{"id":10678,"date":"2011-09-08T15:10:51","date_gmt":"2011-09-08T13:10:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=10678"},"modified":"2014-09-10T13:08:14","modified_gmt":"2014-09-10T11:08:14","slug":"burgerkonvent-2-0-die-deutsche-tea-party-bewegung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=10678","title":{"rendered":"B\u00fcrgerkonvent 2.0 \u2013 die deutsche Tea-Party-Bewegung"},"content":{"rendered":"<p>Derzeit sorgt ein polemisches <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/soziales\/0,1518,784869,00.html\">Anti-Euro-Video<\/a> im Netz f&uuml;r Furore. Hinter diesem Video steckt eine Plattform namens &bdquo;Abgeordnetencheck&ldquo;, die sich selbst als soziales Netzwerk engagierter B&uuml;rger darstellt. Diese Eigendarstellung ist jedoch nicht haltbar. Hinter &bdquo;Abgeordnetencheck&ldquo; verbirgt sich ein Netzwerk von marktfundamentalistischen und erzkonservativen Lobbyorganisationen, das sogar den ber&uuml;chtigten &bdquo;B&uuml;rgerkonvent&ldquo; von Meinhard Miegel f&uuml;r seine Zwecke wiederbelebt. Die &bdquo;rechte APO&ldquo; geht mit der Zeit und k&ouml;nnte sich zu einer deutschen Tea-Party-Bewegung entwickeln. Von Jens Berger<br>\n<!--more--><br>\nThink-Tanks und Lobbyorganisationen haben meist den Nachteil, dass der interessierte Beobachter relativ schnell herausfindet, wer hinter diesen Organisationen steckt, wer sie finanziert und wessen Interessen somit vorgetragen werden. Klassische Lobbyorganisation haben daher auch das Problem, dass es ihnen schwer f&auml;llt, den Eindruck zu erwecken, sie vertr&auml;ten die Interessen des Volkes oder gar der Mehrheit. Um diesem Defizit entgegenzutreten, startete im Jahre 2003 der <a href=\"http:\/\/www.lobbypedia.de\/index.php\/B%C3%BCrgerKonvent\">B&uuml;rgerkonvent<\/a>. Der B&uuml;rgerkonvent wurde in seiner Anfangszeit in der &Ouml;ffentlichkeit vom bekannten neoliberalen Vordenker und <a href=\"http:\/\/www.swr.de\/odysso\/-\/id=1046894\/nid=1046894\/did=3286148\/16bsidm\/index.html\">Lobbyisten<\/a> Meinhard Miegel vertreten und sollte den Eindruck erwecken, er sei keine Lobbyorganisation, sondern ein zivilgesellschaftliches B&uuml;ndnis <a href=\"http:\/\/www.heise.de\/tp\/artikel\/14\/14811\/1.html\">reformfreudiger B&uuml;rger<\/a>. Dieser Bluff ging jedoch nicht auf. <\/p><p>Schon bald kam heraus, dass hinter dem Konvent, der selbst zu seinen &bdquo;Glanzzeiten&ldquo; nur 500 Mitglieder hatte, so bekannte Personen wie Hans-Olaf Henkel, Roland Berger, Otto Graf Lambsdorff und Rupert Scholz standen und die Anschubfinanzierung in H&ouml;he von rund sechs Millionen Euro von niemand anderem als Baron August von Finck jr. <a href=\"http:\/\/www.spiegelgruppe.de\/spiegelgruppe\/home.nsf\/PMWeb\/44F6738E9157E86CC12570D70036FC58\">stammten<\/a>. Die politische Ausrichtung von Fincks hat sein langj&auml;hriger Intimus Ferdinand Graf von Galen einst mit dem Satz &bdquo;Rechts vom Gustl steht blo&szlig; noch Dschingis Khan&ldquo; umschrieben. Vor zwei Jahren gelangte der sonst so &ouml;ffentlichkeitsscheue von Finck einmal mehr als gro&szlig;z&uuml;giger Spender der FDP durch die <a href=\"http:\/\/www.spiegelfechter.com\/wordpress\/1739\/der-alte-mann-und-die-fdp\">&bdquo;M&ouml;venpick-Aff&auml;re&ldquo;<\/a> in die Schlagzeilen. Nach diesen Enth&uuml;llungen wurde es ruhig um den B&uuml;rgerkonvent, dessen Fassade als B&uuml;rgerbewegung nun nicht mehr aufrecht zu erhalten war.