{"id":10687,"date":"2011-09-09T08:57:04","date_gmt":"2011-09-09T06:57:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=10687"},"modified":"2019-07-25T11:08:12","modified_gmt":"2019-07-25T09:08:12","slug":"bertolt-brechts-dreigroschenroman-oder-kapitalismus-als-roman","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=10687","title":{"rendered":"Bertolt Brechts Dreigroschenroman oder: Kapitalismus als Roman"},"content":{"rendered":"<p>Der <em>Dreigroschenroman<\/em> von Brecht ist &uuml;beraus aktuell. Er zeigt, wie eine Wirtschaftsform, die alle Bereiche der Gesellschaft ihrem Diktum der Profitmaximierung unterwirft, durch st&auml;ndigen Formwandel &uuml;berlebt. W&auml;hrend sie die nat&uuml;rlichen und gesellschaftlichen Grundlagen menschlicher Existenz zerst&ouml;rt, produziert sie gleichzeitig immer neue Mythen und Ideologien, die die Ursachen dieses Zerst&ouml;rungswerkes verbr&auml;men.<br>\nBrecht immer wieder zu lesen, kann einem auch die Augen f&uuml;r gegenw&auml;rtige Entwicklungen &ouml;ffnen. Darin besteht sein geradezu &uuml;berzeitliches Verdienst, das gleichzeitig das Signum gro&szlig;er Literatur ist.<br>\nEine Besprechung von Joke Frerichs aus dem Buch &bdquo;Lesespuren. Notizen zur Literatur&ldquo;<br>\n<!--more--><\/p><p>Es gibt nicht viele Romane, die ich mehrfach gelesen habe. Flauberts <em>Bovard und Pecuch&eacute;t<\/em> geh&ouml;rt dazu; der <em>Doktor Faustus<\/em> und <em>Der Zauberberg<\/em> von Thomas Mann &ndash; ja, und dann: der <em>Dreigroschenroman<\/em> von Bertolt Brecht. Andrerseits habe ich kaum je Leute getroffen, die den Roman kannten. Einmal geschah dies am Rande eines Betriebsr&auml;te-Seminars der IG Metall. Ich kam mit einem Teilnehmer dar&uuml;ber  ins Gespr&auml;ch, was Betriebsr&auml;te so lesen &ndash; ob sie &uuml;berhaupt Literatur lesen. Wir waren &uuml;bereinstimmend der Auffassung, dass der <em>Dreigroschenroman<\/em> zur Pflichtlekt&uuml;re von Betriebsr&auml;ten geh&ouml;ren sollte. Wir zitierten uns gegenseitig Passagen aus dem Roman und gerieten dar&uuml;ber derart in Verz&uuml;ckung, dass wir drauf und dran waren, das Seminar zu vergessen.<\/p><p>Im Unterschied zum Roman ist die <em>Dreigroschenoper<\/em> weithin bekannt. Seit ihrer Erstauff&uuml;hrung 1928 ist sie weltweit immer wieder gespielt worden. Wer kennt nicht die <em>Moritat des Mackie Messer<\/em>, vom Haifisch, der Z&auml;hne hat und andere Songs nach der Musik von <em>Kurt Weill<\/em>.<br>\nM&ouml;glich ist, dass die <em>Dreigroschenoper<\/em> ihre Popularit&auml;t einem Missverst&auml;ndnis verdankt: W&auml;hrend es Brecht darum ging, der b&uuml;rgerlichen Gesellschaft die eigenen korrupten Verh&auml;ltnisse vor Augen zu f&uuml;hren, erkannten sich viele der Zeitgenossen in den Figuren der Oper offenbar selbst wieder und begeisterten sich an deren schonungsloser Selbstdarstellung. Elias Canetti berichtet von der Erstauff&uuml;hrung, sie sei kalt und berechnend gewesen. Die Leute jubelten sich gegenseitig zu. Dieses: <em>Erst kommt das Fressen, dann die Moral<\/em> &ndash; das entsprach pr&auml;zise ihren eigenen Erfahrungen. Hannah Arendt kommt zu der Einsch&auml;tzung, das St&uuml;ck habe genau das Gegenteil von dem bewirkt, was Brecht gewollt hatte: die Entlarvung der b&uuml;rgerlichen Moral und Heuchelei.<\/p><p>Brecht scheint dies gesp&uuml;rt zu haben: jedenfalls unternahm er im <em>Dreigroschenroman<\/em> den Versuch, seine Gesellschaftskritik noch einmal unmissverst&auml;ndlich zuzuspitzen und zu aktualisieren. Zur Romanform ging er auch deshalb &uuml;ber, weil es ihm nach 1933 in Deutschland verunm&ouml;glicht wurde, die Oper aufzuf&uuml;hren.<\/p><p>Es gab noch ein Intermezzo: 1931 wurde die <em>Dreigroschenoper<\/em> unter der Regie von Georg Wilhelm Pabst verfilmt. Brecht hatte sich von der Filmfirma ein <em>Mitbestimmungsrecht am kurbelfertigen Manuskript<\/em> einr&auml;umen lassen, um die <em>Tendenz<\/em> und <em>k&uuml;nstlerische Form<\/em> der Oper zu wahren. Mit dem von Brecht vorgelegten Manuskriptentwurf zeigte sich die Filmfirma jedoch nicht einverstanden und k&uuml;ndigte daraufhin den Vertrag mit Brecht. Dieser war daraufhin gezwungen, sein Mitbestimmungsrecht einzuklagen. Das Gericht wies die Klage Brechts ab. Hauptgrund: Die entschiedene Weigerung des Autors, zu dem bereits ohne ihn fertiggestellten Film noch &Auml;nderungsvorschl&auml;ge zu machen. <\/p><p>Zum Zeitpunkt des Prozesses hatte die Filmfirma bereits 800.000 Mark in den Film investiert. Somit standen sich gegen&uuml;ber: Ein K&uuml;nstler, der um das Ideelle seines Werkes und die G&uuml;ltigkeit des mit ihm abgeschlossenen Vertrages k&auml;mpft und jene 800.000 Mark der Filmfirma. Keine Frage, wer hier den K&uuml;rzeren zog.<\/p><p>Brecht &auml;u&szlig;erte sich zu der Frage, welche Intention er mit dem Prozess verfolgt hat, so:<\/p><p><em>Der Proze&szlig; hatte das Ziel, die Unm&ouml;glichkeit einer Zusammenarbeit mit dem Industriefilm selbst bei vertraglichen Sicherungen &ouml;ffentlich darzutun. Dieses Ziel ist erreicht worden &ndash; es war erreicht, als ich meinen Proze&szlig; verloren hatte. Der Proze&szlig; zeigte, deutlich f&uuml;r jeden Sehenden, die M&auml;ngel des Industriefilms  u n d  der Rechtsprechung.