{"id":108298,"date":"2023-12-17T14:00:50","date_gmt":"2023-12-17T13:00:50","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=108298"},"modified":"2023-12-18T08:50:39","modified_gmt":"2023-12-18T07:50:39","slug":"gemeinsam-fuer-den-frieden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=108298","title":{"rendered":"\u201eGemeinsam f\u00fcr den Frieden\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Die Resolution 377 A(V) der UN-Vollversammlung (UNGA) <a href=\"https:\/\/legal.un.org\/avl\/ha\/ufp\/ufp.html\">besagt<\/a>, dass alle UN-Mitgliedsstaaten innerhalb von 24 Stunden zu einer &bdquo;dringenden Sondersitzung&ldquo; einberufen werden k&ouml;nnen, &bdquo;wenn der Sicherheitsrat wegen fehlender Einstimmigkeit der st&auml;ndigen Mitglieder seine Hauptverantwortung f&uuml;r die Wahrung des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit in einem Fall nicht wahrnimmt, in dem eine Bedrohung des Friedens, ein Friedensbruch oder eine Angriffshandlung vorzuliegen scheint (&hellip;.)&ldquo;. Die Resolution tr&auml;gt den Titel &bdquo;Gemeinsam f&uuml;r den Frieden&ldquo; und wurde erstmals am 3. November 1950 angenommen. Damals ging es um den Korea-Krieg. Seit Israel den pal&auml;stinensischen Gazastreifen mit einem verheerenden Krieg &uuml;berzieht, haben arabische und islamische Staaten mit Unterst&uuml;tzung von China, Russland und zahlreichen Staaten weltweit versucht, einen Waffenstillstand zu erreichen. Eine Delegation arabischer und islamischer Staaten war tagelang durch die Hauptst&auml;dte der Staaten gereist, die im UN-Sicherheitsrat vertreten sind. Ihre Initiative, ein Resolutionsentwurf, sollte von der UN-Vollversammlung angenommen werden, wie der pal&auml;stinensische Botschafter bei den Vereinten Nationen Riyad Mansour am Dienstagmorgen (12. Dezember 2023) im Kreis der beteiligten Diplomaten in New York (Ortszeit) vor Journalisten mitteilte. Erneut sollte die UN-Vollversammlung schaffen, was der UN-Sicherheitsrat nicht zustande brachte. Dieses Mal ging es um Gaza. Von<strong> Karin Leukefeld<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<em><strong>UNGA-Resolution 377<\/strong><\/em><\/p><p><em>&ldquo;beschlie&szlig;t, dass, wenn der Sicherheitsrat wegen fehlender Einstimmigkeit der st&auml;ndigen Mitglieder seine Hauptverantwortung f&uuml;r die Wahrung des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit in einem Fall nicht wahrnimmt, in dem eine Bedrohung des Friedens, ein Friedensbruch oder eine Angriffshandlung vorzuliegen scheint, die Generalversammlung die Angelegenheit unverz&uuml;glich pr&uuml;ft, um den Mitgliedern geeignete Empfehlungen f&uuml;r kollektive Ma&szlig;nahmen zu geben, die im Falle eines Friedensbruchs oder einer Angriffshandlung erforderlichenfalls auch den Einsatz von Waffengewalt einschlie&szlig;en, um den Weltfrieden und die internationale Sicherheit zu wahren oder wiederherzustellen. Wenn die Generalversammlung zu diesem Zeitpunkt nicht tagt, kann sie innerhalb von vierundzwanzig Stunden nach Antragstellung zu einer Notsondersitzung zusammentreten. Eine solche Dringlichkeitssondersitzung ist einzuberufen, wenn der Sicherheitsrat dies mit den Stimmen von sieben Mitgliedern oder mit der Mehrheit der Mitglieder der Vereinten Nationen beantragt.