{"id":107076,"date":"2023-11-22T10:00:02","date_gmt":"2023-11-22T09:00:02","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=107076"},"modified":"2023-11-22T17:22:57","modified_gmt":"2023-11-22T16:22:57","slug":"10-jahre-spaeter-die-maidan-revolution-in-der-ukraine","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=107076","title":{"rendered":"Zehn Jahre sp\u00e4ter: die Maidan-Revolution in der Ukraine"},"content":{"rendered":"<p>Zum zehnj&auml;hrigen Jahrestag des Beginns der Proteste auf dem Maidan in Kiew ist in vielen gro&szlig;en Medien eine fortgesetzte Mythenbildung rund um die Geschehnisse von 2013\/14 zu beobachten. Der gewaltsame Umsturz war aber weder demokratisch noch freiheitlich, wie es oft immer noch hei&szlig;t. Au&szlig;erdem muss er als ein Ausgangspunkt der Dynamiken gelten, die zum Ukrainekrieg gef&uuml;hrt haben. Um an die Anf&auml;nge der damaligen Abl&auml;ufe zu erinnern, &uuml;bernehmen wir hier einen Beitrag von <strong>Stefano di Lorenzo.<\/strong><br>\n<!--more--><br>\n<strong>Heute vor zehn Jahren geschah, was ungeahnte Folgen hatte: Der damalige ukrainische Pr&auml;sident Wiktor Janukowitsch stoppte die Unterzeichnung des sogenannten Assoziierungsabkommens der Ukraine mit der EU &ndash; nicht um es zu verhindern, aber um es seiner massiven Auswirkungen auf die ukrainische Wirtschaft wegen auch mit dem Haupthandelspartner der Ukraine, mit Russland, besprechen zu k&ouml;nnen. Daraus entstanden Proteste und daraus wurde &ndash; mit massiver Hilfe der USA &ndash; schlie&szlig;lich ein Staatsstreich, der seinerseits dann zur Sezession der Krim und Jahre sp&auml;ter zur Sezession des Donbass f&uuml;hrte. Der Bericht dar&uuml;ber von Globalbridge.ch-Autor Stefano di Lorenzo zeigt, dass auch gesteuerte Medien-Aktivit&auml;ten einen gro&szlig;en Einfluss auf die damaligen Geschehnisse hatten. (cm)<\/strong><\/p><p>Heute vor zehn Jahren, am 21. November 2013, k&uuml;ndigte der damalige ukrainische Pr&auml;sident Wiktor Janukowitsch an, dass die Ukraine die Unterzeichnung des geplanten Assoziierungsabkommens mit der Europ&auml;ischen Union erstmal aussetzen w&uuml;rde. Zu diesem Zeitpunkt war das Ausma&szlig; dieser Entscheidung schwer zu bewerten. Doch es war der Beginn einer Reihe von Ereignissen, die das Schicksal der Ukraine in den folgenden Jahren radikal und in unvorstellbarer Weise pr&auml;gen sollten. &bdquo;Die Ukraine hat ihre Pl&auml;ne, ein historisches Abkommen mit der Europ&auml;ischen Union zu unterzeichnen, das das Land aus dem Orbit des Kremls herausf&uuml;hren sollte, abrupt aufgegeben&ldquo;, so&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/world\/2013\/nov\/21\/ukraine-suspends-preparations-eu-trade-pact\">kommentierte<\/a>&nbsp;zum Beispiel die britische Zeitung&nbsp;<em>The Guardian&nbsp;<\/em>damals. Eine durchaus bemerkenswerte Formulierung, muss man sagen.