{"id":108425,"date":"2023-12-18T08:55:22","date_gmt":"2023-12-18T07:55:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=108425"},"modified":"2023-12-19T07:32:57","modified_gmt":"2023-12-19T06:32:57","slug":"ich-teile-ihre-meinung-nicht-aber","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=108425","title":{"rendered":"\u201eIch teile Ihre Meinung nicht, aber&#8230;\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Ist Deutschland auf dem Weg zur&uuml;ck zum unseligen Geist der B&uuml;cherverbrennung? Wer die enthemmten Debatten in der Bundesrepublik verfolgt, kann zu diesem Schluss kommen. Wir sollten der Gesch&auml;ftsordnung des Bundestags Voltaires ber&uuml;hmtes Zitat voranstellen. Von <strong>Oskar Lafontaine<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_9896\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-108425-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/231218_Ich_teile_Ihre_Meinung_nicht_aber_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/231218_Ich_teile_Ihre_Meinung_nicht_aber_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/231218_Ich_teile_Ihre_Meinung_nicht_aber_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/231218_Ich_teile_Ihre_Meinung_nicht_aber_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=108425-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/231218_Ich_teile_Ihre_Meinung_nicht_aber_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"231218_Ich_teile_Ihre_Meinung_nicht_aber_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Dass Demokratie und Freiheit in Deutschland immer gef&auml;hrdet sind, zeigte die Corona-Zeit. Obwohl die Propaganda der Impfstoffhersteller &ndash; die Impfung sch&uuml;tze vor Ansteckung, ein Geimpfter k&ouml;nne andere nicht anstecken und die Impfung sei weitgehend frei von gef&auml;hrlichen Nebenwirkungen &ndash; nach wenigen Monaten widerlegt war, wurden Ungeimpfte beschimpft und ausgegrenzt. Auf dem H&ouml;hepunkt der Corona-Hysterie war das Debattenklima so aufgeheizt, dass ein Antrag, alle Ungeimpften auf eine einsame Insel zu verbannen, im Deutschen Bundestag durchaus eine Mehrheit h&auml;tte finden k&ouml;nnen. Politiker, Journalisten und ein Teil der Bev&ouml;lkerung schienen regelrecht versessen darauf zu sein, diejenigen auszugrenzen, die ihr Recht auf k&ouml;rperliche Selbstbestimmung wahrgenommen und sich gegen die Impfung entschieden hatten. In Familien gab es Streit, Freundschaften gingen zu Bruch, und Kinder von Geimpften durften nicht mit Kindern von Ungeimpften spielen.<\/p><p><strong>Andersdenkende herabsetzen<\/strong><\/p><p>Als 50 Schauspieler und Regisseure Ende April 2021 mit ironischen Videos die v&ouml;llig &uuml;berzogenen Corona-Ma&szlig;nahmen der Regierung und die Medienberichterstattung kritisierten, ergoss sich ein Shitstorm &uuml;ber sie und ihnen wurde vorgeworfen, die Corona-Toten zu verh&ouml;hnen. Der SPD-Politiker Garrelt Duin, Mitglied im WDR-Rundfunkrat, forderte, die Zusammenarbeit mit diesen K&uuml;nstlern schnellstm&ouml;glich zu beenden &ndash; aus angeblicher Solidarit&auml;t mit denen, die &bdquo;wirklich unter Corona und den Folgen zu leiden&ldquo; h&auml;tten. Der Mitinitiator der Aktion, Dietrich Br&uuml;ggemann, berichtete, einige der Schauspieler seien so unter Druck gesetzt und bedroht worden, dass sie ihre Beitr&auml;ge zur&uuml;ckgezogen h&auml;tten. Erfreulicherweise stellten sich Virologen wie Jonas Schmidt-Chanasit und Hendrik Streeck vor die K&uuml;nstler, und auch einige prominente Politiker nahmen sie in Schutz.<\/p><p>Aber der Geist der Geh&auml;ssigkeit, der Wunsch, andere an den Pranger zu stellen und zu bestrafen, war aus der Flasche. Der Spiegel-Kolumnist Nikolaus Blome schrieb: &bdquo;Ich m&ouml;chte an dieser Stelle ausdr&uuml;cklich um gesellschaftliche Nachteile f&uuml;r all jene ersuchen, die freiwillig auf eine Impfung verzichten. M&ouml;ge die gesamte Republik mit dem Finger auf sie zeigen.&ldquo; Sein Wunsch wurde erf&uuml;llt. Auf die Ungeimpften wurde mit dem Finger gezeigt, und die gesellschaftlichen Nachteile bedeuteten mit &bdquo;2 G&ldquo; den Ausschluss aus dem &ouml;ffentlichen Leben und gingen teilweise bis zur Vernichtung der beruflichen Existenz.