{"id":107217,"date":"2023-11-26T13:00:30","date_gmt":"2023-11-26T12:00:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=107217"},"modified":"2023-12-05T12:31:17","modified_gmt":"2023-12-05T11:31:17","slug":"gelungene-dressur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=107217","title":{"rendered":"Gelungene Dressur?"},"content":{"rendered":"<p>Wurden viele Menschen durch die Lockdown-Politik auch dauerhaft konditioniert? Zumindest einige Zeitgenossen machen es dieser Tage noch deutlich: Corona lebt! Ein Essay von <strong>Michael Freuding.<\/strong><\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_1111\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-107217-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/231204-Gelungene-Dressur-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/231204-Gelungene-Dressur-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/231204-Gelungene-Dressur-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/231204-Gelungene-Dressur-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=107217-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/231204-Gelungene-Dressur-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"231204-Gelungene-Dressur-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Angeblich sollen Fl&ouml;he das Springen verlernen, wenn man sie in einem Einmachglas h&auml;lt. Verschlie&szlig;t man das Glas mit einem durchsichtigen Deckel, h&uuml;pfen sie so lange dagegen, bis ihnen die Freude an ihren Fluchtversuchen vergeht. Danach passen sie ihre maximale Sprungkraft an die neue Umgebung an. Mit der Zeit verinnerlichen sie den Abstand zwischen Boden und Deckel wie ein Naturgesetz. Befreit man sie dann wieder aus ihrem Gef&auml;ngnis, leben sie mit ged&auml;mpfter Sprungkraft weiter. Schlie&szlig;lich m&ouml;chten sie sich nicht st&auml;ndig den Kopf sto&szlig;en. Sie h&uuml;pfen also nicht mehr weiter, als es ihnen der Glasdeckel zuvor erlaubt hat. <\/p><p>Die Geschichte taugt als Gleichnis f&uuml;r allzu Menschliches. Wenn wir mit einer bestimmten Strategie schlechte Erfahrungen sammeln, geben wir sie mit der Zeit auf &ndash; genau wie die Fl&ouml;he aus dem Einmachglas. Die Fl&ouml;he wollten fliehen, klatschten gegen den Deckel und reagierten mit einem verminderten Fluchtwillen. Die Story klingt plausibel. Scheinbar gibt es jedoch keinen Wissenschaftler, der sich zur Durchf&uuml;hrung entsprechender Experimente bekennt [<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>]. Bestenfalls beruht die Geschichte also auf den Erz&auml;hlungen von Laien, die entsprechende Situationen im Flohzirkus durchgespielt haben.<\/p><p>Vergleicht man den Plot mit &auml;hnlichen &bdquo;Experimenten&ldquo; am Menschen, gewinnt er an Glaubw&uuml;rdigkeit. Entsprechende Versuchsanordnungen ergaben sich w&auml;hrend der Corona-Zeit von ganz alleine. In die Rolle des Einmachglases schl&uuml;pften dabei die Ma&szlig;nahmen zur Pandemiebek&auml;mpfung. Sie lie&szlig;en den Versuchspersonen ungef&auml;hr so viel Freiraum wie das Flohglas. Nur gingen die Vorg&auml;nge des Einsperrens und der Befreiung sanfter vonstatten als bei den Fl&ouml;hen &ndash; gerade so, als ob sich das Einmachglas um die Probanden erst allm&auml;hlich materialisiert und wieder aufgel&ouml;st