<\/p><p><strong>&Ouml;stliche Partnerschaft<\/strong><\/p><p>Und was war das f&uuml;r ein historisches Abkommen, das &bdquo;das Land aus dem Orbit des Kremls herausf&uuml;hren sollte&ldquo;? Im Jahr 2013 trieb die Ukraine mehr Handel mit Russland als mit der Europ&auml;ischen Union, wie es praktisch seit Jahrhunderten der Fall war. Die ukrainische Wirtschaft, insbesondere im industriellen Sektor &ndash; oder genauer gesagt, das, was nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion vom industriellen Sektor &uuml;brig geblieben war &ndash; war weitgehend in die russische Wirtschaft integriert. Das Assoziierungsabkommen zwischen der Ukraine und der Europ&auml;ischen Union, das Teil der so genannten &Ouml;stlichen Partnerschaftsinitiative der Europ&auml;ischen Union war, sollte diese Situation &auml;ndern.<\/p><p>Nach dem Plan der EU sollte die 2009 ins Leben gerufene &Ouml;stliche Partnerschaft &bdquo;eine strategische und ambiti&ouml;se Partnerschaft sein, die auf gemeinsamen Werten und Regeln, gegenseitigen Interessen und Verpflichtungen sowie gemeinsamer Verantwortung beruht&ldquo;. Die Initiatoren waren Rados&#322;aw Sikorski und Carl Bildt, damals die Au&szlig;enminister von Polen und Schweden. Die &Ouml;stliche Partnerschaft und die Assoziierungsabkommen sahen eigentlich keine EU-Mitgliedschaft vor, aber die Initiatoren machten keinen Hehl daraus, was das Endziel sein sollte: &bdquo;Wir alle wissen, dass die EU der Erweiterung &uuml;berdr&uuml;ssig ist. Wir m&uuml;ssen diese Zeit nutzen, um uns so gut wie m&ouml;glich vorzubereiten, damit, wenn die M&uuml;digkeit vor&uuml;ber ist, die Mitgliedschaft etwas Nat&uuml;rliches wird&ldquo;,&nbsp;<a href=\"https:\/\/euobserver.com\/world\/26211\">so Sikorski damals<\/a>.<\/p><p><strong>Eine russische Marionette?&nbsp;<\/strong><\/p><p>Das Narrativ&nbsp;<em>a posteriori<\/em>&nbsp;besagt, dass der damalige ukrainische Pr&auml;sident Wiktor Janukowitsch &bdquo;pro-russisch&ldquo; war. Nichts anderes als eine Kreml-Marionette, die in jeder Hinsicht von Putin kontrolliert werde. Dies ist das allgegenw&auml;rtige Interpretationsschema, das heute universal verwendet wird. Janukowitsch sei eine Kreml-Kreatur gewesen, daher habe er seinem Land einseitig und willk&uuml;rlich verweigert, was der legitime Wunsch eines ganzen Volkes war, n&auml;mlich die Integration in die Europ&auml;ische Union. Die einzige Wahl, die der Ukraine eine menschenw&uuml;rdige Zukunft garantieren w&uuml;rde. Aber diese Erz&auml;hlung ist tendenzi&ouml;s und letztlich falsch. Ein Narrativ, das in sich vollst&auml;ndig und koh&auml;rent erscheinen mag, aber einige wichtige Fakten au&szlig;er Acht l&auml;sst.<\/p><p>In seiner Rede zum Unabh&auml;ngigkeitstag im August 2013, einige Monate vor jenem schicksalhaften November, bezeichnete der ukrainische Pr&auml;sident Janukowitsch das Assoziierungsabkommen mit der Europ&auml;ischen Union als&nbsp;&bdquo;einen wichtigen Impuls f&uuml;r die Bildung eines modernen europ&auml;ischen Staates&ldquo;. In derselben Rede f&uuml;gte er hinzu:&nbsp;&bdquo;Gleichzeitig m&uuml;ssen wir unsere Beziehungen [und] die Integrationsprozesse mit Russland, den L&auml;ndern der eurasischen Gemeinschaft, anderen f&uuml;hrenden L&auml;ndern der Welt und neuen Zentren der wirtschaftlichen Entwicklung bewahren und weiter vertiefen&ldquo;.