{"id":10706,"date":"2011-09-12T14:01:30","date_gmt":"2011-09-12T12:01:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=10706"},"modified":"2014-09-10T13:22:53","modified_gmt":"2014-09-10T11:22:53","slug":"ezb-personalwechsel-zwischen-skylla-und-charybdis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=10706","title":{"rendered":"EZB-Personalwechsel: Zwischen Skylla und Charybdis"},"content":{"rendered":"<p>Mit J&uuml;rgen Stark r&auml;umt ein monetaristischer &Uuml;berzeugungst&auml;ter seinen Schreibtisch in der EZB. Das w&auml;re eigentlich ein Grund zur Freude, wenn die europ&auml;ischen Institutionen auch nur im Ansatz die Demokratie leben w&uuml;rden. Da es bei der Besetzung des EZB-Direktoriums aber ungeschriebene Gesetze gibt, kann die deutsche Regierung de facto Starks Nachfolger bestimmen. Dass sich Angela Merkel und Wolfgang Sch&auml;uble jedoch ausgerechnet f&uuml;r Staatssekret&auml;r J&ouml;rg Asmussen entschieden haben, ist ein schwerer Schlag f&uuml;r die EZB und die Bev&ouml;lkerung der Eurozone. Von Jens Berger<br>\n<!--more--><br>\nDie spanische Zeitung El Pais beschrieb J&uuml;rgen Stark einmal als finanzpolitischen &bdquo;Taliban&ldquo; und traf damit den Nagel auf den Kopf. Stark, der in verschiedenen hochrangigen Positionen seit den 80ern Finanzpolitik betreibt, ist ein monetaristischer &Uuml;berzeugungst&auml;ter. &Ouml;konomen wie Stark sehen unter jedem Kieselstein eine drohende Inflationsgefahr und in der Preiswertstabilit&auml;t die einzige Aufgabe einer Zentralbank. In seinem Denken ist Stark immer der angebotsorientierten Wirtschaftstheorie eines Milton Friedman verhaftet geblieben. Albrecht M&uuml;ller <a href=\"?p=1157\">z&auml;hlt<\/a> ihn daher auch zu Recht zu den deutschen Chicago Boys. <\/p><p>In seiner f&uuml;nfj&auml;hrigen Karriere im Direktorium der EZB galt Stark stets als Falke, der jeden noch so geringen Wachstumsimpuls aus Angst vor Inflation durch h&ouml;here Zinsraten abw&uuml;rgen wollte. Die verh&auml;ngnisvollen Leitzinserh&ouml;hungen von 2006 bis 2008, die als verst&auml;rkender Faktor f&uuml;r das &Uuml;berspringen der Finanzkrise in die Eurozone gelten k&ouml;nnen, tragen seine Handschrift. Den Gipfel an finanzpolitischer Inkompetenz stellte Stark jedoch im Juli 2008 unter Beweis, als er sehendes Auges im Vorfeld der Finanzkrise Inflations-Alarm schlug und f&uuml;r eine fatale Zinserh&ouml;hung sorgte.<\/p><p>Deutschland und die Eurozone haben unz&auml;hlige volkswirtschaftliche Baustellen, wie das Auseinanderdriften der Lohnst&uuml;ckkosten, Au&szlig;enhandels&uuml;bersch&uuml;sse und &ndash;defizite und Arbeitslosigkeit &ndash; die Inflation geh&ouml;rt jedoch ganz sicher nicht dazu. Die irrationale Angst vor jedem Hauch von Inflation ist sicherlich eine deutsche Besonderheit, die auf die Hyperinflation der 1920er zur&uuml;ckzuf&uuml;hren ist. Es gibt jedoch heute keine Parallelen zu dieser Zeit und Europa hat viel zu lang mit verdrehten Augen diesen &bdquo;deutschen Tick&ldquo;  und die daraus resultierenden negativen Folgen dulden m&uuml;ssen.