{"id":10641,"date":"2011-09-06T09:26:20","date_gmt":"2011-09-06T07:26:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=10641"},"modified":"2014-09-10T13:00:42","modified_gmt":"2014-09-10T11:00:42","slug":"eurokrise-in-zahlen-ii-krisengewinnler-neoliberalismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=10641","title":{"rendered":"Eurokrise in Zahlen (II) &#8211; Krisengewinnler Neoliberalismus"},"content":{"rendered":"<p>W&auml;hrend die Welt unter dem Joch der Spekulation an den Finanzm&auml;rkten leidet, konnte Deutschland seine finanzpolitische Situation in den letzten beiden Jahren merklich verbessern. Beleg daf&uuml;r sind die deutlich gesunkenen Zinsen f&uuml;r Staatsanleihen, von denen nicht nur Deutschland, sondern auch andere L&auml;nder profitieren, die in den Turbulenzen der Finanzkrise als sicherer Hafen gelten. Anstatt diesen positiven Effekt dazu zu nutzen, zumindest im eigenen Lande die Krisenfolgen zu mildern, nutzt Deutschland die Gunst der Stunde, um ganz Europa auf den neoliberalen Kurs deutscher Schule zu zwingen. Die Folgen dieser Politik sind verheerend &ndash; auch f&uuml;r Deutschland. Von Jens Berger<br>\n<!--more--><br>\n<a href=\"upload\/pdf\/110901_infografik2.pdf\"><img decoding=\"async\" src=\"upload\/bilder\/110901_infografik2_th.jpg\" alt=\"Krisengewinner Deutschland\" title=\"Krisengewinner Deutschland\"><\/a><\/p><p>Wenn Politiker und Journalisten den Eindruck vermitteln wollen, dass die Folgen der Finanzkrise zu einem &bdquo;fundamentalen Vertrauensverlust&ldquo; in den Staat gef&uuml;hrt h&auml;tten, dann ist dies fundamentaler Unsinn. Wie etwa aus den Daten der OECD hervorgeht, hat die Finanzkrise entgegen allem Krisengerede dazu gef&uuml;hrt, dass die Zinss&auml;tze und damit die Renditen f&uuml;r die Staatsanleihen der gro&szlig;en OECD-Staaten signifikant gesunken sind. <a href=\"http:\/\/www.bloomberg.com\/apps\/quote?ticker=GDBR10:IND\">Aktuell<\/a> liegt der Zinssatz zehnj&auml;hriger Bundesanleihen erstmals unter 2,0% &ndash; die von den USA aufgelegten inflationsindexierten Staatsanleihen (TIPS) erzielen sogar <a href=\"http:\/\/www.treasurydirect.gov\/RI\/OFNtebnd\">negative Renditen<\/a>. Die Anleger misstrauen den Staaten demnach nicht, sondern vertrauen ihnen so stark, dass sie ihnen ihr Geld zu einem Zinssatz leihen, der oft  niedriger als die Inflationsrate liegt. Wenn irgendwo ein &bdquo;fundamentaler Vertrauensverlust&ldquo; auszumachen ist, dann gilt er gegen&uuml;ber den Banken, die sich noch nicht einmal selbst vertrauen und ihre liquiden Mittel lieber zum Einlagezinssatz von nur 0,75% bei der EZB parken, als sie anderen Banken zu einem h&ouml;heren Zinssatz zu leihen.<\/p><p>Dass und warum einige Staaten, wie beispielsweise Italien oder Spanien, aufgrund einer grotesken Spekulationssituation nicht gleichfalls von diesem Vertrauensgewinn profitieren k&ouml;nnen, zeigten wir bereits im <a href=\"?p=10585\">ersten Teil dieser Analyse<\/a>. <\/p><p><strong>Zinslast im Sinkflug<\/strong><\/p><p>Bereits im Jahre 2002 entzogen die Ratingagenturen Moodys und Standard and Poors Japan das hei&szlig;begehrte AAA&nbsp;und <a href=\"http:\/\/krugman.blogs.nytimes.com\/2010\/08\/22\/whos-afraid-of-the-ratings-agencies\/\">ordneten die Bonit&auml;t<\/a> somit zwischen der Botswanas und der Estlands ein. Neun Jahre sp&auml;ter kann sich Japan immer noch zu einem Zinssatz refinanzieren, der weltweit seinesgleichen sucht. Nach Herabstufung der Bonit&auml;t stiegen die Zinsen f&uuml;r japanische