{"id":108258,"date":"2023-12-17T12:00:44","date_gmt":"2023-12-17T11:00:44","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=108258"},"modified":"2023-12-19T02:24:16","modified_gmt":"2023-12-19T01:24:16","slug":"tacheles-reden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=108258","title":{"rendered":"Tacheles reden"},"content":{"rendered":"<p>Dem deutschen Kulturbetrieb ist angesichts des Terrors der Hamas am 7. Oktober in Israel ein unheimliches Schweigen vorgeworfen worden &ndash; man vermisse Menschlichkeit und Empathie. Unter dem Motto &bdquo;Gegen das Schweigen, gegen Antisemitismus&ldquo; hat am 27. November ein sicher gut gemeintes Solidarit&auml;tskonzert im Berliner Ensemble unter viel medialem Beifall demonstriert, was man tun muss, um sich &uuml;ber derart moralische Fragw&uuml;rdigkeit zu erheben. Man sollte aber die &uuml;brige Kulturszene nicht unwidersprochen im Zwielicht des Tadels stehen lassen. Denn das vermeintliche Schweigen ist sicher kein Schweigen aus Gleichg&uuml;ltigkeit oder gar emotionaler Distanz. Es ist eine gro&szlig;e Traurigkeit ausgebrochen, in der sich das schnelle Bescheidwissen nicht empfiehlt. Es ist ein Schweigen aus Ratlosigkeit und wohl auch aus R&uuml;cksichtnahme. Denn wer jetzt sein Schweigen bricht, muss Tacheles reden. Diesen Mut hat man auf der B&uuml;hne des Berliner Ensembles weitgehend vermisst. Von <strong>Daniela Dahn<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_3358\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-108258-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/231215-Tacheles-reden-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/231215-Tacheles-reden-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/231215-Tacheles-reden-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/231215-Tacheles-reden-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=108258-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/231215-Tacheles-reden-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"231215-Tacheles-reden-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Was derzeit im Nahen Osten und dar&uuml;ber hinaus eskaliert, ist nicht das Ergebnis von Antisemitismus, sondern von Anti-Politik. Seit &uuml;ber 70 Jahren sind Araber und Juden nicht bereit, sich dieses geschichtstr&auml;chtige Pal&auml;stina friedlich miteinander zu teilen. Und die internationale Gemeinschaft, die die Gr&uuml;ndung des Staates Israel nicht eben sensibel eingeleitet hat, ist unf&auml;hig, eine dauerhafte, tragf&auml;hige L&ouml;sung anzubieten. K&uuml;nstler und Intellektuelle haben in all den Jahren empathisch versucht, mit ihrem Verm&ouml;gen Fremdheit und Hass entgegenzutreten und stattdessen Br&uuml;cken des gegenseitigen Verst&auml;ndnisses zu bauen &ndash; auch sie stehen vor einem Tr&uuml;mmerhaufen. Aber man kann sie f&uuml;r das Scheitern nicht verantwortlich machen.<\/p><p>Die Berichte der &Uuml;berlebenden des Pogroms der Hamas im Kibbuz Kfar Aza und Umgebung sind entsetzlich, jeder Mensch mit Herz m&ouml;chte tr&ouml;stend an ihrer Seite stehen. Dennoch greift die Forderung nach bedingungsloser Solidarit&auml;t mit Israel zu kurz. Wer oder was ist Israel? Die Gesellschaft ist tief gespalten &ndash; Spalt besch&ouml;nigt noch, es besteht eine tiefe Kluft zwischen den Anh&auml;ngern der ultrarechten Regierung Netanjahu und den meist s&auml;kularen Israelis, die seit Monaten millionenfach auf der Stra&szlig;e demokratische Strukturen verteidigen wollten. Israelische K&uuml;nstler und Intellektuelle haben Kanzler Scholz im M&auml;rz dieses Jahres gebeten, den Berlin-Besuch von Benjamin Netanjahu abzusagen, weil die Einladung des Chefs der rechtesten Regierung, die Israel in seiner Geschichte je hatte, der Demokratiebewegung im Lande schade. Doch Staatsraison ging vor Demokratieverlust.<\/p><p>Angesichts des Kriegsrechts sind die Protest-Demonstranten nun auch still geworden. Was unterscheidet das Schweigen dieser uns Verb&uuml;ndeten von unserem eigenen Schweigen? Wie soll man sich erkl&auml;ren, dass ausgerechnet im von Shoa-&Uuml;berlebenden gegr&uuml;ndeten Staat mehrheitlich rechtsextrem gew&auml;hlt wurde? Dass gar Finanzminister Bezalel Smotrich, der sich selbst als &bdquo;faschistischen Homophoben&ldquo; r&uuml;hmt, vom korruptionsverd&auml;chtigen Netanjahu die Kontrolle &uuml;ber gro&szlig;e Teile der besetzten Gebiete &uuml;bertragen bekommen hat &ndash; und dort gegen&uuml;ber den Pal&auml;stinensern ein anderes Rechtssystem durchsetzt, als es f&uuml;r die benachbarten israelischen Siedler gilt. Dies hat Amnesty International oder Human Rights Watch wie auch j&uuml;dische Intellektuelle in Israel, Europa und den USA veranlasst, die Besatzung als Apartheid zu verurteilen.<\/p><p>Wie soll man die Provokation verkraften, wenn der auch f&uuml;r die besetzten Gebiete zust&auml;ndige Sicherheitsminister Itamar Ben-Gvir, einst verurteilt wegen Unterst&uuml;tzung terroristischer Vereinigungen, als &bdquo;religi&ouml;ser Faschist&ldquo; gilt &ndash; so bezeichnet von dem Politologen der Ben-Gurion-Universit&auml;t Dani Filc, der eine Erosion des moralischen Gef&uuml;ges in der israelischen Gesellschaft sieht.