{"id":108252,"date":"2023-12-15T11:00:49","date_gmt":"2023-12-15T10:00:49","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=108252"},"modified":"2026-01-27T11:44:27","modified_gmt":"2026-01-27T10:44:27","slug":"patrik-baab-eine-pressekampagne-mit-dem-ziel-der-meinungslenkung-und-zensur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=108252","title":{"rendered":"Patrik Baab: \u201eEine Pressekampagne mit dem Ziel der Meinungslenkung und Zensur\u201c"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;Die Mainstream-Presse arbeitet nach dem Motto: Wir liefern die Kriegspropaganda, die Ukrainer liefern die Leichen. Dies zeigt den ganzen Zynismus und den Realit&auml;tsverlust der deutschen Medien.&ldquo; Das sagt <strong>Patrik Baab<\/strong> im Interview mit den NachDenkSeiten. Der Autor, der aufgrund seines Buches &bdquo;Auf beiden Seiten der Front &ndash; meine Reisen in die Ukraine&ldquo; massiv angegriffen wird, &auml;u&szlig;ert sich auch zu seinen Erfahrungen in der Stadt Kamenz. Dort wurde der Oberb&uuml;rgermeister im Vorfeld einer geplanten Veranstaltung mit Baab unter Druck gesetzt &ndash; doch der Stadtherr blieb standhaft und die Lesung konnte stattfinden. Ein Interview unter anderem &uuml;ber &bdquo;skandalisierende Reporter&ldquo; und den &bdquo;Angriff auf die &ouml;ffentliche Meinung&ldquo;. Von <strong>Marcus Kl&ouml;ckner.<\/strong><\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_5080\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-108252-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/231218_Patrik_Baab_Eine_Pressekampagne_mit_dem_Ziel_der_Meinungslenkung_und_Zensur_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/231218_Patrik_Baab_Eine_Pressekampagne_mit_dem_Ziel_der_Meinungslenkung_und_Zensur_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/231218_Patrik_Baab_Eine_Pressekampagne_mit_dem_Ziel_der_Meinungslenkung_und_Zensur_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/231218_Patrik_Baab_Eine_Pressekampagne_mit_dem_Ziel_der_Meinungslenkung_und_Zensur_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=108252-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/231218_Patrik_Baab_Eine_Pressekampagne_mit_dem_Ziel_der_Meinungslenkung_und_Zensur_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"231218_Patrik_Baab_Eine_Pressekampagne_mit_dem_Ziel_der_Meinungslenkung_und_Zensur_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>Herr Baab, im Vorfeld Ihrer Lesung in Kamenz gab es von einigen reichlich Kritik und Stimmungsmache. Der Oberb&uuml;rgermeister hat sich im Sinne der Meinungsfreiheit durchgesetzt. Dann kam der Auftritt und f&uuml;r Sie gab es stehenden Applaus vor einem ausverkauften Haus. Wie haben Sie den Abend erlebt? <\/strong><\/p><p>Das Stadttheater Kamenz war bis auf den letzten Platz ausverkauft. 300 G&auml;ste waren gekommen, Lesung und Diskussion wurden per Video-Leinwand ins Foyer &uuml;bertragen f&uuml;r jene, die keinen Platz mehr erhalten konnten. Oberb&uuml;rgermeister Roland Dantz hat souver&auml;n durch den Abend gef&uuml;hrt. Meine ersten Worte waren: &bdquo;Danke, dass Sie alle da sind. Ihre Anwesenheit macht aus diesem Abend mehr als einen Theaterbesuch. Sie ist ein Signal. Es lautet: Wir lassen uns von skandalisierenden Reportern und Denunzianten nicht einsch&uuml;chtern!&ldquo; Da gab es schon den ersten Szenenapplaus.