{"id":107537,"date":"2023-12-01T09:20:36","date_gmt":"2023-12-01T08:20:36","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=107537"},"modified":"2023-12-01T10:33:04","modified_gmt":"2023-12-01T09:33:04","slug":"eine-rose-als-zeichen-gegen-gewalt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=107537","title":{"rendered":"Eine Rose als Zeichen gegen Gewalt"},"content":{"rendered":"<p>Ein Kind zu bekommen, ist f&uuml;r viele Frauen ein Lebenstraum. Nicht selten jedoch, und das ist ein andauernder Skandal, wird die Geburt zum Albtraum, denn jede zweite bis dritte Mutter in Deutschland berichtet von unterschiedlichen Gewalterfahrungen w&auml;hrend der Geburt, was in der &Ouml;ffentlichkeit noch immer zu wenig bekannt ist. Der internationale Aktionstag &bdquo;Roses Revolution Day&ldquo; soll dazu beitragen, dies zu &auml;ndern. Der nachfolgende Artikel von <strong>Elisabeth Blenz<\/strong> ist ein Debattenbeitrag zum Thema &bdquo;Gewalt unter der Geburt&ldquo;.<br>\n<!--more--><br>\nDie Geburtsaktivistin Jesusa Ricoy hatte vor zehn Jahren die Idee einer &bdquo;Rosen-Revolution&ldquo;, am 4. November 2013 fand die dritte &bdquo;Human Rights in Child-Birth Konferenz&ldquo; im belgischen Blankenberge statt, wo internationale Frauenrechtlerinnen davon erfuhren und begannen, die Idee in ihren Heimatl&auml;ndern zu verbreiten. Eine &bdquo;Revolution der Rosen&ldquo; wurde ausgerufen. Frauen, die Gewalterfahrungen w&auml;hrend der Geburt erlebten, k&ouml;nnen jeweils am 25. November eine Rose zusammen mit einem pers&ouml;nlichen Erfahrungsbericht (oder auch ohne diesen) vor einen Krei&szlig;saal, eine Klinik, ein Krankenhaus legen. Ein Foto dieser Rose soll im Internet zum Beispiel auf der Website &bdquo;www.rosesrevolutiondeutschland.de&ldquo; oder in sozialen Medien ver&ouml;ffentlicht werden. Ziel ist, den betroffenen Frauen eine Stimme zu geben, &ouml;ffentliche Aufmerksamkeit zu erzeugen. Die Forderung der Initiatoren lautet: &bdquo;Nenn&lsquo; es beim Namen &ndash; jede Frau ist eine Rose&rdquo; (Englisch: &bdquo;name it &ndash; each woman is a rose&ldquo;). Seit Beginn der Aktion hat sich die Zahl der Teilnehmer, die Zahl der Rosen j&auml;hrlich erh&ouml;ht. Zunehmend beteiligen sich auch Angeh&ouml;rige und medizinisches Personal an den Aktionen.<\/p><p><strong>Gewalt unter der Geburt?<\/strong><\/p><p>Leser werden m&ouml;glicherweise zun&auml;chst innehalten, wenn von einer Verbindung von Gewalt und Geburt geschrieben wird. Ist das nicht absurd? &Uuml;bliche Vorstellungen einer Geburt sind doch im Allgemeinen mit sch&ouml;nen, auch mit spannenden, &uuml;berwiegend aber mit positiven Bildern und bleibenden Erinnerungen verbunden. Wenn an eine Geburt gedacht wird, dann ist die mit einem Happy End verbunden.<\/p><p>Spektakul&auml;r k&uuml;ndigt sich die Geburt an, die Fruchtblase platzt. Sogleich wird ins n&auml;chste Krankenhaus geeilt, wo alle Beteiligten sich mit gr&ouml;&szlig;ter M&uuml;he und F&uuml;rsorge um das Wohl von Mutter und Kind k&uuml;mmern &ndash; so oder so &auml;hnlich wird das uns genehme Klischee erz&auml;hlt und gefestigt. Auf dem R&uuml;cken liegend und im eigenen Schwei&szlig;e badend presst die Frau unter Anleitung von Hebamme und &Auml;rzten ihr Kind auf die Welt. Am Ende liegt sie im Bett und h&auml;lt ihr Neugeborenes gl&uuml;cklich auf dem Arm. Alles ist gut. Alles?<\/p><p>Doch was passierte nicht selten wirklich? Das Einzige, was bei dieser &bdquo;wundervollen&ldquo; Geburt positiv &bdquo;gewaltvoll&ldquo; war, waren die Wehen, die die Frau erlebte, lautet die Vorstellung. Andere Geschichten werden nicht oder versteckt oder versch&auml;mt erz&auml;hlt. Dass Frauen erleben, in dieser heftigen Situation gen&ouml;tigt, &uuml;bergangen, unter Druck gesetzt, gezwungen, ohne Bet&auml;ubung operiert oder gen&auml;ht, festgeschnallt, grob behandelt, gegen ihren Willen und ohne Grund aufgeschnitten und ihrer W&uuml;rde beraubt zu werden, wurde und wird in den Geschichten, in den Begleitprotokollen oft, zu oft ausgeblendet, weil es wom&ouml;glich nicht in &bdquo;unser Bild&ldquo; einer Geburt passt und weil damit Gewalt unter der Geburt vertuscht wird. Es kann nicht sein, was nicht sein darf.<\/p><p>Folglich scheint es der &Ouml;ffentlichkeit undenkbar, dass das, was aber doch wirklich und oft (zu oft und systematisch) geschieht, dass gewaltvolles Handeln gegen Frauen unter der Geburt in unserer westlichen Welt geradezu &bdquo;Alltag&ldquo; ist, dass Frauen allzu oft Opfer von, ja deutlich ausgedr&uuml;ckt, Gewalt werden &ndash; in Krankenh&auml;usern, im Krei&szlig;saal. Das Schweigen dar&uuml;ber h&auml;lt das Tabu dar&uuml;ber aufrecht. Die &Ouml;ffentlichkeit wei&szlig; immer noch zu wenig Bescheid, ebenso wie die meisten betroffenen Frauen selbst, die darum letztlich fatalistisch der &Uuml;berzeugung sind, ihr Erlebtes sei nun einmal Normalit&auml;t, eine Geburt m&uuml;sse so ablaufen. Falls etwas schiefl&auml;uft, falls eine Frau deutlich sp&uuml;rt, ihr sei Unrecht geschehen, passiert meist dies: Rechtliche Konsequenzen m&uuml;ssen die, die die Gewalt verursacht haben, wenig bis nicht f&uuml;rchten, weil viele M&uuml;tter gewordene Frauen stillhalten, verdr&auml;ngen, nach vorn blicken, als normal ansehen, was nicht normal ist. Doch nicht alle schweigen. Mehr. Zunehmend. Der j&auml;hrlich im November begangene Tag der Rosenrevolution ist ein Teil des Aufbegehrens, der Aufkl&auml;rung, des Protests.<\/p><p><strong>Facetten von Gewalt bei der Geburt<\/strong><\/p><p>Neben Berichten, die Frauen im Rahmen des &bdquo;Rose Revolution Day&ldquo; ver&ouml;ffentlicht haben, erschien im Jahr 2015 das Buch &bdquo;Gewalt unter der Geburt &ndash; Der allt&auml;gliche Skandal&ldquo; der Soziologin Christina Mundlos, in dem sie psychische und k&ouml;rperliche Gewalt gegen&uuml;ber geb&auml;renden Frauen anprangert. 30 Betroffene (Frauen, auch Ehem&auml;nner, Fachpersonal) schildern teils mit drastischen Worten ihr Erlebtes.<\/p><p>Medien haben die dramatische, skandal&ouml;se Thematik in den vergangenen Jahren zunehmend aufgegriffen. Der Film &bdquo;Meine Narbe&ldquo;, die Arte-Dokumentation &bdquo;Unter Schmerzen gebierst Du Kinder&ldquo;, die WDR-Story &bdquo;Wenn die Geburt zum Albtraum wird&ldquo;, die SWR-Doku &bdquo;Gewalt im Krei&szlig;saal: Wenn die Geburt zum Albtraum wird&ldquo;, die 37-Grad-Doku &bdquo;Traumatische Geburten &ndash; Vom Traum zum Albtraum&ldquo; sowie die rbb-Doku des Teams &bdquo;Upward&ldquo; &bdquo;Durch die Geburt traumatisiert: Wird die Gewalt ignoriert?