<\/p><p><strong>Neue Netzwerke<\/strong><\/p><p>Seit diesem Jahr setzt der B&uuml;rgerkonvent voll auf eine neue Onlinestrategie und hat sich daf&uuml;r personell und organisatorisch mit einer Pressuregroup namens <a href=\"http:\/\/www.zivilekoalition.de\/\">&bdquo;Zivile Koalition e.V.&ldquo;<\/a> verbunden. Zu diesem eng verbundenen Netzwerk geh&ouml;ren ebenfalls die Internetplattform <a href=\"http:\/\/www.abgeordneten-check.de\/\">&bdquo;Abgeordnetencheck&ldquo;<\/a> (nicht zu verwechseln mit dem seri&ouml;sen Projekt &bdquo;Abgeordnetenwatch&ldquo;), die Internetplattform <a href=\"http:\/\/www.freiewelt.net\/\">&bdquo;Freie Welt&ldquo;<\/a>, die erzkonservative <a href=\"http:\/\/www.familien-schutz.de\/\">&bdquo;Initiative Familienschutz&ldquo;<\/a> und die <a href=\"http:\/\/www.derrechtsstaat.de\/\">&bdquo;Allianz f&uuml;r den Rechtsstaat e.V.&ldquo;<\/a> &ndash; ein Verein, der sich f&uuml;r die R&uuml;ckgabe des in der DDR verstaatlichten Gro&szlig;grundbesitzes an die alten Junkerfamilien einsetzt. <\/p><p>Lose verbunden ist dieses <a href=\"http:\/\/www.zivilekoalition.de\/netzwerk\">Netzwerk<\/a> mit verschiedenen marktradikalen und ultrakonservativen Lobbygruppen und Initiativen wie der &bdquo;Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft&ldquo;, der &bdquo;Friedrich A. von Hayek-Gesellschaft&ldquo;, dem &bdquo;Bund Deutscher Steuerzahler&ldquo; oder der &bdquo;Stiftung Ja zum Leben&ldquo;. Man tauscht sich und seine Artikel aus, promotet die Netzwerkpartner, startet gemeinsame Aktionen. Das Portal &bdquo;Abgeordnetencheck&ldquo; verfolgt dabei die Aufgabe, Parlamentarier auf ihre Gesinnungstreue in marktradikalen und wertkonservativen politischen Positionen abzuklopfen &ndash; wer bedingungslos die Axt an den Sozialstaat legen will, hat bestanden, wer sich dem neoliberalen Wahn verweigert, f&auml;llt durch.<\/p><p>Mit einer B&uuml;rgerbewegung hat dieses Netzwerk jedoch genauso viel zu tun wie der B&uuml;rgerkonvent selbst. Meinungspluralit&auml;t und Partizipation werden lediglich nach au&szlig;en hin vorget&auml;uscht, hinter den Kulissen findet man immer wieder die gleichen Gesichter aus dem Beirat von &bdquo;Abgeordnetencheck&ldquo;, die sich im Netzwerk ein fr&ouml;hliches Stelldichein geben.<\/p><p><strong>Die zweite Generation des B&uuml;rgerkonvents:<\/strong><\/p><ul>\n<li>Karl Feldmeyer &ndash; Journalist, ehem. FAZ, regelm&auml;&szlig;iger Autor der Jungen Freiheit<\/li>\n<li>Beatrix von Storch (geb. Herzogin von Oldenburg) &ndash; Lobbyistin, Vorstand B&uuml;rgerkonvent e.V., Vorstand Zivile Koalition e.V., Vorstand Allianz f&uuml;r den Rechtsstaat e.V.<\/li>\n<li>Hans-G&uuml;nter Lind &ndash; Unternehmer, Vorstand B&uuml;rgerkonvent e.V., ehem. Konrad-Adenauer-Stiftung, Treuhandgesellschaft<\/li>\n<li>Dr. Konrad Adam &ndash; Journalist, ehem. FAZ und WELT, mit <a href=\"http:\/\/www.single-generation.de\/sozialstaat\/konrad_adam.htm\">erzkonservativen Ansichten<\/a><\/li>\n<li>Hedwig Frfr. von Beverfoerde &ndash; Sprecherin der Initiative Familienschutz<\/li>\n<li>Dr. Klaus Peter Krause &ndash; Journalist, ehem. FAZ, regelm&auml;&szlig;iger Autor der Jungen Freiheit<\/li>\n<li>Patrick Freiherr von Stauffenberg &ndash; Banker, ehem. Vorstand B&uuml;rgerkonvent e.V., CEO von Berkshire Capital Securities<\/li>\n<\/ul><p><strong>Alter Wein aus neuen Schl&auml;uchen<\/strong><\/p><p>Schaut man sich einmal die <a href=\"http:\/\/www.abgeordneten-check.de\/kampagnen.html\">Kampagnen<\/a> des Netzwerks an, so entdeckt man eine seltsam anmutende Mischung aus erzkonservativer Familien- und Gesellschaftspolitik und marktradikalen Forderungen. Mal