<\/p><p><strong>Und dann, wie ging es weiter?<\/strong><\/p><p>Wir haben in der Diskussion mit manchen Propaganda-L&uuml;gen aufger&auml;umt, es kamen mindestens 25 Fragen aus dem Publikum. Am Ende stehende Ovationen und vierfachen Applaus. Beim Signieren bedankten sich die Kamenzer f&uuml;r meine Arbeit, wollten mir die Hand sch&uuml;tteln, eine Dame schenkte mir einen selbstgebackenen Weihnachtsstollen.<\/p><p><strong>Ziehen Sie aus diesem Abend eine Lehre?<\/strong><\/p><p>Kamenz hat zwei Dinge gezeigt: Die von der Presse ver&ouml;ffentlichte Meinung steht der &ouml;ffentlichen Meinung der Bev&ouml;lkerung diametral gegen&uuml;ber. Zweitens lebt Kamenz den Geist des gro&szlig;en Aufkl&auml;rers Gotthold Ephraim Lessing, der dort 1729 geboren wurde, und von dem sich die Propaganda-Presse offenbar verabschiedet hat. Oberb&uuml;rgermeister Roland Dantz, der die Stadt seit 20 Jahren f&uuml;hrt, und viele Kamenzer, die ich kennenlernen durfte, zeigen, wie demokratische &Ouml;ffentlichkeit funktioniert. <\/p><p><strong>F&uuml;r unsere Leser nochmal erkl&auml;rt: Was waren denn die Vorw&uuml;rfe gegen Sie im Vorfeld? Und: Wer hat Sie erhoben?<\/strong><\/p><p>Beschwerdef&uuml;hrerinnen waren Dr. Veronika Wendland vom Herder-Institut und Prof. Ricarda Vulpius von der Universit&auml;t M&uuml;nster. Zu mir haben sie keinen Kontakt aufgenommen, wie das in Fachkreisen &uuml;blich ist. Ihre Schreiben waren an Oberb&uuml;rgermeister Dantz und die Presse gerichtet. Sie k&ouml;nnen im digitalen Schaukasten der Stadt Kamenz nachgelesen werden. Ein Blick lohnt sich: Sie entsprechen in Inhalt und Form nicht dem Stil der Nobilit&auml;t. Auch ein Auftritt von Dr. Wendland in Kamenz, der von der Partei &bdquo;Die Linke&ldquo; organisiert wurde, war fachlich nicht von hoher G&uuml;te. Sie hat mich, wie ich h&ouml;re, mehrfach als L&uuml;gner beschimpft.<\/p><p>Damit verl&auml;sst sie das Feld der Fachdiskussion und begibt sich auf die Ebene der Diffamierung. Vielleicht w&auml;re hier erstmal ein Benimmkurs angezeigt. Dass sich die beiden Damen auff&uuml;hren wie der fr&uuml;here ukrainische Botschafter Melnyk in TV-Runden, wundert mich nicht.<\/p><p><strong>Wie erkl&auml;ren Sie sich die harte Kritik? <\/strong><\/p><p>Es gibt meines Erachtens einen klaren Interessenbezug: Beide geh&ouml;ren der deutsch-ukrainischen Historischen Kommission an, die vom DAAD, also weitgehend vom Staat, finanziert wird. Wes&rsquo; Brot ich ess&rsquo;, des&rsquo; Lied ich sing&rsquo;. Dr. Wendland ist mit einem Ukrainer verheiratet, dessen Bruder nach meinen Informationen der Rada in Kiew angeh&ouml;rt. Man darf vermuten, dass sie vorgeschickt wurden. <\/p><p>Die deutsch-ukrainische Historische Kommission hat auch schon in anderen F&auml;llen pro-ukrainische und geschichtsrevisionistische Kampagnen gestartet. In der Sache bestreiten Dr. Wendland und Prof. Vulpius, dass 2014 auf dem Maidan ein von den USA orchestrierter Putsch stattgefunden hat, dass in der Folge zwischen 2014 und 2021 in der Ostukraine ein B&uuml;rgerkrieg gegen die russischst&auml;mmige Bev&ouml;lkerung gef&uuml;hrt wurde und dass es sich beim Krieg in der Ukraine um einen Stellvertreterkrieg handelt. Alle drei Behauptungen sind schlicht durch die Fakten widerlegt. Aber der aktuelle Forschungsstand, beispielsweise Nikolai N. Petros Studie &bdquo;The Tragedy of Ukraine&ldquo; von 2023, scheint sie nicht zu interessieren. Das zeigt: Es geht nicht darum, was wir belegen k&ouml;nnen, es geht um Propaganda.