&rdquo;<\/em><\/p><p>Als Reaktion auf die beispiellose milit&auml;rische Operation von Einheiten der Qassam-Brigaden (Hamas) und anderer bewaffneter Gruppen am 7. Oktober 2023, bei der nach israelischen Angaben 1.200 Israelis get&ouml;tet und mehr als 200 als Geiseln in den Gazastreifen gebracht worden waren, begann Israel mit einer massiven Bombardierung des dicht besiedelten, seit 2007 von Israel komplett abgeriegelten Gazastreifens, wo 2,3 Millionen Menschen auf engstem Raum leben. Durch intensive Verhandlungen konnte Ende November eine Feuerpause erreicht werden. In dieser Zeit wurden Hilfsg&uuml;ter in den Gazastreifen gebracht und rund 100 der israelischen Geiseln freigelassen. Im Gegenzug lie&szlig; Israel rund 300 pal&auml;stinensische Gefangene frei. Auf beiden Seiten handelte es sich um Frauen und Kinder.<\/p><p>Trotz intensiver Bem&uuml;hungen, die Waffenpause zu verl&auml;ngern und in einen Waffenstillstand mit Verhandlungen zu verl&auml;ngern, begannen die K&auml;mpfe am 1. Dezember erneut. Die Zahl der Toten auf pal&auml;stinensischer Seite ist nach Angaben des Gesundheitsministeriums in Gaza auf mehr als 18.600 gestiegen, darunter mehr als 8.600 Kinder und mehr als 4.400 Frauen. Tausende Menschen sind unter den Tr&uuml;mmern zerst&ouml;rter H&auml;user versch&uuml;ttet. Die israelische Armee gab die Zahl der get&ouml;teten israelischen Soldaten und Offiziere mit 115 an (Stand 13. Dezember 2023, <em>Times of Israel<\/em>).<\/p><p>Aufgrund der katastrophalen humanit&auml;ren Lage <a href=\"https:\/\/www.justsecurity.org\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/un-secretary-general-article-99-letter_of_6_december_gaza.pdf\">wandte sich<\/a> UN-Generalsekret&auml;r Antonio Guterres am 6. Dezember schriftlich an den UN-Sicherheitsrat und forderte eine dringende Entscheidung f&uuml;r einen humanit&auml;ren Waffenstillstand des Gremiums.<\/p><p>Er warnte vor dem &bdquo;Kollaps des humanit&auml;ren Hilfssystems&ldquo; im Gazastreifen, das wie die Pal&auml;stinenser selbst den Bombardierungen ausgesetzt sei. Schulen der UNRWA, in denen fliehende Menschen Schutz gesucht h&auml;tten, w&uuml;rden bombardiert, so Guterres, 130 UNRWA-Mitarbeiter seien &ndash; teilweise mit ihren Familien &ndash; get&ouml;tet worden. &bdquo;Die internationale Gemeinschaft hat eine Verantwortung, alles zu tun, um eine weitere Eskalation zu vermeiden und diese Krise zu beenden&ldquo;, hie&szlig; es in dem <a href=\"https:\/\/news.un.org\/en\/story\/2023\/12\/1144447\">Brief<\/a>. &bdquo;Ich fordere die Mitglieder des Sicherheitsrates dringend auf, eine humanit&auml;re Katastrophe abzuwenden. Ich wiederhole meinen Appell, einen humanit&auml;ren Waffenstillstand auszurufen. Dies ist dringend notwendig. Die Zivilbev&ouml;lkerung muss vor gr&ouml;&szlig;erem Schaden bewahrt werden. Mit einem humanit&auml;ren Waffenstillstand k&ouml;nnen die &Uuml;berlebensgrundlagen wiederhergestellt und humanit&auml;re Hilfe sicher und rechtzeitig im gesamten Gazastreifen bereitgestellt werden.&ldquo;<\/p><p>Der israelische Botschafter Gilad Menashe Erdan antwortete per X (ehemals Twitter). Er warf Guterres &bdquo;moralische Verformung&ldquo; vor (englisch: distortion) und, dass er gegen&uuml;ber Israel &bdquo;Vorurteile&ldquo; habe. Der Aufruf des Generalsekret&auml;rs zu einem Waffenstillstand sei tats&auml;chlich &bdquo;der Aufruf, dass die Terror-Herrschaft der Hamas erhalten&ldquo; bleibe. Guterres &bdquo;handele entsprechend dem Drehbuch der Hamas&ldquo;. Erdan wiederholte seine Forderung, dass Guterres als UN-Generalsekret&auml;r zur&uuml;cktreten m&uuml;sse.