{"id":106511,"date":"2023-11-10T14:00:39","date_gmt":"2023-11-10T13:00:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=106511"},"modified":"2023-11-17T14:24:26","modified_gmt":"2023-11-17T13:24:26","slug":"der-begriff-staatsraeson-sollte-in-unseren-beziehungen-zum-staat-israel-nicht-mehr-verwendet-werden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=106511","title":{"rendered":"Der Begriff \u201eStaatsr\u00e4son\u201c sollte in unseren Beziehungen zum Staat Israel nicht mehr verwendet werden"},"content":{"rendered":"<p>Ich habe Jura studiert. In meinem Studium kam das Wort nicht vor. Jedenfalls steht es nicht im Grundgesetz. Nur wer sich mit Rechtsgeschichte befasste, stie&szlig; um das Jahr 1500 bei Machiavelli auf den Begriff Staatsr&auml;son. Dessen Thesen hatten mit Demokratie rein gar nichts zu tun. Von <strong>Gerhard Fulda<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDer F&uuml;rst &uuml;bte die Gewalt aus, um den Staat und seine eigene Macht zu erhalten &ndash; ohne irgendwelche Einschr&auml;nkungen. Er durfte l&uuml;gen und betr&uuml;gen, einsperren und t&ouml;ten. Recht, Moral oder der Wille der B&uuml;rger spielten keine Rolle. wenn er glaubte, fremde M&auml;chte nicht anders abwehren zu k&ouml;nnen. Der Zweck des Staates &ndash; seine Staatsr&auml;son &ndash; war der Fortbestand dieses Staates gegen jegliche Gef&auml;hrdung.<\/p><p>Wie konnte ein solches Wort Eingang finden in den Text der Rede der deutschen Bundeskanzlerin vor der Knesset am 18. M&auml;rz 2008?<\/p><p>Erstmals vier Jahre zuvor war die Sicherheit Israels in einem Essay des damaligen deutschen Botschafters in Israel, Rudolf Dre&szlig;ler, als deutsche Staatsr&auml;son bezeichnet worden (in: Aus Politik und Zeitgeschehen vom 4.4.2004).<\/p><p>Dre&szlig;ler war, bevor er als Seiteneinsteiger Diplomat wurde, mit dem Schwerpunkt Sozialpolitik langj&auml;hriger Abgeordneter der SPD im Bundestag. Davor hatte er als Gewerkschaftler re&uuml;ssiert mit einer handwerklichen Ausbildung als Schriftsetzer &ndash; jedenfalls kein Lebenslauf, in dem vertiefte Studien der Rechtsgeschichte eine Selbstverst&auml;ndlichkeit gewesen sein k&ouml;nnen.<\/p><p>Er d&uuml;rfte wohl kaum gewusst haben, welchen bedeutungsschweren Hintergrund er mit seiner Ver&ouml;ffentlichung in das allgemeine Bewusstsein getragen hat. Bisher schweigt Dre&szlig;ler zu der Frage, wer ihn zum Gebrauch dieser Formel &uuml;berzeugt hat.  Der Aufsatz war so etwas wie ein Res&uuml;mee seiner f&uuml;nf Jahre in Israel. Es ist also nicht auszuschlie&szlig;en und sogar wahrscheinlich, dass die geistigen Wurzeln der Wiederbelebung eines aus dem Gebrauch gekommenen Begriffs bei israelischen Gespr&auml;chspartnern zu finden sind.<\/p><p>Daf&uuml;r spricht auch ein weiteres Element in Dre&szlig;lers Aufsatz: Das Wort Staatsr&auml;son steht zwar auff&auml;llig im Titel und als letzter Satz &ndash; jeweilig bezogen auf Deutschland. Mitten im Text kommt es aber zuerst vor als &bdquo;israelische Staatsr&auml;son&ldquo;:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Der Holocaust-Gedenktag in Yad Vashem ist Teil der israelischen Staatsr&auml;son.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Das w&uuml;rde vor allem dann Sinn machen, wenn man mit dem Begriff Staatsr&auml;son beschreiben wollte, welche Gr&uuml;nde zum Entstehen des Staates gef&uuml;hrt haben: Der Holocaust hat den zionistischen Bem&uuml;hungen, weg von unterdr&uuml;ckten Minderheiten in mehreren Staaten jetzt eine Heimstatt mit einem eigenen Staat zu finden, den entscheidenden politischen Auftrieb gegeben.<\/p><p>Trotzdem hat die Kenntnis solcher historischer Zusammenh&auml;nge offenbar nicht zu einem verbreiteten Sprachgebrauch der Staatsr&auml;son in israelischen Medien beigetragen. <\/p><p>Niemand unter den mir bekannten und hebr&auml;isch sprechenden Kennern Israels hat daf&uuml;r eine Fundstelle gefunden. Auf Fragen hie&szlig; es bei allen, von diesem Gedanken nie etwas geh&ouml;rt zu haben.<\/p><p>Aber Dre&szlig;ler kann sich das auch nicht einfach ausgedacht haben.<\/p><p>Bisher hat sich niemand dazu bekannt, in den von wem auch immer verfassten Entwurf f&uuml;r Merkels Rede vor der Knesset die Staatsr&auml;son eingef&uuml;gt und die Kanzlerin davon &uuml;berzeugt zu haben.