{"id":106411,"date":"2023-11-09T10:00:30","date_gmt":"2023-11-09T09:00:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=106411"},"modified":"2023-11-09T10:46:22","modified_gmt":"2023-11-09T09:46:22","slug":"deutschland-steht-tief-im-abseits","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=106411","title":{"rendered":"Deutschland steht tief im Abseits"},"content":{"rendered":"<p><strong>Peter Vonnahme<\/strong>[<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=106411#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>], ehemaliger Richter am Bayerischen Verwaltungsgerichtshof, hat f&uuml;r die NachDenkSeiten einen Text zum Geschehen in Nahost geschrieben. Es ist die kritische Betrachtung und Einordnung der Vorg&auml;nge durch einen im V&ouml;lkerrecht geschulten Zeitgenossen. Eine biografische Notiz zum Autor finden Sie am Ende des Textes. Albrecht M&uuml;ller.<br>\n<!--more--><br>\nGaza, V&ouml;lkerrecht und Staatsraison<br>\n<strong>Deutschland steht tief im Abseits<\/strong><br>\n<em>von Peter Vonnahme<\/em><\/p><p>Gaza liegt in Schutt und Asche. 10.000 Tote bisher (3.500 Kinder). 40 Prozent der Geb&auml;ude zerst&ouml;rt. Ende nicht absehbar. Die H&auml;lfte der Bev&ouml;lkerung Gazas irrt im S&uuml;den des Landstrichs umher, verzweifelt, heimatlos, hoffnungslos &ndash; in st&auml;ndiger Angst vor einem todbringenden Milit&auml;rschlag. Eine Flucht aus dem Freiluftgef&auml;ngnis ist unm&ouml;glich, weil Israel die Grenzen &uuml;berwacht. Das Schlupfloch nach &Auml;gypten ist geschlossen. Im Innern herrscht Mangel an allem, an Trinkwasser, Nahrung, Medikamenten, Kliniken, &Ouml;l und Benzin. Gaza wandelt sich vom Gef&auml;ngnis zum Kinderfriedhof. Es ist die H&ouml;lle auf Erden. Alle Appelle, die Zivilbev&ouml;lkerung zu schonen, verhallen im Nichts. Israel f&uuml;hrt nicht mehr nur einen Krieg gegen die Hamas, es ist inzwischen ein Krieg gegen die Zivilbev&ouml;lkerung Gazas.<\/p><p><strong>Verletzung des V&ouml;lkerrechts<\/strong><\/p><p>Der Versuch, die Geschehnisse einzuordnen, ist schwierig. Einigkeit besteht nur darin, dass die brutalen Terrorattacken der Hamas vom 7. Oktober durch nichts zu rechtfertigen sind und dass sie ges&uuml;hnt werden m&uuml;ssen. Deshalb darf Israel die M&ouml;rder verfolgen. Au&szlig;erdem hat Israel das Recht zur Selbstverteidigung (Art. 51 Abs. 2 UN-Charta). Es darf auch alles in seiner Macht Stehende tun, um die von der Hamas festgehaltenen Geiseln zu befreien.<\/p><p>Aber ein Massaker rechtfertigt nicht das n&auml;chste. Ein Staat, der sich gegen Terroristen wehrt, darf nicht selbst zu Mitteln des Terrors greifen, andernfalls wird er selbst zum Terrorstaat. Das V&ouml;lkerrecht kennt kein Recht auf Rache. Wie brutal und niedertr&auml;chtig die Angriffe der Hamas auf Zivilisten auch gewesen sein m&ouml;gen, sie sind keine Legitimation f&uuml;r Bombardements und Raketenangriffe auf die Zivilbev&ouml;lkerung. Au&szlig;erdem verbietet das V&ouml;lkerrecht die Aushungerung von Menschen. Zwischenfazit: Die Blockade von Gaza durch Israel ist v&ouml;lkerrechtswidrig. Schon 2017 kam die UN&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.un.org\/unispal\/document\/gaza-ten-years-later-un-country-team-in-the-occupied-palestinian-territory-report\/\">in einem Untersuchungsbericht<\/a>&nbsp;zu folgendem Ergebnis: &bdquo;Viele dieser Ma&szlig;nahmen versto&szlig;en gegen das V&ouml;lkerrecht, da sie die gesamte Bev&ouml;lkerung von Gaza ohne R&uuml;cksicht auf die individuelle Verantwortung treffen und somit einer kollektiven Bestrafung gleichkommen.