&ldquo; sind Dokumente voller Dramatik und ersch&uuml;tternder Realit&auml;tsbeschreibung &uuml;ber die der Geburt &ndash; anders, als es alle Welt doch &bdquo;heil und wundervoll&ldquo; verkauft bekommt.<\/p><p><strong>O-T&ouml;ne<\/strong><\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Ich f&uuml;hlte mich entm&uuml;ndigt, ausgeliefert und missbraucht. Ich lag nackt vor vielen Menschen da, die mich behandelten, als w&auml;re ich nur ein Tier auf der Schlachtbank, das es nicht wert war, dass man sich menschlich k&uuml;mmert.&ldquo; Nadine, 25 Jahre<\/em><\/p>\n<p>&bdquo;<em>Sie fuhr mit den Fingern in mich rein, und ein stechender Schmerz fuhr mir vom Unterleib bis hoch in den Kopf. Ich schrie und heulte, und sie schrie auch: &sbquo;H&ouml;r jetzt auf mit deinem Theater!&lsquo; Sie hat mir den Muttermund mit den Fingern ge&ouml;ffnet, ohne Bet&auml;ubung&hellip;&ldquo; Nina, 37 Jahre<\/em><\/p>\n<p>&bdquo;<em>Ich bat sie, flehte: &sbquo;Ach bitte, ich m&ouml;chte so gerne auf den Hocker.&lsquo; Keine Reaktion. &sbquo;Bitte, den Hocker.&lsquo; Kopfsch&uuml;tteln. Sie legte meine Beine in die Schalen und fixierte sie mit Gurten. Ich kam mir ausgeliefert, gefesselt und ohnm&auml;chtig vor.&ldquo; Stefanie, 34 Jahre<\/em><\/p>\n<p>&bdquo;<em>Ich f&uuml;hle mich, als w&uuml;rde ich bei einer Vergewaltigung zusehen.&ldquo; Lena, Hebammen-Sch&uuml;lerin<\/em><\/p>\n<p>(Quelle: Beispiele aus Christina Mundlos&lsquo; Buch)\n<\/p><\/blockquote><p>Diese ausgew&auml;hlten Zitate verdeutlichen, dass Gewalt, die Frauen unter der Geburt angetan wird, ersch&uuml;tternde Facetten emotionaler, verbaler, k&ouml;rperlicher Gewalt hat. Nicht selten verkn&uuml;pfen sich die Gewaltformen. Nicht aus der Luft gegriffen ist, was Kritiker abwinkend zur&uuml;ckweisen k&ouml;nnten, dass Frauen berichten, dass sie im Krei&szlig;saal angeschrien, beschimpft, beleidigt oder ausgelacht wurden. Spr&uuml;che fielen im Krei&szlig;saal gegen die Frauen wie &bdquo;Nun stellen Sie sich mal nicht so an&ldquo; oder &bdquo;So wie es &acute;rein kam, muss es auch wieder raus&ldquo;. Diese Worte verletzen die Geb&auml;rende in einer Ausnahmesituation, die doch eine so sch&ouml;ne Sache, die Geburt eines Menschen, tief ist. Besonders dramatisch wirkt, wenn Frauen bei der Geburt unter Druck gesetzt oder gar erpresst werden, bestimmten Behandlungen ohne Aufkl&auml;rung zuzustimmen. Solche Worte fallen dabei: &bdquo;Sie wollen doch nicht, dass ihr Kind stirbt?&ldquo; Mehr noch, Frauen werden bei der Geburt offen gesagt nicht ernst genommen, es kommt vor, dass ihnen schmerzlindernde Mittel vorenthalten, ihnen ihr eigenes Schmerzempfinden abgesprochen wird. Lapidar wie zynisch klingt diese Schlussfolgerung: Da der &bdquo;Wehen-Schreiber&ldquo; keine Wehen anzeigt, kann die Frau auch keine Wehen haben. Der &bdquo;Maschine&ldquo; wird eher &bdquo;geglaubt&ldquo; als den Aussagen und offensichtlichen Empfindungen der Frauen. Frauen erleben Traumatisches, Entw&uuml;rdigendes, sie erleben unglaublich Scheinendes, dass ihnen verboten wird zu essen oder zu trinken, sogar, sich zu bewegen. W&uuml;nsche und Fragen werden schlicht ignoriert. Nur zum Besten f&uuml;r Mutter und Kind?<\/p><p>Psychische Gewalt unter beziehungsweise w&auml;hrend der Geburt erleben die Betroffenen weiter aufgrund ungen&uuml;gender Kommunikation oder durch Informationsverweigerung seitens des medizinischen Personals. Frauen werden nicht angemessen &uuml;ber den Geburtsverlauf, &uuml;ber verf&uuml;gbare Optionen, &uuml;ber Gr&uuml;nde f&uuml;r bestimmte Entscheidungen informiert. Frauen werden unter der Geburt nicht nach ihrem Einverst&auml;ndnis gefragt, geschweige denn &uuml;ber die Ma&szlig;nahmen vor Ort aufgekl&auml;rt. Ihnen wird kaum eine bis keine (echte) Wahlfreiheit bei medizinischen Interventionen gelassen. Medizinische Interventionen ohne Einwilligung sind in der Geburtsmedizin geradezu g&auml;ngige Praxis, als w&auml;re die geb&auml;rende Frau in ihrem Zustand nicht zurechnungsf&auml;hig, als k&ouml;nne &uuml;ber ihren Kopf hinweg &uuml;ber ihren K&ouml;rper, ihre Souver&auml;nit&auml;t entschieden werden. Dies geschieht mit der Bemerkung, doch nur das Wohl von Kind und Mutter im Sinn zu haben. Das ist also das Beste f&uuml;r Mutter und Kind?<\/p><p><em>Weitere Formen von psychischer Gewalt unter der Geburt sind:<\/em><\/p><ul>\n<li><em>N&ouml;tigung<\/em><\/li>\n<li><em>Respekt- und w&uuml;rdeloser Umgang mit den W&uuml;nschen und der Intimsph&auml;re der Geb&auml;renden<\/em><\/li>\n<li><em>Geb&auml;rende unter Geburt allein lassen (au&szlig;er, wenn sie dies ausdr&uuml;cklich will)<\/em><\/li>\n<li><em>Machtmissbrauch<\/em><\/li>\n<li><em>piet&auml;tloser Umgang mit der Plazenta, der Nabelschnur oder mit totgeborenen Kindern<\/em><\/li>\n<li><em>Sexualisierte Gewalt in Form von Sprache<\/em><\/li>\n<li><em>Diskriminieren (Alter\/Gewicht\/Herkunft\/u.a.)<\/em><\/li>\n<li><em>Willk&uuml;r<\/em><\/li>\n<li><em>Zwang<\/em><\/li>\n<\/ul><p>Physische Verletzungen der betroffenen Frauen sind m&ouml;glicherweise die Folge. &Uuml;bergriffe am K&ouml;rper der geb&auml;renden Frau erfolgen durch grobes Festhalten, durch das Festschnallen der Beine am gyn&auml;kologischen Stuhl, grobe Behandlungen (beispielsweise das unn&ouml;tige und schmerzhafte Legen eines Katheters oder das Herausrei&szlig;en der Plazenta), Verhinderung zur freien Wahl der Geburtsposition (z.B. nur in R&uuml;ckenlage auf dem Geb&auml;rbett) sowie unn&ouml;tige, h&auml;ufige und schmerzhafte vaginale Untersuchungen von unn&ouml;tig vielen Personen, die sich h&auml;ufig weder vorstellen, geschweige denn um Erlaubnis bitten. Allein dieser Akt wird oft wie ein sexueller &Uuml;bergriff empfunden. (Im schlimmsten Fall werden Frauen unter der Geburt geschlagen oder gekniffen.)<\/p><p><strong>Medikament war nicht in der Geburtsmedizin zugelassen<\/strong><\/p><p>Grobes Fehlverhalten in der Geburtsmedizin sorgte im Jahr 2020 f&uuml;r &ouml;ffentliche Aufmerksamkeit, bei einer Geburtseinleitung wurde das Medikament Cytotec benutzt. Der in der Tablette enthaltene Wirkstoff Misoprostol kann in geringen Dosen k&uuml;nstliche Wehen ausl&ouml;sen. Das Medikament war nicht f&uuml;r die Geburtsmedizin zugelassen, es lag keine Nutzungsempfehlung vor. Dennoch wurde es im sogenannten Off-Label-Use verwendet und teils in viel zu hoher Dosierung verabreicht. In einigen F&auml;llen kam es im Zusammenhang mit der Gabe von Cytotec bei den betroffenen Frauen und Kindern zu schweren Nebenwirkungen. Kinder erlitten aufgrund eintretenden Sauerstoffmangels einen Hirnschaden, M&uuml;tter bekamen einen Geb&auml;rmutterriss. Gerichtsgutachten und Patientenakten belegen, dass es zu Todesf&auml;llen von Mutter oder Kind in Zusammenhang mit dem Medikament kam. Frauen wurden nicht &uuml;ber die Risiken und Nebenwirkungen informiert. Der Skandal, die Katastrophe ist nicht unbekannt: der &Uuml;berwachungsbeh&ouml;rde Bundesinstitut f&uuml;r Arzneimittel und Medizinprodukte, kurz BfArM liegen mehr als 480 Verdachtsmeldungen von medizinischem Personal und von Betroffenen vor.