<\/p><p><strong>Auch Medien sind an Sie im Vorfeld der Veranstaltung herangetreten. Wie waren diese Kontaktaufnahmen ausgerichtet? Was ist Ihnen an den Fragen aufgefallen? <\/strong><\/p><p>Der Redakteur der <em>S&auml;chsischen Zeitung<\/em> Torsten Hilscher hat breit &uuml;ber die Vorw&uuml;rfe berichtet. An mich herangetreten ist er nicht. Damit hat er die journalistische Handwerksregel &bdquo;et audiatur altera pars&ldquo;, auch die andere Seite soll geh&ouml;rt werden, missachtet. <em>MDR<\/em>-Redakteur Martin Dietrich hat angefragt und ich habe seine Fragen auch beantwortet. Da ich an seinen Fragen ablesen konnte, dass es ihm vor allem darum ging, seine Vorurteile zu best&auml;tigen, habe <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=106362\">ich meine Antwort auf den NachDenkSeiten ver&ouml;ffentlicht<\/a> und die Qualit&auml;t seiner Arbeit im Overton-Magazin unter der &Uuml;berschrift kommentiert: <a href=\"https:\/\/overton-magazin.de\/hintergrund\/gesellschaft\/luegen-durch-weglassen\/\">&bdquo;L&uuml;gen durch Weglassen&ldquo;<\/a>. Ausgewogene Berichterstattung bedeutet nach Lehrbuch, alle wesentlichen Aspekte eines Themas zu bringen. Dies hat er nicht getan und damit das Objektivit&auml;tsgebot aus dem <em>MDR<\/em>-Staatsvertag verletzt.<\/p><p><strong>Auch 3sat ist an Sie herangetreten.<\/strong><\/p><p>Ja, mit einer &auml;hnlichen Masche. Hier haben wir zun&auml;chst Dreharbeiten im Theater verwehrt, da zu bef&uuml;rchten stand, dass sich niemand mehr zu Wort meldet. Die Fragen habe ich schriftlich beantwortet. Dann versuchte er noch, von den NachDenkSeiten einen Video-Mitschnitt aus einem meiner Vortr&auml;ge zu bekommen, offensichtlich im irrigen Glauben, dies komme bei mir nicht an. Hier geht es erkennbar darum, meine Aussagen als Kreml-Propaganda darzustellen. Leute wie Fugmann k&ouml;nnen meine Quellen allein schon deshalb nicht pr&uuml;fen, weil sie selbst vor Ort keine haben und den Forschungsstand nicht kennen. Alles, was ihren Suppenteller-Horizont &uuml;bersteigt, stellen sie als &bdquo;Verschw&ouml;rungstheorie&ldquo; hin. <\/p><p>Ich war fast 40 Jahre f&uuml;r den &ouml;ffentlich-rechtlichen Rundfunk t&auml;tig. In dieser Zeit habe ich erlebt, dass vielerorts die Fachredaktionen aufgel&ouml;st wurden. Das Ergebnis war, dass statt Fachredakteuren zunehmend Wald-und-Wiesen-Reporter unterwegs sind, die heute die Krokusbl&uuml;te machen und morgen den Ukraine-Krieg. Da sie wenig wissen, halten sie sich an die herrschenden Vorurteile. Deshalb habe ich kein Vertrauen in die Berichterstattung der &ouml;ffentlich-rechtlichen Medien. Sie stehen erkennbar unter dem Einfluss der Politik und verbreiten mit Geb&uuml;hrengeldern NATO-Propaganda. Das habe ich Martin Dietrich detailliert nachgewiesen. Die erw&auml;hnten Journalisten haben allesamt keine Ahnung von der Ukraine, waren nie vor Ort, Berichterstattung aus Kriegs- und Krisengebieten ist ihnen fremd, ihre fachlichen Kenntnisse reichen nicht sehr tief. Deshalb klammern sie sich an die Linie ihres Blattes, die ja von den Eignern festgelegt wird, und an die redaktionellen Ansagen, dann kriegen sie auch keinen &Auml;rger. <\/p><p>&Uuml;ber die Veranstaltung selbst haben die regionalen Medien dann nicht mehr berichtet.