{"id":10735,"date":"2011-09-15T16:59:53","date_gmt":"2011-09-15T14:59:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=10735"},"modified":"2014-09-10T13:43:26","modified_gmt":"2014-09-10T11:43:26","slug":"peter-bofinger-bringt-es-auf-den-punkt-marktversagen-statt-schuldenkrise","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=10735","title":{"rendered":"Peter Bofinger bringt es auf den Punkt: Marktversagen statt Schuldenkrise."},"content":{"rendered":"<p>Bei Spiegel online erschien ein sehr lesenswerter Debattenbeitrag des Sachverst&auml;ndigenratsmitglieds Professor Bofinger mit dem Titel &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/0,1518,786162,00.html\">Der fatale Irrtum der Stabilit&auml;tsfanatiker&ldquo;<\/a>. Bofinger zeigt in diesem Beitrag, wie falsch und von Ideologie getrieben deutsche &Ouml;konomen von Weber &uuml;ber Stark und Issing bis Sinn die Lage analysieren und wie die Politik bis hoch zum Bundespr&auml;sidenten diesen Trampelpfaden &bdquo;deutscher Ordnungspolitiker&ldquo; folgen. W&ouml;rtlich: &bdquo;Die meisten deutschen &Ouml;konomen haben ein unersch&uuml;tterliches Vertrauen in die &ldquo;Marktdisziplin&rdquo;. In einer kollektiven Amnesie wird dabei v&ouml;llig verdr&auml;ngt, dass der gr&ouml;&szlig;te Teil der heutigen Probleme nicht auf eine mangelnde Fiskaldisziplin, sondern vielmehr ein massives Marktversagen zur&uuml;ckzuf&uuml;hren ist.&ldquo; Die Mehrheit unserer sich gleichschaltenden Medien kennt nur ein Etikett: &bdquo;Schuldenkrise&ldquo;. Albrecht M&uuml;ller.<br>\n<!--more--><\/p><p>Bofinger weist  &ndash; wie wir schon so oft in den NachDenkSeiten &ndash; darauf hin, dass Spanien und Irland mit Schuldenstandsquoten von 42 und 29 Prozent noch bis zum Jahr 2007 als vorbildlich in ihrer Haushaltspolitik gelten konnten. Weiter w&ouml;rtlich: &bdquo;Das Problem waren undisziplinierte Finanzm&auml;rkte, die ohne jedes Risikobewusstsein die ihnen anvertrauten Gelder in Betonruinen vergruben.&ldquo; Bofinger bemerkt dann mit Recht kritisch gegen&uuml;ber dem damaligen Bundesbankpr&auml;sidenten Weber und den beiden Chef&ouml;konomen der EZB Issing und Stark, dass die beschriebenen massiven Fehlentwicklungen die zitierten Herren erstaunlicherweise damals nicht dazu veranlasst haben, &bdquo;&auml;hnlich deutliche Warnungen abzugeben wie bei den Anleihek&auml;ufen der EZB&ldquo;.<\/p><p>Auch aus diesem Grund sei es paradox, &bdquo;wenn die von den Staaten mit riesigen Betr&auml;gen geretteten Finanzm&auml;rkte nun zum H&uuml;ter der durch sie beeintr&auml;chtigten Fiskaldisziplin erhoben werden. Wie wenig sie f&uuml;r die Funktion geeignet sind, kann man schon daran erkennen, dass sie noch bis weit in das Jahr 2008 keinen nennenswerten Risikoaufschlag f&uuml;r griechische Anleihen gefordert hatten. Das Problem der Marktdisziplin besteht einfach darin, dass M&auml;rkte in der Regel wenig vorausschauend sind, dann irgendwann durch ein bestimmtes Ereignis pl&ouml;tzlich aufwachen und umso panischer reagieren.&ldquo;<\/p><p>Und dann zeigt Bofinger, wie gef&auml;hrlich die so genannte Marktdisziplin f&uuml;r die W&auml;hrungsunion und die Entwicklung Europas ist, und er zeigt den Teufelskreis auf, in den uns die herrschende Ideologie gebracht hat und immer weiter bringt. Die Orientierung am Marktgeschehen versch&auml;rft das Problem.<\/p><p>Bofinger verteidigt die Anleihek&auml;ufe der EZB und pl&auml;diert f&uuml;r die Absicherung der Staatsschulden &uuml;ber eine gemeinschaftliche Haftung in der Form von Euro-Bonds. Zum Schluss dann noch einmal w&ouml;rtlich: &bdquo;Wenn deutsche Politiker und &Ouml;konomen heute die Anleihek&auml;ufe der EZB kritisieren, sollten sie sich der Tatsache bewusst sein, dass sie daf&uuml;r indirekt die Verantwortung tragen. Sie haben die beiden vergangenen Jahre verstreichen lassen, ohne sich dar&uuml;ber Gedanken zu machen, wie man Italien im Falle eines Vertrauensverlustes der M&auml;rkte wirksam absichern kann. Als einzig handlungsf&auml;higer europ&auml;ischer Institution bleibt der EZB dann keine andere Wahl.