{"id":107173,"date":"2023-11-24T09:00:28","date_gmt":"2023-11-24T08:00:28","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=107173"},"modified":"2023-12-03T08:39:36","modified_gmt":"2023-12-03T07:39:36","slug":"brett-vorm-kopf-warum-eine-digitale-auszeit-in-kitas-und-schulen-ueberfaellig-ist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=107173","title":{"rendered":"Brett vorm Kopf. Warum eine digitale Auszeit in Kitas und Schulen \u00fcberf\u00e4llig ist."},"content":{"rendered":"<p>Mehr als drei Dutzend Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen fordern ein Moratorium der Digitalisierung in Deutschlands Bildungseinrichtungen. Bevor man diese weiter mit Technik vollballert, solle fundiert und auf dem Stand neuester Forschung &uuml;ber die Konsequenzen und Gefahren f&uuml;r Kindeswohl und -entwicklung diskutiert werden. Ob das mal bei den Regierenden ankommt, fragt sich <strong>Ralf Wurzbacher<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_8179\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-107173-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/231124-Digitale-Auszeit-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/231124-Digitale-Auszeit-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/231124-Digitale-Auszeit-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/231124-Digitale-Auszeit-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=107173-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/231124-Digitale-Auszeit-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"231124-Digitale-Auszeit-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Wer wissen wolle, wie Digitalisierung geht, der schaue gef&auml;lligst nach Schweden. So oder &auml;hnlich t&ouml;nt es aus den M&uuml;ndern hiesiger Politiker, wann immer es gilt, Deutschland zum lahmsten aller Schleichfahrer auf dem weltumspannenden Datenhighway zu stempeln. Ganz anders tickten die Skandinavier, allen voran die Menschen im schwedischen K&ouml;nigreich, st&auml;ndig auf der &Uuml;berholspur, Gaspedal am Anschlag und ohne falsche Scheu, selbst die Kleinsten der Kleinen beim digitalen Ritt mitzunehmen. Und richtig: W&auml;hrend hierzulande an vielen Schulen noch Tafel, Kreide und F&uuml;ller das Lernumfeld pr&auml;gen, haben Laptops und Smartphones in Schweden bereits die Vorschulen und Kinderg&auml;rten erobert. Die Digitalstrategie der Schulbeh&ouml;rde Skolverket sah obendrein eine obligatorische Tabletnutzung f&uuml;r Einj&auml;hrige in &ouml;ffentlichen Einrichtungen vor, und mit der Umsetzung sollte es noch in diesem Jahr losgehen.<\/p><p>Daraus wird nun doch nichts. Die seit einem Jahr amtierende Regierung von Ministerpr&auml;sident Ulf Kristersson hat nicht nur dieses Vorhaben gekippt, sondern die Entscheidung der Vorg&auml;ngerregierung, in der Primarstufe verpflichtend mit Digitaltechnik zu unterrichten, gleich mit. Wom&ouml;glich ist das gar der Auftakt zu noch mehr. Weitere Schritte dieser Art, auch im Hinblick auf h&ouml;here Klassenstufen, erscheinen durchaus denkbar. Ausl&ouml;ser des Beschlusses war eine im Juli vom Stockholmer Karolinska-Institut &ndash; einer der renommiertesten medizinischen Universit&auml;ten in Europa &ndash; ver&ouml;ffentlichte <a href=\"https:\/\/die-p%C3%A4dagogische-wende.de\/wp-content\/uploads\/2023\/07\/Karolinska-Stellungnahme_2023_dt.pdf\">Stellungnahme zur Digitalisierungsstrategie f&uuml;r das Schulsystem<\/a>, die die Nationale Agentur f&uuml;r Bildung f&uuml;r die Jahre 2023 bis 2027 entworfen hatte.