&ldquo;<\/p><p>Bei einer Sitzung des Weltsicherheitsrates am 24. Oktober verurteilte UN-Generalsekret&auml;r Ant&oacute;nio Guterres die Angriffe der islamistischen Hamas auf Israel auf das Sch&auml;rfste. <a href=\"https:\/\/www.rnd.de\/politik\/un-eklat-israel-greift-guterres-wegen-gaza-rede-an-GARM43GO6ZMP7E3DTWPKPDYLCE.html\">Dann sagte er<\/a> mit Blick auf die 56 Jahre dauernde, &bdquo;erdr&uuml;ckende Besatzung&ldquo; durch Israel: &bdquo;Es ist wichtig zu erkennen, dass die Angriffe der Hamas nicht im luftleeren Raum stattfanden &hellip; Der Schutz der Zivilbev&ouml;lkerung bedeutet nicht, mehr als eine Million Menschen zur Evakuierung in den S&uuml;den zu befehlen, wo es keine Unterk&uuml;nfte, keine Nahrung, kein Wasser, keine Medikamente und keinen Treibstoff gibt, und dann den S&uuml;den selbst weiter zu bombardieren.&ldquo;<\/p><p>Durch solche juristischen Klarstellungen werden die Verbrechen der Hamas nicht &bdquo;relativiert&ldquo;, selbst wenn israelische Regierungsvertreter es immer wieder behaupten. Deshalb ist die vom israelischen Botschafter bei den Vereinten Nationen erhobene R&uuml;cktrittsforderung gegen Guterres unangemessen. Sie missdeutet bewusst Guterres&rsquo; Worte und verkennt au&szlig;erdem das V&ouml;lkerrecht.<\/p><p><strong>V&ouml;lkermord<\/strong><\/p><p>Premierminister Netanjahu redet offen davon, Gaza plattzumachen, w&ouml;rtlich am 8. Oktober: &bdquo;Wir werden Gaza zu einer Insel aus Ruinen machen&ldquo;. Verteidigungsminister Yoav Gallant sagte am 9. Oktober im Fernsehen: &bdquo;Es wird keinen Strom geben, keine Lebensmittel, keinen Treibstoff, alles ist geschlossen. Wir k&auml;mpfen gegen menschliche Tiere und wir handeln entsprechend.&ldquo; Der Sprecher der israelischen Armee, Daniel Hagari, sagte am 10. Oktober in Haaretz: &bdquo;Wir werfen hunderte Tonnen von Bomben auf Gaza. Der Fokus liegt auf Zerst&ouml;rung, nicht auf Genauigkeit&ldquo;. Pr&auml;sident Jitzchak Herzog sagte am 14. Oktober auf einer Pressekonferenz: &bdquo;Es ist ein ganzes Volk, das verantwortlich ist &hellip; Wir werden k&auml;mpfen, bis wir ihr R&uuml;ckgrat brechen&ldquo;. Solche Worte zeigen die Absicht, das Leben der Zivilbev&ouml;lkerung im Gazastreifen unter Missachtung des V&ouml;lkerrechts auszul&ouml;schen und die zivile Infrastruktur zu zerst&ouml;ren. Die Realit&auml;t der israelischen Kriegsf&uuml;hrung best&auml;tigt die Ank&uuml;ndigungen eindrucksvoll. Der bedeutende V&ouml;lkerrechtler Prof. <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=106148\">Norman Paech<\/a> meint unter Zitierung des Internationalen Rechts: &bdquo;Wir m&uuml;ssen uns eingestehen, das ist V&ouml;lkermord! &hellip; Nur unsere Medien wollen von all dem nichts wissen, v&ouml;llig der Staatsr&auml;son erlegen&ldquo;. Gest&uuml;tzt auf Erfahrungen &auml;u&szlig;erte Paech die Sorge, dass der Vorwurf des V&ouml;lkermords als purer Antisemitismus abgetan werde.