Vor einem Jahr bei meiner Frage an Putin zu Odessa ging es um russische milit&auml;rische Ziele, aber diesmal war ich mehr an einer Einsch&auml;tzung der russisch-europ&auml;ischen Beziehungen interessiert. Ich sagte ihm, wohl wissend, dass er sich f&uuml;r Geschichte interessiert: &bdquo;Wir wissen, was die Tatsache, dass Peter der Gro&szlig;e ein Fenster nach Europa ge&ouml;ffnet hat, f&uuml;r die Entwicklung Russlands bedeutet. Der Europ&auml;ismus ist Teil der russischen Identit&auml;t. Nat&uuml;rlich ist Europa jetzt im Niedergang begriffen und tut alles, was es kann, um Russland zu ver&auml;rgern. Aber als Europ&auml;er ist es schrecklich, Aussagen zu h&ouml;ren: &bdquo;Wir sollten Atombomben auf einige europ&auml;ische St&auml;dte werfen.&ldquo; Dann fragte ich: Was bedeutet Europa heute f&uuml;r Russland? Wendet sich Russland endg&uuml;ltig von ihm ab? Wie sollen wir das Erbe von Peter dem Gro&szlig;en interpretieren? Glauben Sie nicht, dass es ein Fehler w&auml;re, dieses Fenster zu schlie&szlig;en?<\/p><p>Danach habe ich die beiden umstrittenen Behauptungen in den neuen russischen Geschichtslehrb&uuml;chern &uuml;ber Ungarn angesprochen. Konkret habe ich Putin gefragt, ob er der Meinung sei, dass 1956 keine echte Revolution, sondern eine &bdquo;Farbrevolution&ldquo; war, und ob er den R&uuml;ckzug der sowjetischen Truppen aus Mitteleuropa in den Jahren 1990-1991 f&uuml;r einen Fehler halte. Ich denke, dass ich als Europ&auml;er und als Ungar diese Fragen stellen musste.<\/p><p><strong>Was hat Putin geantwortet?<\/strong><\/p><p>Der russische Pr&auml;sident beantwortete meine Fragen ausf&uuml;hrlich &ndash; etwa 15 Minuten lang &ndash; und sehr eloquent. Zur ungarischen Revolution von 1956 sagte Putin, er glaube zwar, dass K&auml;mpfer im Ausland vorbereitet und nach Ungarn eingeschleust worden seien, es sei aber schwierig, das als reine &bdquo;Farbrevolution&ldquo; zu bezeichnen, da es im Land eine ernsthafte Basis des Protestes gegeben habe. Es ist laut Putin kaum m&ouml;glich, die heutigen Definitionen auf die Mitte des vergangenen Jahrhunderts anzuwenden.<\/p><p>Nach dem Abzug der sowjetischen Truppen aus Osteuropa gefragt, sagte der Pr&auml;sident, er sei davon &uuml;berzeugt, dass es sinnlos sei, Truppen zur Unterdr&uuml;ckung innerer Tendenzen in einem Land oder in einem Volk einzusetzen, um eigene Ziele zu erreichen. Dies gelte auch f&uuml;r die L&auml;nder Europas, einschlie&szlig;lich Osteuropas. Daher war es aus seiner Sicht sinnlos, Truppen in diesen L&auml;ndern zu stationieren, wenn sie auf deren Territorium nicht erw&uuml;nscht waren. Aber die Bedingungen f&uuml;r den Abzug h&auml;tten ausgehandelt und eine Situation erreicht werden m&uuml;ssen, die nicht zu den Trag&ouml;dien und der Krise gef&uuml;hrt h&auml;tte, die wir heute erleben.<\/p><p>Putin erinnerte daran, dass die in europ&auml;ischen L&auml;ndern stationierten sowjetischen Truppen von ihren St&uuml;tzpunkten ins &bdquo;freie Feld&ldquo; zur&uuml;ckbeordert worden seien, zusammen mit ihren Familien. Mit dem R&uuml;ckzug seien keine rechtlichen Verpflichtungen einhergegangen, f&uuml;gte er hinzu, weder sowjetische noch westliche, zumindest nicht in Bezug auf die NATO-Osterweiterung. Es habe zwar m&uuml;ndliche Zusagen gegeben, die seien aber nicht zu Papier gebracht worden. Auch wenn er wisse, dass Papier f&uuml;r den Westen wertlos sei, weil er es wegwerfe, h&auml;tte es zumindest auf Papier stehen m&uuml;ssen. Es h&auml;tte eine Einigung dar&uuml;ber geben m&uuml;ssen, so der russische Pr&auml;sident, wie die Sicherheit Europas gew&auml;hrleistet werden kann.