<\/p><p><strong>Ohne Evidenz<\/strong><\/p><p>Diese Pl&auml;ne werden durch die Gutachter f&ouml;rmlich zerrissen. Die behaupteten Vorz&uuml;ge digitaler Medien beim Lernen seien nicht evidenzbasiert, schreiben die f&uuml;nf beteiligten Wissenschaftler. Stattdessen sei durch die Forschung der Nachweis erbracht, dass &bdquo;die Digitalisierung der Schulen gro&szlig;e, negative Auswirkungen auf den Wissenserwerb der Sch&uuml;ler&ldquo; habe. Bildschirme behinderten das Lernen und die Sprachentwicklung, sorgten f&uuml;r Ablenkungen und Konzentrationsschwierigkeiten und verdr&auml;ngten die k&ouml;rperliche Aktivit&auml;t. Verwiesen wird zum Beispiel auf eine Studie, die zeige, dass Studierende mit angeschlossenem Computer bis zu 40 Prozent einer Vorlesung mit &bdquo;irrelevanten Dingen&ldquo; verbringen. Bei einer anderen Untersuchung konnten Hochsch&uuml;ler mit Laptop die Inhalte einer Vorlesung zu 30 Prozent schlechter erinnern als ihre &bdquo;analogen&ldquo; Kommilitonen. Im Falle von Grund- und Sekundarsch&uuml;lern w&auml;ren die Folgen &bdquo;wahrscheinlich&ldquo; noch gravierender, &bdquo;da j&uuml;ngere Kinder &uuml;ber schlechtere exekutive Funktionen verf&uuml;gen&ldquo;. Weiter hei&szlig;t es: &bdquo;Multitasking f&uuml;hrt zu schlechterem Lernen, weil unser Gehirn nur begrenzt in der Lage ist, relevante Informationen im Arbeitsged&auml;chtnis zu speichern.&ldquo; Auch w&uuml;rden Kinder erwiesenerma&szlig;en in ihrer Leseentwicklung weit zur&uuml;ckgeworfen, sofern sie am Bildschirm und nicht anhand von B&uuml;chern aus Papier lesen lernten.<\/p><p>Deutet sich also ausgerechnet im &bdquo;digital wonderland&ldquo; ein Rollback zum Analogen an? Tats&auml;chlich pl&auml;dieren die Professoren daf&uuml;r, den &bdquo;Schwerpunkt wieder auf den Wissenserwerb &uuml;ber bedruckte Schulb&uuml;cher und das Fachwissen des Lehrers&ldquo; zu legen. Wer sich dagegen Wissen &bdquo;selbstorganisiert&ldquo; aus frei zug&auml;nglichen digitalen Quellen suchen m&uuml;sse, verliere viel Zeit, um es auf Richtigkeit zu pr&uuml;fen und lerne nur halb so viel wie im regul&auml;ren Unterricht. All diese Einw&auml;nde und noch viele mehr &ndash; etwa, was psychische und k&ouml;rperliche Sch&auml;den durch &uuml;berm&auml;&szlig;igen Medienkonsum betrifft &ndash; sind laut Gutachten wissenschaftlich vielfach belegt. Aber die Nationale Bildungsagentur scheine sich dessen &bdquo;&uuml;berhaupt nicht bewusst&ldquo; zu sein, befinden die Verfasser und empfehlen eigentlich Selbstverst&auml;ndliches: &bdquo;Wichtige schulpolitische Entscheidungen sollten nicht getroffen werden, ohne dass man vorher wei&szlig;, was die Forschung sagt.&ldquo;<\/p><p><strong>Intellektuelles Fastfood<\/strong><\/p><p>Man erinnert sich: &bdquo;Digital first. Bedenken second.&ldquo; Der fr&uuml;here Wahlkampfslogan der FDP steht f&uuml;r eine fatale Haltung im Umgang mit neuen Technologien. &bdquo;Wenn die schon mal da sind, muss man sie auch einsetzen &ndash; koste es, was es wolle.