{"id":107613,"date":"2023-12-03T15:00:10","date_gmt":"2023-12-03T14:00:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=107613"},"modified":"2023-12-03T01:54:23","modified_gmt":"2023-12-03T00:54:23","slug":"das-ungenierte-kriegsgeschrei-kann-ich-so-nicht-hinnehmen-nachgedanken-zur-berliner-friedensdemonstration-vom-25-november","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=107613","title":{"rendered":"\u201eDas ungenierte Kriegsgeschrei kann ich so nicht hinnehmen!\u201c \u2013 Nachgedanken zur Berliner Friedensdemonstration vom 25. November"},"content":{"rendered":"<p>Circa 20.000 Menschen kamen zur zweiten gro&szlig;en Friedensdemonstration dieses Jahres nach Berlin. Diesmal hatten die Leitmedien die Veranstaltung im Vorfeld noch nicht mal attackiert. Wie ist es nun um eine Friedensbewegung 2.0 bestellt? Von <strong>Leo Ensel<\/strong>, mit freundlicher Genehmigung von <a href=\"https:\/\/globalbridge.ch\/das-ungenierte-kriegsgeschrei-kann-ich-so-nicht-hinnehmen-nachgedanken-zur-berliner-friedensdemonstration-vom-25-november\/\">Globalbridge.ch<\/a>.<br>\n<!--more--><\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Ich wei&szlig; nicht, wer hier alles auf dem Platz steht. Ich kann mir gut vorstellen, dass einige darunter sind, mit deren politischen &Uuml;berzeugungen ich nicht einverstanden bin. Aber soll ich mich deshalb davon abhalten lassen, hier zu reden? Wie dumm w&auml;re das denn?!&ldquo; <\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Was die ehemalige Moskaukorrespondentin der <em>ARD<\/em>, Gabriele Krone-Schmalz, im Hinblick auf ihre Rolle als Rednerin sagte, das h&auml;tte der Autor dieses Textes ebenso &uuml;ber seine Teilnahme an der Berliner Demonstration <a href=\"https:\/\/nie-wieder-krieg.org\/\">&bdquo;Nein zu Kriegen&ldquo;<\/a> vom letzten Samstag sagen k&ouml;nnen. Er gesteht gleich, dass, was das Konzept der Veranstaltung betrifft, nicht alles nach seinem Gusto war. Das begann bereits mit dem Allerweltstitel der Demonstration, den die Veranstalter als Motto gew&auml;hlt hatten und der in seiner Allgemeinheit dicht an der Devise &bdquo;Pro bono, contra malum&ldquo; vorbeischrammte.<\/p><p>&bdquo;<strong>Nein zu Kriegen&ldquo;<\/strong><\/p><p>Die Vermutung liegt nahe, dass die Veranstaltung urspr&uuml;nglich als Demonstration f&uuml;r eine diplomatische L&ouml;sung im Ukrainekrieg, gegen weitere Waffenlieferungen und gegen die mittlerweile atemberaubende Militarisierung der deutschen Gesellschaft geplant war, das Gesamtkonzept jedoch im Zuge der Ereignisse im Nahen Osten nach dem 7. Oktober auch noch um diesen Konflikt erweitert wurde. Ob das eine gl&uuml;ckliche Entscheidung war, darf zumindest bezweifelt werden. Denn mit der Verquickung beider Konflikte wurde der Veranstaltung etwas die Wucht genommen, was nicht zuletzt in der erw&auml;hnten Allgemeinheit der Losungen seinen Ausdruck fand. Da war der <a href=\"https:\/\/www.change.org\/p\/manifest-f%C3%BCr-frieden?recruiter=189314596&amp;recruited_by_id=ecfd1340-77d7-11e4-ad74-3df050447e6a\">Aufruf von Alice Schwarzer und Sahra Wagenknecht<\/a>, der der Demonstration <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=94753\">&bdquo;Aufstand f&uuml;r Frieden&ldquo;<\/a> vom Februar dieses Jahres zugrunde lag, erheblich pr&auml;ziser!