<\/p><p>Putin erinnerte daran, dass der deutsche sozialdemokratische Politiker Egon Bahr seinerzeit ein neues europ&auml;isches Sicherheitssystem vorgeschlagen hatte, das neben Ost- und Mitteleuropa Russland, die Vereinigten Staaten und Kanada einbezogen h&auml;tte &ndash; nicht aber die NATO. Laut Bahr w&uuml;rde sich sonst alles wiederholen, nur n&auml;her an der russischen Grenze, so der Pr&auml;sident. Er wies darauf hin, dass damals niemand auf den deutschen Politiker geh&ouml;rt habe, weder in der Sowjetunion noch in den Vereinigten Staaten, was zu der heutigen Situation gef&uuml;hrt habe.<\/p><p>Dazu erkl&auml;rte er ausf&uuml;hrlich, dass Russland die T&uuml;r nicht zugeschlagen habe, sondern der Eiserne Vorhang von Europa heruntergelassen worden sei, was seine eigene Wettbewerbsf&auml;higkeit geschw&auml;cht habe. Er sprach von der Bedeutung der Souver&auml;nit&auml;t, die Europa verloren habe, aber auch von den jahrhundertealten gemeinsamen christlichen Wurzeln, die Russland mit Europa verbinden. Russland ziehe sich also langsam von diesem Markt zur&uuml;ck, schlie&szlig;e aber die T&uuml;r nicht ganz, so der Pr&auml;sident.<\/p><p><strong>Vor ein paar Wochen interviewten Sie den deutschen Politikwissenschaftler Alexander Rahr. Er bef&uuml;rchtet, dass Europa Russland wirtschaftlich verloren habe. Die USA und China sind laut Rahr die beiden gr&ouml;&szlig;ten Nutznie&szlig;er dieses Konflikts. Wie sehen Sie das? Was sind die Folgen f&uuml;r Europa aus Ihrer Sicht?<\/strong><\/p><p>Ich stimme Alexander zu und kann nur hoffen, dass Europa Russland nicht f&uuml;r immer, sondern &bdquo;nur&ldquo; f&uuml;r eine lange Zeit verloren hat. Diese un&uuml;berlegte Politik, die die europ&auml;ischen Interessen ignoriert, hat die Wettbewerbsf&auml;higkeit der EU-L&auml;nder dramatisch verringert, und Europa ist den USA v&ouml;llig untergeordnet. Leider kann es daher darauf verzichten, als ernst zu nehmender Faktor in der neuen Weltordnung angesehen zu werden. Die Existenz Europas steht nun auf dem Spiel. Politisch hat es seine Autonomie verloren, als Wirtschaftsmacht wird es geschw&auml;cht. Die Migration, die ver&auml;nderte Zusammensetzung seiner Bev&ouml;lkerung verbunden mit der Abwertung traditioneller christlicher Werte l&ouml;sen seine Identit&auml;t auf. All das, erg&auml;nzt um den Krieg an seiner Peripherie, bedroht seine Sicherheit.<\/p><p><strong>Zum Ukraine-Krieg: Wie sehen Sie aus ungarischer Perspektive diesen Konflikt und seine Ursachen? Wer ist daf&uuml;r verantwortlich?<\/strong><\/p><p>Diesen Krieg hat Russland begonnen, seine Verantwortung ist unbestreitbar, aber dazu hat ein langer Weg gef&uuml;hrt. Die Verantwortung f&uuml;r die Eskalation der Situation bis hin zum Krieg liegt in erster Linie beim Westen, angef&uuml;hrt von den Vereinigten Staaten, der die NATO-Infrastruktur nach Osten dr&auml;ngt, und bei der Ukraine, die nichts zum Abbau der Spannungen getan und die Minsker Vereinbarungen boykottiert hat.<\/p><p><strong>Welche konkreten Konsequenzen sehen Sie f&uuml;r Ungarn als Folge des Krieges?<\/strong><\/p><p>Ungarns Sicherheit ist durch den Krieg in seiner Nachbarschaft bedroht, seine Wettbewerbsf&auml;higkeit ist durch die un&uuml;berlegte Sanktionspolitik und andere wirtschaftliche Folgen des Krieges geschw&auml;cht. Das ungarische Interesse liegt daher in einem raschen Waffenstillstand und Frieden.