{"id":107567,"date":"2023-12-03T12:00:40","date_gmt":"2023-12-03T11:00:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=107567"},"modified":"2023-12-03T01:03:11","modified_gmt":"2023-12-03T00:03:11","slug":"stimmen-aus-lateinamerika-die-probleme-der-regionalen-migration","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=107567","title":{"rendered":"Stimmen aus Lateinamerika: Die Probleme der regionalen Migration"},"content":{"rendered":"<p>Diskriminierung, Fremdenfeindlichkeit und Armenfeindlichkeit haben zugenommen. Migranten werden zunehmend als &bdquo;Bedrohung&rdquo; eingestuft. Ersteres h&auml;ngt mit dem Verst&auml;ndnis S&uuml;damerikas und vor allem der L&auml;nder des kontinentalen S&uuml;dkegels als Orte der Aufnahme von Einwanderern, insbesondere aus Europa, zusammen, die vom Ende des 19. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts den Hauptmigrationsstrom bildeten.<strong> <\/strong>Das zweite Muster bezieht sich auf die Migrationsstr&ouml;me von S&uuml;damerikanern mit dem bevorzugten Ziel USA und Europa, die ab Mitte des 20. Jahrhunderts eine Zunahme erfuhren und bis heute anhalten, vor allem bei der Bev&ouml;lkerung der Andenregion.<strong> <\/strong>Das dritte Muster ist schlie&szlig;lich die sogenannte interregionale oder S&uuml;d-S&uuml;d-Migration, die durch Str&ouml;me innerhalb des Patria Grande[<a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=107567#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>] gekennzeichnet ist, von denen viele grenz&uuml;berschreitenden und binationalen Charakters sind. Von <strong>Jacques Ram&iacute;rez Gallegos<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nVon diesen drei Mustern ist Letzteres dasjenige, das in ganz Lateinamerika am st&auml;rksten zugenommen hat. Diese Region ist im 21. Jahrhundert mit einer Rate von 72 Prozent laut der Wirtschaftskommission f&uuml;r Lateinamerika und die Karibik der Vereinten Nationen (Cepal) diejenige mit dem weltweit h&ouml;chsten Wachstum der interregionalen Migration.<\/p><p>Zwei Gruppen von Migranten waren bei uns in den letzten zehn Jahren am st&auml;rksten vertreten: Haitianer, die vor allem in die Dominikanische Republik, nach Chile und Brasilien ausgewandert sind, und Venezolaner, die sich vor allem in den L&auml;ndern an der S&uuml;dpazifikk&uuml;ste niedergelassen haben: Kolumbien, Peru, Ecuador und Chile (in dieser Reihenfolge).<\/p><p>Dieser schwindelerregende Anstieg der Zahl der Menschen, die sich in der Region in menschlicher Mobilit&auml;t befinden, hat viele Staaten &uuml;berrascht, vor allem diejenigen, die wenig Erfahrung mit der Aufnahme von Einwanderern haben, wie Kolumbien und Peru, die L&auml;nder waren, aus denen Menschen vertrieben wurden und die einen sehr geringen Prozentsatz an ausl&auml;ndischer Bev&ouml;lkerung auf ihrem Territorium hatten (0,3 Prozent bis 2015).<\/p><p>Und obwohl sie anfangs die Vorreiter des humanit&auml;ren Diskurses waren, der als Einsatz moralischer Gef&uuml;hle in der Politik &ndash; in diesem Fall in der Migrationspolitik &ndash; verstanden wird, die Diskurse und Praktiken staatlicher Intervention umfasst, in denen das Leiden als neues Schlagwort erscheint, das Hilfspraktiken rechtfertigt (wie uns der franz&ouml;sische Minister, Arzt, Anthropologe, Soziologe und Hochschullehrer Didier Fassin in Erinnerung rief), haben sie in der Praxis nur neue befristete Genehmigungen geschaffen, ohne eine langfristige L&ouml;sung anzubieten.