<\/p><p>Wer zudem bereits vor 40 Jahren in der westdeutschen Friedensbewegung gegen die Stationierung amerikanischer Mittelstreckenraketen mit von der Partie war, dem sto&szlig;en bisweilen auch gewisse Erscheinungsformen in der Szene auf, die man getrost als &bdquo;Friedensritualismus&ldquo; bezeichnen kann. <\/p><p>Aber sollte man sich davon abschrecken lassen? Wie dumm w&auml;re das denn?!<\/p><p>Denn dass Forderungen wie &bdquo;R&uuml;stungswahnsinn stoppen&ldquo;, &bdquo;Abr&uuml;sten statt Aufr&uuml;sten&ldquo; oder &bdquo;Sozialstaat ausbauen statt Kriegst&uuml;chtigkeit&ldquo;, so platt sie auch klingen m&ouml;gen, wieder erschreckend aktuell sind, ist ja nicht die Schuld der Demonstranten. Und wenn man, wie der Autor dieser Zeilen, seit &uuml;ber neuneinhalb Jahren versucht, eine neue Friedensbewegung herbeizuschreiben, darf man nicht allzu m&auml;kelig sein, wenn sich zumindest in zarten Ans&auml;tzen endlich der Widerstand gegen die immer weitere Bereiche erfassende Militarisierung der Gesellschaft regt. Soziale Bewegungen kann man sich nicht backen. Schlie&szlig;lich leben wir auf der platten Erde und nicht in einem Wolkenkuckucksheim. Und die Lage ist viel zu ernst!<\/p><p><strong>Noch nicht einmal attackiert<\/strong><\/p><p>Wieder, wie im Februar, war es &uuml;berwiegend die &bdquo;Generation 60 plus&ldquo; &ndash; Fridays for Future und Klimakleber gl&auml;nzten, da anderweitig besch&auml;ftigt, durch Abwesenheit &ndash;, die am 25. November in Berlin auf die Stra&szlig;e ging. Die Veranstalter sprachen von 20.000 Teilnehmern, was hinkommen k&ouml;nnte. Es waren jedenfalls gef&uuml;hlt halb so viele wie beim letzten Mal. Das d&uuml;rfte auch dem raffinierteren Procedere von Medien und Politik geschuldet sein, die diesmal im Vorfeld die Veranstaltung und deren Organisatoren erst gar nicht mehr &ndash; etwa wegen angeblicher &bdquo;Rechtsoffenheit&ldquo; &ndash; attackiert, sondern schlicht v&ouml;llig ignoriert hatten. Es waren also in erster Linie die &sbquo;Insider&lsquo; nach Berlin gekommen, was in Kombination mit dem denkbar schlechten Wetter die Anzahl denn doch nicht allzu negativ aussehen l&auml;sst.<\/p><p>Die bemerkenswertesten Reden hielten Gabriele Krone-Schmalz und der ehemalige UNO-Diplomat Michael von der Schulenburg.<\/p><p>&bdquo;<strong>Krieg <\/strong><em><strong>ist<\/strong><\/em><strong> das Kriegsverbrechen!&ldquo;<\/strong><\/p><p>Krone-Schmalz, gerade am Sonntag zuvor in Leipzig mit dem <a href=\"https:\/\/www.lvz.de\/lokales\/leipzig\/leipzig-krone-schmalz-mit-friedenspreis-ausgezeichnet-krumbiegel-lehnt-ab-IHEMM46CFRAZ3ISB4YHXGGVAJY.html\">L&ouml;wenherz-Friedenspreis<\/a> ausgezeichnet, sprach <a href=\"https:\/\/nie-wieder-krieg.org\/2023\/11\/26\/redebeitrag-von-prof-dr-gabriele-krone-schmalz\/\">Klartext<\/a>. Die f&uuml;r Journalisten normalerweise gebotene Zur&uuml;ckhaltung sei in diesen Zeiten eine Flucht vor der Verantwortung. Das &bdquo;ungenierte Kriegsgeschrei&ldquo; k&ouml;nne sie so nicht hinnehmen. Waffenlieferungen seien eine &bdquo;Bankrotterkl&auml;rung der Politik&ldquo;. Es reiche nicht, nur einen milit&auml;rischen Plan zu haben. Das Entscheidende sei &ndash; sowohl im Hinblick auf die Ukraine als auch auf Israel und den Nahen Osten &ndash; ein <em>politischer<\/em> Plan. Und der fehle! Stattdessen werde ausschlie&szlig;lich in den Kategorien von &bdquo;Sieg und Niederlage&ldquo; argumentiert.