{"id":105866,"date":"2023-10-29T12:00:13","date_gmt":"2023-10-29T11:00:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=105866"},"modified":"2023-10-28T05:16:03","modified_gmt":"2023-10-28T03:16:03","slug":"wahlen-in-argentinien-sergio-massa-ruft-zu-einer-regierung-der-nationalen-einheit-auf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=105866","title":{"rendered":"Wahlen in Argentinien: Sergio Massa ruft zu einer &#8220;Regierung der nationalen Einheit auf&#8221;"},"content":{"rendered":"<p>Die popularen Sektoren des s&uuml;damerikanischen Landes atmen auf und bereiten sich auf die zweite Wahlschlacht in der Stichwahl vom 19. November vor. Der erfolgreiche erste Urnengang am 22. Oktober hat ein politisches Panorama gekl&auml;rt, das durch die Vorwahlen vom 13. August letzten Jahres verzerrt worden war. Das fortschrittliche Argentinien ist entschlossen, weiter zu regieren und sich f&uuml;r die Integration Lateinamerikas einzusetzen.<strong> <\/strong>Von <strong>Sergio Ferrari<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nAm 22. Oktober hat die Uni&oacute;n por la Patria mit Sergio Massa, dem derzeitigen Wirtschaftsminister, an der Spitze mit fast 37 Prozent der Stimmen sieben Prozentpunkte mehr als der Kandidat Javier Milei von La Libertad Avanza erreicht. Damit hat sie das ung&uuml;nstige Ergebnis des progressiven B&uuml;ndnisses bei den Vorwahlen im August letzten Jahres weitgehend umgekehrt. Beide Kandidaten werden im zweiten Wahlgang am 19. November antreten, wenn &uuml;ber den n&auml;chsten Pr&auml;sidenten des Landes f&uuml;r den Zeitraum 2023 bis 2027 entschieden wird.<\/p><p><strong>Zwei v&ouml;llig gegens&auml;tzliche und widerstreitende Projekte<\/strong><\/p><p>An diesem Tag werden zwei sehr unterschiedliche Projekte f&uuml;r die Nation im Spiel sein. Die Uni&oacute;n por la Patria, zu der im Wesentlichen der Peronismus und sozialistische Gruppen sowie soziale Bewegungen geh&ouml;ren, setzt auf die St&auml;rkung des Staates und die F&ouml;rderung der staatlichen Sozialpolitik; auf die Neuverhandlung mit dem Internationalen W&auml;hrungsfonds, aber auch auf die Beendigung der Abh&auml;ngigkeit von ihm; auf die Wiederaufnahme des Banners der sozialen Gerechtigkeit; auf die Aufrechterhaltung der vom Kirchnerismus seit 2003 bef&ouml;rderten Arbeit der historischen Erinnerung, der Wahrheit und der Gerechtigkeit; und auf die F&ouml;rderung der integrativen lateinamerikanischen Einheit (im Wesentlichen im B&uuml;ndnis mit Lula da Silvas Brasilien), um die strategische Vision einer subkontinentalen und lateinamerikanischen Integration und Entwicklung zu st&auml;rken.<\/p><p>Javier Milei, der im Wahlkampf die Unterst&uuml;tzung der Ultrarechten der spanischen Vox und von Jair Bolsonaro aus Brasilien erhielt, k&uuml;ndigt als Regierungsprogramm die Demontage des Staates, die totale Liberalisierung der Wirtschaft, die Privatisierung der Staatsunternehmen, die Dollarisierung des Landes und eine St&auml;rkung der internationalen B&uuml;ndnisse ausschlie&szlig;lich mit den USA und Israel an. In seinem negationistischen Diskurs geht er davon aus, dass es weder Brutalit&auml;t noch Genozid seitens der Milit&auml;rdiktatur (1976-1983) gab und es sich nur um &bdquo;Exzesse einiger einzelner Milit&auml;rs&rdquo; gehandelt habe. Er h&auml;lt fremdenfeindliche, homophobe und pro-imperialistische Fahnen hoch, und sch&auml;tzt die regionale Integration Lateinamerikas gering.