<\/p><p><strong>Ein besonderer Griff<\/strong><\/p><p>Eine weitere Form schwerer k&ouml;rperlicher Verletzung ist der sogenannte &bdquo;Kristeller-Handgriff&ldquo;, welcher vom deutschen Gyn&auml;kologen Samuel Kristeller 1867 erstmals beschrieben wurde. Dieser &bdquo;Griff&ldquo; ist eine inzwischen umstrittene Methode, mit der die Geburt beschleunigt werden soll. Geburtshelfer dr&uuml;cken mit H&auml;nden kurz vor Geburt des Kindes im Rhythmus der Wehen auf den oberen Bauch der Frau. Im schlimmsten Fall wird dabei mit den Ellenbogen, mit den Knien oder sogar mit dem gesamten K&ouml;rper auf den Bauch der Frau gedr&uuml;ckt. Die WHO r&auml;t von diesem Handeln ab, da dieses zu Verletzungen von Kind und Mutter f&uuml;hren kann und der Schaden den Nutzen &uuml;bersteigt. Geb&auml;rende Frauen empfinden die Prozedur als sehr gewaltsam. Wurde diese unsachgem&auml;&szlig; durchgef&uuml;hrt, kann sie zu Rippenbr&uuml;chen, einem Riss der Leber oder der Geb&auml;rmutter, der zur fr&uuml;hen Abl&ouml;sung der Plazenta oder zu Sch&auml;den beim Neugeborenen (Hirnsch&auml;den, L&auml;hmungen) f&uuml;hren. Viele Frauen berichten, sie h&auml;tten ein Gef&uuml;hl des Erstickens erlebt oder bedauern, dass das Kind f&ouml;rmlich aus ihnen herausgepresst wurde.<\/p><p><strong>Der Schnitt<\/strong><\/p><p>Diese Aufz&auml;hlungen sind unerl&auml;sslich, weitere, gravierende Verletzungen als Folge m&uuml;ssen &ouml;ffentlich genannt werden. Dazu z&auml;hlen folgende &Uuml;bergriffe gegen den weiblichen K&ouml;rper: mit einem Messer oder einer Schere. Frauen erleiden dabei ohne ihr Einverst&auml;ndnis und ohne medizinische Notwendigkeit einen Dammschnitt oder einen Kaiserschnitt. Warum?<\/p><p>Man stelle sich das vor: Fr&uuml;her wurde bei jeder Erstgeb&auml;renden ein Dammschnitt durchgef&uuml;hrt. Heute liegt dieser Anteil immer noch bei etwa zehn bis 25 Prozent aller Geburten.[<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>]<\/p><p>Mit einem &bdquo;vorsorglichen&ldquo; Schnitt des Gewebes zwischen Scheideneingang und Darmausgang soll die Geburt beschleunigt werden, um den Beckenboden zu sch&uuml;tzen und schwere Geburtsverletzungen zu verhindern, lautet die Begr&uuml;ndung und auch, dass ein glatter Schnitt besser verheilen w&uuml;rde als ein unkontrollierter Dammriss. Verschiedene Studien haben diese Annahmen entweder widerlegt oder konnten die obige Begr&uuml;ndung nicht best&auml;tigen. Diese Ma&szlig;nahme des Schnittes hat schlicht keinen medizinischen Nutzen (z.B. weniger Todesf&auml;lle, besserer Gesundheitszustand bei Mutter\/Kind). Dennoch, der Schnitt bleibt &bdquo;beliebt&ldquo; &ndash; wohlgemerkt bei &Auml;rzten, nicht bei den Frauen &ndash; und z&auml;hlt zu den h&auml;ufigsten Eingriffen unter der Geburt. Auf Platz eins der h&auml;ufigsten Operationen bei Frauen steht folglich die Rekonstruktion weiblicher Geschlechtsorgane durch die Geburt (dazu z&auml;hlen auch nat&uuml;rliche Dammrisse, 382.558 Eingriffe, Stand 2021).[<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>]<\/p><p>Viele Frauen beschreiben einen Dammschnitt verst&auml;ndlicherweise als gewaltvoll, weil dieser meist ohne Aufkl&auml;rung oder Zustimmung und eben schmerzvoll und folgenreich durchgef&uuml;hrt wird. Vielfach wird dies erlebt: Selbst wenn eine Frau sich gegen einen Dammschnitt ausspricht, wird dieser Schnitt dennoch vollzogen. Dieser Schnitt wird meistens ohne Bet&auml;ubung durchgef&uuml;hrt. &Auml;rzte agieren weiter, und das ist als &bdquo;r&uuml;cksichtslos&ldquo; zu bezeichnen, indem sie die Frau ohne Bet&auml;ubung wieder &bdquo;vern&auml;hen&ldquo;. In dem Zusammenhang muss der sogenannte &bdquo;Husband Stich&ldquo; erw&auml;hnt werden. Das ist eine Praxis, bei der Frauen &bdquo;enger als zuvor&ldquo; vern&auml;ht werden. Diese &bdquo;Vern&auml;hung&ldquo; wird mit der Bemerkung kommentiert: &bdquo;Das wird Ihrem Mann sicher gefallen&ldquo;. Manch&lsquo; betroffene Frau plagen noch Monate und Jahre sp&auml;ter Schmerzen, und sie ist in ihrer Lebensqualit&auml;t beeintr&auml;chtigt.[<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>]<\/p><p>Ein Blick in andere L&auml;nder. Wird dort der Genitalbereich der Frau in Verbindung mit scharfen Klingen besprochen, ist die Emp&ouml;rung dar&uuml;ber bei uns berechtigterweise gro&szlig;. Doch auch in Deutschland ist der Einsatz scharfer Klingen allt&auml;gliche Routine. Auf Platz zwei der h&auml;ufigsten Operationen am weiblichen K&ouml;rper liegen Kaiserschnitte. Ja, ein Kaiserschnitt kann in einer Notsituation Leben retten. Die Anzahl solcher Notf&auml;lle ist jedoch gering. Viel zu h&auml;ufig werden Kaiserschnitte aus anderen Gr&uuml;nden durchgef&uuml;hrt.<\/p><p>Frauen empfinden einen Kaiserschnitt als Gewaltakt, wenn der ohne medizinische Notwendigkeit, ohne angemessene Aufkl&auml;rung und Einwilligung durchgef&uuml;hrt wird. Frauen wurden nicht ausreichend informiert, warum der Kaiserschnitt notwendig war, geschweige denn &uuml;ber Alternativen oder Vor- und Nachteile aufgekl&auml;rt. Es kommt vor, dass Frauen unter bestimmten Bedingungen direkt zu einem Kaiserschnitt gedr&auml;ngt werden (z.B. aufgrund ihres Alters oder wegen einer Beckenendlage, eines &bdquo;zu hohen Geburtsgewichts&ldquo; des Babys oder bei Mehrlingsgeburten). Das geschieht, ohne ihnen Alternativen aufzuzeigen. Ein Kaiserschnitt wird als alternativlos bezeichnet, eine Wahl haben die Frauen nicht.<\/p><p>Frauen erleben, dass die gro&szlig;e Bauchoperation (Kaiserschnitt) ohne ausreichende Bet&auml;ubung durchgef&uuml;hrt wird und sie dabei starke Schmerzen erleiden. Aufgrund von Fahrl&auml;ssigkeit oder grobem Fehlverhalten wird der Schnitt zu tief oder zu gro&szlig; gesetzt, andere Organe werden w&auml;hrend des Eingriffes verletzt. Schlie&szlig;lich f&uuml;hrt das unsachgem&auml;&szlig;e Vern&auml;hen der Wunde dazu, dass Frauen noch Jahre sp&auml;ter an Folgeschmerzen leiden.