<\/p><p>Leidenschaftlich kritisierte Krone-Schmalz den &bdquo;fatalen Bekenntniszwang&ldquo;, den man mittlerweile in Politik und Medien abgeben m&uuml;sse, bevor es &uuml;berhaupt m&ouml;glich w&auml;re, zur Sache zu kommen. Dieser Bekenntniszwang verhindere eine sachorientierte Auseinandersetzung &uuml;ber die besten Wege, wie alle Seiten aus der katastrophalen Sackgasse wieder herauskommen k&ouml;nnten. Ein &bdquo;Ja, aber&ldquo; oder ein &bdquo;Nein, obwohl&ldquo; habe nichts mit Relativierung oder gar Rechtfertigung zu tun, sondern zeuge davon, dass der Betreffende in der Lage sei, zu differenzieren und sich nicht mit dem &bdquo;platten Gut-B&ouml;se-Schema&ldquo; zufriedengebe.<\/p><p>&bdquo;Der Krieg, den die Russen angefangen haben&ldquo;, zitierte Krone-Schmalz sinngem&auml;&szlig; den ehemaligen Ersten B&uuml;rgermeister von Hamburg, Klaus von Dohnanyi, &bdquo;ist ein Verbrechen. Aber dass der Westen den Krieg nicht verhindert hat, ist eine S&uuml;nde!&ldquo; (&bdquo;Und&ldquo;, so w&uuml;rde der Autor dieser Zeilen erg&auml;nzen, &bdquo;dass der Westen die im April vergangenen Jahres fast schon erzielte Einigung, den Krieg zu beenden, torpediert hat, ist eine <em>Tods&uuml;nde<\/em>!&ldquo;) Jetzt gehe es darum, &bdquo;die Ausweitung von Kriegen zu verhindern und bestehende Kriege zu beenden&ldquo;. Aber genau das werde erst gar nicht versucht. &bdquo;Der politische&nbsp;<em>Wille<\/em>&nbsp;fehlt &ndash; und die politische Analyse sowieso! Stattdessen gibt es Ideologie und Moral. Krieg &ndash; ganz gleich welcher &ndash;&nbsp;<em>ist<\/em>&nbsp;Barbarei. Krieg&nbsp;<em>ist<\/em>&nbsp;das Kriegsverbrechen!&ldquo;<\/p><p>&bdquo;<strong>M&uuml;ndige B&uuml;rger sind systemrelevant&ldquo;<\/strong><\/p><p>Die deutsche Demokratie werde nicht im Ausland &ndash; weder in der Ukraine noch seinerzeit am Hindukusch &ndash; verteidigt, &bdquo;sondern <em>innerhalb unserer Landesgrenzen<\/em>! Es wird Zeit, dass der Kampf um Frieden und politische Pl&auml;ne &ndash; nicht milit&auml;rtaktische! &ndash; in die Mitte der Gesellschaft zur&uuml;ckkehrt und nicht an irgendwelche R&auml;nder abgedr&auml;ngt wird. Daf&uuml;r braucht es B&uuml;rger, die so gut wie m&ouml;glich Bescheid wissen, die Stellung beziehen, also entscheiden. Sie m&uuml;ssen die Konsequenzen ihrer Entscheidung &uuml;berblicken und daf&uuml;r dann auch die Verantwortung &uuml;bernehmen. M&uuml;ndige B&uuml;rger sind systemrelevant!&ldquo;<\/p><p>Unmissverst&auml;ndliche Worte, von denen man sich w&uuml;nscht, sie w&uuml;rden der ber&uuml;hmten &sbquo;schweigenden Mehrheit im Lande&lsquo; eine vernehmbare Stimme verleihen.<\/p><p>&bdquo;<strong>Ein Balanceakt zwischen Wolkenkratzern ohne Sicherheitsnetz&ldquo;<\/strong><\/p><p><a href=\"https:\/\/nie-wieder-krieg.org\/2023\/11\/26\/redebeitrag-michael-von-der-schulenburg\/\">Michael von der Schulenburg<\/a>, jahrzehntelang Diplomat f&uuml;r die OSZE und die UNO, weitete den Blick ins Globale.<\/p><p>Die Welt von heute sei &bdquo;in den W&uuml;rgegriff von Gewalt und Krieg&ldquo; geraten. 55 Kriege w&uuml;rden zur Zeit in der Welt toben, und nirgends g&auml;be es diplomatische Anstrengungen, sie zu beenden, geschweige denn, die ihnen innewohnenden Konflikte zu l&ouml;sen. Stattdessen lebe man in dem Irrglauben, Konflikte k&ouml;nnten nur durch Gewalt gel&ouml;st werden. Die UNO habe das vergangene Jahr zum gef&auml;hrlichsten Jahr seit Ende des Kalten Krieges erkl&auml;rt, wobei sich die Milit&auml;rausgaben international verdoppelt h&auml;tten &ndash; Tendenz steigend. Die derzeit entwickelten Waffensysteme w&uuml;rden immer zielgenauer und schwerer zu orten, w&auml;hrend mittlerweile s&auml;mtliche Abr&uuml;stungs- und R&uuml;stungsbegrenzungsvertr&auml;ge sowie alle vertrauensbildenden Ma&szlig;nahmen Makulatur seien. &bdquo;Das ist wie ein Balanceakt auf einem Trapez zwischen den Wolkenkratzern ohne Sicherheitsnetze am Boden!