<\/p><p><strong>Deutsche Haltung zu Israel<\/strong><\/p><p>Bei der Frage nach Deutschlands Verantwortung f&uuml;r Israel geht es nicht um pers&ouml;nliche Schuld des Einzelnen, sondern um eine historische Erblast Aller. Der Zeitablauf seit dem Ende des Nazistaates und des Holocausts macht millionenfaches Verbrechen nicht ungeschehen. Allerdings ist unvermeidlich, dass sich der Kulturbruch des &bdquo;Tausendj&auml;hrigen Reiches&ldquo; in eine lange deutsche Geschichte mit H&ouml;hen und Tiefen einreiht. Nach meiner pers&ouml;nlichen Bewertung (Jahrgang 1942, Zeitzeuge von KZ-Anlagen an meinem Wohnort, Ruhestandsrichter mit gro&szlig;er Sensibilit&auml;t f&uuml;r das Leiden der Juden im Dritten Reich) schuldet Deutschland dem Zufluchtsstaat der Holocaust&uuml;berlebenden auch heute noch moralische und politische Unterst&uuml;tzung. Diese Einordnung mag sich bei sp&auml;teren Generationen &auml;ndern.<\/p><p>Trotz meiner Empathie f&uuml;r die von einem schweren Schicksal betroffenen Juden bin ich entschieden der Meinung, dass Waffenlieferungen nicht zu den deutschen Beistandspflichten f&uuml;r den Staat Israel geh&ouml;ren. Denn die Geschichte seit 1948 lehrt, dass der Bestand Israels mit Kriegswaffen nicht gesichert werden kann. Einen wirklichen Schutz kann nur die internationale Gemeinschaft gew&auml;hrleisten. Zwingende Voraussetzung hierf&uuml;r ist eine Auss&ouml;hnung zwischen Israelis und Pal&auml;stinensern auf der Grundlage einer gerechten Friedensl&ouml;sung. Auf diesem Feld kann Deutschland seinen Beitrag leisten.<\/p><p>Elementar ist ein klares Bekenntnis zum Existenzrecht Israels. Die Staatsgr&uuml;ndung Israels &ndash; so umstritten sie seinerzeit auch war &ndash; ist ein abgeschlossener historischer Tatbestand. Im Vertrauen hierauf haben mehrere Generationen und Millionen Menschen ihre existenziellen Entscheidungen getroffen. Sie haben sich f&uuml;r ein Leben in Israel entschieden. Dieses Vertrauen muss gesch&uuml;tzt werden. Israel hat ein Recht auf Existenz &ndash; ohne Wenn und Aber! Es wird keine Revision zum Status vor 1948 geben. Das m&uuml;ssen auch die Pal&auml;stinenser begreifen. Gesprochen werden kann nur noch &uuml;ber Fragen des Wie eines Zusammenlebens zweier V&ouml;lker (vor allem Grenzziehungen, Siedlungs- und Entsch&auml;digungsfragen, Modelle der Staatlichkeit). Auf diesem Feld hat Deutschland eine historische Sonderverantwortung. Die deutsche Au&szlig;enpolitik muss endlich verstehen, dass Deutschland nicht nur gegen&uuml;ber dem Judenstaat, sondern auch gegen&uuml;ber den schuldlos aus ihrer Heimat vertriebenen Pal&auml;stinensern eine Verpflichtung hat.<\/p><p><strong>Staatsraison<\/strong><\/p><p>Wenngleich somit eine Sonderverantwortung Deutschlands f&uuml;r den Staat Israel besteht, hat diese Grenzen. Die ungeheure Schuld, die Deutsche gegen&uuml;ber dem j&uuml;dischen Volk auf sich geladen haben, darf nicht dazu f&uuml;hren, dass Deutschland nunmehr &ndash; gewisserma&szlig;en zum Ausgleich &ndash; eine ungerechte Politik Israels gegen&uuml;ber dem pal&auml;stinensischen Volk unterst&uuml;tzt und bei Menschen- und V&ouml;lkerrechtsverletzungen wegschaut und schweigt. Durch eine solche Haltung w&uuml;rde begangenes Unrecht nicht verringert oder gar geheilt werden. Vielmehr w&uuml;rde einer gro&szlig;en historischen Schuld eine weitere hinzugef&uuml;gt.