<\/p><p>Ganz anders reagierten &bdquo;The Elders&ldquo;, ehemalige Staatschefs aus aller Welt, die sich dem Frieden verschrieben haben. Sie riefen die internationalen politischen F&uuml;hrer der Welt auf, &bdquo;jetzt zu handeln, um Grausamkeiten zu verhindern und Straflosigkeit zu beenden.&rdquo; Daf&uuml;r m&uuml;sse die milit&auml;rische Unterst&uuml;tzung an Israel &uuml;berpr&uuml;ft werden, hie&szlig; es in einer Erkl&auml;rung der Gruppe. Zuk&uuml;nftige Waffenlieferungen an Israel m&uuml;ssten mit Bedingungen verkn&uuml;pft werden.<\/p><p>Die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) legten als Antwort auf den Guterres-Brief im Auftrag der arabischen und islamischen L&auml;nder einen Resolutionsentwurf vor, der von vielen anderen Staaten weltweit unterst&uuml;tzt wurde. Am 8. Dezember kam der UN-Sicherheitsrat zusammen, um dar&uuml;ber zu beraten. Trotz 13 Ja-Stimmen und einer Enthaltung (Gro&szlig;britannien) <a href=\"https:\/\/press.un.org\/en\/2023\/sc15519.doc.htm#:~:text=The%20Security%20Council%20today%20failed,Press%20Release%20SC%2F15518\">wurde<\/a> die vorgelegte Resolution nicht angenommen. Die USA hatten ihr Veto eingelegt.<\/p><p>Die UN-Vollversammlung sollte erneut schaffen, wozu der UN-Sicherheitsrat nicht f&auml;hig gewesen war, und einen sofortigen humanit&auml;ren Waffenstillstand f&uuml;r Gaza fordern. Der Pr&auml;sident der UN-Vollversammlung unterst&uuml;tzte die Initiative, die Versammlung wurde f&uuml;r Dienstagnachmittag (12. Dezember 2023) um 15:00 Uhr (New York Ortszeit) einberufen.<\/p><p>Bereits am 26. Oktober hatte die UN-Vollversammlung sich mit der Lage in Gaza befasst. Jordanien hatte einen <a href=\"https:\/\/news.un.org\/en\/story\/2023\/10\/1142847\">Resolutionsentwurf<\/a> f&uuml;r eine sofortige humanit&auml;re Waffenpause vorgelegt, der mit 121 Stimmen angenommen worden war. 14 Staaten stimmten gegen die Resolution, 44 Staaten enthielten sich.<\/p><p>Dieses Mal, so Mansour am 12. Dezember 2023, sei man sich sicher, eine noch gr&ouml;&szlig;ere Mehrheit der Stimmen der UN-Mitgliedsstaaten f&uuml;r die Resolution zu erhalten. Im &Uuml;brigen werde man nicht zulassen, dass der Ruf nach einem &bdquo;humanit&auml;ren Waffenstillstand&ldquo; mit geplanten Erg&auml;nzungen politisiert werde, so Mansour. Antr&auml;ge auf Ver&auml;nderungen des knappen Textes weise man zur&uuml;ck.<\/p><p>Eine Delegation der arabischen und islamischen Staaten war seit Wochen unterwegs, um Unterst&uuml;tzung f&uuml;r einen sofortigen Waffenstillstand in Gaza zu sammeln. Sie besuchte die UN-Vetom&auml;chte China, Russland, Frankreich, Gro&szlig;britannien und die USA. Am Sitz der Vereinten Nationen ging das Werben f&uuml;r den Waffenstillstand weiter. Am Tag der UN-Vollversammlung (12. Dezember 2023) hatten sich 100 Staaten f&uuml;r die Resolution ausgesprochen. Zuletzt erkl&auml;rten auch Australien, Kanada und Neuseeland ihre Zustimmung.<\/p><p>Der von Algerien, Bahrain, Komoren, Djibouti, &Auml;gypten, Irak, Jordanien, Kuwait, Libanon, Libyen, Mauretanien, Marokko, Oman, Katar, Saudi-Arabien, Somalia, Sudan, Tunesien, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Jemen und dem Staat Pal&auml;stina vorgelegte Resolutionsentwurf trug den Titel &bdquo;Illegales Handeln Israels im besetzten Ostjerusalem und allen besetzten pal&auml;stinensischen Territorien&ldquo;. Ziel waren der &bdquo;Schutz der Zivilbev&ouml;lkerung und die Einhaltung rechtlicher und humanit&auml;rer Verpflichtungen&ldquo;.