<\/em><\/p><p>Brecht sah keine M&ouml;glichkeit, das Herauskommen des Films zu verhindern. Selbst ein f&uuml;r ihn g&uuml;nstiges Urteil in weiteren Instanzen h&auml;tte dies nicht verhindert. Der Film w&auml;re l&auml;ngst in den Kinos gelaufen, wenn der Prozess beendet gewesen w&auml;re. Im &Uuml;brigen w&auml;re dazu, wie Brecht betonte, <em>nicht Rechthaben, sondern Geldhaben n&ouml;tig gewesen<\/em>.<\/p><p>Brecht sah im <em>Dreigroschenprozess<\/em> ein <em>soziologisches Experiment<\/em>, mit dem gezeigt werden sollte, wie &ouml;ffentliche Institutionen (Presse, Gericht, Filmindustrie) als Bestandteile des ideologischen Komplexes <em>Kultur<\/em> in der Praxis funktionieren. <\/p><p><em>Um nun der st&auml;ndig funktionierenden Wirklichkeit, der immerfort rechtsprechenden Justiz, der &ouml;ffentliche Meinung ausdr&uuml;ckenden oder erzeugenden Presse, der unaufh&ouml;rlich und unhinderbar Kunst produzierenden Industrie ihre Vorstellungen abzulisten, sind andere Methoden als die der objektiven, interesselosen, passiven Anschauung n&ouml;tig. Eine solche wird im folgenden vorgef&uuml;hrt und soziologisches Experiment genannt.<\/em><\/p><p>Um zu pr&uuml;fen, welche Bedeutung Wertvorstellungen wie Gerechtigkeit oder Pers&ouml;nlichkeit besitzen, m&uuml;sse man ihnen in der <em>gemeinen Wirklichkeit<\/em> nachgehen.<\/p><p><em>Erhabene Gedanken haben bedeutet nicht: Kultur haben. Wenn die Frage erhoben wird, ob es die Gerechtigkeit gibt  o d e r  die Rechtspflege, so mu&szlig; die Antwort sein: die Rechtspflege. Wir sollten jedenfalls von der Gerechtigkeit nur so viel erw&auml;hnen, als davon in der Rechtspflege vorhanden ist. <\/em><\/p><p>Brecht erweist sich hier als ein durch und durch dialektischer Denker. Er zeigt am praktischen Fall, wie die hehren Ideale der b&uuml;rgerlichen Gesellschaft (Freiheit; Gerechtigkeit; Eigentum) in den fortgeschrittenen kapitalistischen Produktionsverh&auml;ltnissen einem Funktionswandel unterliegen: <\/p><p><em>Die kapitalistische Produktionsweise zertr&uuml;mmert die b&uuml;rgerliche Ideologie. Praktisch erm&ouml;glicht die Justiz die Produktion, wie soll sie da eine Ideologie (Geistiges Eigentum ist unantastbar!) sch&uuml;tzen, welche die Produktion gef&auml;hrdet? Der Kapitalismus ist in der Praxis konsequent, weil er mu&szlig;. Ist er aber konsequent in der Praxis, dann ist er inkonsequent in der Ideologie. Die Wirklichkeit kommt dann an den Punkt, wo das einzige Hindernis f&uuml;r den Fortschritt des Kapitalismus der Kapitalismus ist.<\/em><\/p><p>Soweit zu einigen Erkenntnissen, die Brecht aus dem <em>Dreigroschenprozess<\/em> zieht. In seinem <em>Dreigroschenroman<\/em> f&uuml;hrt er diese weiter, und zwar mit einer Konsequenz, die ihresgleichen sucht. <\/p><p>Zwischen der Erstauff&uuml;hrung der <em>Dreigroschenoper<\/em> (1928) und dem Erscheinen des <em>Dreigroschenromans<\/em> (1934) lagen politisch entscheidende Jahre. Brecht schreibt den Roman im d&auml;nischen Exil. Man kann darin die Quintessenz aus der Rezeption und Kritik der <em>Dreigroschenoper<\/em>, den Schlussfolgerungen, die Brecht aus dem <em>Dreigroschenprozess<\/em> zieht und seiner Analyse der gesellschaftlichen Verh&auml;ltnisse sehen, die zum Faschismus gef&uuml;hrt haben.<\/p><p>Weniges ist von der alten Handlung der Oper &uuml;brig geblieben. Nur die alten Hauptfiguren, die wir aus der Oper kennen, tauchen erneut auf: Macheath, der Anf&uuml;hrer einer Verbrecherbande; Peachum, der Bettlerk&ouml;nig, Polly, seine aufbl&uuml;hende Tochter, genannt der Pfirsich usw.<\/p><p>Brecht zieht in seinem Roman mehrere Epochen der kapitalistischen Entwicklung zusammen: seine Figuren haben das Aussehen, als k&auml;men sie aus der Zeit des beginnenden Kapitalismus: sie wirken mitunter etwas altmodisch in ihren schlechtgel&uuml;fteten Quartieren. Auf den stets nebligen Stra&szlig;en Londons fahren noch Kutschen; das Telefon gibt es noch nicht und die Gesch&auml;ftsleute schlie&szlig;en ihre Gesch&auml;fte in einer alten Badeanstalt ab, wo sie sich auf Ruhepritschen von Schwitzb&auml;dern und Massagen erholen. <\/p><p>Auch das Elend der Menschen wird mit einer Drastik geschildert, die auf die Verh&auml;ltnisse zu Beginn des Kapitalismus zu verweisen scheinen. Und dennoch: M&ouml;gen auch die Umst&auml;nde, innerhalb derer die Akteure sich bewegen, eine gewisse R&uuml;ckst&auml;ndigkeit aufweisen &ndash; in deutlichem Kontrast dazu stehen die Methoden, die sie bei der Durchf&uuml;hrung ihrer Gesch&auml;fte anwenden: diese sind durch und durch modern.