&ldquo; In Deutschland erwuchs daraus der &bdquo;DigitalPakt Schule&ldquo;, in dessen Rahmen der Bund insgesamt 6,5 Milliarden Euro f&uuml;r die Ausstattung der Lehranstalten mit Laptops, Whiteboards und schnellem Internet bereitstellt. Weil die Gelder praktisch aufgebraucht sind, die &bdquo;Zukunft&ldquo; aber l&auml;ngst nicht alle Klassenzimmer erreicht hat, wird bereits nach einem &bdquo;DigitalPakt 2.0&ldquo; verlangt. Dabei hat sich inzwischen sogar bis zur <em>Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ)<\/em> herumgesprochen, dass das Projekt keines der Vernunft, sondern der IT-Industrie ist. &bdquo;Nach jahrzehntelangem Lobbyismus der Bertelsmann-Stiftung und anderer Interessenvertreter sind der Politik aber <a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/karriere-hochschule\/digitalisierung-in-schulen-schaden-die-digitalen-medien-19040838.html\">grundlegende Zusammenh&auml;nge abhandengekommen<\/a>&ldquo;, schrieb das Blatt Mitte Juli. Dabei seien dieser die wissenschaftlichen Zweifel am Nutzen digitaler Medien f&uuml;r den Unterricht bekannt. &bdquo;Expertise wird aber oft nur dann in Anspruch genommen, wenn sie die politische Agenda st&uuml;tzt.&ldquo;<\/p><p>F&uuml;r den P&auml;dagogen und Medienwissenschaftler Ralf Lankau von der Hochschule Offenburg hat all das System. &bdquo;Seit mehr als 40 Jahren wird jede neue Generation von Rechnern in die Schulen gedr&uuml;ckt, vom PC &uuml;ber Laptops oder heute Tablets&ldquo;, befand er am Mittwoch im Gespr&auml;ch mit den NachDenkSeiten. Aber den Nutzen h&auml;tten allein die anbietenden Unternehmen, wie auch die UNESCO in ihrem <a href=\"https:\/\/gem-report-2023.unesco.org\/\">&bdquo;2023 Global Education Monitor&ldquo;<\/a> festgestellt habe. &bdquo;Dank Lobbyismus und gro&szlig;er Werbeetats werden die Positionen der IT-Industrie prominent in der Presse platziert, kritische Berichte delegitimiert.&ldquo; Dabei st&uuml;nde in Gestalt K&uuml;nstlicher Intelligenz (KI) bereits die &bdquo;n&auml;chste Stufe der Automatisierung des Unterrichtens und Testens&ldquo; vor der T&uuml;r. KI in den Schulen sei &bdquo;intellektuelles Fastfood&ldquo;, warnte Lankau. &bdquo;Wer kein Fachwissen hat &ndash; wie Sch&uuml;lerinnen und Sch&uuml;ler bei neuen Themen &ndash; muss entweder alles aufwendig nachrecherchieren und &uuml;berpr&uuml;fen &ndash; was niemand macht &ndash; oder der Software glauben. So werden sie H&ouml;rige und Gl&auml;ubige statt Wissende.&ldquo; (Siehe dazu das NDS-Interview mit Lankau vom 12. Mai 2023 <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=97587\">&bdquo;Technischer Fortschritt ohne Technikfolgeabsch&auml;tzung f&uuml;hrt ins Desaster.&ldquo;<\/a>)<\/p><p><strong>Kein Umdenken nach Corona<\/strong><\/p><p>Immerhin: Auch in Deutschland formiert sich Widerstand. In der Vorwoche haben sich 40 Wissenschaftler unterschiedlichster Fachrichtungen mit der Forderung nach einem <a href=\"https:\/\/die-p%C3%A4dagogische-wende.de\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/moratorium_pub_17nov23.pdf\">&bdquo;Moratorium der Digitalisierung in KITAs und Schulen&ldquo;<\/a> an die &Ouml;ffentlichkeit gewandt. &bdquo;Es m&uuml;ssen zuerst die Folgen der digitalen Technologien absch&auml;tzbar sein, bevor weitere Versuche an schutzbefohlenen Kindern und Jugendlichen mit ungewissem Ausgang vorgenommen werden&ldquo;, hei&szlig;t es in dem Aufruf. Kinder h&auml;tten &bdquo;nur ein Leben, nur eine Bildungsbiografie, und wir