<\/p><p>F&uuml;r Frauen ist es traumatisch, dass sie ihr Kind erst Stunden nach der Geburt sehen. Sie haben h&auml;ufig das surreale Gef&uuml;hl, gar nicht an der Geburt ihres Kindes beteiligt gewesen zu sein. Dies kann zu einer gest&ouml;rten Mutter-Kind-Bindung f&uuml;hren oder dazu, dass M&uuml;tter Depressionen entwickeln. Ein ungewollter Kaiserschnitt kann die Psyche der Frau stark verletzen. Ein Kaiserschnitt ist schnell &bdquo;erledigt&ldquo;, m&ouml;gliche Langzeitfolgen f&uuml;r Mutter und Kind bleiben. Die Wahrscheinlichkeit, dass k&uuml;nftig erneut Komplikationen auftreten, oder gar f&uuml;r weitere Kaiserschnitte ist nach einer ersten Kaiserschnittgeburt gr&ouml;&szlig;er. Die gesundheitlichen Risiken f&uuml;r die Kinder sind erheblich. Kinder, die durch Kaiserschnitt geboren werden, haben m&ouml;glicherweise langfristige Gesundheitsprobleme, Asthma, Allergien seien genannt, sie leiden unter einer deutlichen Infektanf&auml;lligkeit, Autismus, &Uuml;bergewicht sind zu beobachten. Dennoch werden Kaiserschnitte leichtfertig durchgef&uuml;hrt.<\/p><p>Die WHO empfiehlt eine Kaiserschnittquote von zehn Prozent. In Deutschland wurde dieser Wert l&auml;ngst &uuml;berschritten. Lag die Anzahl an Schnittgeburten im Jahre 1991 bei 15,3 Prozent, hat sie sich 2021 auf 30,9 Prozent verdoppelt.[<a href=\"#foot_4\" name=\"note_4\">4<\/a>] 2022 wurden 226.864 Kinder per Kaiserschnitt geboren (Quote von 31,9 Prozent). Im Saarland erfolgen die meisten Entbindungen per Kaiserschnitt mit einem Anteil von 36,4 Prozent, gefolgt von Hamburg mit 34,3 Prozent. Sachsen und Brandenburg haben eine vergleichsweise geringere Kaiserschnittrate mit 26,1 Prozent und 27,4 Prozent.[<a href=\"#foot_5\" name=\"note_5\">5<\/a>]<\/p><p>Auf der interaktiven <a href=\"https:\/\/mother-hood.de\/informieren\/kaiserschnittrate-suche\/\">Karte des Vereins Mother-Hood<\/a> sind die Kaiserschnittraten f&uuml;r jedes Klinikum in Deutschland aufgelistet. Dort ist ersichtlich, dass beispielsweise im St&auml;dtischen Krankenhaus Eisenh&uuml;ttenstadt (59,16 Prozent), in der Klinik Hochfranken Naila (66,04 Prozent) und in der Universit&auml;tsklinik Heidelberg (50,07 Prozent &ndash; Zahlen 2021) mehr als jedes zweite Kind per Kaiserschnitt geboren wird (!).<\/p><p>Kaum vorstellbar ist, dass jedes zweite bis dritte Kind oder deren Mutter ohne Kaiserschnitt gestorben w&auml;re. Diese Zahlen lassen sich nicht erkl&auml;ren, indem angenommen wird, dass Frauen in Gr&ouml;&szlig;enordnungen einen Wunschkaiserschnitt wollen.<\/p><p>Ein Blick zu unseren Nachbarn, den Niederlanden, l&auml;sst staunen: Die Niederlande hat eine Kaiserschnittquote von 15,7 Prozent (Stand 2018). Auch die skandinavischen L&auml;nder haben mit unter 20 Prozent eine viel geringer Anzahl an &bdquo;Schnittgeburten&ldquo; als bei uns in Deutschland.<\/p><p>Die Frage stellt sich darauf: K&ouml;nnen die Frauen dort besser geb&auml;ren, oder haben die Interventionen hierzulande ganz andere Motive?<\/p><p><em>In der kritischen Aufz&auml;hlung darf die medizinische Intervention mit einer Saugglocke oder Zange nicht fehlen. Mit diesen Ger&auml;tschaften wird das Kind aus der Mutter herausgezogen. F&uuml;r Mutter und Kind ist das h&auml;ufig ein traumatisches Ereignis.<\/em><\/p><p><strong>Systemische Ursachen von Gewalt unter der Geburt<\/strong><\/p><p><strong>Risiko Frau<\/strong><\/p><p>Jahrtausendelang war Geburt Frauensache. Kinderkriegen verstand sich als nat&uuml;rlicher, intuitiver und starker Prozess, bei dem sich Frauen gegenseitig unterst&uuml;tzten.<\/p><p>Mit Einzug der technisierten Instrumentenmedizin und der Medikalisierung des Geburtsvorgangs im 18. Jahrhundert gerieten Schwangerschaft und Geburt zunehmend in den Zust&auml;ndigkeitsbereich der Medizin. Geburten wurden h&auml;ufiger in &ouml;ffentlichen Entbindungsanstalten durchgef&uuml;hrt. Die Geburt entwickelte sich zu einem klinischen Ereignis, das medizinischer Sicherung unterworfen wurde. Diese Praxis setzt sich heute in den westlichen Industrienationen als allt&auml;gliche Normalit&auml;t durch.<\/p><p>Der weibliche Unterleib wurde zum Objekt m&auml;nnlicher Fach&auml;rzte. Frauen und Hebammen wurden in den m&auml;nnlich orientierten Klinikbetrieb integriert und von den Anordnungen der &Auml;rzte abh&auml;ngig gemacht. Die Jahrtausende alten Traditionen der Selbstbestimmung von Frauen bei Geburten verschwanden. Die Annahme, dass Geburt ein krankhafter Vorgang sei, der nur durch medizinische Interventionen gerettet werden k&ouml;nne, setzte sich durch.<\/p><p>Obwohl sich seit den 1970er-Jahren durch die feministische Frauengesundheitsbewegung gegen die Medikalisierung, die Pathologisierung des schwangeren und geb&auml;renden K&ouml;rpers, die Entwertung der Hebammenkunst und die Peinigungen der Geb&auml;renden in den Krankenh&auml;usern fortw&auml;hrender Widerstand formiert, wird bis heute heftig in den Geburtsprozess interveniert.<\/p><p>Die Geburt wurde zum klinischen Ereignis plus &auml;rztliche Sicherung und medizintechnische, operative und pharmazeutische Eingriffe. Die Schwangerschaft als eine k&ouml;rperliche Phase wird konstant &auml;rztlich &uuml;berwacht. Der Frauenk&ouml;rper wird zum besonders gef&auml;hrdeten Risikok&ouml;rper erkl&auml;rt. Dies f&uuml;hrt in der Praxis zu einem &Uuml;beraktionismus gegen&uuml;ber dem weiblichen K&ouml;rper. 98 Prozent aller Geburten finden hierzulande im Krankenhaus statt, die wenigsten sind v&ouml;llig interventionsfrei. Hohe Kaiserschnittraten werden mit einem hohen Sicherheitsanspruch der modernen Medizin begr&uuml;ndet.<\/p><p>Die Leitlinien von Krankenh&auml;usern f&uuml;hren schlie&szlig;lich zu zahlreichen &auml;rztlichen Routinema&szlig;nahmen und Eingriffen, die die Individualit&auml;t und Rechte der Frauen nicht respektieren.<\/p><p>Beispiele: das pauschale Legen eines Venenzuganges, das st&auml;ndige Aufzeichnen der Wehen-T&auml;tigkeit, h&auml;ufiges Muttermund-Tasten. Sollte der Geburtsverlauf dabei nicht den gew&uuml;nschten Fortschritt erreicht haben, wird interveniert, das Kind so schnell wie m&ouml;glich aus dem Mutterleib zu bekommen. Die Geb&auml;rende hat nur noch einen untergeordneten Stellenwert. Das stellt Gewalt an der Frau dar, die Frau wird zum gr&ouml;&szlig;ten Risiko f&uuml;r den &bdquo;Patienten Kind&ldquo;. Medizinische Absicherung und die vermeintliche Sicherheit f&uuml;r das Kind lassen die Geb&auml;rende als Frau, als Mensch allein.<\/p><p><strong>Gesundheit muss sich lohnen \/ Krankenh&auml;user m&uuml;ssen sich rentieren<\/strong><\/p><p>Die wichtigste Ursache der Entstehung von Gewalt unter der Geburt ist neben der Vorstellung, dass die Geburt ein pathologisches Ereignis w&auml;re, die zu beobachtende v&ouml;llige &Ouml;konomisierung des Gesundheitssystems, das der Rentabilit&auml;t Vorrang gibt.