<\/p><p>So schuf Kolumbien unter Iv&aacute;n Duque die Grenzmobilit&auml;tskarte, die Sonderaufenthaltsgenehmigung und den befristeten Status f&uuml;r venezolanische Migranten. Ecuador f&uuml;hrte unter Len&iacute;n Moreno und Guillermo Lasso das befristete Aufenthaltsvisum aus humanit&auml;ren Gr&uuml;nden und das befristete Ausnahme-Aufenthaltsvisum f&uuml;r venezolanische B&uuml;rger ein; in Peru wurden seit (Ex-Pr&auml;sident) Pedro Kuczynski die befristete Aufenthaltsgenehmigung und das humanit&auml;re Visum eingef&uuml;hrt; in Chile war man unter Sebastian Pi&ntilde;eira &bdquo;einfallsreicher&rdquo; und schuf das ber&uuml;hmte Visum der &bdquo;demokratischen Verantwortung&rdquo;, das letztendlich nur sehr wenigen gew&auml;hrt wurde.<\/p><p>Diese Visa oder &bdquo;Flicken-Politiken&rdquo;, wie ich sie vorzugsweise nenne, die dazu dienten, venezolanische Migranten als Opfer zu sehen, die die Folgen der Misswirtschaft des Sozialismus des 21. Jahrhunderts erleiden, wurden im Rahmen des sogenannten Quito-Prozesses ausgebr&uuml;tet. Dieser wurde als &bdquo;zwischenstaatliche Initiative technischer und regionaler Art&rdquo; definiert, &bdquo;die geschaffen wurde, um nicht bindende Mechanismen und Verpflichtungen zwischen den L&auml;ndern Lateinamerikas und der Karibik zu etablieren, um Antworten auf die Krise menschlicher Mobilit&auml;t der venezolanischen B&uuml;rger koordinieren zu k&ouml;nnen&rdquo;.<\/p><p>Im Laufe der Zeit wurden die Migranten jedoch nicht mehr als Opfer, sondern als Bedrohung eingestuft. Damit folgte man dem Weg der meisten modernen Staaten, die begannen, Migranten als abweichende, sch&auml;dliche und potenziell bedrohliche Subjekte zu betrachten, und zwar nicht nur f&uuml;r die nationale Sicherheit, sondern auch f&uuml;r die Mehrheit der Bev&ouml;lkerung in ihrem Heimatland.<\/p><p>So wurden sie im sozialen Bereich f&uuml;r die Zunahme von Kriminalit&auml;t, Prostitution, Femiziden usw. verantwortlich gemacht. Als die Pandemie ausbrach, wurden sie beschuldigt, deren Ausbreitung zu verursachen. Auf dem Gebiet der Arbeit und der Wirtschaft kehrte man zum &bdquo;Altbew&auml;hrten&rdquo; zur&uuml;ck und beschuldigte sie, Arbeitspl&auml;tze wegzunehmen, sie zu prekarisieren und die informelle Arbeit auszuweiten. Venezolanische Frauen wurden sogar als &bdquo;R&auml;uberinnen von Ehem&auml;nnern&rdquo; und Zerst&ouml;rerinnen von Haushalten gebrandmarkt.<\/p><p>Und in der politischen Sph&auml;re &ndash; bei den Mobilisierungen, die zwischen 2019 und 2020 in Ecuador, Chile und Kolumbien stattfanden &ndash; wurden sie von den damaligen Regierungen gar als Anstifter der inneren Destabilisierung bezeichnet. Das ging so weit, dass einige von ihnen zu Unrecht inhaftiert wurden.<\/p><p>All dies brachte zwei gro&szlig;e Probleme mit sich: einerseits die Dominanz von Sicherheitsma&szlig;nahmen und Militarisierung der Grenzen, w&auml;hrend die Region erst vor Kurzem Fortschritte bei der Einbeziehung eines auf Rechten basierenden Ansatzes in ihre rechtlichen und politischen Rahmenbedingungen f&uuml;r die Migration gemacht hatte. Die Einreiseverfahren begannen sich zu &auml;ndern, neue Dokumente wurden verlangt, Einreisevisa wurden gefordert, und schlie&szlig;lich wurden die Grenzen geschlossen. Der absurdeste Fall in j&uuml;ngster Zeit war die Schlie&szlig;ung der Grenze Chacalluta-Santa Rosa zwischen Chile und Peru, um die Durchreise venezolanischer Migranten zu verhindern, die in ihr Land zur&uuml;ckkehren wollten oder angesichts der prek&auml;ren Lage, in der sie sich in diesen L&auml;ndern befanden, an eine erneute Migration in ein Drittland dachten.