h&auml;tte. &nbsp;<\/p><p>Im Vergleich mit dem Flohgef&auml;ngnis war der &bdquo;Corona-Kerker&ldquo; kein Ding, das man anfassen konnte. Er existierte allein als Regelwerk und im Geist der Eingesperrten. Deshalb waren seine Auswirkungen von Fall zu Fall unterschiedlich, je nachdem, wie fest seine Glasw&auml;nde in den Vorstellungen der Gefangenen verankert waren. Das ist der Grund, weshalb gerade diejenigen, die w&auml;hrend der Krise die h&auml;rtesten Repressionen erfuhren, am fr&uuml;hesten und gr&uuml;ndlichsten von den Ma&szlig;nahmen genesen sind: Bildlich gesprochen hatte sich das Einmachglas um sie nie richtig geschlossen. Sie stie&szlig;en sich daher weniger an virtuellen W&auml;nden als am Verhalten der Erbauer jener W&auml;nde. &nbsp;<\/p><p>Das Einsperren w&auml;hrend der Coronazeit funktionierte auf der Basis sinnstiftender Erz&auml;hlungen. Die Haupterz&auml;hlung lautete, im chinesischen Wuhan sei ein neuartiges Virus ausgebrochen, das millionenfachen Tod &uuml;ber die Menschheit bringe. Um dieses Unheil zu vermeiden, m&uuml;sse man unabl&auml;ssig H&auml;nde waschen, in Armbeugen husten und soziale Kontakte meiden. Der &bdquo;Feind&ldquo; lauere auf T&uuml;rgriffen, hafte an Geldscheinen, verstecke sich zwischen den Seiten von Zeitungen und falle von Haltestangen und Treppengel&auml;ndern &uuml;ber uns her. Deshalb sei es am besten, wenn man alle Gefahrenquellen meide und sich strikt an die AHA-Regeln halte: &bdquo;Abstand, Hygiene, Alltagsmasken&ldquo; lautete eine der fr&uuml;hen Parolen jener Zeit [<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>].<\/p><p>Es dauerte nicht lange, bis die Menschen Verhaltensweisen entwickelten, mit denen sie sich vor den neuen Gefahren zu sch&uuml;tzen glaubten. Die Medien befeuerten diesen Trend, indem sie dar&uuml;ber berichteten und die neuen Gepflogenheiten guthie&szlig;en. Man denke zum Beispiel an den Brauch des H&auml;ndesch&uuml;ttelns: Wenn der Tod schon auf T&uuml;rklinken und Treppengel&auml;ndern lauerte, um wie viel gef&auml;hrlicher musste da das H&auml;ndesch&uuml;tteln sein? Dabei reicht dieses Begr&uuml;&szlig;ungsritual laut Wikipedia bis in die R&ouml;merzeit zur&uuml;ck und stand ehemals als Symbol f&uuml;r die Eintracht zwischen Kaiser und Milit&auml;r [<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>]. Schon Paulus erw&auml;hnte den Brauch, als er in seinem Brief an die Galather schrieb, beim Abschied aus Jerusalem sei ihm die Hand der Freundschaft gereicht worden [<a href=\"#foot_4\" name=\"note_4\">4<\/a>]. In meinem pers&ouml;nlichen Umfeld galt einer, der das H&auml;ndesch&uuml;tteln verweigerte, vor der Coronazeit noch als Schuft. Wer am Morgen nicht jedem Kollegen artig seine Aufwartung machte, dem haftete schon bald der Ruf eines R&uuml;pels an. Das galt vor allem, wenn der Traditionsbrecher in der Hierarchie &uuml;ber demjenigen stand, dem er den Handschlag &bdquo;verweigerte&ldquo;.