{"id":1062,"date":"2006-03-04T15:54:49","date_gmt":"2006-03-04T13:54:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=1062"},"modified":"2016-02-15T16:58:36","modified_gmt":"2016-02-15T15:58:36","slug":"wie-man-bocke-und-ziegen-zu-gartnern-macht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1062","title":{"rendered":"Wie man B\u00f6cke und Ziegen zu G\u00e4rtnern macht"},"content":{"rendered":"<p>Wer die politische Debatte verfolgt, wird im Laufe der Zeit mit Urteilen und Vorurteilen an die Analysen und Texte Anderer herangehen. Jetzt haben sich zwei Autoren zu Wort gemeldet, deren Wirken ich mit einem positiven Vor-Urteil begleite: Thomas Leif wegen seiner Arbeit zum Aufbau des Netzwerkes Recherche und Rudolf Speth wegen seiner Analyse der arbeitgeberfinanzierten PR-Agentur &bdquo;Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft&ldquo;. Umso mehr war ich irritiert bei der Lekt&uuml;re eines Beitrags der beiden Autoren <a href=\"http:\/\/zeus.zeit.de\/text\/online\/2006\/10\/lobbyismus\" title=\"Externer Link zu http:\/\/zeus.zeit.de\/text\/online\/2006\/10\/lobbyismus\">in ZEITonline<\/a>: Der Beitrag hat den gleichen Haupttitel wie das neue Buch der beiden Autoren: &bdquo;Die f&uuml;nfte Gewalt. Wie Lobbyisten die Prinzipien der parlamentarischen Demokratie unterlaufen.&ldquo; Warum bin ich irritiert?<br>\n<!--more--><br>\nZum Verst&auml;ndnis zitiere ich den ersten Absatz aus dem Beitrag in ZEITonline:<\/p><blockquote><p>Die Macht von Interessengruppen in Berlin und Br&uuml;ssel ist un&uuml;bersehbar. Kein Politikfeld, auf das Lobbyisten keinen Einfluss n&auml;hmen. Doch offenbar haben sie mit ihrem professionellen Druck- und Einfluss-System &uuml;berzogen. Immer mehr Spitzenpolitikern geht die Arbeit der Lobbyisten zu weit. So forderte Bundesfinanzminister Peer Steinbr&uuml;ck in seiner traditionellen Rede beim Neujahrsempfang der Frankfurter Industrie- und Handelskammer: &ldquo;Lobbyisten in die Produktion&rdquo;. Als zust&auml;ndiger Minister m&uuml;sse er f&uuml;r eine &ldquo;zukunftsf&auml;hige Haushalts- und Finanzpolitik ein robustes Immunsystem entwickeln gegen die Attacken der organisierten Einzelinteressen&rdquo;. &Auml;hnlich &auml;u&szlig;erte sich j&uuml;ngst Gesundheitsministerin Ulla Schmidt: &ldquo;Ich w&uuml;nsche mir bei allen drei Koalitionspartnern die Nervenst&auml;rke, dass alle sagen: Bis die Fusionen (der Krankenkassen, d. A.) und die echte Kostend&auml;mpfung erfolgt sind, setzen die Lobbyisten bei uns keinen Fu&szlig; mehr in die T&uuml;r.&rdquo;<\/p><\/blockquote><p>Wenn Bundesfinanzminister Steinbr&uuml;ck und Ulla Schmidt als Mahner gegen Lobbyismus zitiert werden, dann l&auml;uten bei mir die Glocken Sturm. Denn beide sind herausragende politische Repr&auml;sentanten massivsten Lobbyismus. Allerdings muss man, um diese Charakterisierung zu verstehen, begreifen, dass Lobbyismus heute nicht nur der Versuch von Verb&auml;nden und Unternehmen, auf einzelne politische Entscheidungen und einzelne Gesetzgebungsverfahren Einfluss zu nehmen, ist. Lobbyismus greift heutzutage viel grundlegender in das politische und gesellschaftliche Geschehen ein. Vor allem auf dem Felde der