<\/p><p>Krankenh&auml;user sind Wirtschaftsunternehmen, nicht Einrichtungen eines Gesundheitswesens, sondern eines Gesundheitsmarktes. Diese Unternehmen agieren nicht nach dem von Hippokrates geforderten Einsatz f&uuml;r das Wohl des Patienten, sondern konsequent profitorientiert. Die durchgef&uuml;hrten Leistungen in deutschen Krankenh&auml;usern werden nach dem sogenannten G-DRG-System beglichen, dem German Diagnosis Related Groups System. Unabh&auml;ngig von der Verweildauer des Patienten werden medizinische Ma&szlig;nahmen &uuml;ber Fallpauschalen abgerechnet. Diese Verg&uuml;tungsweise belohnt &uuml;berwiegend medizinische Eingriffe, bei vielen Eingriffen bei wenig Personal ist mehr Rendite m&ouml;glich.<\/p><p>Die Folge ist zum Beispiel, dass eine normale, komplikationsfreie Geburt mit Eins-zu-Eins-Betreuung (pro Geb&auml;rende eine Hebamme) nicht rentabel ist. Pr&auml;senz und Aufmerksamkeit, Behutsamkeit und Empathie werden zum Minusgesch&auml;ft. Betriebswirtschaftlich haben Krankenh&auml;user ein Interesse an vielen medizinischen Interventionen.<\/p><p>Je komplizierter der Fall, je mehr Interventionen, desto mehr Geld. Jeder Tropf, jeder Schnitt, jede Naht wird gesondert verg&uuml;tet. Das Neugeborene wird bereits vor der Geburt Teil eines auf Ertrag statt Bedarf ausgerichteten Wirtschaftskreislaufs.<\/p><p>Besonders deutlich wird dies im Zusammenhang mit der oben genannten Problematik der hohen Kaiserschnittrate. Pro Kaiserschnitt k&ouml;nnen 3.000 bis 4.000 Euro abgerechnet werden, bei einem Zeitaufwand von gerade einmal 30 bis 60 Minuten. Eine normale Geburt, die unter Umst&auml;nden zehn Stunden und l&auml;nger dauern kann, wird mit knapp 2.000 Euro verg&uuml;tet. Kein Wunder, dass mit allen m&ouml;glichen Mitteln (Dammschnitte, k&uuml;nstliche Fruchtblasen&ouml;ffnung, Wehentropf, Kristellerhandgriff) versucht wird, die Geburtsvorgangsdauer zu verk&uuml;rzen. Das ist ebenfalls als Gewaltakt anzusehen.<\/p><p>Die Ausrichtung auf Rentabilit&auml;t f&uuml;hrt dazu, dass Geburten m&ouml;glichst planbar sein m&uuml;ssen. Das Personal, die Ger&auml;tschaften und R&auml;umlichkeiten m&uuml;ssen bestm&ouml;glich ausgelastet werden. Im Sinne der wirtschaftlich orientierten Planbarkeit &uuml;berrascht es nicht, dass Kaiserschnitte an Wochenenden eher nicht stattfinden.<\/p><p><strong>Zahl der Geburtskliniken r&uuml;ckl&auml;ufig<\/strong><\/p><p>Finanzieller Druck, die &Ouml;konomisierung und Privatisierung des Gesundheitswesens, des Marktes, f&uuml;hrten in den vergangenen Jahren dazu, dass sich viele Krankenh&auml;user Geburtshilfe nicht mehr leisten. Durch die allgegenw&auml;rtige Profitorientierung wurde der Rotstift besonders im Bereich der Geburtsbetreuung angesetzt. Erst ab 1.000 Geburten pro Jahr rentiert sich Geburtshilfe f&uuml;r ein Krankenhaus, lautet das Credo. F&uuml;r das &bdquo;Klinikbarometer 2020&ldquo; gaben zwei Drittel der Kliniken an, dass ihre Erl&ouml;se niedriger als die Kosten f&uuml;r die Geburtshilfe gewesen seien.<\/p><p>Immer weniger Krankenh&auml;user in Deutschland bieten &uuml;berhaupt noch Geburtshilfe an. W&auml;hrend es im Jahr 1991 noch 1.887 Krankenh&auml;user gab, die Entbindungen durchf&uuml;hrten, gibt es heute im Jahr 2023 nur noch 659 Geburtsstationen &ndash; im ganzen Land! Das ist ein R&uuml;ckgang von rund 43 Prozent. Das vollzieht sich, w&auml;hrend die Anzahl der Geburten in Deutschland steigt. Die wenigen noch zur Verf&uuml;gung stehenden Geburtsstationen sind von &Uuml;berbelastung und &Uuml;berforderung des Personals betroffen.<\/p><p>Die Schlie&szlig;ung von Geburtskliniken ist besonders im l&auml;ndlichen Raum gravierend und f&uuml;hrt zur Unsicherheit und potenziellen Gesundheitsgef&auml;hrdung werdender M&uuml;tter dort.<\/p><p><strong>Missachtung der Hebammen\/Personalmangel<\/strong><\/p><p>Die Geburtshilfe in deutschen Kliniken ist mangelhaft. Die wenigsten Frauen k&ouml;nnen auf die Alternative der Schwangerschafts- und Geburtsbetreuung durch eine Hebamme zu Hause oder in einem Geburtshaus zur&uuml;ckgreifen. Jede Schwangere wei&szlig;, welch ein Gl&uuml;ck es ist, eine der gerade mal 4.281 freiberuflichen Hebammen, die Geburtshilfe anbieten, f&uuml;r ihre Geburt zu finden (Zum Vergleich fanden 738.819 Geburten im Jahr 2022 statt). Eine freie Wahl des Geburtsortes und die Aussicht, nicht in ein Krankenhaus gehen zu m&uuml;ssen, werden schlie&szlig;lich zu einer Unm&ouml;glichkeit. Das stellt wiederum einen Akt von Gewalt dar. Die freie Wahl des Geburtsortes wird entzogen.<\/p><p>Immer mehr Hebammen stellen ihre T&auml;tigkeit in der freiberuflichen Geburtshilfe ein. Gr&uuml;nde sind unter anderem viel zu hohe Haftpflichtversicherungsbeitr&auml;ge und zu geringe Einnahmen. Die Versicherungskosten einer freiberuflichen Hebamme mit Geburtshilfe beliefen sich als Beispiel f&uuml;r das Jahr 2022\/23 auf 11.508 Euro. Ein Gro&szlig;teil der Summe wird zwar mittlerweile von den gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV) als Sicherstellungszuschlag &uuml;bernommen, eintr&auml;glicher wird es f&uuml;r eine Hebamme dennoch nicht. F&uuml;r die Betreuung einer Hausgeburt kann eine freiberufliche Hebamme 638,75 Euro, mit Zuschl&auml;gen 789,89 Euro abrechnen. Die Anzahl der m&ouml;glichen Geburten, die eine Hebamme zu Hause betreuen kann, bleibt dagegen gering. Die Verdienstm&ouml;glichkeiten sind somit mager, auch wenn man bedenkt, wie viele &Uuml;berstunden, Bereitschaftsdienste, Heimbesuche, Vorbereitungskurse oder einfach seelische Hilfe eine Hebamme leistet. Unsere Hebammen sind wahrscheinlich systemirrelevant. Diese Frauen, die dabei helfen, Kinder auf die Welt zu bringen, m&uuml;ssten hoch angesehen sein. Stattdessen findet gegen sie eine Art moderne Hexenjagd statt, die &uuml;ber den Faktor Geld ausgetragen wird. Hebammen-Arbeit ist uns (dem Gesundheitsmarkt) nichts wert, sie ist &ouml;konomisch nicht rentabel.<\/p><p>Zunehmend h&auml;ngen Hebammen ihren wichtigen Job an den Nagel oder arbeiten nur noch angestellt in &ouml;konomisierten, gewinnorientierten Kliniken. Ihrer Berufung, die individuelle Begleitung und umfassende Unterst&uuml;tzung einer geb&auml;renden Frau, k&ouml;nnen sie dort lediglich eingeschr&auml;nkt folgen. Vom Wunschszenario &bdquo;eine Hebamme &ndash; eine Geb&auml;rende&ldquo; ist die Realit&auml;t in deutschen Kliniken weit entfernt. Die meisten Geburtsstationen im Land sind mit einem unzureichenden Personalschl&uuml;ssel versehen. Die H&auml;lfte aller Hebammen muss drei Geb&auml;rende gleichzeitig betreuen, 20 Prozent sogar vier Frauen oder mehr. So passiert es, dass Geb&auml;rende im Krei&szlig;saal allein gelassen werden oder versucht wird, die Geburt dahingehend zu &bdquo;programmieren&ldquo;, dass der Zeitpunkt der Geburt zum vorhandenen Personal passt.