<\/p><p>Die Resolution bezog sich u.a. auf den Brief des UN-Generalsekret&auml;rs vom 6. Dezember 2023, in dem er gem&auml;&szlig; Artikel 99 der UN-Charta den UN-Sicherheitsrat aufgefordert hatte, sofort einen humanit&auml;ren Waffenstillstand f&uuml;r den Gazastreifen zu beschlie&szlig;en.<\/p><p>Der Text verwies auf die &bdquo;katastrophale humanit&auml;re Situation im Gazastreifen und forderte: 1. einen sofortigen humanit&auml;ren Waffenstillstand; 2. Einhaltung des humanit&auml;ren Rechts und insbesondere den Schutz der Zivilbev&ouml;lkerung durch alle Parteien; 3. sofortige und bedingungslose Freilassung aller Geiseln; 4. die Vertagung der dringenden Sondersitzung und die Autorisierung des Pr&auml;sidenten der UN-Vollversammlung, das Gremium erneut einzuberufen, sollten Mitgliedsstaaten das fordern.<\/p><p>Die <a href=\"https:\/\/news.un.org\/en\/story\/2023\/12\/1144717\">Abstimmung<\/a> am Dienstag in der UN-Vollversammlung war eindeutig: 153 Staaten stimmten f&uuml;r die Resolution und einen sofortigen humanit&auml;ren Waffenstillstand. Zehn Staaten stimmten dagegen, darunter Israel und die USA, und 23 Staaten enthielten sich der Stimme, darunter Deutschland. Zusatzformulierungen von den USA und &Ouml;sterreich wurden nicht angenommen.<\/p><p>Wie bereits bei der Sitzung des UN-Sicherheitsrates am 8. Dezember 2023 warf der israelische UN-Botschafter der UNO und insbesondere dem UN-Generalsekret&auml;r vor, dem Drehbuch der Hamas zu folgen. Ein Waffenstillstand werde der Hamas helfen. Wer die Resolution unterst&uuml;tzt habe, folge einer &bdquo;satanischen Agenda&ldquo; der Hamas, erkl&auml;rte der israelische Botschafter Gilad Menashe Erdan. Israels Au&szlig;enminister Eli Cohen sagte, der Krieg gegen die Hamas werde &bdquo;mit oder ohne internationale Unterst&uuml;tzung&ldquo; fortgesetzt. In einer Videobotschaft unterstrich Israels Premierminister Benjamin Netanjahu, der Krieg werde bis zum Ende weitergehen: &bdquo;Nichts wird uns stoppen.&ldquo;<\/p><p>Die Hamas begr&uuml;&szlig;te die Entscheidung der UN-Vollversammlung.<\/p><p><strong>Israel Pal&auml;stina &ndash; Der Krieg geht weiter<\/strong><\/p><p>Zwei Monate dauert der Krieg der israelischen Armee gegen die Pal&auml;stinenser im Gazastreifen. W&auml;hrend Waffen- und Munitionslieferungen aus den USA, Gro&szlig;britannien, Deutschland, Holland und anderen NATO-Staaten an die israelische Armee nicht aufh&ouml;ren, ist menschliches Leben unter dem Bombenteppich nahezu unm&ouml;glich geworden. Die Zahl der Toten steigt, unbekannte Tote liegen unter Tr&uuml;mmern, weil sie nicht geborgen werden k&ouml;nnen. Massengr&auml;ber, grauenhafte Szenen in ganz oder teilweise zerst&ouml;rten Kliniken und Schulgeb&auml;uden, die von der k&uuml;nstlichen Intelligenz &bdquo;The Gospel&ldquo;, mit der die israelische Armee k&auml;mpft, als &bdquo;Ziele&ldquo; markiert wurden.<\/p><p>Am 6. Dezember <a href=\"https:\/\/www.aljazeera.com\/program\/newsfeed\/2023\/12\/6\/family-of-al-jazeera-arabic-correspondent-killed-in-israeli-attack\">berichtete der Nachrichtensender <em>Al Jazeera<\/em><\/a>, dass erneut die Familie eines seiner Korrespondenten im Gazastreifen bei einem israelischen Luftangriff get&ouml;tet worden sei. 22 Angeh&ouml;rige von Moamen Al Sharafi, darunter seine Eltern, seine Geschwister und deren Kinder, wurden get&ouml;tet, als die israelische Luftwaffe um 4:00 Uhr morgens das Haus im Fl&uuml;chtlingslager Jabalia zerst&ouml;rte, in dem die Familie Zuflucht gesucht hatte. Sie waren dort nur wenige Stunden vor der Bombardierung eingetroffen.