&ldquo;<\/p><p>Von den Fakten unbeeindruckt und ohne R&uuml;cksicht auf das Anheizen der Spekulation geht in Deutschland die &ouml;ffentliche Debatte weiter. Ein Beispiel von heute fr&uuml;h im gleichen Medium wie Bofingers Beitrag:<br>\n15. September 2011, 08:25 Uhr:<br>\n&bdquo;Griechen-Streit. <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/deutschland\/0,1518,786345,00.html\">R&ouml;sler l&auml;sst sich von Merkel den Mund nicht verbieten<\/a>&ldquo;<\/p><p>Die Kanzlerin fordert in der Griechenland-Krise Ruhe und Geschlossenheit &ndash; doch den Gefallen tut ihr die FDP nicht. Wirtschaftsminister R&ouml;sler will weiterdiskutieren: So sei das eben in Koalitionen.&ldquo;<\/p><p>Dieser Mensch R&ouml;sler, der sich Bundeswirtschaftsminister nennen darf, hat noch nicht einmal verstanden, dass er in der Verantwortung steht, und die einfachste Regel dieser Verantwortung darin besteht, den Mund zu halten, wenn &Auml;u&szlig;erungen fatale Wirkungen haben. Es geht ja nicht um &bdquo;Koalitionen&ldquo;, verehrter Herr Bundeswirtschaftsminister, sondern um das Anheizen der Spekulation gegen einzelne L&auml;nder der Eurozone und damit auch um die weitere wirtschaftliche Entwicklung unseres Landes. <\/p><p><strong>Die Mehrheit unserer sich gleichschaltenden Medien kennt nur ein Etikett: &bdquo;Schuldenkrise&ldquo;<\/strong><\/p><p>Der kollektive Wahn von der angeblichen Schuldenkrise w&auml;re in Wissenschaft und Politik nicht so weit verbreitet und auch nicht von so verheerender Wirkung, wenn wir noch einigerma&szlig;en kritische Medien h&auml;tten.<\/p><p>Die Mehrheit der Medien aber ist nicht nur unkritisch, sie schaltet sich aktiv gleich. Das kann man schon seit langem am beflissenen Gebrauch des die Wirklichkeit hinweg manipulierenden Etiketts &bdquo;Schuldenkrise&ldquo; studieren. Jetzt konnte man aktuell an den Berichten &uuml;ber die Mahnungen des amerikanischen Pr&auml;sidenten Obama gegen&uuml;ber der Entwicklung und der Politik in Europa studieren, wie das Wort &bdquo;Schuldenkrise&ldquo; zur Falsch-Etikettierung aktiv gebraucht wird, obwohl beim Absender Obama dieses Wort keine zentrale Bedeutung hatte, wenn er es &uuml;berhaupt gebraucht hat.<\/p><p>Ich habe nach dem Interview Obamas gesucht und dabei das folgende w&ouml;rtlich gefunden:<br>\n<a href=\"http:\/\/www.tt.com\/csp\/cms\/sites\/tt\/Nachrichten\/3375310-2\/barack-obama-im-interview-wir-haben-nat%C3%BCrlich-fehler-gemacht.csp\">Tiroler Tageszeitung vom 13.9.2011<\/a><\/p><blockquote><p>&bdquo;Machen Sie sich Sorgen, dass die Situation in Europa Folgen f&uuml;r die US-Wirtschaft hat? <\/p>\n<p><strong>Obama:<\/strong> Es gibt keinen Zweifel, dass dies Folgen hat. Wir leben heute in einer integrierten Weltwirtschaft. Das, was jenseits des Atlantiks oder des Pazifiks geschieht, hat gewaltigen Einfluss auf Amerika, auf unseren gesamten Kontinent, nicht nur auf die USA.<\/p>\n<p>Daher versuchen wir intensiv gemeinsam mit den Europ&auml;ern, diese Krise zu l&ouml;sen. Letztlich m&uuml;ssen sich die gro&szlig;en L&auml;nder in Europa und deren politische F&uuml;hrer zusammenfinden und eine Entscheidung dar&uuml;ber f&auml;llen, wie sie die W&auml;hrungsintegration mit einer effektiveren und abgestimmten Haushaltspolitik zusammenbringen.<\/p>\n<p>Europa hat derzeit zwar eine geeinte W&auml;hrung, aber es verf&uuml;gt &uuml;ber keine abgestimmte Wirtschaftspolitik. Und das schafft gro&szlig;e Probleme.