<br>\nAls der Lernf&auml;higste unter allen erweist sich Macheath: Er entwickelt sich vom Verbrecherk&ouml;nig zum Gro&szlig;kaufmann, wobei es ihm gelingt, die dunklen Seiten seiner Biografie vergessen zu machen. Oder anders gesagt: Seine vielf&auml;ltigen Erfahrungen in den unterschiedlichsten Milieus helfen ihm dabei, sich in jedem neuen Aktionsfeld zurechtzufinden. Er beherrscht den Slang der Einbrecher ebenso wie er lernt, sich der Verhaltensweisen von Bankiers und Gesch&auml;ftsleuten zu bedienen. An Skrupellosigkeit ist er ihnen ohnehin ebenb&uuml;rtig &ndash; meist sogar &uuml;berlegen. Wenn er mit ihnen verhandelt, hat er fast immer einen Trumpf mehr im &Auml;rmel. <\/p><p>Macheath ist vorsichtig und misstrauisch; seine gesellschaftliche Stellung erlaubt es ihm nicht, auch nur einen Fehler zu machen. Er beherrscht ein ganzes Repertoire an Verhaltensweisen; auch darin ist er seinen Gegenspielern &uuml;berlegen. Er kann charmant und unverbindlich plaudern, wenn es gilt, den Bankiersbr&uuml;dern Opper den biederen Familienmenschen vorzuf&uuml;hren. Und er kann kalt und brutal sein, wenn seine Gesch&auml;ftspartner (meist zu sp&auml;t) bemerken, dass sie ihm wieder einmal in die Falle gegangen sind. Er verkehrt w&ouml;chentlich im Bordell, wo er sich auskennt; aber er lernt auch, wie man den Fisch isst, wenn man bei hochherrschaftlichen Leuten zu Tisch gebeten wird. Vor allem aber verf&uuml;gt er &uuml;ber eine Tugend, die ihn zu einer Ausnahmeerscheinung macht. Er ist eine geborene F&uuml;hrernatur, wie sie nur der moderne Kapitalismus hervorbringen kann: er ist r&uuml;cksichtslos in der Verfolgung seine egoistischen gesch&auml;ftlichen Interessen; vermag diese aber hinter der ideologischen Fassade des Biedermanns und guten Menschen derart zu verbr&auml;men, dass ihm keiner beizeiten auf die Schliche kommt oder ihm gar das Wasser reichen kann.<br>\nBrecht gelingt es mit den Mitteln der Satire, diese Diskrepanz von praktischem Handeln und Ideologie zum Vorschein zu bringen: <\/p><p><em>Meiner Meinung nach, es ist die Meinung eines ernsthaft arbeitenden Gesch&auml;ftsmannes, haben wir nicht die richtigen Leute an der Spitze des Staates. Sie geh&ouml;ren alle irgendwelchen Parteien an, und Parteien sind selbsts&uuml;chtig. Ihr Standpunkt ist einseitig. Wir brauchen M&auml;nner, die &uuml;ber den Parteien stehen, so wie wir Gesch&auml;ftsleute. Wir verkaufen unsere Ware an Arm und Reich. Wir verkaufen Jedem ohne Ansehen der Person einen Zentner Kartoffeln, installieren ihm eine Lichtleitung, streichen ihm sein Haus an. Die Leitung des Staates ist eine moralische Aufgabe. Es mu&szlig; erreicht werden, da&szlig; die Unternehmer gute Unternehmer, die Angestellten gute Angestellte, kurz: die Reichen gute Reiche und die Armen gute Arme sind. Ich bin &uuml;berzeugt, da&szlig; die Zeit einer solchen Staatsf&uuml;hrung kommen wird. Sie wird mich zu ihren Anh&auml;ngern z&auml;hlen.<\/em><\/p><p>Es sind Reden wie diese, die Macheath als das ausweisen, was der Kleinb&uuml;rger eine Pers&ouml;nlichkeit nennt. Er, der zum Spielball undurchschauter M&auml;chte geworden ist, sehnt sich nach klaren Verh&auml;ltnissen. Die Opfer und Verlierer der Krise wollen vom Streit und Zwist der Politiker nichts mehr h&ouml;ren, die alles versprechen und nichts bewirken. So, wie Macheath redet, denken viele. <\/p><p>Walter Benjamin hat in einer scharfsinnigen Analyse des <em>Dreigroschenromans<\/em> auf diesen Sachverhalt hingewiesen: <\/p><p>Der Kleinb&uuml;rger sucht <em>einen Einzigen, an den er sich halten kann. Niemand will ihm Rede stehen, Einer soll es. Und der kann es. Denn das ist die Dialektik der Sache: will er die Verantwortung tragen, so danken ihm die Kleinb&uuml;rger mit dem Versprechen, keinerlei Rechenschaft von ihm zu verlangen. Forderungen zu stellen, lehnen sie ab, &bdquo;weil das Herrn Macheath zeigen w&uuml;rde, da&szlig; wir das Vertrauen zu ihm verloren haben&ldquo;. Seine F&uuml;hrernatur ist die Kehrseite ihrer Gen&uuml;gsamkeit. Die befriedigt Macheath unerm&uuml;dlich. Er vers&auml;umt keine Gelegenheit hervorzutreten. Und er ist ein anderer vor den Bankdirektoren, ein anderer vor den Inhabern der B-L&auml;den, ein anderer vor Gericht und ein anderer vor den Mitgliedern seiner Bande.<\/em><\/p><p>Macheath verk&ouml;rpert den Typus des modernen, weltgewandten Gesch&auml;ftsmanns, der sich &uuml;berall zu Hause f&uuml;hlt und sich je nach Situation zu wandeln versteht. Demgegen&uuml;ber stellt Peachum, der Bettlerk&ouml;nig, noch den Gesch&auml;ftsmann alten Typs dar. <em>Seine Habgier versteckt er hinter Familiensinn, seine Impotenz hinter Askese, seine Erpressert&auml;tigkeit hinter Armenpflege. Am liebsten verschwindet er in seinem Kontor.