<\/p><p>Schon damals empfanden etliche Zeitgenossen das Gehabe ums H&auml;ndesch&uuml;tteln als besonders l&auml;stiges Zwangsmoment der europ&auml;ischen Kultur. Die Mehrheit schien den Brauch jedoch gutzuhei&szlig;en. Umso erstaunlicher ist es, dass die Hygieneregeln w&auml;hrend der Coronazeit das Ritual des H&auml;ndesch&uuml;ttelns beinahe vollst&auml;ndig aus dem Repertoire unserer kulturellen Praktiken getilgt haben. Das virtuelle Einmachglas hat ganze Arbeit geleistet, k&ouml;nnte man sagen: Wir Fl&ouml;he h&uuml;pfen flacher. Die Ausl&ouml;schung der Tradition geht sogar so weit, dass man bisweilen panische Blicke erntet, wenn man heutzutage jemandem doch die Hand reicht. Das gilt sowohl direkt als auch im &uuml;bertragenen Sinne. Offensichtlich entspricht das Ritual nicht mehr unseren kulturellen Gepflogenheiten. Denn muss nicht jedermann ein Schuft sein, der heutzutage noch fahrl&auml;ssig Abst&auml;nde unterschreitet? <\/p><p>Die Abschaffung des H&auml;ndesch&uuml;ttelns war w&auml;hrend der Coronazeit der kleinste gemeinsame Nenner der Linientreue. Weil damit keine besonderen Unannehmlichkeiten verbunden waren, gab es so gut wie niemanden, der sich gegen das neue Tabu str&auml;ubte. Deshalb trauert wohl kaum jemand der Vergangenheit hinterher. Man k&ouml;nnte sogar von einem Befreiungsakt aus einer mit Zw&auml;ngen belasteten Tradition sprechen. Gleichwohl geht mit dieser Befreiung eine kulturelle Vereinheitlichung einher, die man nicht unbedingt guthei&szlig;en muss. Die Unterschiede zwischen regionalen Gepflogenheiten sind kleiner geworden. Die Menschheit ist einer gemeinsamen &bdquo;Weltkultur&ldquo; einen Schritt n&auml;her gekommen. Jetzt m&uuml;ssen blo&szlig; noch die Asiaten aufh&ouml;ren, sich zu verbeugen&hellip; <\/p><p>Hardcore-Anh&auml;nger des Corona-Kults forderten indessen mehr als das blo&szlig;e Abschaffen von Ritualen. Sie setzten sich durch, indem sie Angst sch&uuml;rten und gleichzeitig auf das Prinzip Hoffnung bauten. Die Corona-Ma&szlig;nahmen sollten enden, sobald Christian Drosten und seine Hohepriester keine Gefahr mehr witterten. Bis dahin sorgten allerlei gute Ratschl&auml;ge f&uuml;r Unterhaltung: Unn&ouml;tige T&uuml;ren hielt man mit Keilen offen, die Menschen trugen vom Waldspaziergang bis zur einsamen Fahrt im Auto Staubmasken und jene, denen all das nicht gen&uuml;gte, entwickelten skurrile Praktiken, um noch das letzte Qu&auml;ntchen &bdquo;Sicherheit&ldquo; f&uuml;r sich herauszuschinden. Pl&ouml;tzlich gab es Menschen, die sich ganz und gar weigerten, mit der Hand etwas zu ber&uuml;hren, was vorher schon andere angefasst hatten. Standen sie vor einer T&uuml;r, beugten sie ihre Oberk&ouml;rper wie vor einem K&ouml;nig und &ouml;ffneten die Klinke mit ihrem Ellbogen. In Superm&auml;rkten trugen sie Gummihandschuhe, in Warteschlangen terrorisierten sie Abstandsleugner mit Hasskommentaren. Mehr Einmachglas-Konditionierung konnte man sich kaum vorstellen.<\/p><p>Am siebten April 2023 endeten in der Bundesrepublik Deutschland offiziell alle &bdquo;Corona-Ma&szlig;nahmen&ldquo;. Ab diesem Zeitpunkt durfte sich jeder B&uuml;rger aus seinem virtuellen K&auml;fig befreit f&uuml;hlen. Die Sache hatte sich jedoch schon vorher totgelaufen. Allm&auml;hlich hatten die Menschen begriffen, dass die allermeisten von ihnen die t&ouml;dliche Seuche auch ohne Masken, Impfungen und dergleichen &uuml;berleben konnten. Im R&uuml;ckblick betrachtet dauerte die Phase des Totlaufens ungef&auml;hr ein Jahr. In dieser Zeit zerfielen die Einmachgl&auml;ser um uns B&uuml;rgerinnen und B&uuml;rger allm&auml;hlich zu Staub. Dennoch gab es nat&uuml;rlich noch viele Hardcore-Coronisten, die an den