{"id":106862,"date":"2023-11-17T12:30:16","date_gmt":"2023-11-17T11:30:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=106862"},"modified":"2023-11-17T14:37:42","modified_gmt":"2023-11-17T13:37:42","slug":"die-fuenf-wirtschaftsweisen-politikberatung-nach-der-vogel-strauss-methode","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=106862","title":{"rendered":"Die f\u00fcnf Wirtschaftsweisen \u2013 Politikberatung nach der Vogel-Strau\u00df-Methode"},"content":{"rendered":"<p>Die Wirtschaftsweisen haben in der vergangenen Woche ihr neues Jahresgutachten ver&ouml;ffentlicht. Der Titel lautet: <a href=\"https:\/\/www.sachverstaendigenrat-wirtschaft.de\/fileadmin\/dateiablage\/gutachten\/jg202324\/JG202324_Gesamtausgabe.pdf\">&bdquo;Wachstumsschw&auml;che &uuml;berwinden &ndash; in die Zukunft investieren&ldquo;<\/a>. Jahrzehntelang war das Gremium ein Hort des Monetarismus und der neoklassischen Orthodoxie. Mit Christoph Schmidt, Lars Feld und Volker Wieland sind seit 2020 jedoch gleich drei Vertreter dieser Denkschule von Bord gegangen. Unter der neuen Vorsitzenden, der M&uuml;nchener &Ouml;konomin Monika Schnitzer, will der Rat nun pragmatischer daherkommen. Herausgekommen ist bislang jedoch eine Politikberatung nach der Vogel-Strau&szlig;-Methode. Aktuelle Probleme werden ignoriert, heikle Themen umschifft und die Regierung vor Kritik verschont. Von <strong>Thomas Trares<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nDer Sachverst&auml;ndigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, wie die Wirtschaftsweisen offiziell hei&szlig;en, gilt als das wirtschaftspolitische Beratergremium der Bundesregierung, und dies obwohl die Professoren laut Gesetz gar keine Regierungsberater sind, sondern Gutachter. Gleichwohl haben ihre Expertisen Gewicht. Im Gutachten &bdquo;Zeit zum Investieren&ldquo; von 1976 nahmen die Wirtschaftsweisen bereits die sp&auml;tere Wende zur Angebotspolitik vorweg. Und mit den Voten von 2002 &bdquo;Zwanzig Punkte f&uuml;r Besch&auml;ftigung und Wachstum&ldquo; und 2003 &bdquo;Staatsfinanzen konsolidieren &ndash; Steuersystem reformieren&ldquo; ebneten sie der Agenda 2010 sowie der sp&auml;teren Unternehmenssteuerreform den Weg. Den Fokus auf die Angebotsseite haben sie bis zuletzt beibehalten.<\/p><p><strong>Gremium stellt sich neu auf<\/strong><\/p><p>Nun jedoch sind die Sachverst&auml;ndigen dabei, sich neu aufzustellen &ndash; personell, r&auml;umlich und inhaltlich. War der Rat jahrzehntelang eine M&auml;nnerdom&auml;ne, so sind nun drei Frauen in dem f&uuml;nfk&ouml;pfigen Gremium vertreten &ndash; neben der Vorsitzenden Schnitzer sind dies die N&uuml;rnberger &Ouml;konomin Veronika Grimm und die in den USA lehrende Ulrike Malmendier. Au&szlig;erdem geh&ouml;ren dem Rat der Duisburger &Ouml;konom Achim Truger und der Bochumer Martin Werding an. Auch r&auml;umlich kommt es zu Ver&auml;nderungen. So steht im n&auml;chsten Jahr der Umzug von Wiesbaden nach Berlin an. Schnitzer begr&uuml;ndete dies mit der &bdquo;gr&ouml;&szlig;eren N&auml;he zu thematischen Debatten und der M&ouml;glichkeit zum pers&ouml;nlichen Austausch&ldquo;. Bei der Gr&uuml;ndung 1963 war dagegen noch die r&auml;umliche N&auml;he zum Statistischen Bundesamt und den dort verf&uuml;gbaren Daten ausschlaggebend.