{"id":10827,"date":"2011-09-27T08:47:54","date_gmt":"2011-09-27T06:47:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=10827"},"modified":"2014-09-11T14:17:43","modified_gmt":"2014-09-11T12:17:43","slug":"die-kanzlerin-bei-gunther-jauch-regierungs-pr-und-pseudojournalismus-auf-kosten-der-gebuhrenzahler","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=10827","title":{"rendered":"Die Kanzlerin bei G\u00fcnther Jauch \u2013 Regierungs-PR und Pseudojournalismus auf Kosten der Geb\u00fchrenzahler"},"content":{"rendered":"<p>Als der CNN-Mann Peter Arnett im Jahre 1997 als erster westlicher Journalist den Terrorf&uuml;rsten Osama Bin Laden interviewen durfte, musste er zuvor seine <a href=\"http:\/\/www.anusha.com\/osamaint.htm\">Fragen<\/a> schriftlich vorlegen. Um unangenehme Nachfragen zu verhindern, sorgte bin Ladens PR-Abteilung daf&uuml;r, dass w&auml;hrend des gesamten Interviews kein Dolmetscher vor Ort war. So kam es, dass Arnett das Interview seines Lebens f&uuml;hrte, ohne zu verstehen, was sein Gegen&uuml;ber sagte und ohne dass er in der Lage gewesen w&auml;re, an interessanten Punkten nachzuhaken. Da hatte es G&uuml;nther Jauch an diesem Sonntag mit Angela Merkel schon bedeutend einfacher, immerhin sprechen sie beide die gleiche Sprache. Dennoch machte Jauch von seinem Recht, Nachfragen zu stellen und an interessanten und kontroversen Punkten nachzuhaken, keinen Gebrauch. Jauch f&uuml;hlte sich offensichtlich wie Arnett gebauchpinselt, dass er ein 60-min&uuml;tiges Exklusivinterview mit einer Person f&uuml;hren durfte, die ansonsten keine Exklusivinterviews gibt. So verkam die Sendung zu einer faden PR-Veranstaltung f&uuml;r die Bundeskanzlerin und markierte dabei einen neuen Tiefpunkt im &ouml;ffentlich-rechtlichen Reigen der journalistischen Minderleistungen. Von Jens Berger<br>\n<!--more--><\/p><blockquote><p>Diese Politfiguren d&uuml;rfen dann in den &ouml;ffentlich-rechtlichen Bed&uuml;rfnisanstalten bei den Klofrauen Christiansen und Illner ihre Sprechblasen entleeren. Und wenn bei der intellektuellen Notdurft noch was nachtr&ouml;pfelt, dann k&ouml;nnen sie sich bei Beckmann und Kerner an der emotionalen Pissrinne unter das Volk mischen.<br>\nGeorg Schramm<\/p><\/blockquote><p><strong>PR beim Gr&uuml;&szlig;august<\/strong><\/p><p>Wenn sich die Kanzlerin dazu entschlie&szlig;t, eine Talk-Show durch ihre exklusive Anwesenheit zu adeln, verbindet sie dies stets mit einem ganz konkreten Ziel. Ihre beiden letzten Exklusivauftritte bei Anne Will und Maybrit Illner liegen nun bereits zwei Jahre zur&uuml;ck und waren fester Bestandteil in Merkels PR-Offensive im Superwahljahr 2009. Dass Will und Illner nicht &uuml;ber h&ouml;fliche Belanglosigkeiten und artig vorgelesene Steilvorlagen f&uuml;r die Wahlk&auml;mpferin hinauskamen, konnte damals wie heute Kenner der Materie nicht wirklich &uuml;berraschen. Die gro&szlig;en Abendtalkshows der &ouml;ffentlich-rechtlichen Sendeanstalten zeichnen sich seit jeher durch ihre bedingungslose Kritiklosigkeit an den M&auml;chtigen aus und ihre k&auml;rtchenhaltenden Impresarios gefallen sich offenbar gut in der Rolle des netten Gr&uuml;&szlig;augusts. <\/p><p>Die Zeiten eines G&uuml;nther Gaus sind wohl ein f&uuml;r alle male vorbei. Die &ouml;ffentlich-rechtlichen Chefplaner trauen es ihren Zuschauern wohl ganz einfach nicht mehr zu, um die Ecke zu denken. Als bekannt wurde, dass G&uuml;nther Jauch k&uuml;nftig den Premium-Sendeplatz hinter dem Tatort mit seinem eigenen &bdquo;Polit-Talk&ldquo; ausf&uuml;llen darf, war bereits klar, dass er es binnen k&uuml;rzester Zeit schaffen w&uuml;rde, der angeschlagenen Branche den intellektuellen Fangschuss zu geben. G&uuml;nther