{"id":106731,"date":"2023-11-15T08:45:00","date_gmt":"2023-11-15T07:45:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=106731"},"modified":"2023-11-15T16:13:27","modified_gmt":"2023-11-15T15:13:27","slug":"die-gdl-streikt-wieder-und-das-ist-auch-gut-so","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=106731","title":{"rendered":"Die GDL streikt wieder \u2013 und das ist auch gut so"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;Jetzt geht das schon wieder los&ldquo;, wird sich so manch ohnehin dauergenervter Bahnkunde jetzt denken. Zwar ist die Planung von l&auml;ngeren oder auch k&uuml;rzeren Bahnreisen in Deutschland inzwischen generell ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang, was die Verl&auml;sslichkeit der Verbindungen betrifft. Doch jetzt setzt auch noch die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivf&uuml;hrer (GDL) bereits wenige Tage nach dem ersten Gespr&auml;ch in der Tarifrunde mit der Bahn AG einen drauf. Heute beginnt um 22 Uhr ein 20-st&uuml;ndiger Warnstreik, der alle Sparten des Bahnverkehrs (Fern-, Nah- und G&uuml;terverkehr) weitgehend lahmlegen wird, und zu dem nicht nur die Lokf&uuml;hrer, sondern auch Zugbegleiter, Werkstattmitarbeiter und Disponenten in allen Unternehmen des Bahn-Konzerns und Fahrdienstleiter sowie weitere Berufsgruppen bei DB Netz zum Streik aufgerufen wurden. Von <strong>Rainer Balcerowiak<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_6878\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-106731-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/231115_Die_GDL_streikt_wieder_und_das_ist_auch_gut_so_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/231115_Die_GDL_streikt_wieder_und_das_ist_auch_gut_so_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/231115_Die_GDL_streikt_wieder_und_das_ist_auch_gut_so_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/231115_Die_GDL_streikt_wieder_und_das_ist_auch_gut_so_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=106731-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/231115_Die_GDL_streikt_wieder_und_das_ist_auch_gut_so_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"231115_Die_GDL_streikt_wieder_und_das_ist_auch_gut_so_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>&Uuml;berraschend kommt das nicht, denn der GDL-Vorsitzende Claus Weselsky, der dieses Amt im kommenden Jahr nach 16 Jahren abgeben wird, hatte bereits vor Beginn der Verhandlungen unmissverst&auml;ndlich klargestellt, dass seine Gewerkschaft kein Interesse an einer H&auml;ngepartie in Form von mehr oder weniger unverbindlichen Plauderrunden habe, sondern an einem schnellen Ergebnis interessiert sei, was wohl kaum ohne massive Arbeitsniederlegungen zu erreichen sein werde. Und wer diese relativ kleine, aber sehr schlagkr&auml;ftige Spartengewerkschaft in den vergangenen Jahren ein bisschen verfolgt hat, konnte wissen, dass Weselsky zu jener raren Spezies von Gewerkschaftsf&uuml;hrern geh&ouml;rt, deren manchmal auch markigen Ank&uuml;ndigungen man durchaus Glauben schenken kann.