geht es darum, das traditionelle Familienbild zu bewahren und die Kindergartenpflicht sowie den Sexualkundeunterricht in Grundschulen zu verhindern, mal geht es darum, die Steuern zu senken, Subventionen abzubauen und die Gemeinschaftsw&auml;hrung aufzul&ouml;sen. Mit der Mischung aus schon beinahe reaktion&auml;rer Gesellschaftspolitik, libert&auml;rer Wirtschafts- und Finanzpolitik, einer tendenziellen Ablehnung des Staates und supranationaler Organisationen erinnert das neu aufgebaute Netzwerk rund um den B&uuml;rgerkonvent in frappanter Art und Weise an die amerikanische <a href=\"?p=10263\">Tea-Party-Bewegung<\/a>. <\/p><p>Ob diese neue Lobby-Strategie, die sich vor allem auf soziale Netzwerke und das Internet als Kommunikationskan&auml;le st&uuml;tzt, erfolgreich sein kann, ist momentan noch sehr schwer zu sagen. Einerseits hat die amerikanische Tea-Party-Bewegung gezeigt, dass man mit dumpfem Populismus und Rattenf&auml;ngerrhetorik auch in einer als aufgekl&auml;rt geltenden Gesellschaft sehr wohl eine &bdquo;rechte APO&ldquo; aufbauen und damit Standpunkte durchsetzen kann, die ganz und gar nicht im Interesse derjenigen sind, die nicht zur finanziellen Oberschicht geh&ouml;ren. Andererseits ist diese Themenmischung in Deutschland jedoch relativ neu &ndash; viele Menschen mit wertkonservativer Einstellung lehnen marktradikale Thesen ab, viele Vertreter marktradikaler Thesen vertreten in gesellschaftspolitischen Fragen liberale Standpunkte.<\/p><p><strong>Aufkl&auml;rung als Waffe gegen Vernebelung und Verdummung<\/strong><\/p><p>Wie auch aus den Namen im Umfeld des B&uuml;rgerkonvents bereits deutlich wird, scheinen die &bdquo;Tea-Party-Thesen&ldquo; am ehesten beim ehemaligen Adel vom Typ &bdquo;ostelbisches Junkertum&ldquo; und einem Teil des erzkonservativen Establishments anzukommen. Zwei Gruppen, die bereits in der Weimarer Republik nicht viel mit dem Parlamentarismus anfangen konnten. <\/p><p>Es ist nat&uuml;rlich kein Zufall, dass das populistische Anti-Euro-Video von &bdquo;Abgeordnetencheck&ldquo; ausgerechnet von der <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/wirtschaft\/article13588084\/Video-enthuellt-verborgene-Ziele-der-Euro-Rettung.html\">WELT<\/a> in einer Art und Weise gehypt wurde, die in keiner Art und Weise mit dem Pressekodex zu vertreten ist. Die WELT ist in letzter Zeit bereits h&auml;ufiger mit dumpfen <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/dieweltbewegen\/article13576914\/Reichensteuer-Dieser-Staat-hat-kein-Mitleid-verdient.html\">&bdquo;Tea-Party-Thesen&ldquo;<\/a> in Erscheinung getreten und scheint sich selbst zum Sprachrohr der &bdquo;Neuen Rechten&ldquo; aufschwingen zu wollen. Derlei politischem Lobbyismus ist am ehesten mit Aufkl&auml;rung zu begegnen. Der &Ouml;ffentlichkeit muss klar werden, welche Interessen hinter der angeblichen B&uuml;rgerbewegung stecken, und dass diese Interessen keinesfalls deckungsgleich mit denen einer breiten Mehrheit sind.<br>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/de326caff7db404c94ff2299ead90ad6\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Derzeit sorgt ein polemisches <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/soziales\/0,1518,784869,00.html\">Anti-Euro-Video<\/a> im Netz f&uuml;r Furore. Hinter diesem Video steckt eine Plattform namens &bdquo;Abgeordnetencheck&ldquo;, die sich selbst als soziales Netzwerk engagierter B&uuml;rger darstellt. Diese Eigendarstellung ist jedoch nicht haltbar. 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