{"id":106299,"date":"2023-11-07T13:29:17","date_gmt":"2023-11-07T12:29:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=106299"},"modified":"2026-01-27T11:43:50","modified_gmt":"2026-01-27T10:43:50","slug":"bitte-keine-auftritte-von-kritischen-kuenstlern-in-der-stadt-trier","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=106299","title":{"rendered":"Bitte keine Auftritte von kritischen K\u00fcnstlern in der Stadt Trier"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;Man hat mir vonseiten der Stadt sehr deutlich versucht zu zeigen, wo mein Platz im Gef&uuml;ge ist. Dumm nur, dass ich den nicht akzeptiere. Ich habe meine Selbstachtung zu verlieren, ich w&uuml;rde niemals einen Kollegen canceln, weil er &sbquo;die falsche Meinung&lsquo; hat&ldquo;. Das sagt die Veranstalterin und Schauspielerin Joya Ghosh im Interview mit den NachDenkSeiten zum Verhalten der Stadt Trier, wo es den Versuch gab, den Auftritt kritischer K&uuml;nstler zu verhindern. Das Gespr&auml;ch mit <strong>Joya<\/strong> <strong>Ghosh<\/strong> und <strong>Jens Fischer Rodrian<\/strong> f&uuml;hrte <strong>Marcus Kl&ouml;ckner<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_3336\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-106299-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/231107-keine-Auftritte-von-kritischen-Kuenstlern-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/231107-keine-Auftritte-von-kritischen-Kuenstlern-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/231107-keine-Auftritte-von-kritischen-Kuenstlern-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/231107-keine-Auftritte-von-kritischen-Kuenstlern-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=106299-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/231107-keine-Auftritte-von-kritischen-Kuenstlern-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"231107-keine-Auftritte-von-kritischen-Kuenstlern-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Worum geht es? Markus N&ouml;hl, Kulturdezernent der Stadt Trier, wollte den Auftritt des S&auml;ngers <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=EIR3haxAu4c\">Jens Fischer Rodrian<\/a> und des Kabarettisten <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=JaVlJ-3MOYM\">Ulrich Masuth<\/a> bei einem <a href=\"https:\/\/www.joya-ghosh.de\/kulturfestival\/\">Friedensfestival<\/a> verhindern, das noch bis 14. Dezember dort stattfindet. Ein Friedensfestival, das zum Politikum wird? Wegen &bdquo;falscher&ldquo; Meinungen und zu viel Regierungskritik? Die Lokalzeitung <em>Trierischer Volksfreund<\/em> <a href=\"https:\/\/archive.ph\/hEeSI\">berichtete vergangene Woche &uuml;ber den Fall<\/a>. Im Interview sprechen <strong><a href=\"https:\/\/www.joya-ghosh.de\/\">Ghosh<\/a><\/strong> und <strong><a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=aklexgNlOSM\">Fischer Rodrian<\/a><\/strong> &uuml;ber die Vorkommnisse.<\/p><p>In einer von der Stadt Trier ver&ouml;ffentlichen Pressemitteilung <a href=\"https:\/\/www.trier.de\/broker.jsp?uMen=4cc4fbd0-1d9c-d311-c258-732ead2aaa78&amp;uCon=3d829964-9208-b811-14f4-1963299f20be&amp;uTem=0b93090b-49e4-7271-94e8-c0f4087257ba\">hei&szlig;t es<\/a>:<\/p><blockquote><p>\n<em>&bdquo;Beide K&uuml;nstler sind in j&uuml;ngerer Zeit mit politischen &Auml;u&szlig;erungen &ouml;ffentlich in Erscheinung getreten, die ausdr&uuml;cklich nicht den Positionen der Stadt Trier entsprechen. Die Stadt Trier