Extremregeln festhielten. Sie schauten einen b&ouml;se an, wenn man ein &ouml;ffentliches Geb&auml;ude ohne Maske betrat, und sie waren nach wie vor als Ellbogenfetischisten an T&uuml;rschwellen unterwegs. Manche von ihnen haben die Gepflogenheiten der Hochphase des Corona-Regimes so stark verinnerlicht, dass sie bis heute daran festhalten: Sie testen sich, wenn die Nase l&auml;uft. Sie treten &auml;ngstlich beiseite, wenn man ihnen auf einem Gang begegnet. Sie tragen Maske, wann immer sich dazu eine passende Gelegenheit bietet.&nbsp; <\/p><p>Indessen ist die Stimmung innerhalb der gem&auml;&szlig;igteren Kreise umgeschlagen. Nicht mehr die Ungeimpften werden verlacht, sondern diejenigen, die ihre Verhaltensrituale aus der Corona-Krise ins Nach-Corona-Zeitalter &uuml;bernommen haben. So ist in meinem pers&ouml;nlichen Umfeld inzwischen vor allem das Maskentragen verp&ouml;nt, obwohl sich die meisten meiner Bekannten seinerzeit allen Regeln samt diverser &bdquo;Impfungen&ldquo; unterworfen hatten. Sie meiden die Erinnerung an die totalit&auml;re Zeit und hoffen, dass sich der Hygiene-Autoritarismus in Zukunft nicht mehr wiederholen wird. Man k&ouml;nnte von einer Art Abscheu vor dem Ausnahmezustand sprechen. <\/p><p>Einige Rituale der Corona-&Auml;ra haben sich indessen so tief in die Gesellschaft eingepr&auml;gt, dass sie nur wenige Zeitgenossen vollst&auml;ndig ablegen konnten. Im Grunde geht es dabei immer um dasselbe, n&auml;mlich um die Angst vor N&auml;he. Das Konfliktpotenzial ist hoch: Entweder &auml;rgern sich die &Auml;ngstlichen &uuml;ber die Mutigen oder umgekehrt &ndash; je nachdem, in welcher Alltagssituation man einander begegnet. Tats&auml;chlich finden sich hier auch die meisten Parallelen zu unserer Ausgangsgeschichte mit den Fl&ouml;hen. W&auml;hrend die Fl&ouml;he nach ihren Erfahrungen im Einmachglas k&uuml;rzer gesprungen sind, scheinen sich die Auren der Menschen w&auml;hrend der Corona-Krise ausgedehnt zu haben. Das ist verst&auml;ndlich, wenn man bedenkt, dass in westlichen L&auml;ndern beinahe alle Menschen &uuml;ber einen l&auml;ngeren Zeitraum in virtuelle Gef&auml;ngnisse gepackt waren. Daneben haben uns sinnstiftende Erz&auml;hlungen die N&auml;he zu anderen Menschen als etwas beinahe Perverses verg&auml;llt. Entstanden sind dabei zwei typische Konfliktlinien.<\/p><p>Die Erste l&auml;sst sich im Alltag leicht am eigenen Leib erfahren. Man muss sich blo&szlig; in Erinnerung rufen, wie man sich in der Pr&auml;-Corona-&Auml;ra beim Einkaufen verhalten hat, und dieses Muster ins Post-Corona-Zeitalter &uuml;bertragen. Vor dem Jahr 2020 standen die Menschen in Kaufh&auml;usern, Superm&auml;rkten und anderen Gesch&auml;ften oft eng auf eng in Warteschlangen. Selbst bei normalem Kundenaufkommen waren die Abst&auml;nde zwischen den Kunden gering. Dagegen gilt es heutzutage als ungeschriebene Vorschrift, dass der Eink&auml;ufer den freien Raum vor Kassen, Theken und Bezahlschaltern vollst&auml;ndig auszunutzen hat. Reiht man sich zum Beispiel in eine Warteschlange vor einem B&auml;ckereitresen, hei&szlig;t das, man muss sich eine Platzierung nach dem Prinzip des maximalen Abstands suchen. F&uuml;r einen Kunden, der als zweite Person die B&auml;ckerei betritt, bedeutet das, er sollte an der Theke jene Position einnehmen, die