Staatsanleihen nicht etwa an, sondern sanken auf das bis dato historische Minimum von 1,0%. Heute <a href=\"http:\/\/www.linksfraktion.de\/nachrichten\/die-verteilungsfrage-muss-wachstumsfrage-geloest-sein\/\">liegt der Zinssatz<\/a> f&uuml;r japanische Staatsanleihen bei 0,9%. Japan zahlt f&uuml;r jeden Yen Schulden also weniger als ein Drittel dessen, was Frankreich f&uuml;r jeden geliehenen Euro zahlt. Damit relativiert sich auch die Auswirkung der im Verh&auml;ltnis zu allen anderen vergleichbaren L&auml;ndern gigantischen japanischen Verschuldung auf den Haushalt der Tokyoter Zentralregierung. <\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"upload\/bilder\/110906_bundesanleihen.jpg\" alt=\"Zinssatz f&uuml;r 10j&auml;hrige Bundesanleihen\" title=\"Zinssatz f&uuml;r 10j&auml;hrige Bundesanleihen\"><\/p><p>Auch Deutschland profitiert bei der Betrachtung der Zinslast von der Krise. Im Jahre 2007 betrug die Gesamtverschuldung des Bundes 962 Mrd. Euro. Dies entsprach 39,55% des Bruttoinlandsproduktes. F&uuml;r die Zinslasten musste der Bundeshaushalt damals 38,8 Mrd. Euro bereitstellen &ndash; dies entspricht rechnerisch einem durchschnittlichen Zinssatz von 4,0% und einem Anteil von rund 1,7% gemessen am Bruttoinlandsprodukt. <\/p><p>Im Jahre 2010 betrug die Gesamtverschuldung des Bundes 1.110 Mrd. Euro. Dies entsprach 44,40% des Bruttoinlandsproduktes. Die Schulden sind sowohl absolut als auch relativ gestiegen, die Zinslast ist jedoch merklich gesunken. F&uuml;r die Zinslasten musste der Bundeshaushalt im letzten Jahr nur noch 33,1 Mrd. Euro bereitstellen &ndash; dies entspricht einem durchschnittlichen Zinssatz von 2,98% und einem Anteil von rund 1,5% des Bruttoinlandsproduktes. Bei der letzten <a href=\"http:\/\/www.deutsche-finanzagentur.de\/fileadmin\/Material_Deutsche_Finanzagentur\/PDF\/Aktuelle_Informationen\/Auktionsergebnisse.pdf\">Auktion f&uuml;r Bundesanleihen [PDF &ndash; 20 KB]<\/a> erzielten die 10-j&auml;hrigen Papiere sogar nur eine Rendite von 2,15%.  Die Finanzkrise hat somit nicht nur zu einer nur geringf&uuml;gig h&ouml;heren Gesamtverschuldung, sondern sogar zu einer signifikanten Reduzierung der relativen und absoluten Kosten f&uuml;r die Verschuldung gef&uuml;hrt. <\/p><p><strong>Meinungsmache im Sinne der Schock-Strategie<\/strong><\/p><p>Das popul&auml;rere Vorurteil, nach dem Deutschland aufgrund der Schuldenproblematik keinen Spielraum h&auml;tte, um haushaltspolitisch gegen die massiven Folgen der Finanzkrise anzuk&auml;mpfen, ist bei n&auml;herer Betrachtung nicht mehr haltbar. Doch statt mittels antizyklischer Finanz- und Wirtschaftspolitik die Krisenfolgen einzud&auml;mmen, die Binnennachfrage zu st&auml;rken und damit als st&auml;rkste europ&auml;ische Volkswirtschaft die dringend ben&ouml;tigte Rolle einer Wachstumslokomotive zu &uuml;bernehmen, verfolgt die deutsche Regierung eine prozyklische Sparpolitik und nutzt ihren gewonnenen Einfluss dar&uuml;ber hinaus auch noch dazu, ihre <a href=\"?p=10473\">neoliberale Schock-Strategie<\/a> auf die gesamte Eurozone auszudehnen. <\/p><p>Wie leider kaum anders zu erwarten, kl&auml;ren die Medien nicht etwa &uuml;ber diesen offensichtlichen Widerspruch auf, sondern leisten der Regierung stattdessen propagandistische Sch&uuml;tzenhilfe. Aus einer spekulationsbedingten Refinanzierungskrise einiger europ&auml;ischer Staaten wird eine &bdquo;Schuldenkrise&ldquo; gemacht. Jeder politische (und &ouml;konomische) Gedanke, der der neoliberalen Schock-Strategie zuwider l&auml;uft, wird  