{"id":106908,"date":"2023-11-18T10:00:36","date_gmt":"2023-11-18T09:00:36","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=106908"},"modified":"2023-11-18T01:20:57","modified_gmt":"2023-11-18T00:20:57","slug":"auch-ein-hoechstmass-an-militaermacht-macht-verwundbar","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=106908","title":{"rendered":"Auch ein H\u00f6chstma\u00df an Milit\u00e4rmacht macht verwundbar"},"content":{"rendered":"<p>Ein lebendiger und moderner Pazifismus dr&uuml;ckt sich in Begegnung, gegenseitigem Zuh&ouml;ren und Lernen aus. <em>Frankfurter Rundschau<\/em> vom 6. Februar 2002. Von <strong>Horst-Eberhard Richter<\/strong>[<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=106908#foot_1\" name=\"note_1\">*<\/a>].<br>\n<!--more--><br>\nLassen sich die Deutschen in einen Krieg hineinziehen, erscheinen prompt Artikel gegen den Pazifismus. Er wird entweder als blamable Feigheit oder als weltfremde Blau&auml;ugigkeit oder gar als getarnte Sympathie mit dem jeweiligen Feind hingestellt. Oder aber in Erkl&auml;rungsnot geratene Ex-Kriegsgegner erfinden zur eigenen Entlastung einen Pazifismusbegriff, der einen von ihnen aktuell gebilligten Kriegseinsatz einzuschlie&szlig;en erlauben soll. Hierzulande haben sich eine Reihe von Ex-68ern in den 90er-Jahren offen von fr&uuml;heren pazifistischen Positionen verabschiedet und ihren Wandel zu &bdquo;Verr&auml;tern&rdquo; begr&uuml;ndet. Einige darunter hatten sich allerdings nie im eigentlich pazifistischen Sinn, sondern nur gegen die amerikanischen Raketen engagiert, sodass es eher ein Frontwechsel war, wenn sie sich sp&auml;ter auf die Seite der NATO schlugen.<\/p><p>Zur Bek&auml;mpfung von moralischen Selbstzweifeln h&auml;ngen manche den Pazifismus-Begriff so hoch, dass er nur zu Heiligen passt, zu Jesus oder Franz von Assisi. Die Rede ist dann von einem abstrakten, von einem radikalen oder absoluten Pazifismus. Der Trick besteht darin, die Gesinnung von der politischen Realit&auml;t abzukoppeln. Dabei wird immer wieder Max Webers Unterscheidung von Gesinnungsethik und Verantwortungsethik zitiert. Helmut Schmidt bem&uuml;hte sich seinerzeit, die Billigung von atomaren Mittelstreckenraketen auf westdeutschem Boden verantwortungsethisch zu begr&uuml;nden und den Gegnern gesinnungsethische Tr&auml;umerei vorzuhalten. Tats&auml;chlich zeigte sich aber sp&auml;ter, dass die Sowjets mit neuen Kurzstreckenraketen im Stande gewesen w&auml;ren, die amerikanischen Pershings schnell auszuschalten, sodass Deutschland Opfer eines Atomkrieges h&auml;tte werden k&ouml;nnen, der sich nicht interkontinental h&auml;tte ausweiten m&uuml;ssen. Stattdessen erwies sich das gesinnungsethische Argument Gorbatschows, dass nur eine Humanisierung der internationalen Beziehungen des Vertrauens zu einer Aufl&ouml;sung des Bedrohungsdenkens schaffen k&ouml;nne, als entscheidendes Mittel zur Beendigung des Kalten Krieges. Gorbatschows Vorleistung mit einem Atomtest-Stopp und einseitigem Abbau konventioneller Waffen leiteten die Entspannung ein. Ganz klar erwies sich die &Uuml;berlegenheit eines zugleich gesinnungsgeleiteten wie verantwortlich in den Folgen vorausbedachten Handelns.<\/p><p>Wer alles daransetzt, seinen &Uuml;berzeugungswandel vom entschiedenen Kriegsgegner zum aktuellen Kriegsbef&uuml;rworter zu verbergen, der kann, wie Ludger Volmer, sagen: Nicht ich habe mich ver&auml;ndert, sondern die Welt ist eine andere geworden. Seine gewundenen Argumente, in dieser Zeitung dargelegt, klingen so: Zuvor h&auml;tten es die Pazifisten nur mit Projektionen, mit eingebildeten Feindbildern zu tun gehabt. Nun aber handle es sich um wirkliche Feinde. Und deren kriegerische Bek&auml;mpfung vertrage sich noch immer mit einem &bdquo;politischen Pazifismus&rdquo;.