{"id":10703,"date":"2011-09-12T11:06:44","date_gmt":"2011-09-12T09:06:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=10703"},"modified":"2014-09-10T13:10:13","modified_gmt":"2014-09-10T11:10:13","slug":"albrecht-mullers-wochenruckblick-es-gibt-offenbar-so-etwas-wie-lust-an-zerstorung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=10703","title":{"rendered":"Albrecht M\u00fcllers Wochenr\u00fcckblick: Es gibt offenbar so etwas wie Lust an Zerst\u00f6rung."},"content":{"rendered":"<p>Die NachDenkSeiten nennen sich im Untertitel &bdquo;Die kritische Website&ldquo;. Zur Zeit sind wir beim Umgang mit dem Euro und Europa vermutlich eines der konstruktivsten Medien. Wir beobachteten in der vergangenen Woche mit Staunen und mit Sorge, wie zynisch und leichtfertig Politiker, Wissenschaftler und Medien mit der gemeinsamen W&auml;hrung  und dem erreichten Stand der Vereinigung Europas umgehen. Sie tun so, als k&ouml;nne man eine W&auml;hrung wechseln wie das Hemd, sie an- und ausknipsen wie ein Licht; sie beachten nicht, welche unglaublichen wirtschaftlichen und politischen Kosten auf jedes ausscheidende Land und auf die verbleibenden L&auml;nder zukommen. Sie heizen immer wieder gedankenlos oder aus Absicht die Spekulation an. Sie &auml;u&szlig;ern sich &uuml;ber andere V&ouml;lker in besch&auml;mender Weise. &ndash; Wir halten dies f&uuml;r unertr&auml;glich, obwohl wir an der Konstruktion Europas und an der Konstruktion der Eurozone mindestens so viel auszusetzen haben wie jene, die jetzt &uuml;ber ihre eigene Konstruktionsfehlleistung herziehen. Wenn eine gesellschaftliche Einrichtung falsch konstruiert ist, dann muss man den Konstruktionsfehler heilen, statt das Ganze zu zerst&ouml;ren. Albrecht M&uuml;ller.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Die Folgen einer Zerst&ouml;rung des Euroraums<\/strong><\/p><p>Am 6.9. erschien eine <a href=\"upload\/pdf\/110909_UBS_Euro.pdf\">Studie von UBS Investment Research [PDF &ndash; 135 KB]<\/a>, einer Forschungseinrichtung der Schweizer Bank UBS. Titel: &bdquo;Euro break up &ndash; the consequences&ldquo;. Die Autoren der bisher leider nur in Englisch vorliegenden Studie beschreiben die wirtschaftlichen und politischen Folgen eines Auseinanderbrechens der Eurozone. Nicht nur ein schwaches Euro-Land wie Griechenland h&auml;tte mit enormen Kosten zu rechnen, die die Autoren pro Kopf umrechnen &ndash; 9500 bis 11.500 &euro; im erstes Jahr nach dem Austritt; auch im Falle des Ausscheidens Deutschlands tr&auml;ten enorme Kosten ein, 20-25 % des BIP sch&auml;tzen die Autoren.<br>\nNoch gravierender sind nach Meinung der Autoren die politischen Folgen: Europa verliere weiter an Einfluss, es k&ouml;nne zu schweren sozialen Problemen und politischen Spannungen bis hin zum B&uuml;rgerkrieg kommen.<br>\nDie Autoren stellen gleich zu Anfang fest, dass der Euro unter den gegebenen Strukturen nicht funktionieren kann. Entweder das wird ge&auml;ndert oder die Mitgliedschaft ist so nicht zu halten. Sie wenden sich dann aber zugleich gegen die popul&auml;re und falsche Vorstellung, ein Land k&ouml;nne bei sich die &Ouml;konomie stimulieren, indem es einfach die Eurozone verl&auml;sst, und sie wenden sich gegen die falsche Vorstellung, ein Land k&ouml;nne einfach ausgeschlossen werden, oder ein starkes Land wie Deutschland k&ouml;nne die Eurozone verlassen ohne bemerkenswerte negative Konsequenzen. Aus ihrer Sicht bedarf es einer fiskalischen Union, um den Konstruktionsfehler des Euro-Raums zu heilen. Aus unserer Sicht bedarf es zur Heilung des Konstruktionsfehlers noch einiger anderer Elemente, insbesondere einer Ann&auml;herung der Lohnst&uuml;ckkosten und damit der Wettbewerbsf&auml;higkeit der einzelnen L&auml;nder.<br>\nIm Kern halte ich die Sto&szlig;richtung und die Hauptaussagen der Studie (nicht ede einzelne Berechnung) jedoch f&uuml;r richtig. Die Autoren machen klar, wie leichtfertig und bar jeder Sachkenntnis &ndash; auch von der Rechtslage &ndash; die Debatten um Austritt, Ausschluss oder Auseinanderbrechen gef&uuml;hrt werden. <\/p><p><strong>Zyniker, Populisten und Rechthaber sind unterwegs &ndash; Verantwortungslos bis zum Gehtnichtmehr<\/strong><\/p><p>Man konnte gegen die Einf&uuml;hrung des Euro sein &ndash; ohne Frage. Man kann beklagen, dass die Konzentration auf den Stabilit&auml;tspakt und damit auf Preisstabilit&auml;t als quasi einziges Ziel der Politik grundfalsch war und ist, usw. Aber gut 10 Jahre nach seiner Einf&uuml;hrung immer noch die K&auml;mpfe von damals zu f&uuml;hren, ist lachhaft bis zynisch.