<\/p><p><strong>Was ist der Wechselkurs f&uuml;r einen Israeli?<\/strong><\/p><p>Wie viele tote Pal&auml;stinenser braucht Israel, um den Durst nach Rache nach dem Angriff der Qassam-Brigaden am 7. Oktober 2023 mit 1.200 Toten gestillt zu haben? Bassem Youssef, ein &auml;gyptischer Fernsehsatiriker, fragte in einem Interview mit dem britischen Fernsehmoderator Piers Morgan in dessen Fernsehsendung <em>Unzensiert<\/em>, wie hoch der aktuelle &bdquo;Wechselkurs&ldquo; f&uuml;r einen Israeli sei. 2014 seien 27 Pal&auml;stinenser pro Israeli get&ouml;tet worden, so Youssef. 2018 seien es 300 Pal&auml;stinenser pro Israeli gewesen, so der Satiriker. &bdquo;Was ist der Wechselkurs f&uuml;r ein Menschenleben?&ldquo;<\/p><p>F&uuml;r die Freilassung des israelischen Soldaten Gilad Shalit 2011 nach f&uuml;nf Jahren Gefangenschaft bei der Hamas waren im Gegenzug 1.027 pal&auml;stinensische Gefangene freigekommen. Wie hoch also wird der Preis sein, den die Pal&auml;stinenser dieses Mal zu zahlen haben? Mit ihrem und ihrer Kinder Leben, mit der Zerst&ouml;rung ihrer Gesundheit, ihrer H&auml;user, Wohnungen, G&auml;rten, Felder, Schulen, Moscheen &ndash; mit ihren Lebensgrundlagen? Wird die Tr&uuml;mmerw&uuml;ste, die bereits jetzt weite Teile des Gazastreifens bedeckt, das sein, was Israel unter &bdquo;Frieden&ldquo; versteht?<\/p><p>Tacitus, einer der wichtigsten r&ouml;mischen Historiker (56-120 AD), zitierte einst den schottischen F&uuml;rsten Calgacus, der den Widerstand gegen die r&ouml;mische Herrschaft anf&uuml;hrte. Demnach habe Calgacus &uuml;ber die R&ouml;mer gesagt: &bdquo;Sie schaffen eine W&uuml;ste und nennen das Frieden.&ldquo; Ob Israel wohl dem Vorbild der R&ouml;mer folge, fragte der Kolumnist Fintan O&rsquo;Toole in <em>The Irish Times<\/em>. Israel t&ouml;te Tausende Zivilisten aus Gaza und erkl&auml;re dann &bdquo;Frieden in einem blutdurchtr&auml;nkten &Ouml;dland aus Tr&uuml;mmern und Staub.&ldquo;<\/p><p><strong>Bombenteppich auf Gaza<\/strong><\/p><p>Am 6. Dezember teilte die israelische Armee mit, dass sie seit dem 7. Oktober 10.000 Luftangriffe gegen den Gazastreifen geflogen habe. Das Menschenrechtsb&uuml;ro der Vereinten Nationen erkl&auml;rte, das bedeute einen Luftangriff pro 220 Pal&auml;stinenser in dem K&uuml;stenstreifen. Angesichts dieses &bdquo;Trommelfeuers auf Wohn- und andere zivile Infrastruktur&ldquo; m&uuml;sse man fragen, ob Israel sich an das internationale humanit&auml;re Recht halte? 1,9 der 2,2 Millionen Pal&auml;stinenser im Gazastreifen <a href=\"https:\/\/reliefweb.int\/report\/occupied-palestinian-territory\/un-human-rights-office-opt-israeli-forces-are-inflicting-heavy-and-intense-bombardments?utm_source=rw-subscriptions&amp;utm_medium=email&amp;utm_campaign=country_updates_180\">seien gezwungen worden<\/a>, in den S&uuml;den zu fliehen, nach Khan Younis und Rafah, so das UN-B&uuml;ro. &bdquo;Nun werden sie &ndash; zusammen mit den Einwohnern aus Khan Younis &ndash; immer weiter in immer kleinere Gebiete bei Rafah verjagt &bdquo;ohne sanit&auml;re Anlagen, ohne Nahrungsmittel, ohne Wasser, ohne sichere Unterk&uuml;nfte oder Gesundheitsversorgung.