<\/p><p><strong>Knackpunkt ist die Arbeitszeitverk&uuml;rzung<\/strong><\/p><p>&Uuml;ber eine Lohnerh&ouml;hung nebst einer steuerfreien Einmalzahlung als Inflationsausgleichspr&auml;mie h&auml;tte man sich sicherlich einigen k&ouml;nnen. Die entsprechenden Forderungen der GDL nach einer Entgelterh&ouml;hung von 555 Euro f&uuml;r alle Lohngruppen pro Monat und einer Einmalzahlung von 3.000 Euro sprengen keineswegs den Rahmen des in vergleichbaren Tarifsegmenten Verhandelten und auch bei Abschl&uuml;ssen Vereinbarten. Das Angebot der Bahn vom vergangenen Donnerstag sah statt der einheitlichen Erh&ouml;hung eine prozentuale Lohnsteigerung um 11 Prozent und eine Einmalzahlung von 2850 Euro vor. Eine gr&ouml;&szlig;ere Differenz gab es bei der angestrebten Laufzeit des neuen Tarifvertrages. Die GDL h&auml;tte gerne 12 Monate, die Bahn am liebsten 32. Doch in dieser Frage einigt man sich bei Tarifverhandlungen traditionell ziemlich in der Mitte. Nach gro&szlig;em Konfliktpotential klingt das jedenfalls nicht, und einen derart massiven, fl&auml;chendeckenden Warnstreik wenige Tage nach Verhandlungsbeginn w&uuml;rde dies auch kaum rechtfertigen.<\/p><p>Doch f&uuml;r die GDL steht in dieser Tarifrunde eine andere Forderung im Mittelpunkt: Die Absenkung der Wochenarbeitszeit f&uuml;r Schichtarbeiter von 38 auf 35 Stunden bei vollem Lohnausgleich. Und in dieser Frage hatte der Bahn-Vorstand bereits vor Beginn der Tarifrunde kategorisch ausgeschlossen, dar&uuml;ber auch nur zu verhandeln. Weil das a) viel zu teuer sei, und man b) die dann notwendigen Neueinstellungen mangels Fachkr&auml;ften auf dem leergefegten Arbeitsmarkt gar nicht realisieren k&ouml;nnte, erl&auml;uterte Vorstandschef Martin Seiler diese Haltung. Was f&uuml;r Weselsky nat&uuml;rlich eine Steilvorlage war. Weil es a) h&ouml;chste Zeit sei, die T&auml;tigkeiten von Schichtarbeiten angemessen zu honorieren und ihre Belastung zu reduzieren, und dass b) nur derartige Schritte eine Perspektive er&ouml;ffnen w&uuml;rden, dass gen&uuml;gend Menschen derartige Berufe k&uuml;nftig &uuml;berhaupt noch erlernen und aus&uuml;ben wollen. Seit Jahren beschwere sich das Management dar&uuml;ber, dass es nicht genug Nachwuchskr&auml;fte f&uuml;r diese Berufe gebe. Aber eine &bdquo;z&uuml;ndende Idee, wie man dem abhelfen kann&ldquo;, habe er von dieser Seite in all den Jahren nicht vernommen, kritisiert er. Man habe als Gewerkschaft aber verstanden, dass die &bdquo;Work-Life-Balance&ldquo; gerade f&uuml;r j&uuml;ngere Menschen bei der Berufswahl einen viel h&ouml;heren Stellenwert habe als fr&uuml;her. <\/p><p>Eine Einsch&auml;tzung, mit der Weselsky wahrlich nicht alleine steht. Auch die IG Metall setzt bei den jetzt anlaufenden Tarifverhandlungen in der Stahlindustrie auf eine Verk&uuml;rzung der Wochenarbeitszeit von 35 auf 32 Stunden bei vollem Lohnausgleich und einem Stufenplan f&uuml;r die Einf&uuml;hrung der Vier-Tage-Woche. &Auml;hnliches wird auch die n&auml;chste Tarifrunde bei den Berliner Verkehrsbetrieben pr&auml;gen, einem der gr&ouml;&szlig;ten deutschen Nahverkehrsunternehmen. &bdquo;Sollten die Arbeitgeber also glauben, die GDL am Nasenring durch die Manege f&uuml;hren zu k&ouml;nnen, haben sie sich geirrt. Die GDL-Mitglieder belehren sie gerne eines Besseren, auch gemeinsam mit Mitgliedern anderer Gewerkschaften&ldquo;, kommentiert das Weselsky.<\/p><p><strong>Komplizierte Situation durch Tarifeinheitsgesetz<\/strong><\/p><p>Bahn-Chef Seiler schwingt derweil die bekannte, leicht ranzige rhetorische Keule gegen die GDL. Mit ihrem &bdquo;unverantwortlichen&ldquo; Streik vor den unmittelbar bevorstehenden weiteren Verhandlungen w&uuml;rde sie &bdquo;Millionen Menschen in Haftung nehmen und die Sozialpartnerschaft mit F&uuml;&szlig;en treten&ldquo;. Auch die einschl&auml;gigen Medien laufen sich allm&auml;hlich in ihrem Furor gegen den &bdquo;Egomanen&ldquo; Weselsky warm. Geschenkt. Wie auch der &bdquo;Appell&ldquo; von Bundesverkehrsminister Volker Wissing (FDP), doch bitte den &bdquo;Weihnachtsfrieden&ldquo; zu