&ldquo;<\/p><p>Scharf ging von der Schulenburg mit dem Westen ins Gericht. Obwohl weniger als zehn Prozent der Weltbev&ouml;lkerung umfassend, sei er f&uuml;r 60 Prozent aller Milit&auml;rausgaben sowie f&uuml;r 70 Prozent des weltweiten Waffenhandels verantwortlich. Seit Ende des Kalten Krieges h&auml;tten, einem Bericht des Wissenschaftliches Dienstes des US-Kongresses zufolge, die USA zusammen mit anderen NATO-Partnern in 251 F&auml;llen in anderen L&auml;ndern milit&auml;risch eingegriffen &ndash; CIA-Eins&auml;tze und &bdquo;Proxykriege&ldquo; wie der Ukrainekrieg nicht inbegriffen. Allein der sogenannte &bdquo;Krieg gegen Terror&ldquo; habe seit 2002 4,5 Millionen Menschen das Leben gekostet und 38 Millionen Menschen zu Fl&uuml;chtlingen gemacht. Kein anderes Staatenb&uuml;ndnis sei f&uuml;r so viele zivile Tote verantwortlich.<\/p><p>&bdquo;Konflikte&ldquo;, so von der Schulenburgs Res&uuml;mee, &bdquo;k&ouml;nnen wir nicht mit Waffen l&ouml;sen, sondern nur mit Verstand!&ldquo;<\/p><p><strong>Die Zukunft der Friedensbewegung<\/strong><\/p><p>Zwei Friedensdemonstrationen mit Zehntausenden Menschen hat Berlin dieses Jahr gesehen &ndash; die gr&ouml;&szlig;ten Demonstrationen zu diesem Thema seit Jahren, m&ouml;glicherweise seit Jahrzehnten. Aber ist das auch ein Indikator f&uuml;r ein Wiedererstarken der Friedens<em>bewegung<\/em>, gar f&uuml;r eine der heutigen dramatischen Bedrohungslage angemessene Friedensbewegung 2.0, eine &bdquo;Stimme, die geh&ouml;rt&ldquo; werden k&ouml;nnte, wie Michail Gorbatschow einmal schrieb? &ndash; Skepsis ist leider angebracht.<\/p><p>Die Demonstration vom Februar, die immerhin um die 40.000 Menschen mobilisierte, hatte kaum zur Folge, dass sich, wie in den Achtzigerjahren, wieder zahlreiche Initiativen vor Ort oder entlang der jeweiligen Berufsgruppen gr&uuml;ndeten. Nach wie vor &ndash; das zeigen nicht zuletzt die Unterschriften unter die Appelle und die Organisatoren der Veranstaltungen &ndash; sind es in erster Linie die &sbquo;&uuml;blichen Verd&auml;chtigen&lsquo;, die aktiv sind &ndash; und das seit Jahrzehnten!<\/p><p>Die beiden Berliner Demonstrationen waren eher &bdquo;Eruptionen der Unzufriedenheit&ldquo; eines Teils der Bev&ouml;lkerung, dessen Umfang bislang schwer einzusch&auml;tzen ist. Das war, keine Frage, zwar besser als nichts, hat aber den Namen einer <em>Bewegung<\/em> noch lange nicht verdient! Die (auf dem r&uuml;stungspolitischen Auge leider v&ouml;llig blinden) Klimasch&uuml;tzer der j&uuml;ngeren Generation, mit denen ein Schulterschluss sachlich (Stichwort: &bdquo;&Ouml;kopax&ldquo;!) &uuml;berf&auml;llig w&auml;re, stellen da &ndash; und zwar kontinuierlich &ndash; erheblich mehr auf die Beine.<\/p><p>Let&rsquo;s face it: Es bleibt noch eine ganze Menge zu tun!<\/p><p><small>Titelbild: nie-wieder-krieg.org<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Circa 20.000 Menschen kamen zur zweiten gro&szlig;en Friedensdemonstration dieses Jahres nach Berlin. Diesmal hatten die Leitmedien die Veranstaltung im Vorfeld noch nicht mal attackiert. Wie ist es nun um eine Friedensbewegung 2.0 bestellt? 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