<\/p><p>Andererseits haben Diskriminierung, Fremdenfeindlichkeit und Armenfeindlichkeit zugenommen, bis dahin, dass die These der &bdquo;sozialen S&auml;uberung&rdquo; aufgebracht wurde, bei der die wenigen Habseligkeiten der Migranten verbrannt und sie gezwungen wurden, die Orte, an denen sie sich niedergelassen hatten, zu verlassen. Wir haben Bilder der Barbarei in Roraima (Brasilien), Ibarra (Ecuador) und Antofagasta (Chile) gesehen, um nur die bekanntesten zu nennen. Aber diese Fremdenfeindlichkeit war nicht nur gesellschaftlich, sondern auch staatlich, angestimmt durch h&ouml;chste Regierungsvertreter, die dem Stil des Ex-Pr&auml;sidenten Donald Trump folgten.<\/p><p>Man hat uns weisgemacht, dass Migration ein Problem ist, w&auml;hrend das wirkliche Problem die Ans&auml;tze, Ansichten, Diskurse und Migrationspolitiken sind, die den anderen stigmatisieren, kriminalisieren und ausweisen &ndash; diesen Grenzg&auml;nger, diese Grenzg&auml;ngerin, die es auf der Suche nach besseren Tagen f&uuml;r sich selbst und ihre Familie gewagt haben, eine imagin&auml;re Grenzlinie zu &uuml;berschreiten.<\/p><p><em>Jacques Ram&iacute;rez Gallegos aus Ecuador ist Sozialanthropologe und Spezialist f&uuml;r lateinamerikanische Migration. Er arbeitet als Gastprofessor an mehreren Universit&auml;ten in Lateinamerika und als Forscher am Strategischen Lateinamerikanischen Zentrum f&uuml;r Geopolitik (Centro Estrat&eacute;gico Latinoamericano de Geopol&iacute;tica, Celag).<\/em><\/p><p>&Uuml;bersetzung: Klaus E. Lehmann, <a href=\"https:\/\/amerika21.de\/analyse\/266440\/lateinamerika-probleme-migration\">Amerika21<\/a>.<\/p><p><small>Titelbild: Shutterstock \/ Pere Rubi<\/small><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] Patria Grande ist ein Integrationskonzept, das zun&auml;chst S&uuml;damerika umfasste, sp&auml;ter Lateinamerika und die Karibik. Seinen Ursprung hat es im Befreiungskrieg gegen die spanischen Kolonialisten und deren Vorhaben, den Subkontinent in kleine Einzelstaaten zu zerteilen. Es wurde im 19. Jahrhundert von Sim&oacute;n Bol&iacute;var und Jos&eacute; de San Mart&iacute;n und sp&auml;ter unter anderem von Kubas Revolutionsf&uuml;hrer Fidel Castro und Venezuelas Pr&auml;sident Hugo Ch&aacute;vez vertreten. Die Integration Lateinamerikas ist heute Teil der Programmatik der fortschrittlichen und linken Bewegung der Region.<\/p>\n<\/div><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=102904\">Lateinamerika und die Galeeren des gr&uuml;nen Kapitalismus<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=95723\">&bdquo;Versto&szlig; gegen das V&ouml;lkerrecht&ldquo;-USA haben in drei Jahren fast drei Millionen lateinamerikanische Migranten abgeschoben<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=89479\">Stimmen aus Lateinamerika: Der unsichtbare S&uuml;den<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=93959\">Stimmen aus Kuba: Exodus und Privilegien<\/a>\n<\/p><\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/ssl-vg03.met.vgwort.de\/na\/1a7faaa758a547289d48e9268a306758\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\" title=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Diskriminierung, Fremdenfeindlichkeit und Armenfeindlichkeit haben zugenommen. 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