als  &bdquo;falsches Signal an  die M&auml;rkte&ldquo; denunziert &ndash; gerade so, als seien die Spekulanten ein legitimer und legitimierter Schiedsrichter f&uuml;r volkswirtschaftliche Fragen. Anstatt Aufkl&auml;rung zu betreiben, wird Meinungsmache betrieben. <\/p><p>Doch diese Strategie ist keinesfalls risikolos und zudem volkswirtschaftlich grotesk. Wer soll dem Vize-Export-Weltmeister Deutschland denn seine Waren abkaufen, wenn die gesamte industrialisierte Welt sich zu Tode spart? Schon heute lahmt die Wirtschaft vor allem deshalb, weil die Nachfrage aufgrund sinkender Reall&ouml;hne stagniert. Wie sollen L&auml;nder wie Griechenland, Spanien oder Portugal ihre Defizite abbauen, wenn Deutschland seine &Uuml;bersch&uuml;sse nicht verringern will? Wer soll &uuml;berhaupt Defizite machen, wenn alle europ&auml;ischen Staaten &Uuml;bersch&uuml;sse erzielen sollen? Die &Uuml;bersch&uuml;sse einiger Staaten m&uuml;ssen immer auch zwingend die Defizite anderer Staaten sein. <\/p><p>Es ist sehr wahrscheinlich, dass die deutsche Hegemonialpolitik nicht nur die europ&auml;ische W&auml;hrungsunion, sondern auch die europ&auml;ische Integration und sogar den europ&auml;ischen Gedanken an die Wand fahren wird. Wenn Angela Merkel denkt, ganz Europa und vielleicht sogar die ganze Welt w&uuml;rde sich von Deutschland einen selbstzerst&ouml;rerischen Sparkurs aufzwingen lassen und dessen katastrophale Auswirkungen folgenlos hinnehmen, dann k&ouml;nnte sie sehr bald von ihrem hohen Ross gesto&szlig;en werden. Sie s&auml;gt nicht nur der extrem exportlastigen deutschen Wirtschaft den Ast ab, sondern sie isoliert Deutschland auch politisch von seinen Nachbarn und zerst&ouml;rt das &uuml;ber Jahrzehnte m&uuml;hselig aufgebaute Vertrauen in das europ&auml;ische Einigungswerk. Wir w&auml;ren wieder in den Zeiten vor 1914 angekommen und damit um hundert Jahre zur&uuml;ckgeworfen.<br>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/f43235bf7a4242b1ad0b124d01ae2344\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>W&auml;hrend die Welt unter dem Joch der Spekulation an den Finanzm&auml;rkten leidet, konnte Deutschland seine finanzpolitische Situation in den letzten beiden Jahren merklich verbessern. Beleg daf&uuml;r sind die deutlich gesunkenen Zinsen f&uuml;r Staatsanleihen, von denen nicht nur Deutschland, sondern auch andere L&auml;nder profitieren, die in den Turbulenzen der Finanzkrise als sicherer Hafen gelten. Anstatt diesen<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=10641\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[13,139,22,50,156],"tags":[290,283,473,776,637],"class_list":["post-10641","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-denkfehler-wirtschaftsdebatte","category-euro-und-eurokrise","category-europaische-union","category-finanzkrise","category-schulden-sparen","tag-binnennachfrage","tag-finanzmaerkte","tag-ratingagenturen","tag-schockstrategie","tag-staatsanleihen"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10641","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=10641"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10641\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":23215,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10641\/revisions\/23215"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=10641"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=10641"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=10641"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}