<\/p><p><strong>Wie erkl&auml;ren Sie sich diese Herangehensweise? <\/strong><\/p><p>Hier handelt es sich in meinen Augen nicht um Berichterstattung, sondern um eine Pressekampagne mit dem Ziel der Meinungslenkung und Zensur. Dies alles war offensichtlich orchestriert. Diese Kampagnen setzen immer bei &ouml;ffentlichen Institutionen an und versuchen dann die Verantwortlichen zu zwingen, aus Angst vor schlechter Presse oder Druck von oben klein beizugeben. Dies sieht man auch daran, dass ein Dresdner Internet-Troll und FDP-Mitglied, Martin Walther, Denunziationsbriefe an eine Schule in Geilenkirchen geschrieben hat, die auch ans Schulamt und ans Bildungsministerium gingen. Ziel war, die Schule zur Absage meiner Lesung zu zwingen. Dies ist auch gelungen. Dieser Martin Walther beschimpft auf X den s&auml;chsischen Ministerpr&auml;sidenten Kretzschmer als unzurechnungsf&auml;hig und Elon Musk als Drogenkopf &ndash; ein Internet-P&ouml;bler. <a href=\"https:\/\/www.dnn.de\/lokales\/dresden\/nafo-wie-fdpler-martin-walther-aus-dresden-gegen-russische-propaganda-kaempft-LBEFEUB3Z3CNN5DT6AVL7CSKHE.html\">Er geh&ouml;rt der pro-ukrainischen Organisation NAFO an.<\/a> Aber er erreichte das Gegenteil: Inzwischen habe ich drei Lesungen im Raum Aachen. <\/p><p>Solche Medienkampagnen sind kein Beitrag zur demokratischen &Ouml;ffentlichkeit mehr, wie das zu Lessings Zeiten noch gegeben war, sondern sie sind ein Angriff auf die &ouml;ffentliche Meinung mit dem Ziel, staatliche Propaganda durchzusetzen. Insoweit hat die Presse in Deutschland heute die demokratische Funktion verloren, die sie zu Zeiten der Aufkl&auml;rung und zu Zeiten von Jakob Philipp Siebenpfeiffer noch hatte: gegen die Zensur der Machteliten vorzugehen, auch unter Inkaufnahme pers&ouml;nlicher Risiken, und demokratische &Ouml;ffentlichkeit als Voraussetzung von Demokratie herzustellen. Heute ist die Presse selbst das wichtigste Zensur-Organ, indem sie machtkritische Positionen aktiv bek&auml;mpft. Dem <em>MDR<\/em> habe ich ins Stammbuch geschrieben: &bdquo;L&uuml;gen durch Weglassen&ldquo;. <\/p><p>Im Ukraine-Krieg sind die Medien ein zentraler Kriegstreiber geworden. Charakteristisch ist, dass sich alle diese Hetzreporter ausrechnen k&ouml;nnen, dass sie nie an der Front landen. Dort k&ouml;nnen dann andere die Kastanien aus dem Feuer holen. Ein halbes Jahr lang hat die Presse den Sieg der Ukrainer in der Sommer-Offensive herbeigelogen, bis Armeechef Walerij Saluschnyj erkl&auml;ren musste, dass die ukrainischen Kr&auml;fte feststecken. Die Mainstream-Presse arbeitet nach dem Motto: Wir liefern die Kriegspropaganda, die Ukrainer liefern die Leichen. Dies zeigt den ganzen Zynismus und den Realit&auml;tsverlust der deutschen Medien. <\/p><p><strong>Wenn Sie f&uuml;r einen Moment aus Ihrer Rolle des Buchautors, der angegriffen wird, herausschl&uuml;pfen und Ihre Position als jemand einnehmen, der ja auch in der Journalistenausbildung t&auml;tig war: Was l&auml;uft da in den Redaktionen falsch? Und: Wie sollte so eine Anfrage eigentlich aufgebaut sein? <\/strong><\/p><p>In der Ausbildung bin ich immer noch t&auml;tig, nur nicht mehr an jenen Universit&auml;ten, die sich mit der NATO-Propaganda gemein machen. Was dazu geh&ouml;rt, ein Interview vern&uuml;nftig vorzubereiten, habe ich in meinem Buch &bdquo;Recherchieren&ldquo; beschrieben. Das ist Handwerk und kann man lernen. Aber der Journalismus hat ein Zugangs-Problem. Die Ausbildungswege sind