<\/p><p>Im September 2013 noch dr&auml;ngte der &bdquo;prorussische&ldquo; Pr&auml;sident Janukowitsch entschlossen&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.reuters.com\/article\/us-ukraine-russia-deal-special-report-idUSBRE9BI0DZ20131219\">auf eine Integration mit der EU<\/a>: &bdquo;Wir werden die Integration mit Europa vorantreiben&ldquo;. Er weigerte sich, denjenigen unter seinen Beratern zuzuh&ouml;ren, die f&uuml;r eine engere Anbindung der Ukraine an Russland standen, und wies sie w&uuml;tend zur&uuml;ck. Als einige Gesch&auml;ftsleute aus der Ostukraine, der Region, aus der Janukowitsch selbst stammte, einwandten, dass die Wirtschaft Schaden nehmen w&uuml;rde, wenn die Ukraine ihre engeren Beziehungen zu Russland nicht aufrechterhalte, soll Janukowitsch ausgerastet sein: &bdquo;Genug davon&hellip; f&uuml;r immer!&ldquo;. Selbst an dem Tag, an dem bekannt wurde, dass Janukowitsch beschlossen hatte, die Unterzeichnung des Abkommens mit der EU zu verschieben,&nbsp;<a href=\"https:\/\/en.interfax.com.ua\/news\/general\/176156.html\">bestand<\/a>&nbsp;der damalige ukrainische Pr&auml;sident darauf: &bdquo;Die Ukraine hat keine andere Wahl als die europ&auml;ische Integration&ldquo;.<\/p><p>Berichten zufolge f&uuml;hlte sich Janukowitsch von Russland als zweitklassiger Staatschef behandelt und empfand die Europ&auml;er als viel h&ouml;flicher. &bdquo;Russland hat die Ukraine nicht als gleichwertigen Partner betrachtet&ldquo;, so ein Mitglied der Partei der Regionen, Janukowitschs Partei. Schlie&szlig;lich gelang es seinen Beratern (und Russland), Janukowitsch dazu zu bewegen, das Abkommen mit der EU zu &uuml;berdenken.<\/p><p><strong>Ein Abend im November<\/strong><\/p><p>Am Abend des 21. November, dem Tag, an dem die Entscheidung &uuml;ber das Abkommen mit der Europ&auml;ischen Union vorerst verschoben wurde, begannen die ersten Proteste in Kiew, der Hauptstadt der Ukraine. Die Legende der Revolution besagt, dass der ukrainische Journalist afghanischer Herkunft Mustafa Nayyem die Revolution mit einem Tweet ausgel&ouml;st hat, &auml;hnlich wie es bei den verschiedenen arabischen &bdquo;Fr&uuml;hlingen&ldquo; fast drei Jahre zuvor der Fall gewesen war: &bdquo;Ich gehe auf den Maidan: Wer kommt mit?&ldquo;, schrieb der Journalist auf Twitter. Einige Stunden sp&auml;ter hatten sich 2000 Menschen auf dem Unabh&auml;ngigkeitsplatz in Kiew versammelt. Es waren vor allem junge Leute, Studenten, die blaue Europaflaggen mit goldenen Sternen trugen und Lieder sangen. Die Proteste wurden in den n&auml;chsten Tagen fortgesetzt, wobei es zu Scharm&uuml;tzeln zwischen den Menschen auf dem Platz und der Polizei kam.&nbsp;<\/p><p>Innerhalb einer Woche z&auml;hlten die Demonstranten bereits etwa hunderttausend Menschen und hatten auf dem Unabh&auml;ngigkeitsplatz Lager gebildet. Die Studenten drohten mit einem landesweiten Streik, falls Janukowitsch das f&uuml;r den Gipfel in Vilnius am 29. November vorgesehene Abkommen mit der EU nicht unterzeichnen w&uuml;rde. Die F&uuml;hrer der ukrainischen Opposition, darunter der ehemalige Boxer Witali Klitschko, Arsenij Jazenjuk von Julia Timoschenkos Partei &bdquo;Batkiwschtschyna&ldquo; (&bdquo;Vaterland&ldquo;) und Oleh Tjahnybok, der Vorsitzende der rechtsextremen Partei &bdquo;Svoboda&ldquo; (&bdquo;Freiheit&ldquo;), versuchten von den ersten Tagen an, die Demonstrationen zu kooptieren, wurden aber h&auml;ufig ausgebuht und von den Demonstranten generell mit Misstrauen betrachtet.