<\/p><p>Richtig ist nat&uuml;rlich, dass die terroristischen Anschl&auml;ge vom 11. September 2001 eine neue Form von politischen Massenverbrechen darstellen. Sie entsprechen in anderer Dimension dem Typ der Selbstmordanschl&auml;ge der Pal&auml;stinenser in Nahost. Aber die kriegerische Reaktion der USA in das Konzept eines &bdquo;politischen Pazifismus&rdquo; einzuordnen, wie es Volmer versucht, ist nun wahrlich eine Zumutung. Von politischem Pazifismus h&auml;tte man sprechen k&ouml;nnen, h&auml;tten die USA einen Weg eingeschlagen, den eine gro&szlig;e Zahl von amerikanischen, kanadischen und eine Reihe von europ&auml;ischen Wissenschaftlern dem amerikanischen Pr&auml;sidenten und allen Kongressmitgliedern in einem Brief empfahlen: n&auml;mlich die Schuldigen an den Massenverbrechen zu verfolgen und mit den Mitteln des Rechts zu bestrafen. Stattdessen w&uuml;rde ein Rachekrieg erstens viele Unschuldige treffen, w&uuml;rde die Terrorakte zu kriegerischen Handlungen aufwerten und einen Abstieg zu der gleichen primitiven Brutalit&auml;t bedeuten, der man ausgesetzt worden sei. Im &Uuml;brigen w&uuml;rde man damit h&ouml;chstwahrscheinlich neuen Racheterror provozieren.<\/p><p>Tats&auml;chlich hat der dennoch entfesselte Krieg nun in Afghanistan das schlimme Taliban-Regime, das allerdings erst von den USA selbst an die Macht gebracht worden war, beseitigt. Aber bisher ist nicht bekannt geworden, dass der Bombenkrieg, der einige Hundert Zivilisten das Leben gekostet hat, auch nur einen einzigen der Verantwortlichen f&uuml;r die Anschl&auml;ge in den USA getroffen oder in Gefangenschaft gebracht habe. Wie sich herausgestellt hat, kamen die T&auml;ter zum &uuml;berwiegenden Teil aus dem mit Amerika befreundeten Saudi-Arabien. Finanziert wurde der Terror haupts&auml;chlich aus den Golf-Emiraten. Der eigentliche terroristische Feind ist also von dem Krieg, der nun noch auf andere Territorien ausgeweitet werden soll, gar nicht erfasst worden. Man h&auml;tte aus dem Testfall Nahost lernen sollen, dass noch &uuml;berlegener Waffeneinsatz das fortw&auml;hrende Nachwachsen von Selbstmordattent&auml;tern nicht verhindern, stattdessen nur f&ouml;rdern kann. Nahost w&auml;re f&uuml;r die USA und den Westen das Lehrbeispiel, das davor warnt, eine endlose Gewaltkette zu entfesseln, die nur auf einem Wege gebrochen werden kann, wie er durch die Vereinbarungen von Oslo beinahe schon erreichbar schien. Fast drei Jahre war der Terrorismus fast verschwunden, als die Pal&auml;stinenser auf einen baldigen unabh&auml;ngigen Staat und auf Freigabe der besetzten Gebiete hoffen konnten.<\/p><p>In dieser Richtung allein liegt die Chance f&uuml;r eine Austrocknung des N&auml;hrbodens f&uuml;r islamitische terroristische Gewalt. Und es w&auml;re kurzsichtig, die Pal&auml;stinenser etwa aus ihrem Zentrum in Ost-Jerusalem, ihrer zweitheiligsten St&auml;tte, hinausdr&auml;ngen zu lassen. Dar&uuml;ber sind sich die Friedensgruppen auf israelischer und pal&auml;stinensischer Seite, denen bislang allerdings durch die Grenzsperren eine Zusammenarbeit verweigert wird, l&auml;ngst einig.<\/p><p>So ist der 11. September am allerwenigsten ein Argument f&uuml;r eine Rehabilitation des Krieges, viel eher f&uuml;r eine Erweiterung des Programms eines modernen Pazifismus. So deutlich wie nie zuvor haben die Terroranschl&auml;ge bewiesen, dass selbst ein H&ouml;chstma&szlig; an offensiver und defensiver Milit&auml;rmacht, verbunden mit dem aufwendigsten weltweit operierenden Geheimdienst, nichts an der eigenen Verwundbarkeit &auml;ndert. Die Globalisierung f&uuml;hrt uns vielmehr vor Augen, dass es eine partielle Ohnmacht der M&auml;chtigsten und eine partielle Macht der Ohnm&auml;chtigsten gibt, das hei&szlig;t eine unsichtbare Beziehung zueinander, die zur Abwendung einer zerst&ouml;rerischen Interaktion unbedingt Bem&uuml;hungen um eine konstruktive Kooperation verlangt.<\/p><p>Das hat der renommierte amerikanische Politikwissenschaftler Benjamin Barber unmittelbar nach den Anschl&auml;gen in einem Brief an Pr&auml;sident Bush pr&auml;zise so formuliert: &bdquo;Terrorismus ist die negative und verzerrte Form der gegenseitigen Abh&auml;ngigkeit, die wir in der positiven und n&uuml;tzlichen Form nicht anzuerkennen bereit sind.