<\/p><p>Vor diesem Hintergrund ist Merkels 2008 in der Knesset abgegebene Erkl&auml;rung, dass die Sicherheit Israels &bdquo;deutsche Staatsr&auml;son&ldquo; sei, problematisch. Zum einen ist diese Zusage vom Parlament nie best&auml;tigt worden, also im Bedarfsfall wenig belastbar. Zum anderen ist nirgendwo definiert, was Staatsr&auml;son eigentlich bedeutet. Der Begriff schillert zwischen verschiedenen Bedeutungsebenen, vor allem aber beschreibt er keine klaren Grenzen. Diese begriffliche Unsch&auml;rfe wird gerade heute sichtbar, wenn die Frage diskutiert wird, ob aus der zugesagten Staatsraison eine Pflicht zu Waffenlieferungen oder gar zu milit&auml;rischem Beistand abgeleitet werden kann. Der fr&uuml;here Bundespr&auml;sident Gauck ist &uuml;brigens bei einem Staatsbesuch in Israel erkennbar von Merkels Doktrin abger&uuml;ckt. Er sagte angesichts des damaligen Streits um das iranische Atomprogramm, die These von einer Staatsraison k&ouml;nne Deutschland in &bdquo;enorme Schwierigkeiten&rdquo; bringen.<\/p><p>Ungeachtet der Beliebigkeit des Begriffs Staatsr&auml;son ist klar, dass die deutsche Sonderverantwortung f&uuml;r Israel dort endet, wo das Friedensgebot des Grundgesetzes (Pr&auml;ambel und Art. 1 Abs. 2 GG) und die Normen des V&ouml;lkerrechts beginnen. Deutschland muss immer der St&auml;rke des Rechts verpflichtet sein und nicht dem Recht des St&auml;rkeren. Es darf nie mit zweierlei Ma&szlig;st&auml;ben messen. Was f&uuml;r die eine Seite recht ist, muss f&uuml;r die andere billig sein. Konkret hei&szlig;t das: Wer von pal&auml;stinensischen Terrorgruppen verlangt, dass sie ihre Raketenangriffe einstellen, muss gleichzeitig Israel auffordern, Luftangriffe auf Wohngebiete und gezielte T&ouml;tungsaktionen zu unterlassen.<\/p><p>Aus unserer Sonderverantwortung f&uuml;r Israel leiten sich auch wohlverstandene Freundschaftspflichten ab. Echte Freundschaft erweist sich nicht in der stillschweigenden Hinnahme oder gar Unterst&uuml;tzung von Fehlverhalten. Sie zeigt sich vielmehr im Mut, dem Freund notfalls in den Arm zu fallen, wenn er im Begriff ist, Fehler zu machen; andernfalls ist man ein bequemer und damit unzuverl&auml;ssiger Freund. Beispiel: Ein echter Freund nimmt seinem betrunkenen Begleiter die Autoschl&uuml;ssel weg, auch auf die Gefahr hin, dass er sich wehrt und laut wird. Gleiches gilt auch f&uuml;r das Verhalten Deutschlands gegen&uuml;ber Israel. Wenn erkennbar ist, dass Israel sich verl&auml;uft, muss Deutschland als Freund helfend eingreifen; jetzt w&auml;re die Zeit dazu. Die Legitimation f&uuml;r einen Eingriff wird nicht durch die tragischen Fehler deutscher Politik in der Vergangenheit beseitigt. Im Gegenteil, der in die Irre Gegangene kann den rechten Weg erfahrungsgem&auml;&szlig; am besten weisen.<\/p><p>Traurige Tatsache ist jedoch, dass Deutschland bei israelischen Rechtsbr&uuml;chen in der Regel schweigt. Gelegentliche Reaktionen der deutschen Bundesregierung sind oftmals Zeichen von bedr&uuml;ckender Einseitigkeit und Perspektivlosigkeit. Wenn etwa die deutsche Au&szlig;enministerin Baerbock sagt, &bdquo;In diesen Tagen sind wir alle Israelis&ldquo;, hat das mit recht verstandener Freundschaft nichts mehr zu tun. Diese &Auml;u&szlig;erung ist unterkomplex und der Verantwortung einer Ministerin nicht angemessen. Baerbock blendet offensichtlich aus, dass sich Israel auf einem verh&auml;ngnisvollen Irrweg befindet, der letztlich sogar seine Existenz in Gefahr bringen kann. Un&uuml;bersehbar nimmt in der arabischen Nachbarschaft das Unverst&auml;ndnis, bisweilen