<\/p><p>Von den ersten Tagen der Proteste an war die Berichterstattung in den westlichen Medien, auch in den deutschsprachigen, sehr positiv, wenn nicht sogar enthusiastisch. Die jungen Menschen auf dem Platz wollten Europa und die Demokratie &ndash; ihre Gegner offensichtlich nicht, sie waren Gegner der Demokratie.<\/p><p>Am 29. November fand dann das Treffen zwischen der ukrainischen Regierung und EU-Vertretern in Vilnius statt. Janukowitsch bekr&auml;ftigte seine Entscheidung, das Assoziierungsabkommen mit der EU erstmal nicht zu unterzeichnen. Von vielen europ&auml;ischen Politikern wurde dies als Dem&uuml;tigung empfunden. &bdquo;Wir hatten mehr erwartet&ldquo;,&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.rferl.org\/a\/merkel-yanukovych-summit-eu-meeting\/25184563.html\">sagte<\/a>&nbsp;Angela Merkel, die in Vilnius dabei war, dem ukrainischen Pr&auml;sidenten.<\/p><p>In der Nacht r&auml;umte die ukrainische Sonderpolizeieinheit Berkut den Platz, wobei sie Berichten zufolge exzessive Gewalt anwandte und auf den Einsatz von Blendgranaten und Schlagst&ouml;cken zur&uuml;ckgriff. &bdquo;Das sind doch nur Kinder&ldquo;, war der neue emp&ouml;rte Aufschrei der sich anbahnenden Revolution. In gewisser Weise hatte die Revolution in dieser Nacht bereits einen Punkt erreicht, an dem es kein Zur&uuml;ck mehr gab. Janukowitsch selbst zeigte sich erstaunt &uuml;ber das Ausma&szlig; der Polizeigewalt und versprach, eine Untersuchung der Angelegenheit einzuleiten.&nbsp;<\/p><p>Von da an begannen die Demonstranten in einer zunehmend revolution&auml;ren Stimmung, Gewalt als ein gerechtfertigtes Mittel in ihrem Kampf gegen eine ihrer Meinung nach unterdr&uuml;ckerische Regierung zu betrachten. Die friedlichen Demonstrationen verwandelten sich zunehmend in einen Aufstand, der die n&auml;chsten drei Monate andauern sollte. Die Bilder von brennenden Autoreifen und Molotowcocktails wurden dem westlichen Publikum vertraut. Und die Demonstranten konnten weiter mit der Unterst&uuml;tzung der europ&auml;ischen und amerikanischen Regierungen und Medien rechnen. Janukowitsch wurde wiederholt gewarnt. Selbst der damalige US-Vizepr&auml;sident Joe Biden soll Janukowitsch zumindest einmal vor einem harten Durchgreifen auf dem Maidan gewarnt haben. Die Proteste gingen in den n&auml;chsten Wochen weiter, mehr oder weniger gewaltsam, aber ohne eine klare Vorstellung davon, welche Ziele erreicht werden k&ouml;nnten.<\/p><p>Der Aufstand erreichte einen neuen H&ouml;hepunkt bei den Zusammenst&ouml;&szlig;en vom 19. bis 22. Januar 2014 in der Hruschewski-Stra&szlig;e im Regierungsviertel. Einige Tage zuvor hatte die Werchowna Rada, das ukrainische Parlament, eine Reihe von Gesetzen verabschiedet, die die Demonstrationsfreiheit stark einschr&auml;nken. Die Gesetze wurden als &bdquo;Diktaturgesetze&ldquo; bezeichnet. Es war jedoch von Anfang an klar, dass diese neuen &bdquo;Diktaturgesetze&ldquo; in Wirklichkeit nicht mehr als Tinte auf dem Papier sein w&uuml;rden. Eine Gruppe radikaler &bdquo;Aktivisten&ldquo; griff die Pr&auml;sidialverwaltung an, wie &uuml;blich bewaffnet mit Molotow-Cocktails, St&ouml;cken und Kieselsteinen, die sie von den umliegenden B&uuml;rgersteigen mitnahmen. Bei den anschlie&szlig;enden Zusammenst&ouml;&szlig;en mit der Polizei starben mindestens drei Demonstranten. Sie waren die ersten Opfer des Maidan. Bald sollten es noch mehr werden. Die &bdquo;Diktaturgesetze&ldquo; wurden aufgehoben.