{"id":108,"date":"2005-08-08T16:42:31","date_gmt":"2005-08-08T15:42:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=108"},"modified":"2016-03-06T11:00:55","modified_gmt":"2016-03-06T10:00:55","slug":"buchbesprechung-wolfgang-herles-beschimpft-mit-dann-wahlt-man-schon-das-bockige-wahlvolk","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=108","title":{"rendered":"Buchbesprechung: Wolfgang Herles, beschimpft mit \u201eDann w\u00e4hlt man sch\u00f6n\u201c das bockige Wahlvolk."},"content":{"rendered":"<p>Einer unserer Leser, Martin Steinmetz, bespricht f&uuml;r uns das Buch von Wolfgang Herles: &bdquo;Dann w&auml;hlt man sch&ouml;n. Wie wir unsere Demokratie ruinieren&ldquo;.<br>\n<!--more--><br>\nDer Titel klingt ja gar nicht mal uninteressant &ldquo;Dann w&auml;hlt man sch&ouml;n. Wie wir unsere Demokratie ruinieren.&rdquo; Laut Umschlagtext tritt Wolfgang Herles an, &ldquo;um unserem Gef&uuml;hl Stimme zu geben, dass etwas faul ist im Staate Deutschland. &hellip; Wir sind kein Stimmvieh. &hellip; N&ouml;tig ist jetzt eine klare Analyse dessen, was grunds&auml;tzlich fehlerhaft in unserem System ist und nicht durch Wahlen repariert werden kann.&rdquo; <\/p><p>In Kapitel eins bis vier schreibt Herles &uuml;ber die Politik- und Demokratieverdrossenheit der B&uuml;rger, &uuml;ber die m&ouml;gliche Bedrohung durch rechts- bzw. linksextreme Parteien. Er analysiert, wie die Parteien durch durch den &ldquo;Geschlossenheitskult&rdquo; verflacht sind , wie die Parteien durch Listenwahlrecht sich innerparteilich personell selbst zementieren. Er beschreibt die Political Correctness, die (Selbst-)Entmachtung des Parlaments und gei&szlig;elt den Populismus der Parteien, der echte Reformen unm&ouml;glich mache. In Kapitel f&uuml;nf liefert er ein &ldquo;kleines Panoptikum der Populisten&rdquo;  Schr&ouml;der, M&uuml;ntefering, Merkel, Stoiber, Westerwelle und Fischer, um in Kapitel sieben &uuml;ber die Pisa-Katastrophe, die mangelnde Bildung der breiten Bev&ouml;lkerung, die Arroganz der Wirtschaftselite und das Abtauchen der Intellektuellen in der politischen Diskussion zu lamentieren. <\/p><p>So weit, so mehr oder minder gut. Aber was Herles hier beschreibt ist nicht neu und ist z.B. von Hans Herbert von Arnims Buch &ldquo;Das System. Die Machenschaften der Macht&rdquo; verfassungsrechtlich genauer und fundierter beschrieben worden. Nichtsdestotrotz ist die Analyse bis hierhin relativ deutlich, klar und fl&uuml;ssig lesbar, auch wenn sie bislang keine Alternativen aufweist. <\/p><p>In Kapitel acht &ldquo;Der Moses-Komplex&rdquo; (S. 215 ff.) geht es dann endlich zur Sache. Herles vergleicht die Deutschen mit den Israeliten, die sich von den Versprechen ihrer charismatischen (Ver-)F&uuml;hrer Moses und Aaron in die W&uuml;ste zum &ldquo;gelobten Land&rdquo; f&uuml;hren lassen wollen und bereitwillig um das versprochene goldene Kalb tanzen. <\/p><p>&ldquo;W&auml;ren  (die Deutschen) bessere Demokraten, w&uuml;rden sie nicht l&auml;nger das gelobte Land zur&uuml;ckfordern, aus dem sie aufgebrochen sind. Denn die alte Bonner Bundesrepublik war einmal ein Land, in dem Milch und Honig flossen. &hellip; Das gelobte Kanaan: das war der rheinische Kapitalismus, der Sozialstaat.