lang, meist laufen sie &uuml;ber unbezahlte Praktika und langj&auml;hrige freie Mitarbeit in prek&auml;rer Besch&auml;ftigung. Diese H&uuml;rde &uuml;berwinden meist nur Spr&ouml;sslinge aus betuchten Elternh&auml;usern, also Kinder des gehobenen B&uuml;rgertums wie Zahn&auml;rzte, leitende Beamte, Oberstudienr&auml;te, Unternehmer. <\/p><p>Diese Nachwuchskr&auml;fte sind mit einem goldenen L&ouml;ffel im Mund gro&szlig;geworden, soziale Not kennen sie aus eigenem Erleben nicht. Das gehobene B&uuml;rgertum bev&ouml;lkert die Redaktionen. Deshalb treten in ihrer Themenauswahl auch Probleme wie Arbeitslosigkeit, Wohnungsnot, Obdachlosigkeit in den Hintergrund. Den Krieg beurteilen sie meist nach dem Wert der R&uuml;stungsaktien, die sie von ihren Eltern einmal erben werden. Aber den Menschen erz&auml;hlen sie: Wir m&uuml;ssen den armen Ukrainern gegen den b&ouml;sen Putin helfen. H&auml;tten sie nur 48 Stunden an der Front verbracht, w&uuml;rden sie den Mund halten. Die Schreibtisch-Perspektive bietet lediglich ein unzureichendes, wenn nicht gar verf&auml;lschtes Bild der Wirklichkeit.<\/p><p><strong>Sie sind seit mehr als 40 Jahren Journalist, haben Zeitung, Radio, Fernsehen, Online gemacht. Was hat sich in der Kriegs-Berichterstattung ver&auml;ndert?<\/strong><\/p><p>In drei v&ouml;lkerrechtswidrigen Angriffskriegen &ndash; Serbien und Kosovo 1999 bei der KFOR, in Afghanistan 2002 bei der ISAF und im Krieg in der Ukraine bei den Organisatoren im Donbass &ndash; habe ich an Pressekonferenzen und Briefings der Besatzungsbeh&ouml;rden teilgenommen. Dabei habe ich auch selbst das Wort ergriffen und meine Eindr&uuml;cke erl&auml;utert, beispielsweise mit Blick auf die Minenlage, die Gefahren von Feuereinwirkung an bereisten Orten oder die Stimmung in der Bev&ouml;lkerung. An Pressekonferenzen teilzunehmen, Informationen auszutauschen, auch &uuml;ber die Stimmung in der Bev&ouml;lkerung, ist in einem Kriegsgebiet eine &Uuml;berlebensfrage. <\/p><p>Deshalb rede ich auch mit Russen. Als Journalist rede ich st&auml;ndig mit Menschen, die anderer Herkunft oder anderer Meinung sind. Das ist Kern meiner Arbeit. Damit mache ich mich nicht mit ihnen gemein. So werden Informationen recherchiert. Peter Scholl-Latour hat im Vietnamkrieg 1973 auf der Seite des Vietkongs gedreht. Niemand hat ihm vorgehalten, er verbreite kommunistische Propaganda. Im Ersten Golfkrieg hatte die <em>ARD<\/em> mit Christoph Maria Fr&ouml;hder einen ausgezeichneten Reporter in Bagdad, war also auf beiden Seiten der Front vertreten. Niemand hat ihm nachgesagt, er betreibe das Gesch&auml;ft eines Diktators. Heute hat die <em>ARD<\/em> keine Berichterstatter im Donbass, kennt also die Lage auf der russischen Seite vor Ort nicht aus eigener Betrachtung. Dies leistet einer Anlehnung an ukrainische Propaganda Vorschub. <\/p><p>Neu ist, dass Schreibtischbewohner in Redaktionen und Akademien, die von der Berichterstattung aus Kriegs- und Krisengebieten und den betroffenen L&auml;ndern keine Ahnung haben und sich ausrechnen k&ouml;nnen, dass sie selbst nie an der Front landen, aus der Komfortzone heraus Reportern im Kriegsgebiet in den R&uuml;cken fallen und sie damit zus&auml;tzlichen Gefahren aussetzen. Dies zeigt, in welchem Ma&szlig; im heutigen Journalismus ethische Ma&szlig;st&auml;be missachtet werden, wie weit sich die Berichterstattung von der Realit&auml;tsprobe vor Ort hin zum postfaktischen Skandalisieren verschoben hat und wie tief die Berichterstattung der Mainstream-Medien, auch der &ouml;ffentlich-rechtlichen, in das Propagandasystem der NATO verstrickt ist.