d&uuml;rfen damit nicht sorglos umgehen&ldquo;. Zu den Unterzeichnern z&auml;hlen Erziehungs-, Sozial-, Humanwissenschaftler, Psychologen, Mathematiker, Informatiker, Gesundheitsforscher sowie Kinder- und Jugend&auml;rzte. Gemeinsam betonen sie die Notwendigkeit, &bdquo;die einseitige Fixierung auf Digitaltechnik in Kitas und Schulen zu revidieren, um interdisziplin&auml;r und wissenschaftlich fundiert, mit Fokus auf Entwicklungs-, Lern- und Bildungsprozesse &uuml;ber IT und KI in Bildungseinrichtungen zu diskutieren&ldquo;.<\/p><p>Adressiert ist ihr Appell auch und vor allem an die Kultusminister der L&auml;nder. Die hatten lange Zeit eine absolut einseitige, emphatische Sicht auf die Digitalisierung, mussten nach den Erfahrungen w&auml;hrend der Pandemie allerdings ein St&uuml;ck weit zur&uuml;ckrudern. Unbestritten ist, dass die monatelange Onlinebeschulung erhebliche Lernr&uuml;ckst&auml;nde und kognitive Defizite bei Heranwachsenden hinterlassen hat, die bis heute nachwirken. Laut einer <a href=\"https:\/\/www.kmk.org\/fileadmin\/Dateien\/pdf\/KMK\/SWK\/2022\/SWK-2022-Gutachten_Digitalisierung.pdf\">Stellungnahme<\/a> der St&auml;ndigen Wissenschaftlichen Kommission der Kultusministerkonferenz (KMK) ist der rein digitale dem analogen Unterricht deutlich unterlegen. Deshalb ist man mittlerweile eifrig darum bem&uuml;ht, den Einsatz digitaler Medien als Erg&auml;nzung zum Regelunterricht und gestreut &uuml;ber s&auml;mtliche F&auml;cher zu bewerben, ohne jedoch zu kl&auml;ren, wann und ob das &uuml;berhaupt Sinn macht. Insofern ist das Kommissionspapier praktisch deckungsgleich mit dem der schwedischen Bildungsagentur, welches das Karolinska-Institut so zerpfl&uuml;ckt hat.<\/p><p>Was zeigt: Am Starrsinn der Regierenden in Bund und L&auml;ndern, die Digitalisierung der Bildung auf Biegen und Brechen durchzuziehen, hat sich auch nach Corona nichts ge&auml;ndert. Allenfalls die PR ist publikumstauglicher.<\/p><p><strong>Unterrichten oder Zurichten<\/strong><\/p><p>In erster Linie f&uuml;r die Galerie ist auch die Argumentation mit dem &bdquo;Primat der P&auml;dagogik&ldquo;. Durchdachte und verbindliche p&auml;dagogische Konzepte zum Gebrauch der Digitaltechnik im Unterricht gibt es bis heute nicht. Faktisch macht jede Lehrkraft ihr eigenes Ding, abh&auml;ngig von eigener Medienaffinit&auml;t und vorhandenen (oft nicht vorhandenen) Ressourcen. &Uuml;berdies erscheint es unter dem Druck des grassierenden Lehrermangels vorgezeichnet, dass digitale Ger&auml;te bald nicht mehr nur Lernunterst&uuml;tzer sein werden, sondern Lehrerersatz. Das schwant selbst dem Deutschen Ethikrat, der in seiner Stellungnahme <a href=\"https:\/\/www.ethikrat.org\/fileadmin\/Publikationen\/Stellungnahmen\/deutsch\/stellungnahme-mensch-und-maschine.pdf\">&bdquo;Mensch und Maschine &ndash; Herausforderungen durch K&uuml;nstliche Intelligenz&ldquo;<\/a> festh&auml;lt: &bdquo;Eine vollst&auml;ndige Ersetzung von Lehrkr&auml;ften l&auml;uft dem hier skizzierten Verst&auml;ndnis von Bildung zuwider und ist auch nicht dadurch zu rechtfertigen, dass schon heute in bestimmten Bereichen ein akuter Personalmangel und eine schlechte (Aus-)Bildungssituation herrschen.&ldquo; Das allerdings l&auml;sst allerhand Spielraum. Denn unterhalb von &bdquo;vollst&auml;ndig&ldquo; lie&szlig;e sich ein P&auml;dagoge nach dieser Vorgabe durchaus zur H&auml;lfte, zu drei Vierteln oder ein klitzekleines Bisschen weniger als ganz ersetzen.