<\/p><p><strong>Wesentliche Daten der Wahl<\/strong><\/p><p>Am 22. Oktober erhielt Sergio Massa im ersten Wahlgang 36,68 Prozent der Stimmen, w&auml;hrend Javier Milei auf 29,98 Prozent kam. Weit dahinter liegt die Kandidatin Patricia Bullrich von der neoliberalen Partei Juntos por el Cambio mit 23,83 Prozent. Juan Schiaretti, Kandidat eines anderen peronistischen Sektors aus dem Landesinneren, kam auf 6,78, Myriam Bregman von der urspr&uuml;nglich trotzkistischen Linken auf 2,70 Prozent. Nur die beiden meistgew&auml;hlten Kandidaten werden an der Stichwahl am 19. November teilnehmen. 78 Prozent der Wahlberechtigten gingen an die Urnen, was in der Geschichte Argentiniens eine niedrige Beteiligung darstellt.<\/p><p>Au&szlig;erdem wird der Peronismus durch die Teilerneuerung der Abgeordneten- und Senatskammern weiterhin die st&auml;rkste Minderheit in beiden Kammern bilden, und im Senat werden ihm nur zwei Stimmen zur absoluten Mehrheit fehlen.<\/p><p>Hervorzuheben bei diesen Wahlen ist der &uuml;berzeugende Sieg von Axel Kicillof in der Provinz Buenos Aires, wo er Gouverneur bleiben wird, ein Posten, den er seit 2019 innehat. Kicillof war mit 45 Prozent der Stimmen in seinem Bezirk der wesentliche Faktor f&uuml;r das Wiedererstarken und die erfolgreichen Ergebnisse der Uni&oacute;n por la Patria. In Buenos Aires leben 38 Prozent der Gesamtbev&ouml;lkerung Argentiniens, es ist die wichtigste Provinz in der Produktion und konzentriert 37 Prozent der W&auml;hlerschaft des Landes. Die Leistung des 52-j&auml;hrigen peronistischen Anf&uuml;hrers, der gegen&uuml;ber dem Ergebnis der Vorwahlen vom August fast zehn Prozentpunkte zugelegt hat, ist ein wesentlicher Pfeiler des landesweiten Erfolgs von Sergio Massa.<\/p><p><strong>Erste Schlussfolgerungen<\/strong><\/p><p>Drei Schl&uuml;sselelemente zeichnen sich aus den Ergebnissen vom 22. Oktober ab.<\/p><p>Erstens, und obwohl der Sieg noch nicht sicher ist, wird die Uni&oacute;n por la Patria mit einem Vorteil in die Wahlen im November gehen. Um zu gewinnen, wird sie sich gezwungen sehen, noch mehr Zugest&auml;ndnisse an die Mitte-rechts-Sektoren zu machen, um &bdquo;die nationale Einheit&rdquo; zu erweitern, 50 Prozent der Stimmen zu erhalten und so den Sieg des Ultra Javier Milei zu verhindern.<\/p><p>Dieser neue Vorschlag zur Einheit, den Massa am Abend des 22. Oktober lancierte, geht davon aus, dass die n&auml;chste Regierung, falls er die Pr&auml;sidentschaft gewinnt, mit einem Programm antreten wird, das mit wichtigen Teilen der Bourgeoisie ausgehandelt wurde. Nicht un&auml;hnlich der gro&szlig;en Anstrengung, die die Arbeiterpartei vor einem Jahr unternehmen musste, damit Lula und sein B&uuml;ndnis Brasil da Esperan&ccedil;a (Brasilien der Hoffnung) den knappen Sieg &uuml;ber Jair Bolsonaro erringen konnten.