distanziert sich ausdr&uuml;cklich von den Auftritten der beiden K&uuml;nstler. Dem Wunsch der Stadt, auf die Veranstaltungen zu verzichten, hat die Veranstalterin nicht entsprochen. Da es sich bei der Veranstaltungsreihe im Kulturspektrum jedoch nicht um st&auml;dtische Veranstaltungen handelt, sondern diese in Verantwortung der Nutzenden liegen, werden die Auftritte im Sinne der Kunstfreiheit hingenommen. Bei der k&uuml;nftigen Vergabe der R&auml;umlichkeiten an Dritte, die dort Programm anbieten, wird sich die Stadt vorbehalten, K&uuml;nstlerinnen und K&uuml;nstler, die &ouml;ffentlich haltlose oder extremistische Positionen vertreten, nicht auftreten zu lassen. Die Leitlinien des Konzeptraums Kulturspektrum werden entsprechend erg&auml;nzt. Die Stadt Trier legt Wert auf die Feststellung, dass die beiden genannten Veranstaltungen ohne F&ouml;rdergelder der Stadt Trier realisiert werden. Gleichzeitig k&uuml;ndigt die Stadt eine Info-Veranstaltung in Kooperation mit der Initiative Interdisziplin&auml;re Antisemitismusforschung an, wie kulturelle Arbeit f&uuml;r extremes Gedankengut missbraucht werden kann.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Zum Interview<\/strong><\/p><p><strong>Frau Ghosh, die Stadt Trier hat mit Z&auml;hneknirschen den Auftritt von zwei regierungskritischen K&uuml;nstlern bei einem diese Woche beginnenden Friedensfestival akzeptiert. Die Lokalzeitung<\/strong><em><strong> Trierischer Volksfreund<\/strong><\/em><strong> berichtet, dass die Stadt aber nun F&ouml;rdergelder nicht bereitstellen wird und weitere Konsequenzen ziehen will. Bitte sagen Sie unseren Lesern: Um was genau geht es?<\/strong><\/p><p><strong>Joya Ghosh:<\/strong> Es geht um das von meinem Theater geplante Festival f&uuml;r Frieden, Freiheit und Freude, welches vom 3.11. bis 14.12.2023 im Kulturspektrum in Trier stattfindet. Dabei kommen 25 K&uuml;nstler unterschiedlicher Genres zusammen und es finden 20 Veranstaltungen, darunter Theater, Konzerte, Kabarett, Meditationen, Tanz- und Gesangsworkshops statt. Ein wirklich buntes Fest, um den tr&uuml;ben Zeiten ein farbenpr&auml;chtiges Paroli bieten zu k&ouml;nnen. Unter dem Motto &bdquo;Frieden, Freiheit und Freude&ldquo; wird das Festival dazu beitragen, kulturelle Barrieren zu &uuml;berwinden und Gemeinschaften in Frieden und voller Freude zusammenzubringen. Unter den K&uuml;nstlern, die ich eingeladen habe, sind Jens Fischer Rodrian und Uli Masuth, beide bekannt als kritische K&uuml;nstler. Die Location ist ein Raum, um den man sich als Kulturschaffender bei der Stadt bewerben muss mit einem Nutzungskonzept. <\/p><p>Allerdings st&ouml;&szlig;t die Auswahl meiner K&uuml;nstler nun dem einen oder anderen namenlosen Trierer wohl bitter auf. Irgendwer hat sich bei der Stadt beschwert, wie es denn sein k&ouml;nnte, dass &bdquo;rechtsradikale, antisemitische, regimefeindliche K&uuml;nstler&ldquo; in einem st&auml;dtischen Raum auftreten d&uuml;rften. Das hat die Stadt, beziehungsweise den Kulturdezernenten, dazu veranlasst, mich zu bitten, diese beiden K&uuml;nstler auszuladen &ndash; ja eigentlich zu canceln. Als ich mich weigerte, bekam ich einen ge&auml;nderten Nutzungsvertrag vorgelegt, der die beiden Auftritte der genannten K&uuml;nstler explizit ausschloss. Das bedeutet, die st&auml;dtischen Kulturf&ouml;rdergelder, die ich f&uuml;r die Umsetzung beziehungsweise die K&uuml;nstlergagen des Festivals erhalten habe, darf ich nicht f&uuml;r Uli Masuth oder Jens Fischer Rodrian ausgeben, diese Gagen muss ich aus eigener Tasche zahlen, ebenso die Unterbringung und Verpflegung. Als weitere Konsequenz wird man nun die Leitlinien f&uuml;r den st&auml;dtischen Kulturraum so &auml;ndern, dass k&uuml;nftig kein K&uuml;nstler, der aus Sicht der Stadt die falsche Meinung hat, auch nur ansatzweise die Chance hat, im Kulturspektrum auftreten zu d&uuml;rfen.