<br>\nDeshalb verstehe ich nicht, dass die Gruppe Schachtschneider\/Hankel\/Starbatty\/N&ouml;lling\/Spethmann ihre Kampagne gegen den Euro weiterf&uuml;hrt, statt sich auf die Bef&ouml;rderung einer sachlich richtigen und nicht neoliberal gepr&auml;gten Reform der Konstruktion der Eurozone zu bem&uuml;hen. Mit ihrer Klage gegen den Rettungsschirm haben sie das Gegenteil erreicht. Das Bundesverfassungsgericht hat das Gewicht der gescheiterten neoliberal gepr&auml;gten Euro-Stabilit&auml;tspolitik noch erh&ouml;ht. Siehe den Beitrag von Wolfgang Lieb vom 8.9. <a href=\"?p=10675\">&bdquo;Bundesverfassungsgericht hilft Bundesregierung bei der Griechenlandhilfe aus der Patsche und erhebt die Maastricht-Regeln auf Verfassungsrang&ldquo;<\/a>. <\/p><p>Das Urteil bestimmte die Debatte zum Thema in der vergangenen Woche.<br>\nMit geradezu grotesken Vorschl&auml;gen meldete sich der EU-Kommissar G&uuml;nther &Ouml;ttinger zu Wort. Er schlug in der &ldquo;Bild&rdquo; vor, die Fahnen jener Euro-Staaten vor EU-Geb&auml;uden k&uuml;nftig auf Halbmast zu setzen, die zu viel Schulden machen. Die CSU droht mit Ausschluss Athens &ndash; was gar nicht geht.<br>\nVizekanzler Philipp R&ouml;sler, bringe die  Staatspleite Griechenlands ins Spiel, <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/wirtschaft\/article13598192\/Vizekanzler-bringt-Staatspleite-Griechenlands-ins-Spiel.html?wtmc=Newsletter.NL_Weltbewegt&amp;print=true#reqdrucken\">schreibt Die Welt<\/a>. Auch R&ouml;sler, immerhin Vizekanzler !, und Die Welt heizen ohne R&uuml;cksicht auf Verluste die Spekulation an. Eine Versammlung von verantwortungslosen Irren umgibt uns. <\/p><p><strong>Spekulation wird weiter angeheizt &ndash; Weiter mit den falschen Rezepten und den falschen Personen<\/strong><\/p><p>Griechenland m&uuml;sse nachsitzen, schreibt meine Regionalzeitung, Die Rheinpfalz. Spiegel-Online schreibt wie die Politiker der Union vom Schlingerkurs der Griechen. Sch&auml;uble, die EU und der Internationale W&auml;hrungsfonds pochen auf noch mehr Sparen, obwohl diese vor gut einem Jahr verordneten Rezepte keinen Erfolg hatten, ja keinen Erfolg haben konnten, weil ein Land, das seine Konjunktur kaputt spart, de facto gar nicht sparen kann. (Siehe dazu unseren <a href=\"?p=10692\">Beitrag zu Griechenland vom 9.9.<\/a>).<\/p><p>Die Debatte wird nicht von sachlichen Erw&auml;gungen gepr&auml;gt. W&uuml;rde die Bundesregierung Sachzusammenh&auml;nge und die Wirkung ihrer Sparkampagne ber&uuml;cksichtigen, d&uuml;rfte sie so nicht agieren. Sie h&auml;tte dann auch harsch und hart auf die Ank&uuml;ndigung des EZB-Chefvolkswirts Stark reagieren m&uuml;ssen. Wer von der mangelnden Qualit&auml;t dieses &bdquo;Chefvolkswirts&ldquo; noch nichts wusste, kann es an diesem Vorgang sehen. Ein einigerma&szlig;en guter &Ouml;konom musste wissen, was eine solche Ank&uuml;ndigung ausl&ouml;st: Spekulation. Und Beifall. Danach trachten diese &bdquo;Typen&ldquo;, Stark wie Sch&auml;uble &ndash; ohne R&uuml;cksicht auf Verluste. Es passt ins Bild von der Abh&auml;ngigkeit der Bundesregierung von der ver&ouml;ffentlichten Meinung und von den Interessen der Finanzindustrie, dass Staatssekret&auml;r Asmussen Nachfolger Starks werden soll. Ein den Interessen der Finanzwirtschaft nachweisbar ergebener und fachlich ausgesprochen &bdquo;bescheidener&ldquo; &Ouml;konom wird Chef&ouml;konom. Deutschland produziert eine Hypothek nach der anderen f&uuml;r Europa.