<\/p><p>Frau Merkel hatte damals in au&szlig;enpolitischen Fragen drei enge, vertraute Berater. Die B&uuml;roleiterin Beate Baumann hatte Germanistik und Anglistik studiert. Unwahrscheinlich, dass es ihre Initiative war. Der Leiter der Abteilung Au&szlig;enpolitik im Kanzleramt, Christoph Heusgen, hat erkl&auml;rt, er habe den Begriff nicht vorgeschlagen. Der Dritte war der israelische Botschafter Shimon Stein. Beobachter sprachen von &bdquo;einer richtigen Freundschaft&ldquo; mit Frau Merkel. Abgeschlossenes Studium im Fach Geschichte. Im Ruhestand Senior Research Fellow an der Universit&auml;t Tel Aviv. Wiederholte Stellungnamen zu den Themen Staatsr&auml;son und Antisemitismus. <\/p><p>Seit 2005 war Stein der Kanzlerin ein gern gesehener, h&auml;ufiger Gast. Das hing auch mit Merkels Aufwachsen in der fr&uuml;heren DDR zusammen. Dort hatte die Regierung mit Wiedergutmachung nie etwas im Sinn. Schlie&szlig;lich waren die Kommunisten ebenfalls Opfer und nicht schuld am Holocaust, sondern &bdquo;die da dr&uuml;ben&ldquo;. Jetzt k&ouml;nnte ihr in Aussicht gestellt worden sein, sie k&ouml;nne die Hauptrolle in einer &bdquo;historischen Aufarbeitung&ldquo; &uuml;bernehmen. In der Knesset-Rede hat sie selbst solche Zusammenh&auml;nge angesprochen.<\/p><p>Ihr scheint nicht bewusst geworden zu sein, dass ihr m&ouml;glicherweise in dieser pers&ouml;nlichen Beziehung eine einseitig von israelischen Interessen gesteuerte Sichtweise suggeriert worden ist.<\/p><p>Das alles bleiben bisher nur Vermutungen. Trotzdem sind die Indizien, die eine Einwirkung von au&szlig;en nahelegen, bereits ein Grund, nicht mehr ohne sorgf&auml;ltige Pr&uuml;fung die Staatsr&auml;son in den Mund zu nehmen.<\/p><p>Dre&szlig;ler hatte noch leichtfertig geschrieben: &bdquo;Die gesicherte Existenz Israels liegt im nationalen Interesse Deutschlands, ist somit Teil unserer Staatsr&auml;son&ldquo;. Da fehlte nicht nur eine sorgf&auml;ltige Pr&uuml;fung, sondern auch einfachste Logik. &bdquo;Liegt im nationalen Interesse Deutschlands, i s t    s o m i t  Teil unserer Staatsr&auml;son&ldquo;!! Dann hatte seine Staatsr&auml;son also viele, viele Teile; was liegt nicht alles in unserem nationalen Interesse.<\/p><p>Trotz alledem &ndash; Heute tragen viele Politiker die Staatsr&auml;son wie eine Monstranz vor sich her. Damit wird gern jede Israelkritik verhindert.<\/p><p>Tats&auml;chlich wei&szlig; aber niemand, wie man diesen Begriff verstehen sollte. Das ging auch Frau Merkel in der Knesset so: Sie hielt es f&uuml;r n&ouml;tig, einen Satz mit der Einleitung &bdquo;Das hei&szlig;t&ldquo; nachzuschieben:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Das hei&szlig;t, die Sicherheit Israels ist f&uuml;r mich als deutsche Bundeskanzlerin niemals verhandelbar.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Merkw&uuml;rdig, dass sie sich dann schon mit dem n&auml;chsten Satz selbst widersprochen hat. Sie erw&auml;hnte die Nuklearverhandlungen mit dem Iran, an denen die Bundesrepublik ma&szlig;geblich beteiligt war. Dort ging es letztlich darum, dass Israel in der Region die einzige Nuklearmacht bleiben sollte, mit starkem Potential der Abschreckung.<\/p><p>In Wirklichkeit wurde also bereits &uuml;ber die Sicherheit Israels verhandelt. Die Kanzlerin offenbarte also mit der Definition, dass der scheinbar so gewichtige Grundsatz nicht wirklich belastbare neue Substanz enthielt.<\/p><p>Man kann mit guten Gr&uuml;nden die Meinung vertreten, dass eine Staatsr&auml;son mit unserem Grundgesetz nicht vereinbar ist. Ihr &bdquo;Basta&ldquo;-Charakter verletzt die Meinungsfreiheit und die Menschenw&uuml;rde. Ihre Verwendung beamt uns im Verst&auml;ndnis unserer Staatslehre um 400 Jahre zur&uuml;ck. Dann k&ouml;nnten wir auch gleich wieder glauben, die Sonne drehe sich um die Erde.<\/p><p>Gerhard Fulda, Berlin<\/p><p><em>Leserbriefe zu diesem Beitrag <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=106850\">finden Sie hier<\/a>.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich habe Jura studiert. In meinem Studium kam das Wort nicht vor. Jedenfalls steht es nicht im Grundgesetz. Nur wer sich mit Rechtsgeschichte befasste, stie&szlig; um das Jahr 1500 bei Machiavelli auf den Begriff Staatsr&auml;son. 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