<\/p><p>Der Euromaidan wurde allm&auml;hlich zum zentralen Mythos der sich formierenden neuen Ukraine, im Bewusstsein (einiger) Ukrainer, aber vorerst vor allem in der Wahrnehmung der westlichen &Ouml;ffentlichkeit. Die Ukraine wollte europ&auml;isch sein, wollte &bdquo;wie wir&ldquo; sein. Das war einfach ein unaufhaltsamer Prozess, zu dem es keine Alternative gab. Die Ukrainer selbst teilten nicht unbedingt diesen rosigen Mythos von der neuen &bdquo;europ&auml;ischen&ldquo; Ukraine.&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.kyivpost.com\/post\/7158\">Laut einer Umfrage<\/a>, die Anfang Februar 2014 in der Ukraine durchgef&uuml;hrt wurde, war die Zahl derjenigen, die die EuroMaidan-Proteste missbilligten, h&ouml;her als die derjenigen, die sie bef&uuml;rworteten: 48% gegen&uuml;ber 45% der Ukrainer. Kurzum, ein klassisches Beispiel f&uuml;r eine gespaltene Gesellschaft. Aber die Legende der Revolution war zu sch&ouml;n und verf&uuml;hrerisch, als dass Kleinigkeiten wie diese sie h&auml;tten zerst&ouml;ren k&ouml;nnen.<\/p><p>&bdquo;<strong>Ich bin die Ukrainerin&ldquo;<\/strong><\/p><p>In der ersten Februarwoche 2014 ging ein&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=Hvds2AIiWLA\">YouTube-Video<\/a>&nbsp;mit einer jungen Frau viral. Innerhalb weniger Tage wurde das Video mehrere Millionen Mal angeschaut. Nach Angaben der BBC war es das Video mit dem gr&ouml;&szlig;ten Einfluss auf die ukrainische Revolution. Zumindest im Ausland. Die junge Frau, die in dem Video zu sehen ist und offenbar nur zuf&auml;llig an den Maidan-Demonstrationen teilgenommen hat, rezitierte vor der Kamera auf Englisch eine Botschaft, die es wert ist, ausf&uuml;hrlich wiederzugeben. Vor allem angesichts der Pr&auml;gnanz ihrer symbolischen Sprache:<\/p><blockquote><p>&bdquo;Ich bin&nbsp;die&nbsp;[sic] Ukrainerin,&nbsp;die&nbsp;[sic] geb&uuml;rtige Kiewerin. Und jetzt bin ich auf dem Maidan, im zentralen Teil meiner Stadt. Ich m&ouml;chte, dass Sie wissen, warum Tausende von Menschen in meinem Land auf der Stra&szlig;e sind. Daf&uuml;r gibt es nur einen Grund: Wir wollen von der Diktatur frei sein. Wir wollen frei sein von Politikern, die nur f&uuml;r sich selbst arbeiten, die bereit sind, zu schie&szlig;en, zu schlagen, Menschen zu verletzen, nur um ihr Geld zu retten, nur um ihre H&auml;user zu retten, nur um ihre Macht zu retten. Ich m&ouml;chte, dass diese Menschen, die hier sind, die W&uuml;rde haben, die tapfer sind, ein normales Leben f&uuml;hren k&ouml;nnen. Wir sind zivilisierte Menschen, aber unsere Regierung ist barbarisch. Das ist nicht eine [sic] Sowjetunion. Wir w&uuml;nschen, dass unsere Gerichte nicht korrupt w&auml;ren. Wir wollen frei sein. Ich wei&szlig;, dass wir vielleicht schon morgen kein Telefon oder Internet mehr haben und hier allein sein werden. Und