<\/p><p>Die Hierarchien im Krei&szlig;saal (&Auml;rzte stehen &uuml;ber Hebammen), die &Uuml;berwachungsleitlinien, der Kostendruck durch das DRG-System und die &Uuml;berlastung f&uuml;hren zus&auml;tzlich zu unz&auml;hligen Interventionen in der Geburtshilfe.<\/p><p><strong>Gro&szlig;er Schaden<\/strong><\/p><p>Zu wenig Kliniken, zu wenig Personal, die Unterversorgung mit Hebammen und die &ouml;konomische Ausrichtung des Gesundheitswesens erzeugen einen enormen Schaden. Der allgegenw&auml;rtige Kostendruck macht &bdquo;normale&ldquo; Geburten zu einem Minusgesch&auml;ft. Nur Interventionen lohnen.<\/p><p>Der renommierte franz&ouml;sische Arzt und Geburtshelfer Michel Odent ist prominenter Verfechter der nat&uuml;rlichen Geburt. In seinen bekannten Ver&ouml;ffentlichungen stellt er dar, dass Geburt vor allem eines braucht &ndash; Ungest&ouml;rtheit. Doch in modernen Geburtskliniken wird der Geburtsprozess permanent gest&ouml;rt. Dies steht im Widerspruch zum vorhandenen Wissen, dass jede Intervention ein Risiko weiterer Eingriffe in sich birgt und eine Interventionskaskade in Gang setzen kann &ndash; zum Wohle der Klinikkassen, zum Schaden der Frauen.<\/p><p>&Auml;rztliche Routine, Eingriffe und Instrumente, fehlendes Vertrauen und mangelnde Zuwendung erzeugen und vergr&ouml;&szlig;ern Angst und Schmerzen von Geb&auml;renden und verl&auml;ngern oder verkomplizieren den Geburtsverlauf. Vielfach wird kritisiert, dass die Medikalisierung nicht zu einer Verbesserung der Bedingungen f&uuml;r die Geb&auml;renden gef&uuml;hrt hat, sondern zu h&ouml;heren Belastungen und Risiken.<\/p><p>Selbst &Auml;rzten oder Hebammen mit besten Absichten bleiben in diesem System die H&auml;nde gebunden. Sie m&uuml;ssen sich dem Diktat des &bdquo;Kostendrucks&ldquo; und der ihnen vorgegebenen Sicherheitsma&szlig;nahmen unterwerfen. &Uuml;berarbeitung, Stress, &Uuml;berforderung, Zeitdruck und die st&auml;ndige Abw&auml;gung von Risiken f&uuml;hren zu fehlerhaften, fragw&uuml;rdigen Handlungen.<\/p><p><strong>Sie geben ihr Bestes<\/strong><\/p><p>Bei aller Kritik soll hier betont werden, dass viele Hebammen und &Auml;rzte ihr Bestes geben und sich aufrichtig und engagiert um das Wohl der Frauen und ihrer neugeborenen Kinder bem&uuml;hen.<\/p><p>Die Zahlen der von Gewalt unter der Geburt betroffenen Frauen sind weiter alarmierend, aber die Stimmen, die dagegen aufbegehren, werden mehr.<\/p><p><strong>Nabelschnur<\/strong><\/p><p>Doch scheinen die vorherrschenden Rahmenbedingungen einen dringend n&ouml;tigen, wirklichen Wandel hin zu einer menschenw&uuml;rdigen Geburtshilfe zu verhindern. Wissenschaftliche Erkenntnisse kommen sp&auml;t oder nicht in der t&auml;glichen Praxis an.<\/p><p>Ein Beispiel Nabelschnur: F&uuml;r das Kind ist enorm wichtig, dass die Nabelschnur nach der Geburt noch auspulsieren sollte, um eine ausreichende Sauerstoff- und Blutversorgung des Neugeborenen sicherzustellen. Die g&auml;ngige, schnell vollzogene Praxis jedoch ist: Die Nabelschnur wird unmittelbar und direkt nach der Geburt zertrennt. Lakonisch wird dies begr&uuml;ndet: Es gibt schlie&szlig;lich durchgetaktete Abl&auml;ufe, die beachtet werden m&uuml;ssen.<\/p><p><strong>Babyfreundliches Krankenhaus &ndash; typisch in unserer Public Relation reichen Zeit<\/strong><\/p><p>Die Initiative &bdquo;Babyfreundliches Krankenhaus&ldquo; der WHO und von Unicef wirbt mit der Zertifizierung von Geburts-, Kinder-, und Perinatalkliniken. In Deutschland werben &uuml;ber 100 Kliniken damit, sich an die zehn Gebote des Zertifikats &bdquo;babyfreundlich&rdquo; zu halten und Frauen bei der Bindung zu ihrem Kind und dem Stillen zu unterst&uuml;tzen. Die Website der Initiative liest sich einer rosaroten Werbekampagne gleich. Gern m&ouml;chte dem geglaubt werden, dass babyfreundliche Kliniken alles f&uuml;r Mutter und Kind und f&uuml;r den Start einer gesunden Still-Beziehung geben. Ein Blick in das Register der babyfreundlich gelisteten Krankenh&auml;user offenbart vor allem Krankenh&auml;user gro&szlig;er Konzerne. Es bleibt fraglich, ob Konzerne den ihnen innewohnenden Widerspruch l&ouml;sen, einerseits einzig darauf abzuzielen, maximale Renditen zu erzielen, andererseits humanistische, renditeferne Richtlinien zum Schutz von Mutter und Kind zu hegen und zu pflegen.<\/p><p>Dass eine Geburt im Krankenhaus sicher sei, wird gern und selbstverst&auml;ndlich angenommen und erwartet. Alles Gute und M&ouml;gliche f&uuml;r Mutter und Kind zu tun, dieses Versprechen kann bei kritischer Betrachtung des Alltags, bei Lekt&uuml;re der hier aufgez&auml;hlten Informationen und Berichte nicht als eingehalten gelten. Viele Ma&szlig;nahmen in Kliniken werden durchgef&uuml;hrt, ohne dass eine medizinische, daf&uuml;r aber wirtschaftliche &bdquo;Notwendigkeit&ldquo; besteht. Fest steht: Die Geb&auml;rende begibt sich im Krei&szlig;saal in ein System aus Zeitdruck, Kostendruck, Personaldruck und Druck, Rendite zu erwirtschaften. Viele Interventionen sind wirtschaftlich motiviert und eher nicht medizinisch oder uneingeschr&auml;nkt ethisch begr&uuml;ndet und damit gerechtfertigt. Eine Geburt aber verlangt eine aufw&auml;ndige und zeitintensive Betreuung, die sich nicht an messbaren Parametern bestimmen l&auml;sst und erst recht nicht &bdquo;wirtschaftlich&ldquo; im betriebswirtschaftlichen Sinne sein darf. Doch weil sich die nat&uuml;rliche und interventionsarme Geburtshilfe &bdquo;nicht lohnt&ldquo;, schwindet die erforderliche Qualit&auml;t. Ergebnis: Geb&auml;rende erleben den Widerspruch als Gewaltakt.<\/p><p>Was muss passieren, damit diese strukturelle Gewalt in der Geburtshilfe aufh&ouml;rt?<\/p><p><strong>Ein Zustand, der ge&auml;ndert werden muss &ndash; Gesetze und Vorschl&auml;ge<\/strong><\/p><p>Mit der Rosenniederlegung und dem Aktionstag ist der erste Schritt getan: ein Tabu in der &Ouml;ffentlichkeit zu benennen. Wird ein Problem nicht angesprochen, kann auch keine L&ouml;sung gefunden werden. Dass die Betroffenen ihre Stimme erheben und ein Zeichen gegen Gewalt in der Geburtsmedizin setzen, ist der richtige Anfang. Damit allein sollten wir uns jedoch nicht zufriedengeben. Denn dass Gewalt in der Geburtshilfe &uuml;berhaupt stattfindet, das sollte zum Tabu werden. Es bedarf umfassender Ma&szlig;nahmen, um Gewalt in der Geburtsmedizin zu verhindern und zu bek&auml;mpfen. Es bedarf des Willens der Beteiligten.<\/p><p>Es ist erstaunlich, dass es einen rechtlichen Rahmen gegen Gewalt und f&uuml;r Selbstbestimmung in der Geburtsmedizin bereits gibt. Es wird sich nur nicht daran gehalten.