Jauch ist zweifelsohne sehr beliebt &ndash; er ist Umfragen zufolge der glaubw&uuml;rdigste Werbetr&auml;ger und er versteht es ebenfalls, mit Belanglosigkeiten traumhafte Einschaltquoten zu erzielen. Als ernsthafter Journalist ist G&uuml;nther Jauch bis dato jedoch noch nicht auff&auml;llig geworden. Aber vielleicht qualifiziert ihn ja gerade das f&uuml;r die Prime Time in der geb&uuml;hrenfinanzierten ARD. Schlie&szlig;lich ist diese Form von Pseudojournalismus ein optimales Umfeld f&uuml;r Meinungsmache jeglicher Couleur. <\/p><p><strong>Verteilte Rollen in der Interview-Simulation<\/strong><\/p><p>Da mag es kaum verwundern, dass sogar Jauchs Exklusivinterview mit der Kanzlerin zu einer Plattform der Meinungsmache wurde. So kamen beispielswiese in den Einspielfilmchen zur Eurokrise ausschlie&szlig;lich aktenkundige Hardliner wie Hans-Werner Sinn und Jens Weidmann zu Wort &ndash; gerade so als seien sie das Gesicht zur Kritik an Merkels Kurs w&auml;hrend der Eurokrise. So kam es, dass w&auml;hrend der gesamten 60 Minuten Sendezeit nicht eine einzige &ouml;konomisch sinnvolle Frage gestellt wurde &ndash; auch das ist sicherlich rekordverd&auml;chtig. Die gesamte Sendung verfolgte vielmehr ein Konzept, das vage Erinnerungen an das &bdquo;Guter-Bulle-B&ouml;ser-Bulle-Spiel&ldquo; aus Kriminalfilmen weckt. G&uuml;nther Jauch &uuml;bernahm dabei dankbar die Rolle von Euroskeptikern wie Hans-Werner Sinn und konfrontierte die Kanzlerin mit halbgaren Dummheiten, die diese dann nonchalant und staatsm&auml;nnisch wegwischen konnte. Wie ein Schulbube freute sich Jauch, wenn er seiner Kanzlerin eine Steilvorlage nach der anderen geben konnte. &Uuml;ber die Rolle eines Stichwortgebers kam er dabei freilich nie hinaus. <\/p><p>So konnte Angela Merkel ungestraft ihr volkswirtschaftliches Halbwissen zum Besten geben und ihre M&auml;hr von der Schw&auml;bischen Hausfrau in die K&ouml;pfe des applaudierenden Publikums trichtern. Wer hat Schuld an der Eurokrise? Na klar, die &bdquo;langj&auml;hrige Verschuldung&ldquo;, denn &bdquo;wir haben ja &uuml;ber unsere Verh&auml;ltnisse gelebt&ldquo;. Das Publikum goutierte solche Dummheiten mit tobendem Applaus und Gr&uuml;&szlig;august Jauch kam im Traum nicht auf Idee, an dieser Stelle einmal nachzuhaken und zu fragen, wie denn eine Volkswirtschaft, die Jahr f&uuml;r Jahr aufgrund der niedrigen Lohnst&uuml;ckkosten neue Exportrekorde aufstellt, &uuml;berhaupt &uuml;ber ihre Verh&auml;ltnisse leben kann. Auch als die Kanzlerin sich &ndash; ohne Not &ndash; in die komplett wahrheitswidrige Aussage versteifte, dass &bdquo;die Deutschen seit den 60ern mehr ausgeben, als sie einnehmen&ldquo;, schaute Jauch seine Interviewpartnerin nur mit gro&szlig;en Augen an und sparte sich jedes kritische Nachhaken. Dabei h&auml;tte man an dieser Stelle die Kanzlerin <a href=\"http:\/\/www.bundesbank.de\/statistik\/statistik_zeitreihen.php?lang=de&amp;open=aussenwirtschaft&amp;func=list&amp;tr=www_s201_b01\">ohne gro&szlig;en Aufwand<\/a> und ohne gro&szlig;e journalistische Finesse der L&uuml;ge &uuml;berf&uuml;hren k&ouml;nnen. Wer jedoch von vornherein gar nicht vorhat, kritische Fragen zu stellen, muss nat&uuml;rlich auch an dieser Stelle schweigen.<\/p><p><strong>Tosender Applaus f&uuml;r grandiose Dummheiten<\/strong><\/p><p>Wes&acute; Geistes Kind G&uuml;nther Jauch ist, bewies er dann, als er Merkels parteiinterne Kritiker mit den wenigen SPD-Politikern verglich, die Widerstand gegen Schr&ouml;ders Agendapolitik anmeldeten &ndash; die (O-Ton G&uuml;nther Jauch) ja a) richtig und b) notwendig war. F&uuml;r solche Aussagen wurde Jauch nicht nur mit dem L&auml;cheln der Kanzlerin, sondern auch mit dem tosenden Applaus des Publikums im Berliner Gasometer belohnt. An dieser Stelle muss auch die Frage gestellt werden, nach welchen Kriterien die ARD das Studiopublikum eigentlich aussucht &ndash; ein kritischer Geist geh&ouml;rt sicherlich nicht dazu. (Anmerkung AM: Das Publikum k&ouml;nnen die Produzenten solcher Sendungen bei Agenturen bestellen.)