<\/p><p>Und nicht zuletzt will der Rat inhaltlich nicht mehr so dogmatisch daherkommen wie bisher, sondern &bdquo;mehr praxisnahe Empfehlungen&ldquo; geben. &bdquo;Evidenzbasierte Politikberatung&ldquo;, sagt Schnitzer. &Uuml;berrascht haben die Wirtschaftsweisen bereits in ihrem <a href=\"https:\/\/www.sachverstaendigenrat-wirtschaft.de\/fileadmin\/dateiablage\/gutachten\/jg202223\/JG202223_Gesamtausgabe.pdf\">2022er Gutachten<\/a>, dem ersten unter Schnitzer, mit dem Vorschlag, einen &bdquo;Energie-Soli&ldquo; f&uuml;r Reiche einzuf&uuml;hren. Dieser sollte die Krisenlasten gerechter verteilen. In Wirtschaft und Wirtschaftspresse hatte dieses Ansinnen umgehend einen &bdquo;Shitstorm&ldquo; ausgel&ouml;st. Im neuen Gutachten indes greifen die Weisen wieder tiefer rein in die neoliberale Mottenkiste. So ist gleich ein ganzes Kapitel dem Umbau des Rentensystems gewidmet. Darin fordern sie unter anderem, das Rentenbeitrittsalter an die steigende Lebenserwartung anzupassen und eine Aktienrente einzuf&uuml;hren.<\/p><p><strong>Heikle Themen meiden<\/strong><\/p><p>Auff&auml;llig ist vor allem aber, dass die <em>Wirtschaftsweisen<\/em> politisch heikle Themen erst gar nicht aufgreifen bzw. eine tiefergehende Diskussion dar&uuml;ber vermeiden. So bringt es der Rat fertig, ein Gutachten &uuml;ber Wachstumsschw&auml;che zu schreiben und dabei den Themenbereich &bdquo;hohe Energiepreise und Russland-Sanktionen&ldquo; komplett auszublenden. Der Trick dabei: Statt die aktuelle Lage zu analysieren, wendet sich der Rat lieber zuk&uuml;nftigen Problemen zu. &bdquo;Viel bedeutsamer als die konjunkturelle Schw&auml;che sind mittelfristige Wachstumshemmnisse&ldquo;, hie&szlig; es bei der Pr&auml;sentation des Gutachtens. Aufgetischt wurden danach dann wieder die &bdquo;ollen Kamellen&ldquo; aus der Standortdebatte: Fachkr&auml;ftemangel, ein veralteter Kapitalstock, fehlende Innovationen, zu viel B&uuml;rokratie, lange Planungs- und Genehmigungsverfahren, usw. Kritik an der aktuellen Regierung? Fehlanzeige!<\/p><p>Aufschlussreich ist auch, das Gutachten gezielt nach bestimmten Schlagw&ouml;rtern zu durchsuchen. So ergab die Suche nach &bdquo;Sanktionen&ldquo; nur einen Treffer, und dieser besagte, dass man sich am liebsten gar nicht mit dem Thema besch&auml;ftigen m&ouml;chte. So hei&szlig;t es: &bdquo;Wie in der Fr&uuml;hjahrsprognose 2023 trifft der Sachverst&auml;ndigenrat unver&auml;ndert die Annahme, dass &uuml;ber den Prognosehorizont keine Normalisierung der Handelsbeziehungen zu Russland stattfinden wird, dass das <strong>Sanktions<\/strong>regime der Europ&auml;ischen Union bestehen bleibt und somit die Importe an Rohstoffen und Energietr&auml;gern aus Russland nicht steigen.&ldquo; Der Rat nimmt also die aktuelle Sanktionspolitik als gegeben hin. Ende der Durchsage!<\/p><p><strong>Deindustrialisierung nicht existent<\/strong><\/p><p>Bemerkenswert ist auch, was die Wirtschaftsweisen zum Thema &bdquo;Deindustrialisierung&ldquo; schreiben &ndash; n&auml;mlich nichts! Im aktuellen Gutachten findet sich jedenfalls kein einziger Eintrag dazu. Man muss also ein Jahr zur&uuml;ckspringen, zum 2022er Gutachten, um mehr zu erfahren. Dort hei&szlig;t es dann: &bdquo;Die Energiepreise d&uuml;rften in Europa mittelfristig wieder sinken, aber nicht zum Vorkrisenniveau zur&uuml;ckkehren. Energieintensive Wirtschaftszweige, die stark im Wettbewerb mit nichteurop&auml;ischen Wettbewerbern stehen, sind davon besonders betroffen. Dies wird den durch die Dekarbonisierung ohnehin anstehenden Strukturwandel in der Industrie beschleunigen, d&uuml;rfte aber nicht zu einer breiten Deindustrialisierung f&uuml;hren.&ldquo; Also, alles kein Problem. Die Botschaft lautet: &bdquo;Gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen!&ldquo;<\/p><p>Und nicht zuletzt macht die Anbiederung an den woken Zeitgeist auch vor den Wirtschaftsweisen nicht Halt. Dies verr&auml;t allein schon der Titel des 2022er Gutachtens: &bdquo;Energiekrise solidarisch bew&auml;ltigen, neue Realit&auml;t gestalten.