<\/p><p><strong>Gew&auml;hren Sie uns bitte einen Blick &bdquo;hinter die Kulissen&ldquo;. D&uuml;rfen wir erfahren: Was hat sich genau zugetragen? Sie waren es ja, die mit Verantwortlichen der Stadt kommuniziert hat. Wie hat sich der Streit angebahnt?<\/strong><\/p><p><strong>Joya Ghosh:<\/strong> Ich f&uuml;hre seit Jahren im queeren Zentrum Trier ab und an Vorf&uuml;hrungen auf, da gibt es eine B&uuml;hne und bisher kam ich mit den verantwortlichen Menschen dort sehr gut zurecht, es war ein wertsch&auml;tzendes und angenehmes k&uuml;nstlerisches Arbeiten, aus meiner Sicht gepr&auml;gt von Toleranz und Respekt. Zu meiner Macbeth-Inszenierung dort im September 2023 habe ich zus&auml;tzlich die Plakate f&uuml;r das Festival f&uuml;r Frieden aufgeh&auml;ngt. Das hat einige Besucher derart echauffiert, als sie sahen, dass kritische K&uuml;nstler, die bei der Partei &bdquo;Die Basis&ldquo; waren oder sind, dort auftreten, dass sie den Vorstand des queeren Zentrums anriefen und sich bitter beschwerten. Ich wurde dorthin zitiert und zur Rede gestellt, ob ich mir bewusst sei, was f&uuml;r b&ouml;se Menschen das seien, Die-Basis-Anh&auml;nger, und damit genderfeindlich, gegen die Homo-Ehe und antisemitisch. Als ich ging, war mir klar, dass ich dort nie wieder auff&uuml;hren wollen w&uuml;rde. Die gemachten Aussagen waren das Gegenteil von Toleranz und Respekt, pure Meinungsbildverengung und Ausgrenzung andersdenkender Menschen. Ich war sehr &uuml;berrascht, denn gerade vom queeren Zentrum habe ich etwas anderes erwartet, ich hab&rsquo; am selben Tag meine Mitgliedschaft gek&uuml;ndigt.<\/p><p><strong>Und wie ist es dann weitergegangen? Was war Ihre Reaktion?<\/strong><\/p><p><strong>Joya Ghosh:<\/strong> Ein paar Tage sp&auml;ter sollte der Nutzungsvertrag f&uuml;r das Kulturspektrum und damit f&uuml;r die Auff&uuml;hrungsst&auml;tte f&uuml;r das Festival f&uuml;r Frieden, Freiheit und Freude mit der Stadt unterzeichnet werden. Da wurde ich das erste Mal in das Kulturamt bestellt und auf die beiden K&uuml;nstler angesprochen, diesmal von der Verwaltung. Man bat mich, von den Auftritten der beiden K&uuml;nstler abzusehen, ich bekam eine Nacht Bedenkzeit. Ich weigerte mich, K&uuml;nstler zu canceln, damit sollte die Sache eigentlich vom Tisch sein. Es fehlte nur noch die Unterschrift des Kulturdezernenten unter dem Nutzungsvertrag. Dann kam Einladung Nummer drei ins Kulturamt der Stadt Trier und ich traf auf den Dezernenten pers&ouml;nlich, der mir sehr deutlich zu verstehen gab, dass ich die beiden entweder canceln sollte oder die doch &bdquo;langj&auml;hrige und von Wertsch&auml;tzung gepr&auml;gte Zusammenarbeit zwischen meinem Theater und der Stadt&ldquo; w&uuml;rde einen &bdquo;bleibenden Schaden erleiden&ldquo;.<\/p><p><strong>Wie haben Sie reagiert? <\/strong><\/p><p><strong>Joya Ghosh:<\/strong> Ich bin schon immer ein Rebell gewesen, der sich von niemandem sagen l&auml;sst, was er tun und lassen soll. Meine Ehre als K&uuml;nstlerin und als Mensch lie&szlig; da eigentlich nur eine Antwort zu: Die beiden w&uuml;rden auftreten, auch wenn ich daf&uuml;r meine k&uuml;nstlerische Zukunft in der Stadt aufs Spiel setze.