&rdquo; (S. 222), den neue, gef&auml;hrliche  Populisten den Deutschen wieder versprechen k&ouml;nnten. <\/p><p>Die Deutschen m&uuml;ssten endlich ihren &ldquo;Moses-Komplex&rdquo;&uuml;berwinden (S. 224), &ldquo;solange die deutsche Konsensgesellschaft das Ma&szlig; allen Handelns ist, wird der &uuml;ber Generationen einge&uuml;bte kollektive Wahn das Land weiter ruinieren. In Deutschland wurde niemals die Verschiedenheit der Menschen hinreichend akzeptiert. Stattdessen wuchsen die Umverteilungs- und Entm&uuml;ndigungsb&uuml;rokratien. &hellip; Diese Mentalit&auml;t zu &auml;ndern &uuml;berfordert jede Regierung.&rdquo; (S. 229, 230) <\/p><p>Recht zynisch beendet Herles sein Werk auf S. 230 u.a. mit den Spr&uuml;chen:<br>\n&hellip; &ldquo;Dann w&auml;hlt mal sch&ouml;n, aber macht nicht die Politik f&uuml;r das verantwortlich, was ihr nicht begreifen k&ouml;nnt. Es gibt keine Reform ohne Verlierer. Es gibt kein Gemeinwohl und keine absolute Wahrheit.<br>\n&hellip;<br>\nDann w&auml;hlt mal sch&ouml;n und verliert trotzdem nicht das Vertrauen in die Demokratie. Sie kann nichts daf&uuml;r. Wir selbst sind es, die sie ruinieren.&rdquo; <\/p><p>Das Buch l&auml;sst den Leser unbefriedigt bis ver&auml;rgert zur&uuml;ck. Denn Herles unausgesprochene Grundannahme ist anscheinend, dass es zum globalen Neoliberalismus keine Alternative gibt. Der Sozialstaat ist ein Wahn, Gemeinwohl gibt es nicht und wenn man auf der Verliererseite der Reformen steht, dann hat man sich gef&auml;lligst damit abzufinden. Punkt. Aus. <\/p><p>Aber wenn es angeblich keine Alternative gibt, ja wenn sogar schon Politiker, die einen Sozialstaat versprechen oder einfordern, als potentiell gef&auml;hrliche, radikale und unw&auml;hlbare Verf&uuml;hrer gelten, was bleiben dem W&auml;hler dann f&uuml;r Wahlm&ouml;glichkeiten? <\/p><p>Hei&szlig;t Demokratie dann nur noch, aus Parteien zu w&auml;hlen, die als einziges Unterscheidungsmerkmal in ihren relativ gleichklingenden neoliberalen Parteiprogrammen ein unterschiedlich hohes Ma&szlig; an Sozialabbau anbieten, ansonsten aber nichts mehr in Frage stellen?  Fr&uuml;her hie&szlig; das noch &ldquo;Weiter so Deutschland&rdquo; &hellip; <\/p><p>Soll das f&uuml;r den W&auml;hler alles gewesen sein? <\/p><p>Genau diese Alternativlosigkeit an Parteiprogrammen ernsthaften, alternativen Gestaltungswillens ist es doch, die die Menschen von den etablierten Parteien wegtreibt! <\/p><p>Nein, Herr Herles, Parteien, die einen Sozialstaat und Gemeinwohl einfordern, die Menschen davor bewahren m&ouml;chten, Verlierer von sog. &ldquo;Reformen&rdquo; zu werden, sind nicht radikal, sie verf&uuml;hren auch nicht die Bev&ouml;lkerung. Sie wirken vielmehr ganz legal, gem. Art. 21 Abs. 1 Grundgesetz an der politischen Willensbildung des Volkes mit! <\/p><p>Und wenn Ihnen das Volk nicht passt, das sich f&uuml;r diese Parteien entscheidet, dann w&auml;hlen Sie sich doch ganz einfach ein neues! <\/p><p>Wolfgang Herles: Dann w&auml;hlt man sch&ouml;n. Wie wir unsere Demokratie ruinieren. Piper Verlag, 2005. 235 S. 17,90 Euro\t<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einer unserer Leser, Martin Steinmetz, bespricht f&uuml;r uns das Buch von Wolfgang Herles: &bdquo;Dann w&auml;hlt man sch&ouml;n. 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