<\/p><p><strong>F&uuml;r nicht wenige Journalisten scheint es prim&auml;r um Emp&ouml;rung und Hetze zu gehen. Was ihren Beruf ausmachen sollte, n&auml;mlich &bdquo;Wahrheiten&ldquo;, die vonseiten der Herrschenden kommen, wahrlich kritisch zu hinterfragen, wollen oder k&ouml;nnen sie nicht. Wie sehen Sie das? <\/strong><\/p><p>Ja, es geht um Affekt-&Ouml;konomie. Der franz&ouml;sische Soziologe Pierre Bourdieu schreibt, &bdquo;dass Journalisten manchmal gef&auml;hrlich sind: Da sie nicht immer wirklich gebildet sind, wundern sie sich &uuml;ber Dinge, die nicht sehr verwunderlich sind, und &uuml;ber Staunenswertes wundern sie sich nicht. &hellip; Die Journalisten tragen eine spezielle &sbquo;Brille&lsquo;, mit der sie bestimmte Dinge sehen, andere nicht, und mit der sie die Dinge, die sie sehen, auf bestimmte Weise sehen. Das Auswahlprinzip ist die Suche nach dem Sensationellen, Spektakul&auml;ren.&ldquo; Sie personalisieren, skandalisieren, denunzieren, statt im Wege der Recherche den Dingen auf den Grund zu gehen. <\/p><p>Recherchen kosten Zeit und Geld. Personalisieren, Skandalisieren und Denunzieren erm&ouml;glicht aber der Presse, relativ schnell die Aufmerksamkeit der Nutzer zu binden, Klickzahlen oder Quoten hochzutreiben, damit die Werbe-Erl&ouml;se zu steigern und den Kunden oder der Politik noch einen Gefallen zu tun. Dabei werden wesentliche Sachfragen ausgeblendet und das Publikum tendenziell fehlinformiert. Dennoch f&auml;llt diese Monetarisierung von Ressentiments auf fruchtbaren Boden. Denn in allen, vom Neoliberalismus zerfurchten Gesellschaften herrscht eine ungeheure Wut. Das wissen die Machteliten, die ja mit ihren Sozial- und Rentenk&uuml;rzungen, Entlassungen und Privatisierungen f&uuml;r diese Wut verantwortlich sind. Deshalb streben sie danach, den Zorn der Menschen von sich selbst abzulenken und Ersatzziele zu adressieren. Man nennt dies Aggressionsverschiebung. <\/p><p>Daf&uuml;r brauchen sie wiederum die Medien. Sie orchestrieren diese Umlenkung der Wut. Dazu d&auml;monisieren sie die Russen, Putin, Fl&uuml;chtlinge, Minderheiten. So gelingt es, die Menschen zu spalten und gegeneinander aufzuhetzen. Das Ganze ist eine Methode der Herrschafts-Sicherung. Gleichzeitig l&auml;sst sich damit Geld verdienen und von den wahren Problemen ablenken. So bewegen wir uns hin zu einer Gesellschaft bedingter Reflexe. Heute betreiben die Mainstream-Medien das Gesch&auml;ft der Gegen-Aufkl&auml;rung.<\/p><p><strong>Der Oberb&uuml;rgermeister der Stadt Kamenz ist standhaft geblieben. Er hat sich von dem Wind im Vorfeld nicht aus der Ruhe bringen lassen. K&ouml;nnen andere Funktionstr&auml;ger, kann die &Ouml;ffentlichkeit etwas aus den Vorg&auml;ngen in Kamenz lernen? <\/strong><\/p><p>Ja, da k&ouml;nnen sich andere eine Scheibe dran abschneiden. Roland Dantz ist ein erfahrener, gestandener Mann, ein gelernter Ingenieur, der sich unter seinen B&uuml;rgern bewegt wie ein Fisch im Wasser und den so leicht nichts umwirft. Deshalb haben B&uuml;rger der Stadt Kamenz den s&auml;chsischen Ministerpr&auml;sidenten Kretzschmer in einem pers&ouml;nlichen Brief gebeten, die Amtszeit von Roland Dantz &uuml;ber die Rentengrenze hinaus zu verl&auml;ngern. F&uuml;r