<\/p><p><strong>So w&uuml;rde nicht jeder reagieren. <\/strong><\/p><p><strong>Joya Ghosh:<\/strong> Sie m&uuml;ssen wissen, dass ich au&szlig;erdem als 1. Vorsitzende dem Landesverband professioneller freier Theater vorstehe. In dieser Funktion treffe ich oft auch auf Personen aus Verwaltung und Politik, meine Entscheidung trifft mich und mein Theater also in mehrfacher Hinsicht. Und genau deshalb habe ich auch so entscheiden. Das Schweigen der Kultur, das sich Wegducken, gef&auml;llig sein zu wollen, so wie es bei vielen Kollegen zu beobachten ist: All das ist zwar nachvollziehbar (wir h&auml;ngen ja alle am F&ouml;rdertopf &ndash; ohne staatliche F&ouml;rderung kann man keine Kunst machen), dennoch d&uuml;rfen wir uns nicht verraten, wenn die Stadt versucht, unliebsame K&uuml;nstler mundtot zu machen. Auch unangenehme Aussagen muss eine Demokratie aushalten.<\/p><p><strong>Was konkret wurde denn an Vorw&uuml;rfen in Bezug auf Jens Fischer Rodrian und Uli Masuth vorgetragen?<\/strong><\/p><p><strong>Joya Ghosh:<\/strong> Fast schon &uuml;berraschend langweilige und unkreative Argumente. Man hatte vor allem Herrn Fischer Rodrian nicht gekannt, ein paar Artikelchen im Internet gegoogelt und sich flugs die Meinung gebildet, dass es sich bei den beiden um Verschw&ouml;rungstheoretiker und Verharmloser handele, die mit falschen Fakten Meinung und Stimmung gegen die Regierung machen. Beiden wurde vorgeworfen, Anh&auml;nger der Partei Die Basis zu sein, die ja bekannt f&uuml;r ihre rassistische und antisemitische Propaganda sei. Eine Stadt k&ouml;nne nicht in ihren eigenen R&auml;umlichkeiten K&uuml;nstler auftreten lassen, die offen die Politik der Regierung kritisierten. Man hielt sich sehr vage, was genaue Anschuldigungen angeht, wollte bewusst auch Aussagen von Herr Fischer Rodrian in meinem Podcast Mundus Novus missverstehen. Ich hatte insgesamt das Gef&uuml;hl, es sei ein pers&ouml;nlicher Affront, den der Kulturdezernent aus der politischen Einstellung von Herr Rodrian empfand.<\/p><p><strong>Herr Rodrian, wenn Sie das h&ouml;ren: Was geht Ihnen durch den Kopf?<\/strong><\/p><p><strong>Jens Fischer Rodrian:<\/strong> Ich lebe seit geraumer Zeit mit Anschuldigungen und Unterstellungen. So habe ich zum Beispiel zu keinem Zeitpunkt in irgendeinem Interview oder Gespr&auml;ch Corona geleugnet, wie auch, ich hatte es ja selbst. Trotzdem wurde ich &ouml;fters, wie auch unl&auml;ngst in der <em>taz<\/em>, als Coronaleugner dargestellt. Ich bin es sozusagen gewohnt. Aber mit der Unsicherheit konfrontiert zu sein, eventuell bei einem Friedensfest ausgeladen zu werden, hat es dann doch nochmal getoppt. Umso dankbarer bin ich, dass Frau Ghosh dem Druck der Stadt Trier standgehalten hat, zu ihrer Auswahl der K&uuml;nstler steht und sich nicht einsch&uuml;chtern lie&szlig;.<\/p><p><strong>Herr Rodrian, was entgegnen Sie den Kritikern aus Trier?<\/strong><\/p><p><strong>Jens Fischer Rodrian:<\/strong> Ich lade sie ein. Sowohl zu meinem Auftritt wie auch zu der Podiumsdiskussion im Anschluss des Konzertes. Auch wenn es absurd ist, sich &uuml;berhaupt rechtfertigen zu m&uuml;ssen, warum man eine andere Meinung zu den g&auml;ngigen Narrativen in Bezug auf Corona und die nicht stattfindende Aufarbeitung der vergangenen drei Jahre hat, so halte ich den Dialog f&uuml;r zwingend notwendig und f&uuml;r das beste Mittel, miteinander in Kontakt zu bleiben. Ich bin sehr gespannt, ob die Vertreter der Stadt Trier, allen voran der Kulturdezernent Markus N&ouml;hl, die Einladung annehmen werden.