<\/em><\/p><p>Auch Peachum ist &uuml;beraus vorsichtig und misstrauisch. Stets beh&auml;lt er den Hut auf, weil es kein Dach gibt, unter dem er sich sicher f&uuml;hlt. Peachum versteht sein Gesch&auml;ft, das Gesch&auml;ft mit dem Elend. Er hat es studiert, in all seiner Vielschichtigkeit. <\/p><p><em>Verh&auml;ltnism&auml;&szlig;ig bald erkannte er, da&szlig; das elende Aussehen, welches von der Natur hervorgebracht wurde, weit weniger wirkte, als ein durch einige Kunstgriffe berichtigtes Aussehen. Jene Leute, die nur einen Arm hatten, besa&szlig;en nicht immer auch die Gabe, ungl&uuml;cklich zu wirken. Andererseits fehlte den Begabteren oft der Stumpf. Hier mu&szlig;te man eingreifen. Es wurden Grundtypen des menschlichen Elends ausgebildet: Opfer des Fortschritts, Opfer der Kriegskunst, Opfer des industriellen Aufschwungs. Sie lernten die Herzen zu r&uuml;hren, zur Nachdenklichkeit anzuregen, l&auml;stig zu fallen. <\/em><\/p><p>Peachum erweist sich als Kenner der Materie. Stets ist er darauf aus, die Methoden des Bettelns zu verfeinern. Er entwickelt sich zur ersten Autorit&auml;t auf dem Gebiet des Elends, auch weil er st&auml;ndig &uuml;ber die gesellschaftlichen und psychologischen Voraussetzungen des Bettelgesch&auml;fts nachsinnt: <\/p><p><em>Es ist mir auch klar, warum die Leute die Gebrechen der Bettler nicht sch&auml;rfer nachpr&uuml;fen, bevor sie geben. Sie sind ja &uuml;berzeugt, da&szlig; da Wunden sind, wo sie hingeschlagen haben! Sollen keine Ruinierten weggehen, wo sie hingeschlagen haben? Wenn sie f&uuml;r ihre Familien sorgten, sollten da nicht Familien unter die Br&uuml;ckenb&ouml;gen geraten sein? Alle sind von vornherein &uuml;berzeugt, da&szlig; angesichts ihrer eigenen Lebensweise &uuml;berall t&ouml;dlich Verwundete und uns&auml;glich Hilfsbed&uuml;rftige herumkriechen m&uuml;ssen. Wozu sich die M&uuml;he machen zu pr&uuml;fen. F&uuml;r die paar Pence, die man zu geben bereit ist!<\/em><\/p><p>Nach 25 Jahren unerm&uuml;dlicher T&auml;tigkeit im Bettlergesch&auml;ft hat Peachum es zu einem gewissen Wohlstand gebracht. Aber die Gesch&auml;fte stagnieren. Die immer ausgefeilteren Methoden des Bettelns sind ausgesch&ouml;pft. Viel l&auml;sst sich da nicht mehr holen. Nach einer schonungslosen Analyse seiner Situation gelangt er zu der Einsicht, dass er seinen gesellschaftlichen Status nur bewahren kann, wenn er neue Gesch&auml;ftsfelder f&uuml;r sich auftut. Um das Risiko wei&szlig; er. V&ouml;llig illusionslos stellt er fest: <\/p><p><em>Ich wei&szlig;, dass auf Mord schwerste Strafen stehen. Aber auf Nichtmorden stehen auch Strafen und furchtbarere. Ein Herunterkommen in die Slums, wie es mir mit meiner ganzen Familie drohte, ist nicht weniger als ein Inszuchthauskommen. Das sind Zuchth&auml;user auf Lebenszeit.  <\/em><\/p><p>Kurzum: Peachum steigt in ein h&ouml;chst undurchsichtig Kriegsgesch&auml;ft mit Transportschiffen ein. Die Schiffe sollen zum Truppentransport w&auml;hrend des Burenkrieges eingesetzt werden. Da sie morsch sind, gehen sie, kaum dass sie den Hafen verlassen haben, mit Mann und Maus unter. Es bedarf des Einsatzes aller politischen, medialen, kirchlichen und rechtlichen Inszenierungen, um die Ursachen des Ungl&uuml;cks zu vertuschen. <\/p><p>Brecht zeigt eindringlich und auf h&ouml;chst einsichtige Weise, wie der ideologische Apparat der kapitalistischen Gesellschaft funktioniert: in diesem Fall die b&uuml;rgerliche Rechtsordnung und das Verbrechen, die gemeinhin als Gegensatz verstanden werden. Bei ihm stellen sie &Uuml;bergangsformen in verschiedenen Entwicklungsphasen des Kapitalismus dar. Brecht zeigt, welchen Anteil Verbrechen am Gesch&auml;ft haben k&ouml;nnen; sie stellen den Sonderfall der Ausbeutung dar; von der Rechtsordnung sanktioniert. Als Peachum &uuml;ber die Vorkommnisse mit den Transportschiffen reflektiert, wird ihm klar, <\/p><p><em>wie die komplizierten Gesch&auml;fte oft in ganz einfache, seit urdenklichen Zeiten gebr&auml;uchliche Handlungsweisen &uuml;bergehen! Mit Vertr&auml;gen und Regierungsstempeln fing es an und am Ende war Raubmord n&ouml;tig! Wie sehr bin gerade ich gegen Mord! Und wenn man bedenkt: da&szlig; wir nur Gesch&auml;fte miteinander gemacht haben!<\/em><\/p><p>W&auml;hrend es den Anschein hat, dass Peachum, der sich auf unbekanntes Terrain begibt und als Gesch&auml;ftsmann alten Typs die undurchsichtigen Gesch&auml;fte, an denen er sich beteiligt, nicht durchschaut, erweist sich sein sp&auml;terer Schwiegersohn Macheath als ein ganz anderes Kaliber. Macheath begreift schneller und besser als seine Gesch&auml;ftspartner, was die Stunde geschlagen hat &ndash; sprich: welche Mechanismen die kapitalistische Wirtschaft bewegen und welche Methoden notwendig sind, um diesen Rechnung zu tragen. Peachum scheint mehr Opfer von Entwicklungen zu sein, w&auml;hrend Macheath derjenige ist, der die F&auml;den zieht. Er nutzt die Spielregeln kapitalistischer Konkurrenz, indem er seine Einbrecherbande Waren stehlen l&auml;sst, die er dann zu &uuml;berh&ouml;hten Preisen der Konkurrenz, der sie gestohlen wurden, anbietet. Er verknappt das Angebot, wenn der Markt &uuml;berf&uuml;ttert ist. Und weitet es aus, sobald die Konkurrenz zu seinen Bedingungen zu kaufen bereit ist. <\/p><p>Auch hinsichtlich der Gesch&auml;ftsmethoden erweist sich Macheath als &uuml;beraus lernf&auml;hig: vom Diebstahl bis zum Abschluss von Vertr&auml;gen reicht das Spektrum, das er beherrscht. Ja, er wei&szlig; den Fortschritt, der im &Uuml;bergang von einer Methode zur anderen liegt, durchaus zu sch&auml;tzen. Deutlich wird dies in einer Rede, die er vor seiner Bande h&auml;lt. An das Bandenmitglied Grooch gewandt, sagt er: <\/p><p><em>Grooch, Sie sind ein alter Einbrecher. Ihr Beruf ist Einbrechen. Ich denke nicht daran, zu sagen, da&szlig; er seinem inneren Wesen nach veraltet w&auml;re. Das w&auml;re zu weit gegangen. Nur der Form nach, Grooch, ist er zur&uuml;ckgeblieben. Sie sind kleiner Handwerker, damit ist alles gesagt. Das ist ein untergehender Stand, das werden Sie mir nicht bestreiten. Was ist ein Dietrich gegen eine Aktie? Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gr&uuml;ndung einer Bank? Was ist die Ermordung eines Mannes gegen die Anstellung eines Mannes? Sehen Sie, noch vor ein paar Jahren haben wir eine ganze Stra&szlig;e gestohlen, sie bestand aus Holzw&uuml;rfeln, wir haben sie ausgestochen, aufgeladen und weggef&uuml;hrt. Wir meinten wunder, was wir geleistet hatten. In Wirklichkeit hatten wir uns unn&ouml;tige Arbeit gemacht und uns in Gefahr begeben. Kurz darauf h&ouml;rte ich, da&szlig; man sich nur als Stadtrat etwas um die Auftragsverteilung k&uuml;mmern mu&szlig;. Dann bekommt man eine solche Stra&szlig;e in Auftrag und hat mit dem Verdienst dabei, f&uuml;r eine zeitlang ausgesorgt, ohne etwas riskiert zu haben. Ein anderes Mal verkaufte ich ein Haus, das mir nicht geh&ouml;rte; es stand gerade leer. Ich brachte ein Schild an: Zu verkaufen, Erkundigungen bei XX. Das war ich. Kinkerlitzchen! Wirkliche Unmoral, n&auml;mlich unn&ouml;tige Bevorzugung ungesetzlicher Wege und Mittel! Man braucht doch nur mit irgendwelchem Geld eine Serie bauf&auml;lliger Einfamilienh&auml;user aufzurichten, sie auf Abzahlung zu verkaufen und zu warten, bis den K&auml;ufern das Geld ausgeht! Dann hat man die H&auml;user doch auch, und das kann man mehrere Male machen. Und ohne da&szlig; es die Polizei etwas angeht! Nehmen Sie jetzt unser Gesch&auml;ft: wir brechen bei Nacht und Nebel ein und holen uns aus den L&auml;den die Waren, die wir verkaufen wollen. Wozu? Wenn die L&auml;den verkrachen, weil sie zu teuer arbeiten, k&ouml;nnen wir doch die Ware auch so haben durch einfachen, gesetzlichen Kauf zu einem Preis, der noch unter den Spesen eines Einbruchs liegt! Und wir haben, wenn Sie darauf Wert legen sollten, dann ebenso gestohlen, wie bei einem Einbruch; denn was in den verkrachten L&auml;den an Waren lagerte, war ja auch schon den Leuten weggenommen, die sie gemacht hatten und denen man gesagt hatte: Arbeitskraft oder Leben! Man mu&szlig; legal arbeiten. Es ist ebenso guter Sport! Man benutzt heute friedlichere Methoden. Die grobe Gewalt hat ausgespielt. Man schickt, wie gesagt, keine M&ouml;rder mehr aus, wenn man den Gerichtsvollzieher schicken kann. Wir m&uuml;ssen aufbauen, nicht niederrei&szlig;en, das hei&szlig;t, wir m&uuml;ssen beim Aufbauen den Schnitt machen.<\/em><\/p><p>Es sind Reden dieser Art, die Macheath als einen gewieften Ideologen und Gesch&auml;ftsmann ausweisen, der auf der H&ouml;he der Zeit ist. Im <em>Dreigroschenroman<\/em> sind die Stellen, an denen Macheath seine Ansprachen, Pl&auml;doyers oder Bekenntnisse h&auml;lt, kursiv gedruckt: man k&ouml;nnte sie als das gesammelte programmatische Wissen des Macheath bezeichnen &ndash; ein Wissen, das aus den Erfahrungen des unerbittlichen Konkurrenzkampfes unter kapitalistischen Bedingungen resultiert. Dieses Wissen beruht auf zwei wesentlichen Voraussetzungen: der F&auml;higkeit zum dialektischen und plumpen Denken. <\/p><p>Walter Benjamin hat darauf hingewiesen, dass <em>Dialektik und plumpes Denken<\/em> unaufl&ouml;slich aufeinander bezogen sind: <\/p><p><em>Es gibt viele Leute, die unter einem Dialektiker einen Liebhaber von Subtilit&auml;ten verstehen. Da ist es ungemein n&uuml;tzlich, da&szlig; Brecht auf das plumpe Denken den Finger legt, welches die Dialektik als ihren Gegensatz produziert, in sich einschlie&szlig;t und n&ouml;tig hat. Plumpe Gedanken geh&ouml;ren gerade in den Haushalt des dialektischen Denkens, weil sie gar nichts anderes darstellen als die Anweisung der Theorie auf die Praxis.<\/em><\/p><p>Der Dialektik bedarf es, um die immanenten Widerspr&uuml;che der kapitalistischen Gesellschaft zu analysieren. Macheath bekommt die Dialektik im allt&auml;glichen, brutalen Konkurrenzkampf ums &Uuml;berleben geradezu <em>eingepaukt<\/em> (Marx). Oft sind es scheinbar aussichtslose Situationen, denen Macheath sich gegen&uuml;ber sieht und die ihn zu sch&auml;rfstem Nachdenken zwingen. Die gesellschaftlichen Verh&auml;ltnisse unterliegen einem st&auml;ndigen Formwandel. Sie werden zunehmend undurchsichtig und zwingen die handelnden Personen zu Verhaltensweisen, denen nur die st&auml;rksten unter ihnen gewachsen sind. Seine Reden erweisen Macheath als gelehrigen Sch&uuml;ler. Und er wei&szlig;, wie man reden muss: vor den Mitgliedern seiner Bande ebenso wie vor Gesch&auml;ftsleuten und Bankern: stets findet er die richtige Sprache. Macheath wei&szlig; um die Sehns&uuml;chte der armen Leute ebenso wie er ein Gesp&uuml;r f&uuml;r den Bedarf an ideologischen Phrasen entwickelt, mit denen die Herrschenden ihre Gesch&auml;ftspraktiken verbr&auml;men.