<\/p><p>In den Leitlinien &bdquo;Intrapartum care for a positive childbirth experience&ldquo; der WHO wird die respektvolle Geburtshilfe beschrieben, die die kontinuierliche Geburtsbegleitung und Unterst&uuml;tzung aller Frauen beinhaltet, die ihre W&uuml;rde und ihre Privatsph&auml;re sch&uuml;tzt, Vertraulichkeit garantiert und sie vor Sch&auml;digung und Misshandlung bewahren soll (WHO 2018:3). Dazu wurden insgesamt 56 &uuml;bliche Praktiken der Geburtshilfe erstellt, welche die frauenzentrierte Betreuung in den Mittelpunkt stellen (WHO 2018: 8 ff.; DHV 2018b).<\/p><p>Zu erw&auml;hnen sind ebenso die sechs von Human Rights in Childbirth ausgearbeiteten Grundrechte. Dazu z&auml;hlen das Recht auf informierte Einverst&auml;ndniserkl&auml;rung, Ablehnung medizinischer Behandlungen, Gleichberechtigung, Gesundheit, Privatsph&auml;re und das Recht auf Leben. Diese Forderungen basieren alle auf internationalen Vertr&auml;gen. Sie m&uuml;ssten jedoch zu deren Etablierung von Politik und Gesundheitswesen konsequent umgesetzt und in die nationale Gesetzgebung einflie&szlig;en.<\/p><p>Neben diesen internationalen Empfehlungen existiert in Deutschland bereits der Paragraf 630 d des B&uuml;rgerlichen Gesetzbuches, welcher fordert, dass vor der Durchf&uuml;hrung einer medizinischen Ma&szlig;nahme, insbesondere eines Eingriffs in den K&ouml;rper oder in die Gesundheit, die Einwilligung des Patienten vom Behandelnden einzuholen ist. Hinzu kommt, dass der Einwilligung eine Aufkl&auml;rung vorangegangen ist.<\/p><p>In der Geburtsmedizin scheint dieses Gesetz jedoch oft und gewohnheitsm&auml;&szlig;ig schlicht missachtet zu werden. F&uuml;r Frauen ist es schwer, Beweise dieser Missachtung zu erbringen, da Geburtsberichte und Gutachten meist zu Gunsten der Kliniken formuliert werden.<\/p><p>Daher muss an dieser Stelle ein wichtiger Hinweis f&uuml;r alle Frauen, die ein Kind bekommen, erw&auml;hnt werden: Um sich vor ungewollten Eingriffen im Krankenhaus zu sch&uuml;tzen, empfiehlt es sich, eine Patientenverf&uuml;gung zu erstellen, da diese eine rechtsverbindliche Anweisung darstellt und Schutz vor unerw&uuml;nschten &Uuml;bergriffen bieten kann. Diese rechtsverbindliche Anweisung kann im Falle einer Nichteinhaltung vor Gericht als rechtsverbindliches Beweismittel dienen.<\/p><p>F&uuml;r alle werdenden Eltern ist es besonders wichtig, sich allumfassend auf die Geburt vorzubereiten. Eine wichtige Rolle kommt dabei den Hebammen zu, die auf das Problem von Gewalt in der Geburtsmedizin in Vorbereitungskursen sensibilisieren sollten.<\/p><p>Eine Empfehlung ist auch der Film &bdquo;Die sichere Geburt &ndash; Wozu Hebammen&rdquo; von Carola Hauck f&uuml;r eine gute Geburtsvorbereitung.<\/p><p>Zur Geburt sollte die Frau eine Begleitperson hinzuziehen, wie den Vater oder eine Doula, welche als Anw&auml;ltin f&uuml;r die Frau innerhalb des Geburtsprozesses zur Seite steht.<\/p><p>Die Pr&auml;vention von Gewalt in der Geburtsmedizin muss bereits in der Ausbildung von Hebammen und &Auml;rzten einsetzen. Entscheidend ist, dass die werdenden Fachleute w&auml;hrend ihrer Studienzeit und sp&auml;ter in der Praxis auf die Thematik sensibilisiert werden (aktuell ist das noch kein Pflichtgegenstand im Studium). Gewaltfreie Kommunikation und Empathie sollten integraler Bestandteil der Ausbildung sein. Regelm&auml;&szlig;ige Fortbildungsma&szlig;nahmen sollten dazu beitragen, die bestehenden Fachkr&auml;fte zu sensibilisieren und ihr Wissen zu vertiefen<em>.<\/em><\/p><p>Eine weitere Ma&szlig;nahme, um auf Gewalt in der Geburtshilfe aufmerksam zu machen und dem entgegenzuwirken, ist die Errichtung von verpflichtenden, niedrigschwelligen und vor allem vertraulichen Meldestellen f&uuml;r Frauen, f&uuml;r Familien sowie f&uuml;r geburtshilfliches Personal.<\/p><p>Besonders wichtig erscheint diese Ma&szlig;nahme in Hinblick auf die Artikulation des Problems f&uuml;r Studenten (angehende &Auml;rzte und Hebammen). Einen Missstand in der Ausbildung anzusprechen, bedeutet meist negative Konsequenzen. Eine separate Melde-Instanz erm&ouml;glicht es, anonym Kritik zu &auml;u&szlig;ern.<\/p><p><strong>Ver&auml;nderung der Institutionen rund um Geburt, mehr Hebammen, finanzielle Bewertung von Geburt<\/strong><\/p><p>Um langfristige Ver&auml;nderungen in der Geburtsmedizin herbeizuf&uuml;hren, ist eine Transformation der Institutionen erforderlich. Denn Gewalt in der Geburtshilfe ist ein institutionelles Problem. Eine neue finanzielle Bewertung, die interventionsfreie Geburten belohnt, muss eingef&uuml;hrt werden, wobei die Krankenkassen eine wichtige Rolle bei der Schaffung von Anreizen f&uuml;r nat&uuml;rliche Geburten spielen.<\/p><p>Zus&auml;tzlich empfiehlt der Deutsche Hebammenverband die Etablierung eine Eins-zu-eins-Betreuung von Schwangeren, die auch die freie Wahl des Geburtsortes garantieren kann.<\/p><p>Hierf&uuml;r m&uuml;ssen Hebammen finanziell unterst&uuml;tzt werden (&Uuml;bernahme der hohen Versicherungspolicen, h&ouml;here Abrechnungsm&ouml;glichkeiten von Arbeitsleistung).<\/p><p>Alle Krankenh&auml;user m&uuml;ssen neue interdisziplin&auml;re Leitlinien zur normalen Geburt formulieren, die die Forderung nach Senkung der Interventionsraten beinhalten.<\/p><p>Insgesamt muss sich die Politik f&uuml;r mehr Fachkr&auml;fte in der Geburtshilfe einsetzen sowie f&uuml;r die Wiederer&ouml;ffnung von Geburtsstationen im ganzen Land. Es muss unser nationales Anliegen sein, eine neue Geburtskultur zu etablieren, in der Gewalt zum Tabu wird und der Fokus auf der Selbstbestimmung der Geb&auml;renden liegt.<\/p><p><strong>Appell &ndash; Folgen von Gewalt unter der Geburt<\/strong><\/p><p>Die Auswirkungen von Gewalt w&auml;hrend der Geburt sind gravierend, sie betreffen nicht nur die betroffenen M&uuml;tter, sondern auch ihre Kinder und Familien. Gewalt unter der Geburt hat viele Gesichter. Dass Gewalt unter der Geburt an Frauen in Krankenh&auml;usern ausge&uuml;bt wird, scheint eines der letzten gro&szlig;en Tabus in Deutschland (und auch andernorts) zu sein. Kein Land kann sich jedoch auf Dauer massenhafte, systematische, k&ouml;rperliche und psychische Gewalt an Frauen leisten. Die Folgen sind gravierend. Neben Depressionen f&uuml;hrt sie zu posttraumatische Belastungsst&ouml;rungen, massiven psychischen Erkrankungen, Beziehungsproblemen zum Kind oder zum Vater bis hin zu Scheidungen, in besonders extremen F&auml;llen sogar zum Selbstmord der Mutter (Statistiken aus Neuseeland und Australien zeigen, dass Selbstmord die h&auml;ufigste Todesursache von M&uuml;ttern im ersten Lebensjahr ihres Kindes ist).<\/p><p>Negative Geburtserfahrungen sind f&uuml;r Frauen teilweise ausschlaggebend, keine weiteren Kinder mehr zu wollen.