am weitesten vom Erstkunden entfernt liegt. Verst&ouml;&szlig;e gegen diese ungeschriebene Regel k&ouml;nnen zwar gutgehen, jedoch erntet der Regelbrecher zumindest b&ouml;se Blicke, sofern es sich beim Erstkunden um einen &uuml;brig gebliebenen Radikalcoronisten handelt. Selbst anderthalb Meter Abstand gen&uuml;gen dann nicht f&uuml;r ein harmonisches Einkaufserlebnis. <\/p><p>Die zweite Konfliktlinie ergibt sich, wenn man sich die Situation <em><strong>vor<\/strong><\/em> der B&auml;ckerei betrachtet. Weil w&auml;hrend der Corona-Zeit meist nicht mehr als drei Personen gleichzeitig in ein Ladengesch&auml;ft eintreten durften, gew&ouml;hnten sich die Menschen durch Training an diese Vorgabe. So entstand bei vielen Zeitgenossen nach und nach eine innere Hemmschwelle, die sie am Eintreten hindert, solange der vormals &bdquo;legale&ldquo; Zustand im Verkaufsraum nicht erreicht ist. Der Floh traut sich nicht zu h&uuml;pfen, weil er Angst hat, gegen den Glasdeckel zu klatschen. Wo ich meine Br&ouml;tchen kaufe, l&auml;sst sich das vor allem am fr&uuml;hen Sonntagmorgen beobachten. Meist scharen sich schon vor halb acht mehrere Kunden um den Eingang. Mit der offiziellen &Ouml;ffnung str&ouml;men sie dann in den Laden und verteilen sich dort nach dem Prinzip des maximalen Abstands. Der Platz vor der B&auml;ckerei leert sich jedoch nicht vollst&auml;ndig. Vielmehr f&auml;llt eine Art unsichtbarer Vorhang, nachdem der dritte Kunde die B&auml;ckerei betreten hat. Der vierte Kunde bleibt dann wie angewurzelt vor der offenen T&uuml;r stehen, w&auml;hrend sich hinter ihm eine lange Schlange bildet. <\/p><p>Offizielle Regeln, die das Verhalten der B&auml;ckereikunden nach dem beschriebenen Muster steuern, gibt es schon lange nicht mehr. Theoretisch d&uuml;rften also alle Kunden &bdquo;im Warmen&ldquo; ausharren, bis sie mit ihrer Bestellung an der Reihe sind. Die Einmachglaskonditionierung aus der Corona-&Auml;ra wirkt jedoch fort und zwingt die Mehrzahl der Br&ouml;tchenk&auml;ufer zu einem Zeitsprung in die Vergangenheit. Man k&ouml;nnte sagen, die viel besungenen &bdquo;Regeln&ldquo; hallen nach wie ein Echo. Das w&auml;re nicht weiter schlimm, wenn in Mitteleuropa immer heiter Sonnenschein und milde Au&szlig;entemperaturen herrschten. Doch leider wirkt die Konditionierung auch bei Regen, Eisesk&auml;lte und lauterbachiesker Hitze. Mutige, bei denen die Abrichtung fehlschlug, reagieren daher entweder mit bissigen Kommentaren und reihen sich in die Schlange. Oder sie gehen einfach an den anderen vorbei, pr&auml;gen sich die Reihenfolge ein und verharren im wohltemperierten Innenraum, bis sie dran sind.<\/p><p>Meist endet die freiwillige Unterwerfung unter das vormals Legale, wenn der erste Kunde aus der Meute ausschert. Betritt also ein Abweichler an der Schlange vorbei den Laden, folgen ihm die anderen nach, um ihre Position zu verteidigen. Ich habe das mehrmals im Selbstversuch getestet. Dasselbe Ph&auml;nomen war schon w&auml;hrend der Corona-&Auml;ra zu beobachten, wenn es um das Tragen von Masken im Freien ging. Damals waren die Schlangen vor den B&auml;ckereien zwar noch vorgeschrieben, man konnte als Abweichler jedoch Einfluss darauf nehmen, wie sich die Wartezeit gestaltete. Die Erfahrung zeigte Folgendes: Wenn man sich als Nichtmaskierter