<br>\nBrecht gibt uns viele Beispiele f&uuml;r diese einzigartige Gabe Macheath&lsquo;: seiner F&auml;higkeit zum plumpen Denken. Dazu hei&szlig;t es bei Brecht: <em>Die Hauptsache ist, plump denken lernen. Plumpes Denken, das ist das Denken der Gro&szlig;en<\/em>. Es besteht darin, einen h&ouml;chst komplizierten Sachverhalt auf den Punkt zu bringen. Einen Sachverhalt, den noch keiner so recht durchschaut, geschweige denn formuliert hat, so zu artikulieren, dass die Adressaten sich gleichwohl darin wiedererkennen. Das hei&szlig;t: das neue Denken muss an das alte anschlussf&auml;hig sein. Was Macheath sagt, <em>hat noch nie jemand ausgesprochen, und doch reden sie alle so<\/em>. (Benjamin)<\/p><p>Es ist zugleich ein Denken, das ein <em>Interesse<\/em> in seiner abstraktesten, reinsten Form artikuliert &ndash; ohne Umschweife und st&ouml;rende Attribute. Es ist die <em>Anweisung der Theorie auf die Praxis<\/em> in Form einer Losung, die jeder versteht. Wenn Macheath seine Gesch&auml;ftspartner, die allesamt ehemalige Gegner, ja Todfeinde sind, wieder einmal vor vollendete Tatsachen stellt, geschieht dies in einer Form, die sie die Dinge mit Macheath&lsquo; Augen sehen l&auml;sst. So, wie Macheath seine Entscheidungen pr&auml;sentiert, sind sie von zwingender Logik. Alternativen gibt es nicht. Es ist zwecklos, sich welche vorzustellen. Man wei&szlig; oder sp&uuml;rt zumindest, dass die W&uuml;rfel gefallen sind. Und das da jemand spricht, der mit allen Wassern gewaschen ist und keinen Widerspruch duldet. Will man mit ins Boot, macht man am besten gute Miene zum b&ouml;sen Spiel. Eine dieser Szenen spielt sich so ab: <\/p><p><em>Im Sitzungszimmer der National Deposit Bank warteten acht Herren. Die Gruppen vermieden es, nacheinander zu blicken und unterhielten sich mit ged&auml;mpfter Stimme. Als sie Hawthornes Einladung erhalten hatten, war Aaron &uuml;ber Macheath&lsquo; offenkundiges Doppelspiel am wenigsten erstaunt gewesen. Die Art, wie er die Entdeckung aufnahm, da&szlig; sein Kompagnon Macheath gleichzeitig der Pr&auml;sident der so feindseligen ZEG war und seit geraumer Zeit mit der Konkurrenz unter einer Decke steckte, zeigte ihn weiterhin als Gesch&auml;ftsmann von Format. Er war daf&uuml;r, da&szlig; man sich aller naheliegenden moralischen Emotionen enthalte und lediglich ins Auge fasse, wie sich die Situation nunmehr ge&auml;ndert habe. Die Herren von der Commercial Bank teilten allerdings seinen objektiven Standpunkt nicht und zeigten sich eher von dieser Auffassung befremdet.<br>\nImmerhin gestand auch Aaron, er sei gespannt, wie Macheath es anstellen w&uuml;rde, ihnen heute in die Augen zu blicken.<\/em><\/p><p>Macheath, der sich gerade unerlaubt von einer Gerichtsverhandlung, in der er wegen Mordes angeklagt ist, entfernt hat, f&uuml;hlt sich nicht gerade wohl in seiner Rolle. Er hat den Herren Entscheidungen mitzuteilen, die f&uuml;r die meisten h&ouml;chst unerfreulich sind. Unter den teilnehmenden Gesch&auml;ftsleuten befindet sich sein eigener Schwiegervater, den er bei dieser Gelegenheit kennenlernt. Macheath wei&szlig;, dass er alle Tr&uuml;mpfe in der Hand h&auml;lt, was ihm eine Art &Uuml;berlegenheitsgef&uuml;hl verschafft. Gleichwohl reflektiert er noch einmal seine Herkunft, seinen Werdegang, seine Erfahrungen und die Position, die er mittlerweile erreicht hat. Er tut dies auf die ihm gem&auml;&szlig;e Art &ndash; ohne Umschweife und h&ouml;chst radikal in der Konsequenz seines Denkens:<\/p><p><em>Sie warten nur darauf, Vertr&auml;ge machen zu k&ouml;nnen, dachte Macheath angewidert. Dabei ekelt mich, den einstigen Stra&szlig;enr&auml;uber, dieses Gefeilsche wirklich an! Da sitze ich dann und schlage mich um Prozente herum. Warum nehme ich nicht einfach mein Messer und renne es ihnen in den Leib, wenn sie mir nicht das ablassen wollen, was ich haben will? Was f&uuml;r eine unw&uuml;rdige Art, so an den Zigarren zu ziehen und Vertr&auml;ge aufzusetzen! S&auml;tzchen soll ich einschmuggeln und Andeutungen soll ich fallen lassen! Warum dann nicht gleich lieber: das Geld her oder ich schie&szlig;e? Wozu einen Vertrag machen, wenn man mit Holzsplitterunterdiefingern&auml;geltreiben das Gleiche erreicht? Immer dieses unw&uuml;rdige Sichverschanzen hinter Richtern und Gerichtsvollziehern! Das erniedrigt einen doch vor sich selber. Freilich ist mit der einfachen, schlichten und nat&uuml;rlichen Stra&szlig;enr&auml;uberei heute nichts mehr zu machen. Sie verh&auml;lt sich zu der Kaufmannspraxis wie die Segelschiffahrt zur Dampfschiffahrt. Ja, aber die alten Zeiten waren menschlicher. Der alte, ehrliche Gro&szlig;grundbesitz! Wie ist der heruntergekommen! Fr&uuml;her schlug der Gro&szlig;grundbesitzer dem P&auml;chter in die Fresse und warf ihn in den Schuldturm, heute mu&szlig; er sich vor ein Gericht hinstellen und den Sohn eines P&auml;chters, der dort als Richter