&rdquo;<\/p><p>Es gibt also in der globalisierten Gesellschaft nur eine gemeinsame Sicherheit. Kein Weg f&uuml;hrt daran vorbei, mit den islamischen L&auml;ndern, deren Mehrheiten sich ohnehin zum eigenen Nutzen ein friedliches Zusammenleben mit dem Westen w&uuml;nschen, engere Verbindungen zu kn&uuml;pfen. Ein zeitgem&auml;&szlig;er Pazifismus ist nicht mehr ein auf das Milit&auml;rische eingeengter Antipazifismus, sondern ein auf eine Kultur des Friedens zielender Propazifismus.<\/p><p>Das schlie&szlig;t keine gezielten Polizeiaktionen gegen Massenverbrechen aus. Sein Schwerpunkt liegt indessen in konstruktiver Arbeit am Abbau von Ungerechtigkeiten und aggressionstr&auml;chtigen Entfremdungen. Alle noch so gro&szlig;artigen technischen Kommunikationsm&ouml;glichkeiten n&uuml;tzen nichts, wenn nicht der Wille zu pers&ouml;nlichen Begegnungen, zu gegenseitigem Zuh&ouml;ren und zum Lernen voneinander hinzutreten. Nur die Bem&uuml;hung um menschliche N&auml;he zueinander weckt das Bewusstsein f&uuml;r die gegenseitige Verantwortung. Verantwortung ist N&auml;he, und N&auml;he ist Verantwortung, stellte der polnische Soziologe Zygmunt Bauman fest. Einen lebendigen Pazifismus dieser Art f&uuml;hrt der gebrechliche Papst Wojtyla vor: 2000 hat er an der Klagemauer in Jerusalem gebetet.<\/p><p>2001 hat er als erstes katholisches Kirchenoberhaupt die Omaijaden-Moschee in Damaskus besucht. Er setzt sich f&uuml;r eine Beendigung der Embargos gegen Kuba und Irak ein und neuerdings gegen eine Ausdehnung der Terroristenverfolgung auf L&auml;nder, Nationen und Religionen. Daf&uuml;r nimmt er Kritik aus der r&ouml;mischen Kurie in Kauf. Stirnrunzeln ertr&auml;gt auch Bundespr&auml;sident Rau f&uuml;r seine &Auml;u&szlig;erungen, wonach andere Kulturkreise uns im Westen Vorstellung und Forderungen entgegenhielten, unser Verhalten zu &auml;ndern, was wir akzeptieren m&uuml;ssten.<\/p><p>Hoch geachteten Autorit&auml;ten kann man schwer offen entgegentreten, wenn sie sich mit solchen selbstkritischen &Auml;u&szlig;erungen oder mutigen Vers&ouml;hnungsgesten herwagen. Anderen, die sich im gleichen Sinne f&uuml;r ein Br&uuml;ckenschlagen einsetzen, ergeht es &auml;hnlich wie den humanistischen Gruppen der Friedensbewegung Mitte der 80er-Jahre, denen das Eintreten f&uuml;r eine block&uuml;bergreifende Verst&auml;ndigung und Vertrauensbildung prompt als Ausscheren aus der gebotenen westlichen Solidarit&auml;t ausgelegt wurde. So wie sich im Augenblick Staatsminister Ludger Volmer nicht verkneifen kann, Kriegskritikern Verdr&auml;ngung und eine Verkehrung des T&auml;ter-Opfer-Verh&auml;ltnisses vorzuwerfen, genauso wurden wir Friedens&auml;rzte der IPPNW von der bundesdeutschen Obrigkeit &ouml;ffentlich diskriminiert, als wir 1985 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurden.<\/p><p>Damals protestierte sogar Helmut Kohl in Oslo h&ouml;chstpers&ouml;nlich und musste sich vom Vorsitzenden des Nobel-Komitees sagen lassen, dass er der erste Regierungschef nach Adolf Hitler sei, der in dieser Eigenschaft gegen eine Preisvergabe protestiert habe. Wie in den 80er-Jahren werden sich auch heute Pazifisten im echten Sinne nicht durch die &uuml;blichen Verd&auml;chtigungen einsch&uuml;chtern lassen. Sie werden zun&auml;chst am Abbau der neuen Variante der geistigen Spaltung der Welt in die Guten, das sind wir, und das B&ouml;se drau&szlig;en weiterarbeiten in der Besorgnis, dass dieses B&ouml;se m&ouml;glichst bald noch je nach strategischer Planung weiteren L&auml;ndern zugeteilt werden soll.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Eine Erinnerung der Universit&auml;t Gie&szlig;en an <a href=\"https:\/\/www.uni-giessen.de\/de\/ueber-uns\/pressestelle\/pm\/pm57-23horsteberhardrichter\">Horst-Eberhard Richter<\/a>.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein lebendiger und moderner Pazifismus dr&uuml;ckt sich in Begegnung, gegenseitigem Zuh&ouml;ren und Lernen aus. <em>Frankfurter Rundschau<\/em> vom 6. Februar 2002. 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