vielleicht wird uns die Polizei einen nach dem anderen umbringen, wenn es hier dunkel ist. Deshalb bitte ich Sie jetzt, uns zu helfen. Wir haben diese Freiheit in unseren Herzen. Wir haben diese Freiheit in unseren K&ouml;pfen. Und jetzt bitte ich Sie, diese Freiheit in unserem Land aufzubauen. Sie k&ouml;nnen uns helfen, indem Sie diese Geschichte euren Freunden erz&auml;hlen, indem Sie dieses Video teilen. Bitte teilen Sie es. Sprechen Sie mit Ihren Freunden, mit Ihrer Familie, mit Ihrer Regierung und zeigen Sie, dass Sie uns unterst&uuml;tzen. Bitte wenden Sie sich an Ihre Vertreter und bitten Sie sie, das ukrainische Volk in seinem Kampf f&uuml;r Freiheit und Demokratie zu unterst&uuml;tzen. Bevor es zu sp&auml;t ist.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Eine Botschaft der Hoffnung in einem Zustand der Verzweiflung, fast naiv in ihrer Einfachheit, so h&ouml;rte es sich an. Die Art von Schwarz-Wei&szlig;-Beschilderungen, die einen nicht gleichg&uuml;ltig lassen k&ouml;nnen: Wie zynisch sollte man sein, um so ein klares Bild zu hinterfragen? Eine junge Frau, die den Tr&auml;nen nahe ist, beschw&ouml;rt ein d&uuml;steres und erschreckendes Szenario herauf, in dem &bdquo;die Polizei uns einen nach dem anderen t&ouml;ten will, wenn es dunkel ist&ldquo;, und bittet die Menschen, ihr Land im Kampf f&uuml;r &bdquo;Freiheit und Demokratie&ldquo; zu retten. Wie kann man solchen Appellen widerstehen?<\/p><p>Ein wenig Recherche &uuml;ber die Hintergr&uuml;nde des Videos h&auml;tte gezeigt, dass dieser kurze Clip vielleicht nicht so spontan entstanden ist, wie es zun&auml;chst den Anschein haben mag. Das Video war von dem amerikanischen Filmemacher und Dokumentarfilmer Ben Moses produziert und auf YouTube eingestellt worden. Er hielt sich gerade zu dieser Zeit in der Ukraine auf und arbeitete an einem Dokumentarfilm &uuml;ber Demokratie mit dem Titel&nbsp;<em>A Whisper to a Road<\/em>. Die Inspiration f&uuml;r den Dokumentarfilm kam von einem gewissen Larry Diamond, einem leitenden Mitarbeiter der &laquo;Hoover Institution&raquo; und Berater der ber&uuml;chtigten &laquo;National Endowment for Democracy&raquo;, einer US-amerikanischen &bdquo;Nichtregierungsorganisation&ldquo;. Die National Endowment for Democracy (NED) wird oft als eine Kreatur der CIA bezeichnet, eine Organisation, die offen Dinge tut, die die CIA nur im Verborgenen tun kann. &Uuml;brigens hatte der Gr&uuml;nder des NED, Carl Gershman, in einem&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.washingtonpost.com\/opinions\/former-soviet-states-stand-up-to-russia-will-the-us\/2013\/09\/26\/b5ad2be4-246a-11e3-b75d-5b7f66349852_story.html\">Artikel in der Washington Post<\/a>&nbsp;im September 2013 die Ukraine als &bdquo;gr&ouml;&szlig;ten Preis&ldquo; bezeichnet und die USA zu einem durchsetzungsst&auml;rkeren Engagement aufgefordert, um die Ukraine aus dem russischen Lager herauszuholen. Vielleicht ist das NED nicht gerade die CIA, wie viele gesagt haben. Aber angesichts der umfangreichen US-Unterst&uuml;tzung sah die ukrainische Revolution bereits nicht wirklich wie eine organische Graswurzelbewegung aus. Eher ein klassisches Beispiel f&uuml;r&nbsp;<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Astroturfing\">Astroturfing<\/a>. (Meinungsmache-Marketing,&nbsp;<em>Red<\/em>.)