<\/p><p>H&ouml;rten die politisch Verantwortlichen dagegen auf die Forschung &ndash; nicht die durch die IT-Lobby finanzierte &ndash;, m&uuml;sste man das Digitale entweder ganz aus der Schule jagen oder, was wohl noch besser w&auml;re, lediglich im engen Rahmen eines Fachs &bdquo;Medienkompetenz&ldquo; &uuml;ber dessen Gefahren aufkl&auml;ren und Anleitung zu einem verantwortungsvollen Umgang damit geben. Das allerdings ist politisch nicht gewollt. Laut Lankau, Mitunterzeichner des besagten Aufrufs, stehen in der P&auml;dagogik seit jeher zwei Prinzipien in Konkurrenz: &bdquo;Unterrichten oder Zurichten&ldquo;. Ersteres begreife Lernen als dialogischen Prozess, wogegen es beim zweiten um &bdquo;Auswendiglernen und ums Abrichten von Humankapital f&uuml;r bestimmte Aufgaben mit abpr&uuml;fbaren Kompetenzen&ldquo; gehe. Leider habe im Kapitalismus dieses Konzept die Oberhand gewonnen, beschied Lankau. &bdquo;IT und KI vermitteln nur Repetitionswissen, weil eine Software ja gar nicht &sbquo;wei&szlig;&lsquo;, was die Inhalte sind, alles sei nur computergeneriert, automatisierte Datenverarbeitung nach mathematischen Modellen. Die Frage ist daher, warum Menschen sich von dieser Simulation von Intelligenz t&auml;uschen lassen und warum diese Simulation und Mischung aus Fakten und Fakes so massiv in die Schulen gedr&uuml;ckt wird.&ldquo;<\/p><p><strong>Spiel, Spa&szlig; &ndash; und bilden?<\/strong><\/p><p>Die Antwort lautet: Es geht um Geld, Macht und Kontrolle &ndash; und da muss das Kindeswohl zur&uuml;cktreten. Die Kinder&auml;rztin Gesine Hansen f&uuml;hrte j&uuml;ngst gegen&uuml;ber dem <em>Spiegel <\/em>(hinter Bezahlschranke) aus: &bdquo;Kinder, die sehr viel Zeit vor dem Fernseher, Tablet oder Smartphone verbringen, sind h&auml;ufiger &uuml;bergewichtig als andere, haben Probleme, sich zu konzentrieren, zu schlafen, im schlimmsten Fall entwickeln sich S&uuml;chte wie die Computerspielsucht. Zu viel Bildschirmzeit schadet also klar. Ein anderer Aspekt ist, dass Medienkonsum ein Zeitr&auml;uber ist. Kinder, die viel vor dem Bildschirm sitzen, haben weniger Zeit f&uuml;r Freunde, Sport, Kunst, Musik oder andere Dinge in der realen Welt. Sie haben weniger M&ouml;glichkeiten, zu entdecken, was ihnen Spa&szlig; macht und wo ihre Begabungen liegen.&ldquo;<\/p><p>Bei solchen Befunden mutet es geradezu schizophren an, die digitalen Spielzeuge auch noch zum st&auml;ndigen Schul- und Lernbegleiter zu machen. &bdquo;Intelligenter w&auml;re es&ldquo;, schreiben die 40 Streiter f&uuml;r eine digitale Auszeit, &bdquo;von nationalen wie internationalen Praxiserfahrungen und Studienergebnissen zu lernen und darauf aufbauend Konsequenzen vor allem in der personellen statt der (medien-)technischen Ausstattung von Schulen und Ausbildungsst&auml;tten zu ziehen&ldquo;. Notwendig sei die Ber&uuml;cksichtigung &bdquo;ethischer, sozialer, entwicklungspsychologischer, p&auml;dagogischer und didaktischer Pr&auml;missen, um den Stellenwert digitaler Medien in der Schule verantwortbar zu gestalten&ldquo;. Klare Worte findet auch die UNESCO. &bdquo;Von Technologien, die f&uuml;r andere Zwecke entwickelt wurden, kann nicht unbedingt erwartet werden, dass sie f&uuml;r alle Bildungsbereiche geeignet sind&ldquo;, und weiter: &bdquo;Nur weil etwas getan werden kann, hei&szlig;t das nicht, dass es auch getan werden sollte.