&ldquo;. Ins Auge sticht hier sofort die Verwendung des Wieselwortes &bdquo;solidarisch&ldquo;, das schon in der Corona-Krise f&uuml;r die Rechtfertigung von Ma&szlig;nahmen herhalten musste, die &uuml;berhaupt nichts mit Solidarit&auml;t zu tun hatten. Zudem &uuml;bernehmen die Weisen in beiden Gutachten durchg&auml;ngig die im Mainstream g&auml;ngige Sprachregelung vom &bdquo;russischen Angriffskrieg&ldquo;, obwohl es sich dabei um eine wertende Formulierung handelt.<\/p><p><strong>Versagen des Staatsapparats<\/strong><\/p><p>Der Philosoph Michael Andrick hat vor ziemlich genau einem Jahr mit &bdquo;War dies m&ouml;glich, so ist alles m&ouml;glich&ldquo; einen <a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/politik-gesellschaft\/war-dies-moeglich-so-ist-alles-moeglich-li.286811\">bemerkenswerten Artikel<\/a> f&uuml;r die <em>Berliner Zeitung<\/em> geschrieben. Darin ging es um den Umgang der staatlichen Institutionen mit der Corona-Krise &bdquo;Die Verfassung wurde vom gesamten Staatspersonal verraten, nicht nur von Politikern&ldquo;, schrieb Andrick. Diese Erkenntnis ist fundamental. Es handelt sich hier inzwischen um das Versagen des gesamten Staatsapparats. Eine effektive Kontrolle der Politik findet nicht mehr statt, auch weil viele Schl&uuml;sselpositionen in den Kontrollinstanzen, in den obersten Beh&ouml;rden und Expertengremien mit treuen Gefolgsleuten besetzt sind. Die Wirtschaftsweisen sind da keine Ausnahme. Im Sachverst&auml;ndigenrat wird je ein Mitglied von Gewerkschaften und Arbeitgebern benannt, die restlichen drei kommen auf Vorschlag der Bundesregierung ins Amt. Allzu gro&szlig;e Kritik scheint da nicht mehr m&ouml;glich zu sein. Da ist es einfacher, die K&ouml;pfe in den Sand zu stecken. Die Vogel-Strau&szlig;-Methode eben.<\/p><p><small>Titelbild: Screenshot Tagesschau<\/small><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg02.met.vgwort.de\/na\/8573790ae65040a1bc8057c2d62960f6\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Wirtschaftsweisen haben in der vergangenen Woche ihr neues Jahresgutachten ver&ouml;ffentlicht. Der Titel lautet: <a href=\"https:\/\/www.sachverstaendigenrat-wirtschaft.de\/fileadmin\/dateiablage\/gutachten\/jg202324\/JG202324_Gesamtausgabe.pdf\">&bdquo;Wachstumsschw&auml;che &uuml;berwinden &ndash; in die Zukunft investieren&ldquo;<\/a>. Jahrzehntelang war das Gremium ein Hort des Monetarismus und der neoklassischen Orthodoxie. Mit Christoph Schmidt, Lars Feld und Volker Wieland sind seit 2020 jedoch gleich drei Vertreter dieser Denkschule von Bord gegangen. Unter<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=106862\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":106864,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[129,205,30],"tags":[3299,301,402,1019,455],"class_list":["post-106862","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-lobbyorganisationen-und-interessengebundene-wissenschaft","category-neoliberalismus-und-monetarismus","category-wirtschaftspoliik-und-konjunktur","tag-deindustrialisierung","tag-rentenalter","tag-wachstum","tag-wirtschaftssanktionen","tag-wirtschaftsweise"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/231117_Wirtschaftsweise_titel.jpeg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/106862","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=106862"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/106862\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":106918,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/106862\/revisions\/106918"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/106864"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=106862"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=106862"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=106862"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}