versp&auml;tet zu einer Reihe aus Maskierten gesellte, hatte das keine Auswirkungen auf das Verhalten der Maskierten. Nahm man jedoch die letzte Position vor der B&auml;ckerei &ndash; im Freien &ndash; ein und traten andere Kunden hinzu, unterwarfen sie sich dem Vorbild des letzten Wartenden. Stand also einer vor der T&uuml;r, der keine Maske trug, setzten auch die nachfolgenden Kunden keine Masken auf. Handelte es sich bei dem Menschen vor der T&uuml;r dagegen um einen Maskentr&auml;ger, ahmten die anderen Kunden auch das nach. Es lebe die Anpassung!<\/p><p>Am Ende l&auml;sst sich festhalten: Die Geschichte von der Sprunghemmung der Fl&ouml;he aus dem Einmachglas l&auml;sst sich zwar nicht wissenschaftlich belegen. Im Alltag der Nach-Corona-&Auml;ra finden sich jedoch etliche Beispiele menschlichen Verhaltens, die als Analogon zu der Floh-Konditionierung stehen k&ouml;nnen. Wenn der aufgebaute Druck hoch genug ist, lassen sich Menschen offenbar leicht zu Verhaltensweisen mit zweifelhaftem Sinn erziehen. Sind die entsprechenden Muster dann erst einmal verinnerlicht, wirken sie unabh&auml;ngig von der Existenz der Regeln fort, die sie einst bedungen haben. <\/p><p>Im Falle der sogenannten &bdquo;Corona-Ma&szlig;nahmen&ldquo; beruhte die Konditionierung der Menschen auf einer Mischung aus negativen Reizen und Angst. Die einen f&uuml;rchteten, an einem t&ouml;dlichen Virus zu erkranken und\/oder ihre Verwandten damit zu infizieren; die anderen disziplinierte die Aussicht auf die Reaktion der informellen Sozialkontrolle. In jedem Fall erlebte derjenige, der sich dem Diktat der Regeln widersetzte, eine negative Gegenreaktion. Sie glich der Erfahrung der Fl&ouml;he, die beim H&uuml;pfen in ihrem Einmachglas gegen den Glasdeckel prallten. Dabei reichten die Konsequenzen des Sich-Widersetzens von sozialer Ausgrenzung &uuml;ber Bu&szlig;gelder bis hin zur vollst&auml;ndigen sozialen Vernichtung. Letztere drohte vor allem denjenigen, die &uuml;ber gen&uuml;gend Ansehen verf&uuml;gten, um in der Bev&ouml;lkerung Zweifel an &bdquo;den Ma&szlig;nahmen&ldquo; zu s&auml;en. So konnte ein devianter Arzt aus Sicht der Narrativgl&auml;ubigen gr&ouml;&szlig;eren Schaden anrichten als ein Kfz-Meister, der auf seinen gesunden Menschenverstand vertraute. Deshalb lachte man den einen aus und suchte beim anderen nach einem Grund, ihn zu &bdquo;canceln&ldquo;. Je tiefer man also in der sozialen Hackordnung platziert war, umso sicherer durfte man sich f&uuml;hlen, wenn man Kritik &auml;u&szlig;erte. Am besten lebten freilich diejenigen, die sich brav unterwarfen, artig Maske trugen und alle Absurdit&auml;ten guthie&szlig;en, die sich jene ausdachten, die auf die eine oder andere Weise von den &bdquo;Regeln&ldquo; und ihren Auswirkungen profitierten.&nbsp; <\/p><p>Letztlich sollte sich heutzutage jedermann im Spiegel seines Selbst fragen, wie er sich im Zuge der Corona-Ma&szlig;nahmen ver&auml;ndert hat. Nur wer diesen Schritt geht, begreift auch die Ver&auml;nderungen im gesellschaftlichen Rahmen und kann seinen Teil dazu beitragen, dass die Wunden jener Zeit verheilen. Am wichtigsten scheint mir dabei die Erkenntnis, dass sich nicht nur unser Verhalten, sondern auch unsere Toleranzschwelle gegen&uuml;ber der Politik ver&auml;ndert an. Politikerinnen und