&ldquo;<\/p><p><strong>Dumm und d&uuml;mmer<\/strong><\/p><p>Zudem gilt, dass sich aus Fehlern lernen l&auml;sst. In besagtem Report verweist die UN-Organisation f&uuml;r Erziehung, Wissenschaft und Kultur auf diverse L&auml;nder, die in puncto Digitalisierung der Bildung zum R&uuml;ckzug blasen. In Frankreich gilt seit 2010 ein Handyverbot im Unterricht, 2018 erweitert zum Komplettverbot internetf&auml;higer Ger&auml;te in allen R&auml;umlichkeiten und bei schulischen Aktivit&auml;ten auch au&szlig;erhalb des Schulgeb&auml;udes. Die Niederlande f&uuml;hren 2024 ein Smartphoneverbot an Schulen ein, D&auml;nemark diskutiert dar&uuml;ber. &Auml;hnliche Ma&szlig;nahmen wurden inzwischen in einem Viertel aller von der UNESCO untersuchten Staaten initiiert.<\/p><p>Und was passiert bei uns? Bayern plant, in den n&auml;chsten f&uuml;nf Jahren 1,6 Millionen Sch&uuml;ler mit Tablets zu versorgen, und Baden-W&uuml;rttemberg will den Einsatz digitaler Ger&auml;te per Schulgesetz verpflichtend machen. Dummes Deutschland &ndash; und bald noch viel d&uuml;mmer&hellip;<\/p><p><em>Leserbriefe zu diesem Beitrag <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=107629\">finden Sie hier<\/a>.<\/em><\/p><p><small>Titelbild: Gorodenkoff\/shutterstock.com<\/small><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg04.met.vgwort.de\/na\/c8fab727389546f29763a633dd1c51ec\" alt=\"\" title=\"\" height=\"1\" width=\"1\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mehr als drei Dutzend Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen fordern ein Moratorium der Digitalisierung in Deutschlands Bildungseinrichtungen. Bevor man diese weiter mit Technik vollballert, solle fundiert und auf dem Stand neuester Forschung &uuml;ber die Konsequenzen und Gefahren f&uuml;r Kindeswohl und -entwicklung diskutiert werden. Ob das mal bei den Regierenden ankommt, fragt sich <strong>Ralf Wurzbacher<\/strong>.<\/p>\n<p><em>Dieser Beitrag ist auch<\/em><\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=107173\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":107174,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,151,127],"tags":[2094,1805,1680,3384,2848,1398,1416],"class_list":["post-107173","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-bildungspolitik","category-lobbyismus-und-politische-korruption","tag-digitalisierung","tag-kuenstliche-intelligenz","tag-kultusministerkonferenz","tag-lankau-ralf","tag-personalausstattung","tag-schweden","tag-unesco"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2023\/11\/Shutterstock_1787093735.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/107173","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=107173"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/107173\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":107680,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/107173\/revisions\/107680"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/107174"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=107173"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=107173"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=107173"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}