<\/p><p><strong>Ungarn scheint in Bezug auf die Reaktionen des Westens, die Sanktionen und die Waffenverk&auml;ufe eine besondere Rolle zu spielen. Warum ist das so? Wie sehen Sie das? Sehen Sie eine Chance, dass Orb&aacute;n und die ewige &bdquo;Sturheit&ldquo; Ungarns etwas bewirken k&ouml;nnen?<\/strong><\/p><p>Mir scheint, dass der Ansatz der ungarischen Regierung fast die einzige Stimme der Vernunft und der Realpolitik in diesem moralisierenden europ&auml;ischen Chor ist, der seine eigenen Interessen au&szlig;er Acht l&auml;sst. Viktor Orb&aacute;n sollte nicht bestraft werden, sondern man sollte ihm zuh&ouml;ren und &uuml;ber seine Aussagen nachdenken. Schon allein deshalb, weil die Europ&auml;ische Union in einer tiefen Krise steckt und jeder Vorschlag in Betracht gezogen werden muss, um einen Ausweg zu finden. Ich m&ouml;chte daran erinnern, dass er auch mit der Migrantenkrise im Jahr 2015 recht hatte, wie nun auch in den westlichen L&auml;ndern deutlich wird.<\/p><p>Keineswegs glaube ich, dass Ungarn in allem recht hat und dass es keine Probleme mit der Rechtsstaatlichkeit gibt, aber die Dinge m&uuml;ssen getrennt werden. Aus meiner Sicht beabsichtigt die Europ&auml;ische Union durch ihre Kritik an vorhandenen M&auml;ngeln nicht in erster Linie, die Probleme Ungarns zu l&ouml;sen, indem sie europ&auml;ische Gelder zur&uuml;ckh&auml;lt, sondern sie &uuml;bt damit politischen Druck auf eine Regierung aus, die sich nicht einf&uuml;gen will. Orb&aacute;n hat in der Frage des Krieges recht, und es liegt im Interesse Europas, auch Ungarns, diesen so schnell wie m&ouml;glich zu beenden, auch um den Preis von Kompromissen.<\/p><p>Nicht Russland ist eine Bedrohung f&uuml;r Europa, sondern Europa selbst, genauer gesagt die derzeitige westeurop&auml;ische Elite, stellt eine viel gr&ouml;&szlig;ere Bedrohung f&uuml;r die Zukunft Europas dar. Ungarn ist Mitglied der westlichen Gemeinschaft, eines politischen Blocks, aber zusammen mit einigen anderen L&auml;ndern hat es eine andere Vorstellung von der Zukunft der Europ&auml;ischen Union, und in vielerlei Hinsicht sind unsere Interessen unterschiedlich. Budapest ist an einem starken Europa interessiert und w&uuml;rde daher die strategische Autonomie Europas st&auml;rken und h&auml;lt ein Europa der Nationen f&uuml;r effektiver als ein f&ouml;derales System. Aber wenn Br&uuml;ssel nicht auf Ungarns Ideen h&ouml;ren will, k&ouml;nnte es von den Vereinigten Staaten lernen, die ihre eigenen Interessen verfolgen. Und noch etwas m&ouml;chte ich anmerken: Viktor Orb&aacute;n ist nicht pro-russisch, er ist pro-ungarisch! Im Grunde genommen wird er nicht von einer Ideologie, sondern von geopolitischen Erw&auml;gungen geleitet. Er unterh&auml;lt pragmatische Beziehungen zu Russland auf der Grundlage ungarischer Interessen und versucht, den Handlungsspielraum des Landes durch die &Ouml;ffnung nach Osten und S&uuml;den im Allgemeinen zu erweitern.<\/p><p><small>Titelbild: Quelle G&aacute;bor Stier<\/small><\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=105547\">Das Aufkommen der neuen Weltordnung &ndash; von Kriegen begleitet<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=98347\">Ungarn aus den Augen eines deutschen Zuwanderers<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=96339\">Nord Stream als Kriegsgrund<\/a>\n<\/p><\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/437ce86b82f843bdbf5ec03a773ec6b6\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bei dem j&auml;hrlichen internationalen Waldai-Forum in Sotschi Anfang Oktober haben Vertreter des Westens weitgehend gefehlt. 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