&ldquo;<\/p><p>Israel sieht sich im Recht bei diesem Krieg gegen &bdquo;menschliche Tiere&ldquo;, wie es der israelische Verteidigungsminister Yoav Gallant <a href=\"https:\/\/www.juedische-allgemeine.de\/israel\/gazastreifen-abgeriegelt-alle-lieferungen-eingestellt\/\">formulierte<\/a>. Man k&auml;mpfe gegen den &bdquo;IS in Gaza&ldquo;, der K&uuml;stenstreifen werde nie wieder so sein, wie er mal gewesen sei. &bdquo;Wir werden alles eliminieren. Wenn es nicht an einem Tag geschieht, dann in einer Woche oder auch in Monaten. Wir werden jeden Ort erreichen.&ldquo;<\/p><p>Hamas werde vernichtet, <a href=\"https:\/\/www.zdf.de\/nachrichten\/politik\/ausland\/netanjahu-gazastreifen-israel-entmilitarisierung-entnazifizierung-100.html\">so auch Ministerpr&auml;sident Benjamin Netanyahu<\/a>, das sei Israel seiner Bev&ouml;lkerung schuldig. Hamas &bdquo;auszurotten&ldquo; sei nicht genug, man werde Gaza &bdquo;entmilitarisieren&ldquo; und &bdquo;entradikalisieren&ldquo; m&uuml;ssen, erkl&auml;rte Netanyahu deutschen Journalisten in Tel Aviv &ndash; so, wie Deutschland nach dem Krieg entnazifiziert worden sei.<\/p><p>Der deutsche Bundeskanzler Olaf Scholz <a href=\"https:\/\/www.juedische-allgemeine.de\/israel\/scholz-kein-zweifel-an-einhaltung-des-voelkerrechts-durch-israel\/\">zeigte<\/a> sich beim EU-Gipfel Ende Oktober &uuml;berzeugt, dass &bdquo;Israel ein demokratischer Staat&ldquo; sei, der von &bdquo;humanit&auml;ren Prinzipien&ldquo; geleitet werde. Israel f&uuml;hre einen &bdquo;Verteidigungskrieg&ldquo;, und man k&ouml;nne &bdquo;sicher sein, dass die israelische Armee auch bei dem, was sie macht, die Regeln beachten wird, die sich aus dem V&ouml;lkerrecht ergeben. Da habe ich keinen Zweifel.&rdquo;<\/p><p><strong>OCHA-Situationsbericht Gaza<\/strong><\/p><p>Blickt man in den Gazastreifen und h&ouml;rt den Menschen dort zu, entsteht ein anderes Bild. Das UN-B&uuml;ro f&uuml;r die Koordination der humanit&auml;ren Hilfe (OCHA) ver&ouml;ffentlichte am 8. Dezember seinen fast <a href=\"https:\/\/reliefweb.int\/report\/occupied-palestinian-territory\/hostilities-gaza-strip-and-israel-flash-update-63-enarhe?utm_source=rw-subscriptions&amp;utm_medium=email&amp;utm_campaign=country_updates_180\">t&auml;glichen Situationsbericht<\/a> &uuml;ber Gaza. Am 7.\/8. Dezember seien mindestens 310 Pal&auml;stinenser (bei israelischen Angriffen) get&ouml;tet worden. Vier israelische Soldaten seien ums Leben gekommen. Die bewaffneten Gruppen in Gaza h&auml;tten Raketen auf Israel abgeschossen. Zehntausende Pal&auml;stinenser seien in den S&uuml;den geflohen, viele der Menschen seien zum zweiten oder dritten Mal geflohen. Der Leiter der UNRWA-Hilfsoperationen erkl&auml;rte, die pal&auml;stinensischen Mitarbeiter w&uuml;rden beschimpft, die Konvois gepl&uuml;ndert, die LKW mit Steinen beworfen. Auch im besetzten Westjordanland gingen die Feindseligkeiten weiter.<\/p><p><strong>Helft meinen Geschwistern<\/strong><\/p><p>Ein mit dem Handy aufgenommenes Video zeigt zun&auml;chst ein eingest&uuml;rztes Haus und Betonpfeiler. Irgendwo in den Tr&uuml;mmern h&ouml;rt man ein M&auml;dchen rufen. Sie hei&szlig;e Alma, sie k&ouml;nne nicht rauskommen. Wer ist bei Dir Alma, fragt eine Stimme hinter der Handykamera. Meine Geschwister und meine Eltern und meine Gro&szlig;eltern. Leben sie, fragt die Stimme. Ja, ja, wir leben, ruft die M&auml;dchenstimme. Was hast Du gesagt, Alma, fragt die Stimme. Helft erst meinen