<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;Die jahrzehntelange Besatzung der Pal&auml;stinenser-Gebiete braucht Rassismus, um sich zu legitimieren. Das bringt gewisse Tabus zu Bruch.&ldquo;\n<\/p><\/blockquote><p>Wer jetzt beschlie&szlig;t, nicht zu schweigen, muss diese Tabus benennen. Daran mangelte es der mit gro&szlig;em Medienlob begleiteten Veranstaltung von Vertretern der Kulturszene im Berliner Ensemble. Dort wurden, soweit der Berichterstattung zu entnehmen war, das Antisemitismus-Narrativ als Erkl&auml;rung f&uuml;r die Ursache von Hass und Gewalt benutzt und der Kampf dagegen als wichtigste Voraussetzung zur Beilegung des Konfliktes beschworen. Doch der g&auml;nzlich unbrauchbare, inkoh&auml;rente Begriff des Antisemitismus verwirrt mehr, als er erkl&auml;rt. Er hebt die Debatte aus den realen Interessenlagen politischer Verfehlungen auf eine schwer zu fassende irrationale Ebene. Ich habe mich dazu unl&auml;ngst <a href=\"https:\/\/www.danieladahn.de\/im-vorwurf-des-rassismus-ueberlebt-der-rassegedanke\/\">ausf&uuml;hrlich ge&auml;u&szlig;ert<\/a>.<\/p><p>Nat&uuml;rlich ist nicht das Geringste dagegen zu sagen, sich gemeinsam wunderbare Musik wie auch gekonnt vorgetragene, weise Texte der klassischen Weltliteratur oder eigene &auml;ltere Texte anzuh&ouml;ren, die belegen, dass man schon immer auf der Seite des Guten stand. Doch das Ganze hat auch etwas von Ablasshandel. Wer nur laut genug vermeintlichen Antisemitismus beklagt, der wird &ouml;ffentlich exkulpiert und auf der richtigen Seite eingeordnet, ob im Publikum oder besser noch auf der B&uuml;hne. Und auch die n&auml;chsten geplanten Solidarit&auml;tskonzerte dieses Formates werden in vier Minuten ausverkauft sein, weil die mediale und vielleicht auch pers&ouml;nliche Schuldbefreiung so gut funktioniert.<\/p><p>F&uuml;r einen Menschen mit humanistischer Gesinnung, die ich bei allen K&uuml;nstlern und Intellektuellen voraussetze, ist es in gewisser Weise auch eine Zumutung, Selbstverst&auml;ndliches &ouml;ffentlich bekennen zu sollen, n&auml;mlich, dass man Antisemitismus verurteilt und ebenso die brutale Attacke der Hamas &ndash; dass beides auch durch Vorgeschichte nicht zu rechtfertigen ist. Was jetzt wirklich gebraucht wird, ist kein Bekenntniszwang, sondern Vorschl&auml;ge f&uuml;r Friedensl&ouml;sungen. Nur durch sie wird die Hamas ihrer Existenzgrundlage beraubt werden. Wenn derart Praktikables auch von Kulturschaffen kommt, umso besser. Ihre Hauptaufgabe ist es nicht. Sie sind auf ihre Art f&uuml;r das Menschliche zust&auml;ndig, f&uuml;r die &Uuml;berwindung von Fremdheit &ndash; die uns leider nach wie vor als aus dem Tierreich herkommend und in der Zivilisation noch nicht g&auml;nzlich Angekommene ausweist. <\/p><p>Hier muss der aus der Aufkl&auml;rung stammende Toleranzgedanke immer wieder verteidigt werden &ndash; so, wie es im Berliner Ensemble atemberaubend die gro&szlig;artige, 102-j&auml;hrige Shoa-&Uuml;berlebende Margot Friedl&auml;nder getan hat, mit einem Appell, der vorgeblichem Antisemitismus jede rationale Grundlage entzieht: &bdquo;Es gibt kein christliches, muslimisches oder j&uuml;disches Blut. Wir sind doch alle Menschen. Wir m&uuml;ssen achtsam sein. Wir m&uuml;ssen menschlich sein. Seid Menschen!&ldquo;<\/p><p>Daf&uuml;r hat sich das Solidarit&auml;tskonzert dann doch allemal gelohnt.<\/p><p><em>Dieser Beitrag wurde zuerst in <a href=\"https:\/\/www.ossietzky.net\/artikel\/tacheles-reden\/\">Ossietzky 24\/2023<\/a> ver&ouml;ffentlicht.<\/em><\/p><p><small>Titelbild: Nikita Sursin\/shutterstock.com<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dem deutschen Kulturbetrieb ist angesichts des Terrors der Hamas am 7. Oktober in Israel ein unheimliches Schweigen vorgeworfen worden &ndash; man vermisse Menschlichkeit und Empathie. Unter dem Motto &bdquo;Gegen das Schweigen, gegen Antisemitismus&ldquo; hat am 27. November ein sicher gut gemeintes Solidarit&auml;tskonzert im Berliner Ensemble unter viel medialem Beifall demonstriert, was man tun muss, um<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=108258\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":108259,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[88,107,917],"tags":[282,822,1557,1678,1878,303],"class_list":["post-108258","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-antisemitismus","category-audio-podcast","category-kultur-und-kulturpolitik","tag-buergerproteste","tag-hamas","tag-israel","tag-kuenstler","tag-naher-osten","tag-palaestina"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/231217_titel.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/108258","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=108258"}],"version-history":[{"count":10,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/108258\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":108493,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/108258\/revisions\/108493"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/108259"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=108258"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=108258"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=108258"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}