sogar der Hass gegen Israel zu; weltweit schwindet die Solidarit&auml;t mit Israel. Zweifelhaft ist auch, ob die von Israel seit Jahren verfolgte Politik der H&auml;rte gegen&uuml;ber dem pal&auml;stinensischen Volk die Gef&auml;hrdungen f&uuml;r die eigene Bev&ouml;lkerung verringert. Der Blutzoll der letzten Wochen spricht dagegen. <\/p><p>Die von Kanzler Scholz unl&auml;ngst abgegebene Erkl&auml;rung, &bdquo;Unsere Verantwortung, die sich aus dem Holocaust ergibt, macht es f&uuml;r uns zu einer ewigen Aufgabe, f&uuml;r die Existenz und Sicherheit des Staates Israel einzutreten&ldquo;, ist einseitig und gef&auml;hrlich. Sie ist gewisserma&szlig;en ein Blankoscheck in dem Sinne, dass Israel machen kann, was es will, und Deutschland hierbei sekundiert. Damit l&auml;sst der Kanzler das V&ouml;lkerrecht weit hinter sich. Au&szlig;erdem macht er sich zum naiven B&uuml;ttel eines rechtvergessenen und rachs&uuml;chtigen Apartheidstaates. Norman Paech mahnt eindringlich, wer gegen einen Waffenstillstand votiere oder sich der Stimme enthalte, mache sich zum Komplizen eines V&ouml;lkermords. V&ouml;lkermord sei ein Verbrechen, das nach &sect; 6 V&ouml;lkerstrafgesetzbuch und Art. 6 des R&ouml;mischen Statuts strafbar ist. Wer Israels Krieg unterst&uuml;tze, mache sich mitschuldig. Dies solle die Bundesregierung genau bedenken.<\/p><p><strong>Zukunftsszenario<\/strong><\/p><p>Das zentrale Problem ist, dass Israel keine erkennbare Strategie hat. Die Politik der jetzigen Regierung l&auml;sst nicht einmal ansatzweise erahnen, welche langfristigen Ziele mit Pal&auml;stina verfolgt werden. Es ist v&ouml;llig offen, ob die Besatzung des Westjordanlandes, die Apartheid und die gewaltsame Unterdr&uuml;ckung des pal&auml;stinensischen Volkes andauern sollen. Konkret: Sollen illegale Ausdehnung israelischer Siedlungsgebiete, Zerst&ouml;rung pal&auml;stinensischer H&auml;user, Vernichtung von Olivenplantagen, Enteignung der Grundbesitzer, Sperrung der Stra&szlig;en f&uuml;r die Ureinwohner weitergehen? Und was bedeutet die systematische Zersiedlung ganzer Gebiete auf der West Bank? Will man ein einheitliches Pal&auml;stinensergebiet verhindern in der Absicht, damit einen Pal&auml;stinenserstaat technisch unm&ouml;glich zu machen? Ist etwa daran gedacht, den Gazastreifen durch Vertreibung der Bewohner (&bdquo;ethnische S&auml;uberung&ldquo;) zu entv&ouml;lkern (&bdquo;Land ohne Volk&ldquo;), um das Gebiet perspektivisch dem Staat Israel einzugliedern (&bdquo;Modell Gro&szlig;israel&ldquo;)? <\/p><p>Deutschland zeigt an all diesen Fragen kein Interesse. Was ist mit den Pal&auml;stinensern? F&uuml;r ma&szlig;gebende K&ouml;pfe der Politik und der staatsnahen Medien sind Pal&auml;stinenser schlicht und einfach Terroristen &ndash; fertig! Es gibt kein Interesse, &uuml;ber die Ursachen des Terrors nachzudenken. Es ist viel einfacher, Pro-Pal&auml;stina-Proteste zu verbieten. In deutschen Nachrichtensendungen haben nur ukrainische und israelische Kriegsopfer Namen, Biografien und trauernde Familien, w&auml;hrend pal&auml;stinensische Bombenopfer nur in empathiefreien Tausenderpaketen gez&auml;hlt werden. Das offenbart schlechten Journalismus. Bedenkt man weiter, dass in Gaza nach vier Wochen Krieg schon mehr tote Zivilisten zu beklagen sind als im gesamten Ukrainekrieg, dann ist der gegen Deutschlands Medien erhobene Vorwurf, mit doppelten Ma&szlig;st&auml;ben zu messen, mehr als berechtigt. Offensichtlich begreift man h&ouml;heren Ortes nicht, dass aus verletztem Gerechtigkeitsgef&uuml;hl israelfeindliche Ressentiments und sogar neuer Antisemitismus entstehen k&ouml;nnen. Es ist ein Trauerspiel.