<\/p><p>Die Trennlinie dieses neuen, erweiterten B&uuml;ndnisses zum rechten Sektor scheint, wie Massa wiederholt vorweggenommen hat, die Haltung der argentinischen Regierung zum IWF zu sein. Massa will die Schulden begleichen und sicherstellen, dass sich der IWF aus Argentinien zur&uuml;ckzieht. Damit folgt er der Linie, die N&eacute;stor Kirchner Anfang der 2000er-Jahre verfolgte, als er Pr&auml;sident des Landes war. Der Mechanismus funktionierte, bis Mauricio Macri dem IWF erneut die gro&szlig;e T&uuml;r &ouml;ffnete, indem er nur wenige Tage vor seiner Wahlniederlage 2019 die monstr&ouml;sen Schulden in H&ouml;he von 45 Milliarden Dollar aufnahm.<\/p><p>Zweitens ist der fortschrittlichste Sektor des Peronismus (in Buenos Aires, aber das Signal strahlt in das ganze Land aus) mit Axel Kicillof an der Spitze massiv gest&auml;rkt. Kicillof verk&ouml;rpert die Erneuerung des nationalen und popularen Raums und kann die Kontinuit&auml;t der Figur von Cristina Kirchner gew&auml;hrleisten.<\/p><p>Das ist vielleicht das wichtigste Zeichen dieser politischen Ereignisse bei den Wahlen. Ein &bdquo;junger&rdquo; Sektor festigt seine Position an der Spitze des koh&auml;rentesten und k&auml;mpferischsten Projekts des nationalen und popularen Raums, das in der Uni&oacute;n por la Patria zum Ausdruck kommt.<\/p><p>Das dritte, nicht weniger bedeutende Element ist das Verschwinden des &bdquo;Macrismus&rdquo; von der politischen B&uuml;hne, zumindest vor&uuml;bergehend, da Juntos por el Cambio mit knapp 23 Prozent auseinanderfallen und schwerwiegende interne Spaltungen erleiden k&ouml;nnte, die sich bereits abzeichneten und nur durch ein gutes Wahlergebnis h&auml;tten verhindert werden k&ouml;nnen. Der Macrismus, ein neoliberales Projekt mit dramatischen Folgen f&uuml;r die popularen Sektoren, regierte Argentinien zwischen 2015 und 2019 und strebte danach, die F&uuml;hrung im Staat wiederzuerlangen.<\/p><p>Auch wenn noch alles offen ist im Hinblick auf die zweite Wahlrunde am 19. November, haben die popularen Sektoren Argentiniens, eingeschlossen die zahlreichen sozialen Bewegungen, am 22. Oktober an der Wahlurne ihre Stimme zur&uuml;ckgewonnen. Sie haben eine nahezu dramatische Situation &uuml;berwunden, die sogar darauf hindeutete, dass ein Negationist wie Javier Milei im ersten Wahlgang Pr&auml;sident Argentiniens werden k&ouml;nnte.<\/p><p>&Uuml;bersetzung: Vilma Guzm&aacute;n, <a href=\"https:\/\/amerika21.de\/analyse\/266524\/argentinien-regierung-nationale-einheit\">Amerika21<\/a>.<\/p><p><small>Titelbild: Der Sieger des ersten Wahlgangs der Pr&auml;sidentschaftswahlen in Argentinien Sergio Massa am Wahlabend &ndash; Quelle: <a href=\"https:\/\/twitter.com\/SergioMassa\/status\/1716304241331978431\/photo\/1\">twitter.com\/SergioMassa<\/a><\/small><\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=105202\">Pr&auml;sidentschaftswahlkampf in Argentinien: Es wird schmutzig&hellip;<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=102592\">&bdquo;Plan Motors&auml;ge&rdquo; &ndash; Vorwahlen in Argentinien erzeugen politisches Erdbeben<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=104544\">Ein verzweifelter Schrei nach Ver&auml;nderung: Argentinien, ein Land am Rande des Abgrunds<\/a>\n<\/p><\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/97bd86930d2a453e9887f6f6578dde8a\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die popularen Sektoren des s&uuml;damerikanischen Landes atmen auf und bereiten sich auf die zweite Wahlschlacht in der Stichwahl vom 19. 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