<\/p><p><strong>Frau Ghosh, Herr Rodrian: Was bedeutet es, wenn die Kulturverantwortlichen einer Stadt so auf kritische K&uuml;nstler reagieren?<\/strong><\/p><p><strong>Joya Ghosh: <\/strong>Dass zumindest der Kulturbereich der Stadt Trier eine sehr eigenwillige Sicht auf das Wesen der Demokratie hat. Und es bedeutet eindeutig, dass es niemals gut ist, wenn Politiker mit Steuergeldern &ndash; und nichts anderes sind Kulturf&ouml;rdermittel ja &ndash; umgehen, als seien es Almosen aus pers&ouml;nlichem Besitz, die an Bedingungen gekn&uuml;pft sind. Wir K&uuml;nstler haben den lauten Aufschrei in der Pandemie und davor vers&auml;umt, wir waren zu sehr mit dem nackten &Uuml;berleben besch&auml;ftigt, das r&auml;cht sich jetzt. Man hat mir vonseiten der Stadt sehr deutlich versucht zu zeigen, wo mein Platz im Gef&uuml;ge ist. Dumm nur, dass ich den nicht akzeptiere. Ich habe meine Selbstachtung zu verlieren, ich w&uuml;rde niemals einen Kollegen canceln, weil er &bdquo;die falsche Meinung&ldquo; hat.<\/p><p>Besonders entt&auml;uschend ist auch, dass Trierer Kollegen uns nicht im mindesten unterst&uuml;tzen. Es erschreckt mich, wie viele K&uuml;nstlerkollegen wirklich stramm dem M&auml;rchen vom b&ouml;sen Jens und vom b&ouml;sen Uli auf den Leim gehen. Meist recht uninformiert und auf einige Internetrecherchen beschr&auml;nkt, werden da zwei Menschen beurteilt, die man nicht mal ansatzweise kennt, ja gar nicht kennen will. Es ist diese ekelhafte Hybris einiger Menschen, die sich der richtigen Meinung w&auml;hnen und dabei ohne die geringste Empathie auf dem Leben eines anderen herumtrampeln. So etwas macht mich richtig w&uuml;tend.<\/p><p><strong>Jens Fischer Rodrian:<\/strong> Es ist ein weiterer Beweis daf&uuml;r, dass es v&ouml;llig normal geworden ist, kritische Stimmen mundtot zu machen. Wir kennen das &ndash; Daniele Ganser, Roger Waters und viele andere, die wesentlich gr&ouml;&szlig;ere R&auml;ume f&uuml;llen, mussten &Auml;hnliches erleben. Wenn es unterbunden wird, zu hinterfragen und den Finger in die Wunde zu legen, sind wir fern von dem, was ich unter einer gesunden Demokratie verstehe. Da der &ouml;ffentlich-rechtliche Rundfunk und die Mainstreampresse ihrer Aufgabe, den Staat unter die Lupe zu nehmen, nur noch sehr selten nachkommen, ist die Kunst umso mehr gefragt, diesen Job zu &uuml;bernehmen.<\/p><p><strong>In der Lokalzeitung hei&szlig;t es: &bdquo;F&uuml;r die Veranstalterin bedeutet die Distanzierung der Stadt, dass sie die beiden Auftritte ohne F&ouml;rdergelder der Stadt Trier realisieren muss und auf allen Plakaten nun die Namen der beiden kritisierten K&uuml;nstler &uuml;berklebt, sagte sie dem TV.&ldquo; Plakate &uuml;berkleben, um die Namen zu zensieren? Wie ist das zu verstehen? Hat die Stadt Ihnen das als Auflage gemacht?<\/strong><\/p><p><strong>Joya Ghosh:<\/strong> Nein, nicht direkt, aber, wenn ich einen Vertrag unterschreibe, der die beiden K&uuml;nstler explizit von der F&ouml;rderung ausnimmt, dann aber alle l&auml;ngst aufgeh&auml;ngten Plakate die beiden Namen tragen und das Logo der Stadt (das muss drauf abgebildet sein laut F&ouml;rderrichtlinie), dann haben wir ein Problem. Die Stadt distanziert sich in einer Pressemitteilung, ergo m&uuml;ssen die Plakate ge&auml;ndert werden. Das wurde jedoch nicht vertraglich festgehalten.