sozialen Sicherungssysteme und der Privatisierung staatlicher Leistungen der Daseinsvorsorge geht es der Lobby um einen grundlegenden Systemwechsel des Sozialstaates. Das l&auml;sst sich auf zwei Politikfeldern besonders deutlich nachweisen, mit tief greifenden Wirkungen f&uuml;r uns alle:<\/p><p><strong>Erstens:<\/strong> Seit Jahren trommelt die Lobby der Versicherungswirtschaft und der Banken gegen die solidarischen Sicherungssysteme u.a. bei der Altersvorsorge und im Gesundheitssystem. Dieser Lobby ist es mit viel Geld, Propaganda und massiver Einflussnahme auf die Politik gelungen, das Vertrauen in die gesetzliche Rente massiv zu untergraben und die private Vorsorge als Erg&auml;nzung oder gar Ersatz f&uuml;r die gesetzlich verankerten selbstverwalteten Versicherungssysteme anzupreisen. Ulla Schmidt hatte bei diesem Systemwechsel an vorderer Front mitgeholfen. Ich habe noch das Bild vor meinen Augen, als sie im Umfeld der Einf&uuml;hrung der Agenda 2010 ganz offen f&uuml;r Privatvorsorge warb. Die gesamte Regierung Schr&ouml;der hat diesen Paradigmenwechsel massiv vorangetrieben, etwa mit der Einf&uuml;hrung der Riester-Rente. Die Gro&szlig;e Koalition setzt ihn fort. An der Spitze der allgemeinen Verunsicherung der Rentner und der Bewegung f&uuml;r die private Altersvorsorge steht nun der neue Sozialminister Franz M&uuml;ntefering, mit der Ank&uuml;ndigung jahrelanger Nullrunden, mit dem &bdquo;Nachholfaktor&ldquo; (konkret: der Abkoppelung der Rente vom Nettolohn), mit seiner Basta-Entscheidung f&uuml;r die Heraufsetzung des Renteneintrittsalters, ein Schritt, der das Vertrauen in die gesetzliche Rente weiter untergraben und vor allem der jungen Generation signalisiert hat: Sie m&uuml;ssen sich zus&auml;tzlich privat versichern. (Daf&uuml;r wirbt auch der SPD-Vorsitzende Matthias Platzeck in einer Werbebrosch&uuml;re &bdquo;Heute handeln f&uuml;r die Altersvorsorge von morgen&ldquo; ganz offen.)<\/p><p>Bei diesem Vorgang, der Zerst&ouml;rung des Vertrauens in die solidarische Sicherung und der Werbung f&uuml;r die Privatvorsorge geht es um Milliarden. Bei 10% minus der Beitragseinnahmen f&uuml;r die gesetzliche Rente ist das ein Plus von ungef&auml;hr 15 Milliarden bei den Pr&auml;mien f&uuml;r die Privatvorsorge. Die beiden Lobbyismusbeobachter haben diese system&auml;ndernde Art massiven Lobbyismus offenbar au&szlig;er Acht gelassen. In dem sie Ulla Schmidt als eine Art Opfer des Lobbyismus darstellen, machen sie den Bock zum G&auml;rtner. <\/p><p><strong>Zweitens:<\/strong> Ganz &auml;hnlich ist das bei Peer Steinbr&uuml;ck. Ich verstehe nicht, wie man die Frankfurter Rede des Bundesfinanzministers positiv zitieren kann. Diese Rede ist &uuml;ber weite Strecken gepr&auml;gt von den Interessen eines massiven Lobbyismus. Das gilt zum Beispiel f&uuml;r sein Werben zu Gunsten neuer Produkte auf den Kapitalm&auml;rkten, u. a. REITs f&uuml;r die leichtere Privatisierung kommunaler Wohnungsbaugesellschaften. Es gilt aber vor allem auch f&uuml;r die v&ouml;llig irrationale Werbung des Bundesfinanzministers f&uuml;r &bdquo;PPP&ldquo; und die weitere Privatisierung kommunaler und anderer &ouml;ffentlicher Einrichtungen. Dazu zitiere ich eine l&auml;nger Passage aus einem eigenen Text:<br>\n(Auszug aus Albrecht M&uuml;ller: Machtwahn. Wie eine mittelm&auml;&szlig;ige F&uuml;hrungselite uns zugrunde richtet.): &bdquo;Ein anderes, in der &Ouml;ffentlichkeit mit unbegreiflichem Gleichmut hingenommenes Ph&auml;nomen ist die massenhafte Privatisierung genossenschaftlichen und kommunalen Wohnraums.