sitzt, mit dem Gesetzbuch in der Hand zwingen, ihm einen Zettel Papier vollzuschmieren, mit dem er seinen P&auml;chter auf die Stra&szlig;e jagen kann. Fr&uuml;her hat ein Unternehmer seine Arbeiter und Angestellten einfach hinausgeworfen, wenn ihnen der Lohn oder ihm der Profit nicht ausreichte. Er wirft sie auch heute noch hinaus, nat&uuml;rlich, er macht auch heute noch Profit, vielleicht macht er sogar mehr Profit heute als fr&uuml;her, aber unter welchen entw&uuml;rdigenden Umst&auml;nden! Er mu&szlig; den Gewerkschaftsf&uuml;hrern erst Zigarren in die ungewaschenen M&auml;uler stecken und ihnen eintrichtern, was sie den Herren Arbeitern sagen sollen, damit sie gn&auml;digst in seinen Profit einwilligen. Das ist doch eine h&uuml;ndische Haltung! Einen anst&auml;ndigen Menschen w&uuml;rde unter solchen Umst&auml;nden sein Profit &uuml;berhaupt nicht mehr freuen, und wenn er noch so gro&szlig; w&auml;re! Er ist mit einer zu gro&szlig;en Preisgabe menschlicher W&uuml;rde erkauft! Das betrifft sogar die Regierung. Nat&uuml;rlich werden auch heute die Massen angehalten zu einem arbeitsamen und opferfreudigen Leben, aber unter welch j&auml;mmerlichen Begleitumst&auml;nden! Man sch&auml;mt sich nicht, sie erst zu bitten, selber mit Stimmzetteln in der Hand die Polizei zu w&auml;hlen, die sie niederhalten soll. Der allgemeine Mangel an Haltung macht sich auch hier bemerkbar. <\/em><\/p><p>Brecht l&auml;sst Macheath an dieser Stelle des Romans Schlussfolgerungen ziehen, die seinen eigenen Erfahrungsprozess widerspiegeln, den er mit seiner Analyse des <em>Dreigroschenprozesses<\/em> bis hin zum aufkommenden Faschismus eingeleitet hatte. Dort hatte er den Formwandel des ideologischen Apparats der fortgeschrittenen kapitalistischen Gesellschaft analysiert. In einer Tiefensch&auml;rfe, die ihresgleichen sucht. Macheath, der vor dem gr&ouml;&szlig;ten Triumpf seiner bisherigen Laufbahn steht, res&uuml;miert fast wehm&uuml;tig seinen Werdegang vom Stra&szlig;enr&auml;uber zum Gesch&auml;ftsmann und kommt zu dem Schluss, dass die modernen Umgangsformen des Gesch&auml;ftslebens denen der alten keineswegs moralisch &uuml;berlegen sind. Gleichwohl hat er die Ver&auml;nderungen in den gesellschaftlichen Beziehungen zu Kenntnis genommen und macht sie sich in altbekannter Manier zu eigen. <\/p><p>Er, der alle Praktiken beherrscht, die notwendig sind, um als Gesch&auml;ftsmann erfolgreich zu sein &ndash; vom Mord, &uuml;ber den Betrug, die T&auml;uschung, die Korruption bis hin zur Verfertigung von Vertr&auml;gen &ndash; sehnt sich doch nach den alten, vorgeblich menschlicheren Verh&auml;ltnissen zur&uuml;ck &ndash; wohl wissend, dass diese unwiderruflich vorbei sind und bestenfalls zur moralisierenden Bem&auml;ntelung der neuen Praktiken taugen.<br>\nNachdem er seinen Gesch&auml;ftspartnern die von ihm bereits vollzogenen Entscheidungen mitteilt, die f&uuml;r einige von ihnen den Ruin bedeuten, h&auml;lt er wieder eine seiner ber&uuml;hmten Reden, die ihn als Mann von Format ausweisen:<\/p><p><em>Im gro&szlig;en ganzen bin ich mit dem Abschlu&szlig;, zu dem wir heute nach mannigfachen Mi&szlig;verst&auml;ndnissen gekommen sind, zufrieden. Ich mache kein Hehl daraus: ich stamme von unten. Ich habe nicht immer an solchen Tischen gesessen und nicht immer mit so ehrenwerten M&auml;nnern. Ich habe meine T&auml;tigkeit klein begonnen, in einem anderen Milieu. Sie blieb aber im gro&szlig;en und ganzen immer die gleiche. Man schreibt im allgemeinen den Aufstieg eines Mannes seinem Ehrgeiz oder einem gro&szlig;en, verwickelten Plan zu. Offen gestanden, hatte ich keinen so gro&szlig;en Plan. Ich wollte nur immer dem Armenhaus entgehen. Mein Wahlspruch war: der kranke Mann stirbt und der starke Mann ficht. Schlie&szlig;lich kommen nur Leute wie ich nach oben. Sollte jemand schon oben sein und diesen Wahlspruch nicht beherzigen, dann wird er andererseits bald unten angelangt sein. Ich bin der Meinung meines Freundes Aaron, da&szlig; die Wirtschaft immer M&auml;nner meines Schlages erfordert hat. Andere Leute k&ouml;nnen aus dem Pfund, das die Vorsehung in ihre Hand gelegt hat, nicht das Geringste herausholen. Ich schlie&szlig;e mit dem Spruch: Immer aufw&auml;rts! per aspera ad astra! Und:  N i e m a l s  z u r &uuml; c k b l i c k e n !<\/em><\/p><p>Auch hier erweist sich Macheath als Meister des plumpen Denkens: soeben hat er seine Konkurrenten niedergerungen und teilt ihnen seine Entschl&uuml;sse mit. Diese preisen ihn darauf hin &uuml;ber alle Ma&szlig;en: loben seinen Gesch&auml;ftssinn; scheuen sich nicht, seine Mitmenschlichkeit hervorzuheben; sehen ihn gar als Familienmenschen (ihn, der regelm&auml;&szlig;ig seine Donnerstage im Bordell verbringt) &ndash; und auf welche Weise entgegnet Macheath ihnen? Er verweist auf die  <em>V o r s e h u n g<\/em>  , die ihm das Pfund in die Hand gelegt hat, aus dem er &ndash; im Unterschied zu vielen anderen &ndash; etwas gemacht hat. <\/p><p>Brecht widmet diesem Sachverhalt das ganze abschlie&szlig;ende Kapitel des Romans. Bekanntlich spielte der Begriff im Vokabular des Faschismus eine herausragende Rolle. Er wurde immer dann herangezogen, wenn es galt, wundersame Ereignisse wie den Aufstieg Hitlers oder das Missslingen eines Attentats auf ihn zu verkl&auml;ren &ndash; ins Unerkl&auml;rliche, Mystische zu &uuml;berh&ouml;hen.