<\/p><p>Ein besonders dreistes St&uuml;ck zur Debatte um den Euro leistete sich das ZDF mit der heute-Sendung vom vergangenen Donnerstag. Dar&uuml;ber berichtet unser Mitstreiter JK treffend:<\/p><p>&bdquo;Noch ein Hinweis auf einen reinen Propagandabeitrag aus der heute-Sendung des ZDF vom Donnerstag. Beim Ansehen bleibt einem allerdings erst einmal die Spucke weg. Tenor: Deutschland hat im Prinzip nicht vom Euro profitiert und kann\/sollte eigentlich aus der W&auml;hrungsunion aussteigen, bevor es f&uuml;r alle Schuldenstaaten den Zahlmeister spielt, so die heimliche Botschaft. Als Zeugen treten auf&nbsp; Prof. Renate Ohr, angebliche Expertin f&uuml;r internationale Wirtschaftspolitik an der Universit&auml;t G&ouml;ttingen, sowie ein Dr. Matthias Kullas vom Centrum f&uuml;r Europ&auml;ische Politik Freiburg.<br>\nEine Suche bei Google weist Frau Ohr als klare Eurogegnerin aus. 1998 war sie Mitinitiatorin eines Manifestes verschiedener &Ouml;konomen gegen die Europ&auml;ische W&auml;hrungsunion und f&auml;llt durch Vorschl&auml;ge auf, so genannten Schuldenstaaten die Stimmrechte in europ&auml;ischen Gremien zu entziehen. Selbstverst&auml;ndlich schreibt Frau Ohr auch f&uuml;r den &Ouml;konomen-Blog der INSM.<br>\nZu Herrn Kullas trifft man im Netz auf einen Artikel in der FAZ, der offenbar als Vorlage f&uuml;r den ZDF-Beitrag gedient hat, da dort fast eins zu eins die gleiche Argumentationslinie zu finden ist. In anderen ZDF-Beitr&auml;gen zum Thema Schuldenkrise wird Herr Kullas auch schon einmal als Politik-Experte ausgewiesen. Prim&auml;r ist Matthias Kullas f&uuml;r das Centrum f&uuml;r Europ&auml;ische Politik t&auml;tig, das sich, laut ZDF,&nbsp; als Think-Tank der Stiftung Ordnungspolitik versteht. Laut Wikipedia handelt es sich bei der Stiftung Ordnungspolitik um eine Institution deren Ziel die Pflege und wissenschaftliche Weiterentwicklung der Ordnungs&ouml;konomik, aufbauend auf den Ideen von Walter Eucken und Friedrich August von Hayek, sei. So viel zu den so genannten Experten.<br>\nEigentlich unglaublich, dass in einem &ouml;ffentlich-rechtlichen Sender eine derartige Meinungsmache und -manipulation m&ouml;glich ist.<br>\nHier die Quellen: <a href=\"http:\/\/www.heute.de\/ZDFheute\/inhalt\/20\/0,3672,20,00.html?dr=1\">heute\/ZDF<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/artikel\/C30638\/waehrungsunion-ist-deutschland-hauptprofiteur-des-euro-30476964.html\">FAZ<\/a>.<\/p><p><strong>Es gab auch Erfreuliches in der vergangenen Woche: Einen ungewohnten Gleichklang von Gregor Gysi und dem Chef von Bosch, Franz Fehrenbach<\/strong><\/p><p>Wir haben &uuml;ber Gysis Haushaltsrede vom vergangenen Mittwoch <a href=\"?p=10672\">berichtet<\/a> und &uuml;ber einen <a href=\"?p=10663\">Bericht des Handelsblatts<\/a> zu einem Gespr&auml;ch von Fehrenbach mit Wirtschaftsjournalisten. Beide wandten sich in der vergangenen Woche gegen die Vorherrschaft der von Spekulation und Wetten gepr&auml;gten Finanzwirtschaft und machen &auml;hnliche Heilungsvorschl&auml;ge.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die NachDenkSeiten nennen sich im Untertitel &bdquo;Die kritische Website&ldquo;. Zur Zeit sind wir beim Umgang mit dem Euro und Europa vermutlich eines der konstruktivsten Medien. Wir beobachteten in der vergangenen Woche mit Staunen und mit Sorge, wie zynisch und leichtfertig Politiker, Wissenschaftler und Medien mit der gemeinsamen W&auml;hrung und dem erreichten Stand der Vereinigung Europas<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=10703\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[186,139,157],"tags":[423,339,333,870,454],"class_list":["post-10703","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-bundesverfassungsgerichtverfassungsgerichtshof","category-euro-und-eurokrise","category-wettbewerbsfaehigkeit","tag-austeritaetspolitik","tag-chauvinismus","tag-lohnstueckkosten","tag-oettinger-guenther","tag-stabilitaetspakt"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10703","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=10703"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10703\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":10705,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10703\/revisions\/10705"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=10703"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=10703"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=10703"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}