Politiker d&uuml;rfen sich heutzutage &Auml;u&szlig;erungen und Handlungen erlauben, die sie in der Vor-Corona-&Auml;ra umgehend ihr Amt gekostet h&auml;tten. Inzwischen haben sie ihre Immunit&auml;t gegen Kritik sogar abgesichert, indem sie am 30. M&auml;rz 2021 den Tatbestand der Majest&auml;tsbeleidigung <a href=\"https:\/\/www.zis-online.com\/dat\/artikel\/2022_1_1467.pdf\">indirekt neu aufgelegt haben<\/a>. Wir sollten uns daher immer wieder an die Vor-Corona-&Auml;ra zur&uuml;ckerinnern und den jetzigen Zustand mit dem damaligen vergleichen. Folgende Fragen dr&auml;ngen sich dabei auf: Welche Rechte und Freir&auml;ume sind uns w&auml;hrend des Ausnahmezustands genommen worden? Inwiefern hat sich das Zusammenwirken von Politik und Medien ver&auml;ndert? Und: Haben wir als Fl&ouml;he eigentlich das Springen verlernt? <\/p><p><strong>Epilog<\/strong><\/p><p>Am Tag, nach dem ich die letzte Zeile dieses Artikels geschrieben hatte, war ich zu einer Besprechung au&szlig;erhalb meiner Heimatstadt geladen. Bis dahin bestanden nach meinen Erfahrungen der letzten Wochen und Monate keinerlei Zweifel an den Inhalten meines Texts. Tendenziell passte das Ganze ja auch. &nbsp;Umso mehr staunte ich, als mich die ersten Teilnehmer der Besprechung mit Handschlag begr&uuml;&szlig;ten. Offenbar haben sich im Hinblick auf das H&auml;ndesch&uuml;tteln zwischenzeitlich regional unterschiedliche Gepflogenheiten etabliert. Der Brauch k&ouml;nnte die Corona-&Auml;ra also wohl doch noch &uuml;berdauern &ndash; ein schwerer R&uuml;ckschlag f&uuml;r die Weltkultur!<\/p><p>Mein n&auml;chstes Termin-Highlight des Tages bestand in einem Zahnarztbesuch. Vor der Haust&uuml;r traf ich auf einen weiteren Patienten. Er stand bereits da, als ich ankam, und bet&auml;tigte die Klingel &ndash; mit dem Ellbogen. Dann zog er mit komplexen Verrenkungen die nach au&szlig;en &ouml;ffnende T&uuml;r zur&uuml;ck &ndash; ebenfalls mit dem Ellbogen &ndash; und quetschte sich &auml;ngstlich durch den T&uuml;rspalt. Wir stiegen nacheinander die Treppen zur Praxis hoch. Der Ellbogenmann taxierte mich dabei immer wieder &uuml;ber die Schulter, als wollte er mit seinen Blicken den Abstand zwischen unseren K&ouml;rpern vermessen. Ganz get&auml;uscht habe ich mich also doch nicht. Corona lebt!&nbsp;&nbsp; <\/p><p><small>Titelbild: sophiecat \/ Shutterstock<\/small><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.magazintraining.com\/der-gekochte-frosch-und-der-dumme-floh\/\">magazintraining.com\/der-gekochte-frosch-und-der-dumme-floh\/<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.bundesregierung.de\/breg-de\/themen\/coronavirus\/aha-regel-im-neuen-alltag-1775842\">bundesregierung.de\/breg-de\/themen\/coronavirus\/aha-regel-im-neuen-alltag-1775842<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/H%C3%A4ndesch%C3%BCtteln\">de.wikipedia.org\/wiki\/H%C3%A4ndesch%C3%BCtteln<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_4\" name=\"foot_4\">&laquo;4<\/a>] <a href=\"https:\/\/biologie-seite.de\/Biologie\/H%C3%A4ndesch%C3%BCtteln\">biologie-seite.de\/Biologie\/H%C3%A4ndesch%C3%BCtteln<\/a><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wurden viele Menschen durch die Lockdown-Politik auch dauerhaft konditioniert? 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