<\/p><p>Doch wie soll es weitergehen? Gerade las ich in einem Zeitungsartikel ein Gedankenspiel &uuml;ber eine Utopie: ein einheitlicher Staat, benannt nach dem Urvater der monotheistischen Religionen, Abraham. Ein Staat als Heimst&auml;tte f&uuml;r Juden, Christen und Muslime. Israelis und Pal&auml;stinenser leben friedlich nebeneinander. Ein Staat ohne Nationalismus, kulturell vielf&auml;ltig, liberal, rechtsstaatlich und demokratisch. Warum sollte das nicht m&ouml;glich sein? Man muss es nur wollen &ndash; auf beiden Seiten, auch aufseiten des St&auml;rkeren.<\/p><p>So etwas gibt es: Ich habe erlebt, dass sich Utopien verwirklichen k&ouml;nnen. Die historischen Erzfeinde Deutschland und Frankreich haben sich dank zweier alter M&auml;nner vers&ouml;hnt. Beide L&auml;nder sind heute tragende Pfeiler eines m&uuml;hsam zusammenwachsenden Europas. Ich habe erlebt, dass Millionen Deutsche einen sowjetischen Pr&auml;sidenten, Michail Gorbatschow, jubelnd empfangen haben. Ich habe erlebt, dass sich das, was ich Jahrzehnte nicht zu tr&auml;umen wagte, praktisch &uuml;ber Nacht realisiert hat, dass es ein vereintes Deutschland gibt. Aus diesen Gl&uuml;ckserfahrungen leitet sich Zuversicht und eine Verpflichtung Deutschlands f&uuml;r das Schicksal von Israel und Pal&auml;stina ab. Ziel: Vers&ouml;hnung durch Gerechtigkeit. Doch leider fehlen zurzeit zwei alte M&auml;nner vom Format der damaligen Akteure. <\/p><p><strong>Nachtrag:<\/strong><\/p><p>Die obigen Ausf&uuml;hrungen enthalten israelkritische S&auml;tze, die das Potenzial haben, bewusst missverstanden zu werden. Deshalb erg&auml;nze ich meinen Text mit Anmerkungen zum Thema<\/p><p><strong>Antisemitismus<\/strong><\/p><p>Wenn ich als Deutscher das sage, was oben zu lesen ist, bin ich dann Antisemit?<\/p><p>Die Antwort ist ein klares Nein! Ich erkl&auml;re das anhand von vier Beispielen:<\/p><ol>\n<li>Ich darf die israelische Besatzungspolitik verurteilen, auch wenn ich mich dadurch in Gegensatz zum Staat Israel oder seiner Regierung setze.<\/li>\n<li>Ich darf den Staat Israel selbst dann kritisieren, wenn er sich als j&uuml;discher Staat versteht. <\/li>\n<li>Ich darf den israelischen Krieg gegen Gaza als falsch und v&ouml;lkerrechtswidrig bezeichnen.<\/li>\n<li>Mehr noch: Ich darf sogar einen Menschen als unsympathisch finden, auch wenn dieser Mensch ein Jude ist.<\/li>\n<\/ol><p>Das alles macht mich nicht zum Antisemiten, sondern &ndash; wenn sich meine pers&ouml;nlichen und politischen Einsch&auml;tzungen als falsch erweisen &ndash; m&ouml;glicherweise zum Dummkopf.<\/p><p>Im Grunde ist es ganz einfach: Was ich mit Blick auf Syrien, Iran, Russland, Gro&szlig;britannien und USA kritisieren darf, kann mit Blick auf Israel nicht schlechthin verboten sein. Da macht das Recht keinen Unterschied.<\/p><p>Die Grenze des Erlaubten wird erst dann &uuml;berschritten, wenn Werturteile nicht an Tatsachen ankn&uuml;pfen, sondern an Ressentiments.