Eltern, meinen Geschwistern und meinen Gro&szlig;eltern, so das M&auml;dchen. Dann mir. Gut, sagt die Stimme. Helft mir zuletzt, ich will nicht die Erste sein. Ja, mein Kind, sagt die Stimme. Oder vielleicht helft Ihr erst mir und ich helfe Euch, so das M&auml;dchen. Wie alt bist Du, fragt die Stimme. Ich bin 13, so das M&auml;dchen. Hier ist mein Vater. Hei&szlig;t Deine Schwester Sarah? Nein, Rehab, antwortet das M&auml;dchen. Und hier ist mein Bruder, er ist ein Baby und hei&szlig;t Tarzan. Wie alt ist Tarzan, fragt die Stimme. Er ist ein Jahr. Bitte helft meinem Bruder Tarzan, bitte. (Es gibt einen Schnitt in dem Video). Du bist jetzt in meiner N&auml;he, ja, fragt die Stimme. Ja. Kannst du mein Licht sehen? Ja, ich sehe es. Gut Alma. (Man sieht nur Betonsteine). Ich werde jetzt versuchen, dich herauszuholen, sagt die Stimme. Ich verspreche dir, ich hole dich heraus. Bitte schnell, so das M&auml;dchen. Ja mein Kleines, so die Stimme. Ich m&ouml;chte meine Geschwister sehen. Nat&uuml;rlich, Kleines. Ich m&ouml;chte sie sehen, ich vermisse sie. (Es gibt einen Schnitt in dem Video. Dann ist der R&uuml;cken eines Zivilschutzhelfers zu sehen, der zwischen den Betontr&uuml;mmern kniet). Alma, bist du das, fragt die Stimme. Ja, ja, so das M&auml;dchen. Gut gemacht Alma! Ich habe Dir doch gesagt, dass wir dich herausholen, sagt die Stimme. Komm, mein Kleines, komm. (Zu sehen ist ein M&auml;dchen, &uuml;ber und &uuml;ber mit Staub bedeckt. Sie tr&auml;gt gr&uuml;ne Leggins, ein verstaubtes T-Shirt, in den Haaren eine rosa Schleife). Wo sind Deine Geschwister und Eltern, fragt die Stimme. Hier, hier. Das M&auml;dchen zeigt nach links und rechts: Hier ist meine Mama. (Das Video bricht ab.) Was mit den Angeh&ouml;rigen von Alma geschehen ist, ist unbekannt.<\/p><p>In dieser Zeit, als Menschen um ihr Leben k&auml;mpften und um das ihrer Angeh&ouml;rigen, und w&auml;hrend am Sitz der Vereinten Nationen in New York die Bem&uuml;hungen der Welt f&uuml;r einen Waffenstillstand in Gaza, f&uuml;r die Chance auf Leben und Zukunft der Pal&auml;stinenser den Interessen der USA wieder einmal zum Opfer fielen, wurde der Tod des pal&auml;stinensischen Dichters und Schriftstellers Refaat Alareer bekannt. Er wurde &ndash; wie sein Bruder, seine Schwester, ein Neffe und drei seiner Nichten &ndash; bei einem Angriff der israelischen Streitkr&auml;fte in Gaza Stadt, in Shejaiya get&ouml;tet. Alareer lehrte englische Literatur an der Islamischen Universit&auml;t von Gaza. Refaat. Er war Vater von sechs Kindern, er war Mitbegr&uuml;nder der Organisation <a href=\"https:\/\/wearenotnumbers.org\/\">&bdquo;We are not numbers&ldquo; (Wir sind keine Zahlen)<\/a>. In einem seiner letzten Interviews mit dem Internet-Portal <em>Electronic Intifadah<\/em> sagte Refaat, das Gef&auml;hrlichste, was er besitze, sei vermutlich ein Textmarker. Den werde er aber sicherlich auf israelische Soldaten werfen, sollten sie einmarschieren. Der US-Fernsehsender <em>Democracy Now<\/em> strahlte eine <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=P0RaHuEjqi0\">Sondersendung<\/a> &uuml;ber Refaat Alareer aus, mit Ausz&uuml;gen aus einem Interview vom 10. Oktober 2023.<\/p><p><strong>Wenn ich sterben muss<\/strong><\/p><p>Refaat Alareer<\/p><p>Wenn ich sterben muss,<br>\nmu&szlig;t Du leben<br>\num meine Geschichte zu erz&auml;hlen<br>\nUm meine Sachen zu verkaufen<br>\nUm ein St&uuml;ck Tuch zu kaufen<br>\nUnd ein paar F&auml;den.