<br>\nBrecht l&auml;sst den Soldaten Fewkoombey einen Traum tr&auml;umen, der ihn als Obersten Richter eines Weltgerichts in die Lage versetzt, sein Urteil &uuml;ber eines der gro&szlig;en Verbrechen der Menschheit zu sprechen. <\/p><p><em>Nach langem Nachdenken, das allein schon Monate dauerte, beschlo&szlig; der Oberste Richter, den Anfang mit einem Mann zu machen, der, nach Aussage eines Bischofs in einer Trauerfeier f&uuml;r untergegangene Soldaten, ein Gleichnis erfunden hatte, das zweitausend Jahre lang von allerlei Kanzeln herab angewendet worden war und nach Ansicht des Obersten Richters ein besonderes Verbrechen darstellte.<\/em><\/p><p>Um die Folgen des Gleichnisse sichtbar zu machen, l&auml;sst der Richter eine lange Reihe von Zeugen aufmarschieren und fragt sie, ob sich ihr Pfund, das sie von der Vorsehung geliehen bekamen, im Laufe der Zeit vermehrt hat. Wie sich zeigt, hat sich bei keinem der so Befragten ihr Pfund vermehrt. Der Richter fragt weiter: Hat der Angeklagte (gemeint ist der Bischof), gesehen, dass sich euer Pfund nicht vermehrt hat? Nach einigem Nachdenken antwortet auf die Frage ein kleiner Junge: <em>Er mu&szlig; es gesehen haben; denn wir haben gefroren, wenn es kalt war, und gehungert vor und nach dem Essen. Sieh selber, ob man es uns ansieht oder nicht<\/em>.<\/p><p>Nach Abschluss der Beweisaufnahme wird der Bischof wegen Beihilfe zum Tode verurteilt, weil er den Leuten immer wieder dieses Gleichnis vorgehalten hat. Aber wie gesagt: es handelt sich nur um einen Traum, und einen Tr&auml;umer wie den Soldaten Fewkoombey kann man nicht davon abhalten, wenigstens im Traum zu siegen.<\/p><p>Brecht hat f&uuml;r seinen Roman eine satirische Form der Darstellung gew&auml;hlt. Dadurch gelingt es ihm, die Diskrepanz von kapitalistischer Ideologie und Wirklichkeit umso wirksamer hervorzuheben. Er zeigt, wie eine Wirtschaftsform, die alle Bereiche der Gesellschaft ihrem Diktum der Profitmaximierung unterwirft, durch st&auml;ndigen Formwandel &uuml;berlebt. W&auml;hrend sie die nat&uuml;rlichen und gesellschaftlichen Grundlagen menschlicher Existenz zerst&ouml;rt, produziert sie gleichzeitig immer neue Mythen und Ideologien, die die Ursachen dieses Zerst&ouml;rungswerkes verbr&auml;men. <\/p><p>Der <em>Dreigroschenroman<\/em> von Brecht ist &uuml;beraus aktuell. Das soll abschlie&szlig;end noch einmal an der Rolle gezeigt werden, die nach wie vor dem Wettbewerb f&uuml;r das Funktionieren der Wirtschaft zugewiesen wird. Diese Passage liest sich wie ein modernes, neoliberales Credo: <\/p><p><em>Die Konkurrenz, mein Herr! Darauf beruht unsere Zivilisation, wenn Sie es noch nicht wissen sollten! Die Auswahl der T&uuml;chtigsten! Die Auslese der &Uuml;berragenden! Wie sollen sie &uuml;berragen, wenn es niemanden g&auml;be, den sie &uuml;berragen k&ouml;nnen? Die ganze Entwicklung der Lebewesen dieses Planeten k&ouml;nnen wir uns nur so vorstellen, da&szlig; es Konkurrenz gibt. Woher sonst &uuml;berhaupt eine Entwicklung? Sie haben Hunger! Das ist alles? Unversch&auml;mtheit! Solche gibt es doch Tausende! Da wird doch ganz anderes geboten. Sie sind ungl&uuml;cklich. Nun, Sie leiden unter dem Ungl&uuml;ck der Ungl&uuml;cklicheren. Das macht Sie konkurrenzunf&auml;hig. Das ist nichts als Bequemlichkeit, Schlechtrassigkeit und Renitenz! In Wirklichkeit sind Sie ein Sch&auml;dling! Ohne da&szlig; es f&uuml;r Sie gut ist, schaden Sie, einfach durch Ihre Existenz, allen Anderen, Leistungsf&auml;higeren, Elenderen! Was, sagt man, soviele Ungl&uuml;ckliche? Wie soll man da helfen? Wo soll man anfangen? Das ist klar: je mehr Ungl&uuml;ck es gibt, desto weniger braucht man sich damit abzugeben. Es ist ja fast schon allgemein! Der Naturzustand! Die Welt ist eben ungl&uuml;cklich, so wie der Baum gr&uuml;n ist! Weg mit Ihnen! <\/em><\/p><p>Brecht schrieb diese Zeilen 1933. Ist es m&ouml;glich, dass wir diesen Zust&auml;nden n&auml;her sind als wir glauben? Wir wollen es nicht hoffen. Gleichwohl: Brecht immer wieder zu lesen, kann einem auch die Augen f&uuml;r gegenw&auml;rtige Entwicklungen &ouml;ffnen. Darin besteht sein geradezu &uuml;berzeitliches Verdienst, das gleichzeitig das Signum gro&szlig;er Literatur ist.<\/p><p>Der Beitrag ist soeben erschienen in: <strong>Joke Frerichs\/Petra Frerichs: Lesespuren. Notizen zur Literatur, 260 Seiten, 27,90 E.<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der <em>Dreigroschenroman<\/em> von Brecht ist &uuml;beraus aktuell. Er zeigt, wie eine Wirtschaftsform, die alle Bereiche der Gesellschaft ihrem Diktum der Profitmaximierung unterwirft, durch st&auml;ndigen Formwandel &uuml;berlebt. 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