<\/p><p>In denselben Tagen Anfang Februar wurde&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=MSxaa-67yGM\">ein weiteres Video<\/a>&nbsp;auf YouTube ver&ouml;ffentlicht, das die Rolle der USA bei der spontanen ukrainischen Volksrevolution deutlich machte. Es handelte sich um das ber&uuml;hmte abgeh&ouml;rte Telefonat zwischen Victoria Nuland, damalige stellvertretende Au&szlig;enministerin f&uuml;r europ&auml;ische und eurasische Angelegenheiten, und dem US-Botschafter in der Ukraine Geoffrey Pyatt. In diesem Telefonat diskutierten die beiden dar&uuml;ber, welche der ukrainischen Oppositionsf&uuml;hrer die n&auml;chste Regierung bilden sollte. Ber&uuml;hmt wurde das Telefonat durch die herablassende und eher undiplomatische Art und Weise, mit der die &auml;u&szlig;erst selbstbewusste und durchsetzungsf&auml;hige amerikanische Diplomatin von der Europ&auml;ische Union sprach: &bdquo;And you know, fuck the EU!&ldquo;. &bdquo;Genau&ldquo;, antwortete der amerikanische Botschafter.&nbsp;<\/p><p><strong>Volksrevolution oder Staatsstreich?<\/strong><\/p><p>&Uuml;ber Victoria Nuland und die Rolle der USA in der ukrainischen Revolution von 2013\/14 ist viel geschrieben worden. Diese Revolution war ein Schl&uuml;sselereignis der ukrainischen Geschichte in den letzten Jahren, ein Wendepunkt, der direkt zum offenen Krieg zwischen der Ukraine und Russland von heute f&uuml;hrte. &Uuml;ber Victoria Nuland, &uuml;ber die Einmischung der USA, &uuml;ber die Scharfsch&uuml;tzen auf dem Maidan g&auml;be es noch so viel mehr zu sagen. Doch in der Regel wird die ukrainische sogenannte &bdquo;Revolution der W&uuml;rde&ldquo; in dem&nbsp;<em>grand r&eacute;cit<\/em>, im Metanarrativ des kollektiven Diskurses, immer als die Revolution eines Volkes dargestellt, das durch den Wunsch vereint ist, f&uuml;r Freiheit und Demokratie zu k&auml;mpfen. Die Revolution w&auml;re somit der legitime Ausdruck der Demokratie gewesen, der Triumph des Willens des Volkes. Europ&auml;er und Amerikaner, das muss man zugeben, haben einen gewissen Fetisch f&uuml;r die Pornographie der Revolution &ndash; solange diese in sicherer Entfernung stattfindet, versteht sich.&nbsp;<\/p><p>Diejenigen, die die Ereignisse auf dem Maidan trotz der offensichtlichen <a href=\"https:\/\/www.channel4.com\/news\/ukraine-mccain-far-right-svoboda-anti-semitic-protests\">Einmischung der USA <\/a>als Staatsstreich betrachten, werden in der Regel sofort als Verschw&ouml;rungstheoretiker abgetan. Doch dabei handelt es sich in dem Fall nicht nur um ungebildete Fanatiker, die auf russische Propaganda in den sozialen Medien hereingefallen sind. Die ukrainische Revolution wurde von prominenten und hochgesch&auml;tzten Wissenschaftlern wie John Mearsheimer, Jeffrey Sachs und George Friedman als Staatsstreich bezeichnet. Letzterer, Gr&uuml;nder der Informationsdienste Stratfor und Geopolitical Futures, sagte in einem&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.kommersant.ru\/doc\/2636177\">Interview<\/a>: &bdquo;Es war wirklich der offenste Staatsstreich der Geschichte. [&hellip;] Die USA haben Menschenrechtsgruppen in der Ukraine offen unterst&uuml;tzt, auch finanziell. W&auml;hrenddessen haben die russischen Geheimdienste diese Tendenzen v&ouml;llig ignoriert&ldquo;.