<\/p>\n<p>Griechenland ist das gr&ouml;&szlig;te gegenw&auml;rtige Problem. Zwar haben die Griechen einige Schritte unternommen, um die Krise aufzuhalten, aber nicht, um sie zu l&ouml;sen. Das gr&ouml;&szlig;ere Problem aber ist es, was in Spanien und in Italien passiert, falls die M&auml;rkte diese beiden gro&szlig;en M&auml;rkte herausfordern.<\/p>\n<p>Was wir bilateral und multinational sowie durch den Internationalen W&auml;hrungsfonds IWF tun, um den Europ&auml;ern dabei zu helfen, ist ein Paket zu schn&uuml;ren, das den betroffenen L&auml;ndern Zeit zur Anpassung gibt. Aber wenn so viele L&auml;nder mit unterschiedlicher Politik und unterschiedlicher &ouml;konomischer Lage versuchen, sich auf einen Weg zu einigen, ist eine Abstimmung schwierig. So lange diese Frage nicht gel&ouml;st ist, werden wir weiterhin Schw&auml;chen in der Weltwirtschaft sehen. Es wird ein wichtiges Thema beim G-20-Gipfel im November werden.&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>Nirgendwo in diesem Text wird das Etikett &bdquo;Schuldenkrise&ldquo; gebraucht. Obama hat das gro&szlig;e Problem Europas anders gekennzeichnet.<\/p><p>Aber in den deutschen Medien hei&szlig;en die Schlagzeilen:<\/p><ul>\n<li>US Pr&auml;sident Obama zur Europ&auml;ischen Schuldenkrise<\/li>\n<li>Obama mahnt: Europa muss Schuldenkrise in den Griff bekommen<\/li>\n<li>Kampf gegen Schuldenkrise: Obama mahnt Europa<\/li>\n<li>usw.<\/li>\n<\/ul><p>Gelegentlich taucht noch das Wort &bdquo;Euro-Krise&ldquo; auf und ganz selten wird korrekt berichtet. <\/p><p><strong>Ein rundum desolates Bild einer im Kollektiven Wahn lebenden Nation.  Gerne w&uuml;rde ich anderes berichten und anders kommentieren.<\/strong><\/p><p><strong>P.S: Zwei Nachbemerkungen zu Peter Bofinger:<\/strong><\/p><ol>\n<li>Gerhard Schr&ouml;der (immerhin!) wollte ihn Ende April 2004 zum Pr&auml;sidenten der Deutschen Bundesbank ausw&auml;hlen. Dann stellte sich Hans Eichel, damals Bundesfinanzminister und vermutlich schon unter dem Einfluss von Axel Weber-Sch&uuml;ler Asmussen, quer. Axel Weber wurde Bundesbankpr&auml;sident.<\/li>\n<li>Das demn&auml;chst erscheinende Kritische Jahrbuch 2011\/2012 der NachDenkSeiten &bdquo;Nachdenken &uuml;ber Deutschland&ldquo; ziert ein Vorwort von Peter Bofinger. Das finden wir sehr angemessen und es freut uns sehr.<\/li>\n<\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bei Spiegel online erschien ein sehr lesenswerter Debattenbeitrag des Sachverst&auml;ndigenratsmitglieds Professor Bofinger mit dem Titel &bdquo;<a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/0,1518,786162,00.html\">Der fatale Irrtum der Stabilit&auml;tsfanatiker&ldquo;<\/a>. Bofinger zeigt in diesem Beitrag, wie falsch und von Ideologie getrieben deutsche &Ouml;konomen von Weber &uuml;ber Stark und Issing bis Sinn die Lage analysieren und wie die Politik bis hoch zum Bundespr&auml;sidenten diesen Trampelpfaden<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=10735\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[13,139,50,123],"tags":[537,507,283,366,420,325],"class_list":["post-10735","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-denkfehler-wirtschaftsdebatte","category-euro-und-eurokrise","category-finanzkrise","category-kampagnentarnworteneusprech","tag-bofinger-peter","tag-ezb","tag-finanzmaerkte","tag-obama-barack","tag-spiegel","tag-staatsschulden"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10735","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=10735"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10735\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":10737,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10735\/revisions\/10737"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=10735"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=10735"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=10735"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}