<br>\nMache ihn gro&szlig; und wei&szlig; mit einem langen Schwanz.<br>\nDamit ein Kind, irgendwo in Gaza<br>\nW&auml;hrend es in den Himmel blickt<br>\nUnd auf seinen Vater wartet, der in einem Feuerball verschwand<br>\nOhne sich zu verabschieden<br>\nNicht einmal von seinem Fleisch<br>\noder gar von sich selber<br>\nden Drachen sieht, meinen Drachen, den Du gebaut hast, der hoch oben fliegt<br>\nUnd f&uuml;r einen Moment wird es denken, dass dort oben ein Engel fliegt<br>\nDer die Liebe zur&uuml;ckbringt.<br>\nWenn ich sterben muss<br>\nSoll es Hoffnung bringen<br>\nSoll es eine Geschichte sein.<\/p><p>Nachtrag: Als Antwort auf die Entscheidung der UN-Vollversammlung vom 12. Dezember 2023, mit 153 Stimmen gegen zehn Nein-Stimmen und gegen 23 Enthaltungen einen sofortigen humanit&auml;ren Waffenstillstand zu fordern, erh&ouml;hte Israel den milit&auml;rischen Druck. US-Medien <a href=\"https:\/\/www.timesofisrael.com\/liveblog_entry\/sullivan-urged-israeli-leaders-to-wrap-up-high-intensity-within-weeks-officials\/\">berichteten<\/a>, die israelische Armee plane, die Tunnel unter dem Gazastreifen mit Meerwasser zu fluten. Jake Sullivan, der Sicherheitsberater von US-Pr&auml;sident Joe Biden, traf sich in Tel Aviv mit dem israelischen Kriegskabinett. Der US-Pr&auml;sident w&uuml;nsche mehr R&uuml;cksicht auf die Zivilbev&ouml;lkerung in Gaza, so die Botschaft des Sicherheitsberaters. Die &bdquo;sehr intensiven&rdquo; K&auml;mpfe sollten innerhalb von Wochen beendet werden.<\/p><p><small>Titelbild: rafapress\/shutterstock.com<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Resolution 377 A(V) der UN-Vollversammlung (UNGA) <a href=\"https:\/\/legal.un.org\/avl\/ha\/ufp\/ufp.html\">besagt<\/a>, dass alle UN-Mitgliedsstaaten innerhalb von 24 Stunden zu einer &bdquo;dringenden Sondersitzung&ldquo; einberufen werden k&ouml;nnen, &bdquo;wenn der Sicherheitsrat wegen fehlender Einstimmigkeit der st&auml;ndigen Mitglieder seine Hauptverantwortung f&uuml;r die Wahrung des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit in einem Fall nicht wahrnimmt, in dem eine Bedrohung des Friedens, ein<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=108298\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":108299,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,171],"tags":[1055,3288,822,2222,1557,303,639,1703,2377,2360],"class_list":["post-108298","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-militaereinsaetzekriege","tag-fluechtlinge","tag-gefangenenaustausch","tag-hamas","tag-humanitaere-hilfe","tag-israel","tag-palaestina","tag-uno","tag-voelkerrecht","tag-waffenlieferungen","tag-zivile-opfer"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/Shutterstock_2374724511-1.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/108298","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=108298"}],"version-history":[{"count":15,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/108298\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":108430,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/108298\/revisions\/108430"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/108299"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=108298"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=108298"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=108298"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}