&nbsp;<\/p><p>Aber nat&uuml;rlich kann der gro&szlig;e Mythos der demokratischen Revolution und der europ&auml;ischen Werte kaum durch ein paar b&ouml;swillige Zungen zerst&ouml;rt werden. Die Macht der historischen Ereignisse ist die Macht der Erz&auml;hlung. Die Vergangenheit ist Vergangenheit, unwiederbringlich. Nur was &ndash; immer noch, ob wahr oder unwahr &ndash; gesagt wird, z&auml;hlt. Nur der Mythos formiert das Bewusstsein der Menschen.<\/p><p><em>Dieser Artikel ist zuerst <a href=\"https:\/\/globalbridge.ch\/10-jahre-spaeter-die-maidan-revolution-in-der-ukraine\/?amp;utm_medium=email&amp;utm_campaign=globalbridge-updates-3\">bei &bdquo;Globalbridge&ldquo; erschienen<\/a>.<\/em><\/p><p><small>Titelbild: Drop of Light \/ Shutterstock<\/small><\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=70006\">Vom Maidan zur westlichen Kolonie<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=101948\">Jetzt erst recht: &bdquo;Fuck The EU!&ldquo; &ndash; Victoria Nuland wird bef&ouml;rdert<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=98373\">&bdquo;Soweit man einen Kopf halt sch&uuml;tteln kann, der bis zum Hals im Arsch der Amerikaner steckt&ldquo;<\/a>\n<\/p><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zum zehnj&auml;hrigen Jahrestag des Beginns der Proteste auf dem Maidan in Kiew ist in vielen gro&szlig;en Medien eine fortgesetzte Mythenbildung rund um die Geschehnisse von 2013\/14 zu beobachten. Der gewaltsame Umsturz war aber weder demokratisch noch freiheitlich, wie es oft immer noch hei&szlig;t. Au&szlig;erdem muss er als ein Ausgangspunkt der Dynamiken gelten, die zum Ukrainekrieg<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=107076\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":70008,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[126,212,20,11],"tags":[282,3360,2564,1329,911,3011,421,663,2283,259,260,1556],"class_list":["post-107076","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-erosion-der-demokratie","category-gedenktagejahrestage","category-landerberichte","category-strategien-der-meinungsmache","tag-buergerproteste","tag-europaeische-union","tag-gewalt","tag-janukowitsch-viktor","tag-maidan","tag-nuland-victoria","tag-polizei","tag-putsch","tag-revolution","tag-russland","tag-ukraine","tag-usa"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/shutterstock_173329988.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/107076","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=107076"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/107076\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":107103,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/107076\/revisions\/107103"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/70008"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=107076"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=107076"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=107076"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}