<\/p><p>Viele Menschen wohnen vergleichsweise g&uuml;nstig in Mietwohnungen, die von nicht profitorientierten gemeinn&uuml;tzigen Wohnungsbaugesellschaften betrieben werden. Es handelt sich entweder um genossenschaftlich entstandene Arbeiterselbsthilfe-vereine, um Betriebswohnungen von &ouml;ffentlichen Unternehmen oder um kommunal betriebene Wohnungen. Diese Vermieter wollen eine erschwingliche Grundversorgung mit Wohnraum gew&auml;hrleisten &ndash; das ist ihr gemeinsames Interesse. Jahrzehntelang hat die Sozialdemokratie die &ouml;ffentlichen Wohnungseinheiten wie ein Wachhund verteidigt. Seit einigen Jahren haben die gemeinn&uuml;tzigen Institutionen jedoch keinen starken politischen Flankenschutz mehr. Wir stehen gerade am Anfang einer gigantischen Verramschung dieser gemeinn&uuml;tzigen Wohneinheiten an dubiose Geldanlagekonsortien, vornehmlich aus den USA und Gro&szlig;britannien. Die St&auml;dte sind klamm und verkaufen ihr Hab und Gut. Privatisierte Unternehmen wie die Deutsche Bahn AG wollen durch Verkauf ihrer Betriebswohnungen an liquide Mittel kommen. Internationale Fonds und Kapitalgesellschaften mit martialisch klingenden Namen wie Cerberus, Blackstone, Fortress (=Festung), Lone Star und Annington kaufen massenweise deutsche &raquo;Wohnungspakete&laquo;. Diese Firmen vertreten allein die Gewinninteressen ihrer diversen Geldanleger. Die sozial schwachen Mieter sind jetzt sogenannten REITs (Real Estate Investment Trusts) ausgeliefert. Das bedeutet: diese Gesellschaften sind an der B&ouml;rse notiert. &raquo;Dass es hierbei in erster Linie um Renditen und Gewinnmaximierung geht, liegt auf der Hand&laquo;, meint der Direktor des Deutschen Mieterbunds, Franz-Georg Rips.<br>\nDas sieht der Bundesfinanzminister ganz anders. Am 10. Januar 2005 versprach er vor dem Auditorium der Industrie- und Handelskammer Frankfurt, er wolle den Finanzstandort Deutschland auch durch &raquo;Produktinnovationen&laquo; wie REITs st&auml;rken &ndash; ein gutes Beispiel daf&uuml;r, wie unsere Eliten losgel&ouml;st von den Interessen der von ihren Ma&szlig;nahmen betroffenen &raquo;kleinen Leute&laquo; handeln.<\/p><p>Der kurzfristige Liquidit&auml;tsgewinn der Kommunen durch Wohnungsverk&auml;ufe wird sie langfristig teuer zu stehen kommen: denn die durch Mieterh&ouml;hungen geschaffenen Wohnungslosen m&uuml;ssen irgendwo wieder untergebracht werden. Letztlich darf die Solidargemeinschaft der Steuerzahler daf&uuml;r aufkommen.<br>\nIn der &ouml;ffentlichen Debatte zu diesem Thema wird auch meist verschwiegen, dass keinem Staat unendlich Material zur Privatisierung zur Verf&uuml;gung steht. Irgendwann ist das Tafelsilber weg. Dann geht es ans Eingemachte. Und dann ist irgendwann Ende der Fahnenstange. Man kann den Eindruck gewinnen, dass &Ouml;PP ein besonderes Arbeitsfeld in der SPD ist. Schon am 8. M&auml;rz 2005 meldete sich der arbeitsmarktpolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Klaus Brandner, mit einem engagierten Papier zu Wort, das den Titel trug: &raquo;Mehr &Ouml;ffentlich Private Partnerschaften!