<\/p><p>Wir d&uuml;rfen nicht vergessen, dass Frauen w&auml;hrend der Geburt in der schmerzhaftesten und anstrengendsten Situation ihres Lebens sind. Sie sind auf den Schutz und die Unterst&uuml;tzung aller beteiligten Personen angewiesen. Eine Frau, die ein Kind auf die Welt bringt, sollte mit gr&ouml;&szlig;tem Respekt w&uuml;rdevoll behandelt werden.<\/p><p>Die Gyn&auml;kologie l&auml;sst oft au&szlig;en vor, dass im Zentrum der Geburtsmedizin die individuelle Frau mit ihren K&ouml;rper- und Seelenteilen steht und die Geburt einen sexuellen Prozess darstellt. Das Augenmerk liegt auf dem Intimbereich der Frau, einem besonders empfindlichen Teil ihres K&ouml;rpers. Unter jedem anderen Umstand w&uuml;rden wir &Uuml;bergriffe im Intimbereich einer Frau klar als sexuelle Gewalt benennen.<\/p><p>Die Handlungsmaxime sollte daher nicht nur &bdquo;Hauptsache, das Kind ist gesund&ldquo; lauten, sondern die k&ouml;rperliche und seelische Unversehrtheit der Frau und aller Beteiligten muss im Mittelpunkt stehen.<\/p><p>Der Umstand, dass Frauen sich bei der Geburt in die Abh&auml;ngigkeit von Klinikpersonal begeben, bedeutet nicht, dass sie automatisch die Verantwortung und die Entscheidungsgewalt &uuml;ber ihren eigenen K&ouml;rper abgeben wollen.<\/p><p>In Anbetracht dessen, dass Kinder unsere Zukunft sind und wir wissen, welchen Schaden eine gest&ouml;rte Mutter-Kind-Bindung anrichten kann, ist der derzeitige Umgang mit Frauen w&auml;hrend der Geburt mehr als besorgniserregend &ndash; f&uuml;r unsere Gesellschaft ein unverzeihlicher Skandal. Eine nachl&auml;ssige, fahrl&auml;ssige, gewinnorientierte Geburtshilfe gef&auml;hrdet unsere Gesellschaft: Gesunde Nachkommen, geboren in W&uuml;rde und G&uuml;te, sind das (!) Fundament von uns allen.<\/p><p>Wir ben&ouml;tigen ein grundlegend anderes, prinzipielles Verst&auml;ndnis von Geburt: Geburt ist ein nat&uuml;rlicher, kraftvoller und intimer Prozess, bei dem die Frau als Geb&auml;rende im Mittelpunkt steht.<\/p><p>Die interventionsfreie Geburt muss die Regel sein und nicht zur Ausnahme ernannt werden. Sie muss das prinzipielle Qualit&auml;tskriterium der Geburtshilfe sowie der medizinischen Struktur unseres Landes sein.<\/p><p>Wir m&uuml;ssen daran arbeiten, auf dass wir keine Rosen mehr brauchen!<\/p><p>F&uuml;r eine menschenw&uuml;rdige und sichere Geburtshilfe!<\/p><p><small>Titelbild: Natalia Deriabina\/shutterstock.com<\/small><\/p><p><em><strong>Zur Autorin:<\/strong> Elisabeth Blenz studierte Politikwissenschaft an der Universit&auml;t Potsdam und der Freien Universit&auml;t Berlin (Master). Zuvor absolvierte Elisabeth Blenz eine Ausbildung zur Verwaltungsfachangestellten im Ausw&auml;rtigen Amt und war danach unter Au&szlig;enminister Frank Walter Steinmeier und Guido Westerwelle in der Abteilung Protokoll t&auml;tig.<\/em><\/p><p><em>In ihren Forschungsarbeiten befasste sie sich mit verschiedenen Themen zu sozialer Ungerechtigkeit. Ihre Masterarbeit besch&auml;ftigte sich mit Fragen nach der Berechnung des Existenzminimums in Deutschland. Seit Jahren besch&auml;ftigt sich Elisabeth Blenz mit Themen wie Schwangerschaft, Geburt, Kinderbetreuung und Bildung und Missst&auml;nden in diesen Bereichen.<\/em><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.tk.de\/techniker\/gesundheit-und-medizin\/schwangerschaft-und-geburt\/geburtsvorbereitung-und-geburt\/der-dammschnitt-2009580?tkcm=aaus\">tk.de\/techniker\/gesundheit-und-medizin\/schwangerschaft-und-geburt\/geburtsvorbereitung-und-geburt\/der-dammschnitt-2009580?tkcm=aaus<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] <a href=\"https:\/\/de.statista.com\/statistik\/daten\/studie\/1061143\/umfrage\/die-haeufigsten-operationen-im-krankenhaus-bei-frauen\/\">de.statista.com\/statistik\/daten\/studie\/1061143\/umfrage\/die-haeufigsten-operationen-im-krankenhaus-bei-frauen\/<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.gerechte-geburt.de\/wissen\/gewalt-in-der-geburtshilfe\/gewalt-3-dammschnitt\/\">gerechte-geburt.de\/wissen\/gewalt-in-der-geburtshilfe\/gewalt-3-dammschnitt\/<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_4\" name=\"foot_4\">&laquo;4<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.destatis.de\/DE\/Presse\/Pressemitteilungen\/2023\/02\/PD23_N009_231.html#:~:text=N%20009%20vom%2015.%20Februar%202023&amp;text=WIESBADEN%20%E2%80%93%20Rund%20237%20000%20Frauen,bundesweit%20bei%2030%2C9%20%25\">destatis.de\/DE\/Presse\/Pressemitteilungen\/2023\/02\/PD23_N009_231.html<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_5\" name=\"foot_5\">&laquo;5<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.destatis.de\/DE\/Presse\/Pressemitteilungen\/2023\/02\/PD23_N009_231.html#:~:text=N%20009%20vom%2015.%20Februar%202023&amp;text=WIESBADEN%20%E2%80%93%20Rund%20237%20000%20Frauen,bundesweit%20bei%2030%2C9%20%25\">destatis.de\/DE\/Presse\/Pressemitteilungen\/2023\/02\/PD23_N009_231.html<\/a>\n<\/p><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Kind zu bekommen, ist f&uuml;r viele Frauen ein Lebenstraum. Nicht selten jedoch, und das ist ein andauernder Skandal, wird die Geburt zum Albtraum, denn jede zweite bis dritte Mutter in Deutschland berichtet von unterschiedlichen Gewalterfahrungen w&auml;hrend der Geburt, was in der &Ouml;ffentlichkeit noch immer zu wenig bekannt ist. Der internationale Aktionstag &bdquo;Roses Revolution Day&ldquo;<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=107537\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":107538,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[149,161],"tags":[3018,1073,373,3191,3089,3088,2564,3437,1379,2848,439],"class_list":["post-107537","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-gesundheitspolitik","category-wertedebatte","tag-arzneimittelnebenwirkungen","tag-aerzte","tag-oekonomisierung","tag-fallpauschale","tag-frauenrechte","tag-gesundheitsschutz","tag-gewalt","tag-hebammen","tag-krankenkassen","tag-personalausstattung","tag-who"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/Shutterstock_1936891393.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/107537","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=107537"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/107537\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":107554,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/107537\/revisions\/107554"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/107538"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=107537"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=107537"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=107537"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}