<\/p><p>Ein Zentralbanker, der seine Aufgabe einzig und alleine in der Inflationsabwehr sieht, ist kein &bdquo;H&uuml;ter der Stabilit&auml;t&ldquo;, wie es deutsche Medien in zahlreichen Nachrufen behaupten, sondern ein destabilisierender Faktor. Der Abgang Starks w&auml;re somit eigentlich ein Grund zu jubeln &ndash; umso unverst&auml;ndlicher mutet in diesem Zusammenhang das Heldenepos vom tapferen Stabilit&auml;tsgaranten an, das in den Medien an diesem Wochenende gesponnen wurde. <\/p><p>Die EZB-Vertr&auml;ge sehen es eigentlich vor, dass die Finanz- und Wirtschaftsminister der Eurol&auml;nder ihre Favoriten f&uuml;r die Nachfolge eines scheidenden Direktoriumsmitglieds nominieren und die Kandidaten nach einer Abstimmung des Europaparlaments vom  Europ&auml;ischen Rat (also dem Gremium der Staats- und Regierungschefs) mit qualifizierter Mehrheit bestimmt werden. Starks Nachfolger als &bdquo;Chefvolkswirt&ldquo; m&uuml;sste wiederum laut der Vertr&auml;ge eigentlich vom EZB-Direktorium gew&auml;hlt werden. Doch alle diese demokratischen Prozesse sind in der Realit&auml;t Makulatur. Anstatt die Personalie auf europ&auml;ischer Ebene durch verschiedene mehr oder weniger demokratisch legitimierte Gremien laufen zu lassen, entscheiden Angela Merkel und Wolfgang Sch&auml;uble im Hinterzimmer &uuml;ber den Nachfolger von J&uuml;rgen Stark und die Gremien haben diese Entscheidung dann nur noch abzunicken. Wer wundert sich da noch &uuml;ber die Europam&uuml;digkeit der Bev&ouml;lkerung?<\/p><p>Es war somit von vornherein klar, dass auf Stark nicht etwa ein f&auml;higer &Ouml;konom folgen w&uuml;rde, sondern vielmehr die verl&auml;ngerte Hand der deutschen Regierung. Wenn deutsche Hardliner beinahe im gleichen Atemzug die &bdquo;verlorene Unabh&auml;ngigkeit der EZB&ldquo; bejammern, so ist dies schlichtweg geheuchelt. Warum die Politik sich in Zeiten der andauernden Wirtschafts- und Finanzkrisen &uuml;berhaupt ein so m&auml;chtiges Werkzeug wie die EZB durch eine vermeintliche Unabh&auml;ngigkeit aus der Hand nehmen lassen will, ist ohnehin unverst&auml;ndlich. Die Unabh&auml;ngigkeit der EZB war vielmehr eine deutsche Bedingung, mit der man die Ideologie des Monetarismus vor der Gefahr andersgepolter politischer Mehrheiten besch&uuml;tzen wollte. <\/p><p>Die Personalie J&ouml;rg Asmussen als designierter Stark-Nachfolger ist jedoch ein Schlag ins Kontor jedes informierten Betrachters. Asmussen ist der Mann der Banken in Berlin, ein mittelm&auml;&szlig;iger &Ouml;konom, dessen Vita sich wie eine moderne Trag&ouml;die des Versagens liest. &Uuml;ber Asmussen haben die NachDenkSeiten bereits <a href=\"?s=asmussen\">mehrfach ausf&uuml;hrlich berichtet<\/a>. F&uuml;r die Leser, denen der Name Asmussen nichts sagt, zitiere ich an dieser Stelle einige Passagen aus meinem Artikel <a href=\"http:\/\/www.heise.de\/tp\/artikel\/30\/30616\/1.html\">&bdquo;Schattenmann unter Beschuss&ldquo;<\/a>, der im Juli 2009 geschrieben wurde:<\/p><blockquote><p>Als der damalige Finanzminister Oskar Lafontaine seinen Staatssekret&auml;r Heiner Flassbeck einmal fragte, wer denn eigentlich der Kerl sei, der immer um ihn herumwusele, beschrieb Flassbeck seinen damaligen Referenten, eine Hinterlassenschaft aus der &Auml;ra Theo Waigel, als &ldquo;mittelm&auml;&szlig;igen &Ouml;konomen&rdquo; &ndash; aber zum Koffertragen sei er gerade recht. Lafontaine verlie&szlig; das Ministerium kurze Zeit sp&auml;ter, Flassbeck wurde zur UNCTAD weggelobt und der Koffertr&auml;ger legte einen sagenhaften Aufstieg hin und bekleidet heute Flassbecks Position. Allerdings sind dem &ldquo;mittelm&auml;&szlig;igen &Ouml;konomen&rdquo; durch die Finanzkrise Kompetenzen an die Hand gegeben worden, von denen Flassbeck damals bestenfalls tr&auml;umen konnte. [&hellip;]<br>\nAsmussen, Eichel und Weber wollten Deutschland damals fit f&uuml;r die Wall Street machen. Daf&uuml;r mussten Regulierungsschranken abgebaut und dem deutschen Finanzmarkt der Zugang zu strukturierten Produkten, wie verbrieften Kreditforderungen, Asset Backed Securities (ABS), freigemacht werden.