&laquo; Und Bundesfinanzminister Steinbr&uuml;ck k&uuml;ndigte in seiner Frankfurter Grundsatzrede an, er wolle die PPPs (Public Private Partnership) &ndash; ein Synonym f&uuml;r &Ouml;PPs &ndash; ausweiten. Unser Ziel m&uuml;sse es sein, den Anteil von PPPs an den &ouml;ffentlichen Investitionen von heute 4 Prozent auf das Niveau anderer Industriel&auml;nder zu bringen, das bei bis zu 15 Prozent liegt. Dazu wolle er auch die weitergehende &Ouml;ffnung des Investmentgesetzes zugunsten der PPP vorantreiben.&ldquo;<\/p><p>Soweit der Text aus &bdquo;Machtwahn&ldquo;. <\/p><p>Da ich die beiden Autoren des Zeit-Artikels eigentlich sehr sch&auml;tze, kann ich ihren blau&auml;ugigen Umgang mit den von ihnen zitierten Politikern nicht verstehen. Ich verstehe auch nicht, warum ein Autor wie Rudolf Speth, der die ideologische Lobbyarbeit der &bdquo;Initiative Neue soziale Marktwirtschaft&ldquo; gr&uuml;ndlich und treffend analysiert hat, diese Lobbyarbeit zu Gunsten einer Privatisierungsideologie und zu Gunsten einseitiger Wirtschaftsinteressen bei einem Beitrag &uuml;ber die &bdquo;f&uuml;nfte Gewalt&ldquo; au&szlig;er acht lassen kann. Was die &bdquo;Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft&ldquo; und die mit ihr verbundenen Organisationen betreiben, ist massive ideologische Lobbyarbeit zu Gunsten der Arbeitgeberseite und zulasten der Arbeitnehmer und der Gewerkschaften. Auch das, was die Wissenschaftler um Hans-Werner Sinn und Bert R&uuml;rup, um Raffelh&uuml;schen und Straubhaar, um Zimmermann und H&uuml;ther betreiben, ist in der Regel Lobbyagitation im Gewand des Expertentums zulasten der Arbeitnehmerschaft. Wie man angesichts der derzeitigen Einseitigkeit der Macht- und Geldverteilung zugunsten der Wirtschaftslobby die Gewerkschaften gleichrangig mit Wirtschaftsverb&auml;nden, Unternehmen und Handelskammern als mit hohem &bdquo;Stellenwert&ldquo; ausgestattet nennen kann, wie das im Beitrag in der ZEIT geschieht, begreife ich auch nicht. Vielleicht enth&auml;lt das gerade erschienene Buch der beiden Autoren andere Akzente. Das w&uuml;rde mich freuen. Ich will es daraufhin pr&uuml;fen. Die Autoren n&auml;hren die Hoffnung, man k&ouml;nne mit neuen Regeln f&uuml;r das Lobbying etwas erreichen.<br>\nDas glaube ich nicht, solange man die hier nur andeutungsweise beschriebenen ausgeklammerten Teile massiven Lobbyismus f&uuml;r einen Systemwechsel verschweigt. Es geht nicht um neue Verhaltensregeln. Es geht auch darum, offen zulegen, wie weit private Interessen heute schon in die Politik, in die Wissenschaft und die Medien hineinreichen und sie als Handlanger zur Durchsetzung solcher einseitiger Interessen instrumentalisieren.\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer die politische Debatte verfolgt, wird im Laufe der Zeit mit Urteilen und Vorurteilen an die Analysen und Texte Anderer herangehen. 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