wahren. Doch statt sich mit barmendem Geblubber unversch&auml;mterweise in Tarifauseinandersetzungen einzumischen, sollte sich Wissing endlich mal um den maroden Bahn-Konzern k&uuml;mmern, dessen oberster Dienstherr er ist. <\/p><p>Der heutige Warnstreik wird bestimmt nicht der letzte sein. Im Gegenteil: Weselsky hat bereits angek&uuml;ndigt, sehr schnell eine Urabstimmung &uuml;ber unbefristete Streiks einleiten zu wollen, falls die Bahn bei ihrer Verweigerungshaltung bleibe. Und auch diese Ank&uuml;ndigung kann man getrost f&uuml;r bare M&uuml;nze nehmen. Doch die Sache hat einen Haken. Zwar spricht einiges daf&uuml;r, dass die GDL ihre Forderungen in der laufenden Tarifrunde teilweise durchsetzen kann, das bedeutet aber nicht, dass alle ihre Mitglieder davon automatisch profitieren w&uuml;rden. Denn die Bahn wendet das Tarifeinheitsgesetz (TEG) an, wonach in Betrieben mit konkurrierenden Tarifvertr&auml;gen derjenige mit der jeweiligen Mehrheitsgewerkschaft gilt. Das betrifft beim Bahn-Konzern 71 von insgesamt rund 300 Betrieben. Den bis vor wenigen Jahren konzernweit geltenden Spartentarifvertrag f&uuml;r Lokf&uuml;hrer, die zu &uuml;ber 80 Prozent in der GDL organisiert sind, gibt es durch die Anwendung des TEG nicht mehr. <\/p><p>Zwar sind die juristischen Auseinandersetzungen um die Mehrheitsfeststellung noch lange nicht abgeschlossen, aber derzeit geht die Bahn davon aus, dass GDL-Tarifvertr&auml;ge nur in 18 Betrieben angewendet werden m&uuml;ssen. In den anderen gilt der aktuelle Tarifabschluss der konkurrierenden Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG). Und die hatte keinerlei Forderungen f&uuml;r Schichtarbeiter aufgestellt und agiert ohnehin seit Jahren sehr konzernfreundlich. Bislang hatte die Bahn nach guten GDL-Tarifabschl&uuml;ssen f&uuml;r das Zugpersonal allerdings der EVG angeboten, diese Ergebnisse zu &uuml;bernehmen, um unterschiedliche Arbeitszeitregelungen und Entlohnungen innerhalb des Konzerns zu vermeiden. Doch ob das diesmal auch so funktionieren w&uuml;rde, ist alles andere als sicher. Wobei schwer vorstellbar ist, dass es sich das Bahn-Management angesichts der ohnehin angespannten innerbetrieblichen Konstellation leisten kann und will, GDL-Lokf&uuml;hrer in EVG-dominierten Betrieben von jenen Verbesserungen auszuschlie&szlig;en, die sich diese eigentlich gerade erfolgreich erstreikt haben. <\/p><p>Jetzt wird jedenfalls erstmal gestreikt &ndash; und das ist auch gut so, denn anders geht es anscheinend nicht. Wer in den kommenden Wochen &ndash; also auch in der Weihnachtszeit &ndash; Reisen plant, sollte sich vielleicht Alternativen zum Schienenverkehr suchen. Und auf keinen Fall in die vermutlich bald heftig anschwellende Hetze gegen Weselsky und die GDL einsteigen. Denn deren konsequenter Kampf f&uuml;r bessere Bezahlung und bessere Arbeitsbedingungen ist &ndash; und das nicht zum ersten Mal &ndash; ein wichtiger Impuls f&uuml;r die mitunter recht dr&ouml;ge Gewerkschaftsbewegung. <\/p><p><small>Titelbild: Jiaye Liu\/shutterstock.com<\/small><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/b29ed13aa83a402e9854d86de19124ae\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;Jetzt geht das schon wieder los&ldquo;, wird sich so manch ohnehin dauergenervter Bahnkunde jetzt denken. Zwar ist die Planung von l&auml;ngeren oder auch k&uuml;rzeren Bahnreisen in Deutschland inzwischen generell ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang, was die Verl&auml;sslichkeit der Verbindungen betrifft. 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