<\/p><p>Ansonsten gl&auml;nzte G&uuml;nther Jauch &uuml;ber die kompletten 60 Minuten Sendezeit durch seine bedingungslose Arbeitsverweigerung. Sogar als er den einzigen lichten Moment in der Sendung hatte und Merkel fragte &bdquo;wohin denn eigentlich das Geld aus der Griechenlandrettung flie&szlig;t&ldquo;, gab er sich mit den nichtssagenden Worth&uuml;lsen und Ausfl&uuml;chten zufrieden. Unfreiwillige Komik kam dann sp&auml;ter auf, als Angela Merkel sich auch noch damit br&uuml;stete, Griechenland nicht sofort geholfen zu haben. Nicht wenige Beobachter sind der <a href=\"http:\/\/www.fr-online.de\/meinung\/leitartikel-zu-angela-merkel-abstimmung-ueber-das-gestern,1472602,10902980.html\">festen &Uuml;berzeugung<\/a>, dass Merkels damaliges Lavieren der eigentliche Ausl&ouml;ser f&uuml;r die Entwicklungen war, die heute mit dem Begriff Eurokrise umschrieben werden. Anstatt gezielter Nachfragen gab es bei Jauch jedoch nur Applaus vom Publikum und das dumme Schulbubengesicht des Interviewers. Nicht nur an dieser Stelle w&auml;re man als kritischer Zuschauer am liebsten in das Fernsehger&auml;t gesprungen und h&auml;tte dem Journalistendarsteller Jauch das Mikrophon aus der Hand gerissen, um seine eigenen Fragen zu stellen.<\/p><p>Interessanter als das, was in den 60 Minuten gefragt und gesagt wurde, war jedoch, was nicht gefragt und gesagt wurde. W&auml;hrend der ganzen Sendung kam die Sprache nie auf Wettbewerbsunterschiede, auf Zinskosten, auf die Gewinne des Finanzsektors oder gar auf Eurobonds. Stattdessen verschanzten sich der Interviewer und die Interviewte hinter belanglosen Allgemeinpl&auml;tzen, die einzig und allen den Zweck verfolgten, die Kanzlerin gut dastehen zu lassen.<\/p><p>H&auml;tte dieses Interview auf einer Veranstaltung der Deutschen Bank stattgefunden, w&auml;re Kritik wohl fehl am Platz &ndash; vom Kunden bezahlte PR-Veranstaltungen, auf denen Journalistendarsteller die Rolle des pseudokritischen Stichwortgebers &uuml;bernehmen, entziehen sich der strengen Kritik. Wer die Kapelle zahlt, bestimmt, welche Musik gespielt wird. <\/p><p>F&uuml;r jede Minute(!) von Merkels PR-Veranstaltung in der ARD kassiert G&uuml;nther Jauch jedoch vom Geb&uuml;hrenzahler stattliche 4.487 Euro. Mit kritischem Journalismus l&auml;sst sich freilich nicht so viel Geld verdienen. Abschlie&szlig;end muss jedoch die Frage gestattet sein, warum der Geb&uuml;hrenzahler mit seinem Geld ma&szlig;los &uuml;berteuerte Regierungs-PR im pseudojournalistischen Gewand finanziert? Sendungen wie &bdquo;G&uuml;nther Jauch&ldquo; passen eigentlich eher in zentralasiatische Despotien. Das Gebot der &bdquo;Staatsferne&ldquo; ist im deutschen &ouml;ffentlich-rechtlichen Rundfunkt wohl nur noch ein schaler Witz.<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/99becd6d7aa54218b4d4bcee9213fe7d\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als der CNN-Mann Peter Arnett im Jahre 1997 als erster westlicher Journalist den Terrorf&uuml;rsten Osama Bin Laden interviewen durfte, musste er zuvor seine <a href=\"http:\/\/www.anusha.com\/osamaint.htm\">Fragen<\/a> schriftlich vorlegen. Um unangenehme Nachfragen zu verhindern, sorgte bin Ladens PR-Abteilung daf&uuml;r, dass w&auml;hrend des gesamten Interviews kein Dolmetscher vor Ort war. 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