<\/p><p>&Uuml;berspitzt ausgedr&uuml;ckt: Der Antisemit nimmt dem Juden nicht &uuml;bel, wie er ist und was er sagt oder tut, sondern dass er &uuml;berhaupt existiert. Der Antisemit, ver&uuml;belt dem Juden alles &ndash; selbst wenn dieser das Gegenteil tun w&uuml;rde, weil er ihn, den Juden, einfach nicht mag.<\/p><p>Auf Staatsebene &uuml;bertragen hei&szlig;t das: Den Antisemiten st&ouml;rt weniger, was Israel tut oder unterl&auml;sst, sondern ihn st&ouml;rt, dass es den Staat Israel &uuml;berhaupt gibt. Israelkritik hingegen ist etwas v&ouml;llig anderes; es ist Missfallen an Fehlentwicklungen staatlichen Handelns. Deshalb waren die seinerzeit gegen G&uuml;nter Grass, Martin Walser und Jakob Augstein erhobenen Antisemitismusvorw&uuml;rfe diffamierend.<\/p><p>Nebenbei bemerkt: Ich kenne Juden, deutsche und israelische, die die Entwicklung Israels viel heftiger kritisier(t)en, als ich es in obigem Text getan habe. Diese aufrechten und mutigen j&uuml;dischen Pers&ouml;nlichkeiten sind\/waren keine Antisemiten, sondern Humanisten.<\/p><p>Deshalb lassen wir uns nicht kopfscheu machen! &Uuml;ben wir Kritik, klar, sorgf&auml;ltig und entschieden, wenn es n&ouml;tig ist, aber stets mit Empathie f&uuml;r das Judentum und f&uuml;r j&uuml;dische Menschen. Aber tappen wir nicht blindlings in eine raffinierte Falle! Der Vorwurf des Antisemitismus wird h&auml;ufig als Kn&uuml;ppel ben&uuml;tzt, um jede Kritik an Israel im Keim zu ersticken.<\/p><p><strong>Quellen und Anmerkungen:<\/strong><\/p><ul>\n<li><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=72468\">nachdenkseiten.de &ndash; Klimaschutz &ndash; Bundesverfassungsgericht weist Weg in die Zukunft<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.heise.de\/tp\/features\/Corona-Rechtsstaat-auf-dem-Pruefstand-4706155.html?seite=all\">heise.de &ndash; Corona: Rechtsstaat auf dem Pr&uuml;fstand <\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=34333\">nachdenkseiten.de &ndash; Peter Vonnahme schreibt in einem Zwischenruf, Terrorismus sei besiegbar<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.rubikon.news\/artikel\/schluss-mit-der-ignoranz\">rubikon.news &ndash; Schluss mit der Ignoranz!<\/a><\/li>\n<li><a href=\"https:\/\/www.hintergrund.de\/feuilleton\/zeitfragen\/vorboten-einer-neuzeitlichen-voelkerwanderung\/\">hintergrund.de &ndash; Vorboten einer neuzeitlichen V&ouml;lkerwanderung<\/a><\/li>\n<\/ul><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;*<\/a>] <strong>Peter Vonnahme<\/strong><br>\nRichter am Bayerischen Verwaltungsgerichtshof i. R.<\/p>\n<p>Von 1982 bis 2007 Richter am Bayerischen Verwaltungsgerichtshof in M&uuml;nchen, Mitglied der deutschen Sektion der International Association of Lawyers Against Nuclear Arms (IALANA), von 1995 bis 2001 Bundesvorstand der Neuen Richtervereinigung. Seit 2007 publizistisch t&auml;tig, Schwerpunkt: Rechtsstaat und Politik.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><strong>Peter Vonnahme<\/strong>[<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=106411#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>], ehemaliger Richter am Bayerischen Verwaltungsgerichtshof, hat f&uuml;r die NachDenkSeiten einen Text zum Geschehen in Nahost geschrieben. Es ist die kritische Betrachtung und Einordnung der Vorg&auml;nge durch einen im V&ouml;lkerrecht geschulten Zeitgenossen. Eine biografische Notiz zum Autor finden Sie am Ende des Textes. 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