<\/p><p><strong>Das Festival l&auml;uft noch. Am 9. November treten Sie, Herr Rodrian, auf. Was sind Ihre Gedanken? <\/strong><\/p><p><strong>Jens Fischer Rodrian:<\/strong> Ich hoffe, dass neben den G&auml;sten, die es f&uuml;r gut hei&szlig;en, dass ich Kritik so &auml;u&szlig;ere, wie ich es tue, auch die kommen, die meine Sicht der Dinge nicht teilen &ndash; wenn schon nicht zum Konzert, dann zumindest zu der Diskussion, die im Anschluss stattfinden wird. Ich kann es nicht oft genug sagen. Ich erwarte keine Zustimmung, aber ich verlange einen fairen Diskurs auf Augenh&ouml;he. Meinungsfreiheit hat nur dann Bedeutung, wenn man zugewandt zuh&ouml;rt und auch die Meinung des ganz anders gepolten Gespr&auml;chsteilnehmers ernst nimmt und zumindest toleriert. Aber allem voran hoffe ich, dass es friedlich bleiben wird und meine Kritiker die Veranstaltung ohne St&ouml;rung stattfinden lassen, denn ich bin ja vor allem da, um ein Konzert zu spielen. Danach darf dann gern intensiv diskutiert werden. Wenn es voll wird, freue ich mich umso mehr, da ich die Einnahmen einem pal&auml;stinensisch-israelischen Friedensprojekt zukommen lassen werde.<\/p><p><em>Der Auftritt von Jens Fischer Rodrian  ist am 9. November, der von Uli Masuth am 2. Dezember, beide um 19:30 Uhr. <a href=\"https:\/\/www.joya-ghosh.de\/kulturfestival\/\">Weitere Infos hier<\/a>.<\/em><br>\n<em>Anmerkung: Marcus Kl&ouml;ckner hat den Fall auf seinem Substack-Kanal <a href=\"https:\/\/marcuskloeckner.substack.com\/p\/stadt-trier-kundigt-konsequenzen\">kommentiert<\/a>.<\/em><\/p><p>Titelbild: Zenza Flarini \/ Shutterstock<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;Man hat mir vonseiten der Stadt sehr deutlich versucht zu zeigen, wo mein Platz im Gef&uuml;ge ist. Dumm nur, dass ich den nicht akzeptiere. Ich habe meine Selbstachtung zu verlieren, ich w&uuml;rde niemals einen Kollegen canceln, weil er &sbquo;die falsche Meinung&lsquo; hat&ldquo;. Das sagt die Veranstalterin und Schauspielerin Joya Ghosh im Interview mit den NachDenkSeiten<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=106299\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":13,"featured_media":106300,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,126,209,917],"tags":[3041,3058,1324,1678,2434,1865],"class_list":["post-106299","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-erosion-der-demokratie","category-interviews","category-kultur-und-kulturpolitik","tag-cancel-culture","tag-diffamierung","tag-foerdermittel","tag-kuenstler","tag-kommunalpolitik","tag-meinungsfreiheit"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/shutterstock_1794207874.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/106299","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/13"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=106299"}],"version-history":[{"count":16,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/106299\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":106726,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/106299\/revisions\/106726"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/106300"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=106299"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=106299"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=106299"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}