seine Stadt hat er viel getan, auch wenn das Geld knapp ist. Irgendwie hat er es geschafft, 3,7 Mio. Euro f&uuml;r einen Um- und Ausbau des Lessing-Museums zusammenzubekommen. Der Neubau wird auch wieder ein Lernort f&uuml;r Schulen und Universit&auml;ten sein. <\/p><p>Roland Dantz gibt ein Beispiel f&uuml;r Zivilcourage, demokratischen B&uuml;rgersinn und Verfassungs-Patriotismus. Es ist sp&uuml;rbar, dass er sich damit im Einklang mit den B&uuml;rgern befindet. Denn im Osten ist man viel sensibler als im Westen, was Bevormundung und Propaganda betrifft. Das hat man schon einmal zu SED-Zeiten gehabt und braucht man nicht nochmal. Auch deshalb war unser Abend im Stadttheater so gut besucht. Die kritische, sachliche Diskussion hat mich sehr gefreut, sie hat sich wohltuend unterschieden von der Presse- und Denunzianten-Hysterie. Deshalb komme ich gerne wieder.<\/p><p>Titelbild: wellphoto \/ Shutterstock<\/p><p><em>Lesetipps:<\/em><\/p><p><em>Patrik Baab: <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/auf-beiden-seiten-der-front.html?noloc=1\">Auf beiden Seiten der Front: Meine Reisen in die Ukraine.<\/a> Fifty-Fifty. 9. Oktober 2023. 256 Seiten. 24 Euro.<\/em><\/p><p><em>Patrik Baab: <a href=\"https:\/\/www.buchkomplizen.de\/buecher\/medien\/recherchieren.html?noloc=1\">Recherchieren &ndash; Ein Werkzeugkasten zur Kritik der herrschenden Meinung<\/a>. Westend. 28. Februar 2022. 272 Seiten. 20 Euro<\/em><br>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg02.met.vgwort.de\/na\/4be996f254824812ae4197f867316084\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;Die Mainstream-Presse arbeitet nach dem Motto: Wir liefern die Kriegspropaganda, die Ukrainer liefern die Leichen. 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Der Autor, der aufgrund seines Buches &bdquo;Auf beiden Seiten der Front &ndash; meine Reisen in die Ukraine&ldquo; massiv angegriffen wird,<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=108252\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":13,"featured_media":80225,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,126,209,123,183],"tags":[2819,2505,3041,3058,1471,1544,493,1865,408,260],"class_list":["post-108252","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-erosion-der-demokratie","category-interviews","category-kampagnentarnworteneusprech","category-medienkritik","tag-aufmerksamkeitsoekonomie","tag-baab-patrik","tag-cancel-culture","tag-diffamierung","tag-investigativer-journalismus","tag-kampagnenjournalismus","tag-mdr","tag-meinungsfreiheit","tag-soziale-herkunft","tag-ukraine"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/shutterstock_1922231618-Kopie.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/108252","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/13"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=108252"}],"version-history":[{"count":12,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/108252\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":108938,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/108252\/revisions\/108938"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/80225"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=108252"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=108252"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=108252"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}