<br>\nHinter den Kulissen zog damals schon J&ouml;rg Asmussen die F&auml;den. Mit der True Sale International GmbH setzte er sich im Verbund mit den Banken f&uuml;r den Handel mit ABS-Papieren ein und schrieb munter Aufs&auml;tze, die heute wie die Anleitung zur Brandstiftung klingen. [&hellip;]<br>\nIn der Zeit, als Asmussen f&uuml;r die True Sale International GmbH als Handlungsreisender in Sachen Deregulierung des Handels mit Asset Backed Securities (ABS) durch die Republik tourte,sa&szlig; er auch als Vertreter des Staats im Aufsichtsrat der IKB. &Uuml;ber was genau Asmussen dort &uuml;berhaupt die Aufsicht f&uuml;hrte, ist unbekannt. Es ist unerkl&auml;rlich, wie einem &ldquo;Experten&rdquo; entgehen konnte, dass eine Bank, die satzungsgem&auml;&szlig; den deutschen Mittelstand mit Krediten versorgen sollte, mit einem Drittel ihres Finanzvolumens &uuml;ber Offshore-Zweckgesellschaften mit hochriskanten ABS-Papieren gezockt hat. [&hellip;]<\/p>\n<p>Um Unklarheiten und Ungereimtheiten im Zusammenhang mit der &ldquo;Rettung&rdquo; der HRE aufzukl&auml;ren, wurde vom Bundestag ein Untersuchungsausschuss eingesetzt. Nach den ersten Anh&ouml;rungen geriet dort vor allem ein Mann ins Visier: J&ouml;rg Asmussen, damals Abteilungsleiter Finanzmarktpolitik im Finanzministerium. Neue Dokumente und Zeugenaussagen im Untersuchungsausschuss zeigen, dass Asmussen viel fr&uuml;her, als bislang &ouml;ffentlich bekannt war, von der dramatischen Schieflage des M&uuml;nchner Bankhauses unterrichtet wurde.<\/p><\/blockquote><p>Die Entwicklung nach dem Sommer 2009 ist schnell zusammengefasst. Asmussen &uuml;berlebte nicht nur den HRE-Untersuchungsausschuss, sondern durfte als Staatssekret&auml;r seit dem Wechsel seines Freundes Jens Weidmann an die Spitze der Bundesbank auch noch seine Machtf&uuml;lle um die Aufgaben des &bdquo;Sherpas&ldquo; bei internationalen Gipfeln erweitern. Die unterlassenen Regulierungen auf den Finanzm&auml;rkten, die nun zur Eurokrise gef&uuml;hrt haben, sind somit zu einem signifikanten Teil auch J&ouml;rg Asmussen zuzuschreiben. <\/p><p>Was die Personalie Asmussen f&uuml;r die EZB bedeutet, ist schwer vorherzusagen. Asmussen ist kein monetaristischer Taliban wie sein Amtsvorg&auml;nger Stark, aber dennoch ein Falke, der die &bdquo;Frankfurter Schule&ldquo; in der EZB fortf&uuml;hren wird. Das eigentliche Problem an J&ouml;rg Asmussen ist jedoch dessen mangelnder volkswirtschaftlicher Sachverstand. Noch nie hat sich Asmussen in einer Art und Weise &ouml;ffentlich ge&auml;u&szlig;ert, die auch nur einen Hauch von Verst&auml;ndnis f&uuml;r gesamtwirtschaftliche Zusammenh&auml;nge vermuten lie&szlig;e. Ausnahmslos alle Entscheidungen, die Asmussen bislang getroffen hat, lesen sich vielmehr so, als seien sie ihm von der Finanzwirtschaft diktiert worden.<\/p><p>Ein Bankenlobbyist als Chefvolkswirt der EZB ist jedoch so ziemlich das Letzte, was die Eurozone in diesem Moment gebrauchen kann. Mit der Nominierung Asmussens hat sich die Politik zwar noch nicht ihr eigenes Grab geschaufelt &ndash; der Aushub wird jedoch von Tag zu Tag gr&ouml;&szlig;er.<br>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/c895b5d2a1c34b96960ebb750d239770\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit J&uuml;rgen Stark r&auml;umt ein monetaristischer &Uuml;berzeugungst&auml;ter seinen Schreibtisch in der EZB. Das w&auml;re eigentlich ein Grund zur Freude, wenn die europ&auml;ischen Institutionen auch nur im Ansatz die Demokratie leben w&uuml;rden. 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