<\/p><p>Die Lust, Andersdenkende zu denunzieren und herabzusetzen, &uuml;berlebte die Corona-Zeit und schlug nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine zu. Jetzt waren es nicht die Ungeimpften, sondern diejenigen, die f&uuml;r Waffenstillstand und Verhandlungen mit Russland pl&auml;dierten, die &bdquo;Putin-Versteher&ldquo;. Pl&ouml;tzlich gerieten Veranstalter unter Druck, die die langj&auml;hrige ARD-Korrespondentin in Moskau und exzellente Russlandkennerin Gabriele Krone-Schmalz weiterhin einluden. Anfang Dezember dieses Jahres meldete die <em>Bild-Zeitung<\/em>: &bdquo;Justus Frantz beim Schleswig-Holstein Musik Festival rausgeworfen&ldquo;. Eine Vielzahl von Gr&uuml;nden habe eine Einladung von Justus Frantz unm&ouml;glich gemacht, sagte der Intendant des Festivals, Christian Kuhnt, &bdquo;sein Engagement in Russland ist einer davon&ldquo;.<\/p><p>Das besonders Bemerkenswerte an dem Vorgang: Der Ausgeladene hatte das Schleswig-Holstein Musik Festival gegr&uuml;ndet und es zu einem Festival von Weltbedeutung gemacht. Da er an die v&ouml;lkerverbindende Kraft der Musik glaubt, hat er 1989 die Deutsch-Sowjetische Junge Philharmonie mitgegr&uuml;ndet und 1995 die Philharmonie der Nationen unter dem Motto &bdquo;Make music as friends&ldquo; ins Leben gerufen, ein Orchester, in dem Syrer und Israeli, Serben und Slowenen f&uuml;r den Weltfrieden musizierten, wie der <em>Spiegel<\/em> in einem geh&auml;ssigen Artikel &uuml;ber den Rauswurf des Maestros berichtete. Und um den &bdquo;Putin-Versteher&ldquo; zu entlarven, stellten die Inquisitoren des Nachrichtenmagazins ihm zwei Fragen: &bdquo;Weil die Russen nun mal einen Angriffskrieg f&uuml;hren, Herr Frantz, halten Sie die russische Regierung f&uuml;r verbrecherisch? Was, wenn Sie ein Solidarit&auml;tskonzert f&uuml;r die Anwaltskosten von Alexei Nawalny machen w&uuml;rden?&ldquo; Sie k&ouml;nnten ja auch die vielen K&uuml;nstler, die in den USA auftreten, fragen: &bdquo;Weil die USA nun mal viele Angriffskriege f&uuml;hren, halten Sie die US-Regierung f&uuml;r verbrecherisch? Was, wenn Sie ein Solidarit&auml;tskonzert f&uuml;r die Anwaltskosten von Julian Assange, unserem Kollegen, der Kriegsverbrechen der USA aufgedeckt hat, machen w&uuml;rden?&ldquo; Aber auf solche Fragen kommen Spiegel-Reporter heute nicht mehr, hat sich doch das Magazin ganz in den Dienst der US-Kriegspropaganda gestellt. Dass der Spiegel-Gr&uuml;nder Rudolf Augstein einst die Ostpolitik Willy Brandts unterst&uuml;tzte, scheint den Spiegel-Leuten nicht mehr bekannt zu sein. Gerade heute w&auml;re es notwendig, nicht K&uuml;nstler auszuladen, sondern auf die v&ouml;lkerverbindende Kraft der Kunst zu setzen, vor allem auf die der Musik.<\/p><p><strong>Grundlage des Friedens<\/strong><\/p><p>Ein leuchtendes Beispiel gab in den letzten Jahren der langj&auml;hrige k&uuml;nstlerische Leiter und Generalmusikdirektor der Berliner Staatsoper, Daniel Barenboim. Er gr&uuml;ndete vor Jahren mit dem pal&auml;stinensischen Literaturwissenschaftler Edward Said das Orchester des west-&ouml;stlichen Divans, dass sich f&uuml;r eine friedliche L&ouml;sung des Nahostkonflikts einsetzt. Das Orchester setzt sich jeweils zur H&auml;lfte aus jungen Musikern aus Israel sowie den Pal&auml;stinensischen Autonomiegebieten, aus dem Libanon, &Auml;gypten, Syrien, Jordanien und Spanien zusammen. Daniel Barenboim hat als Einziger gleichzeitig die israelische und die pal&auml;stinensische Staatsb&uuml;rgerschaft. Als ihm am 10. Mai 2004 in der Knesset, dem israelischen Parlament, der Wolf-Preis f&uuml;r freundschaftliche Beziehungen unter den V&ouml;lkern verliehen wurde, zitierte er die israelische Unabh&auml;ngigkeitserkl&auml;rung, in der der Staat Israel allen seinen B&uuml;rgern soziale und politische Gleichberechtigung verspricht. Dann sagte er: &bdquo;In tiefer Sorge frage ich heute, ob die Besetzung und Kontrolle eines anderen Volkes mit Israels Unabh&auml;ngigkeitserkl&auml;rung in Einklang gebracht werden kann.&ldquo;<\/p><p>Die Massaker der Hamas und der darauffolgende Rachefeldzug der israelischen Armee im Gazastreifen geben der Neigung vieler Politiker, Journalisten und Zeitgenossen, andere auszugrenzen und zu diffamieren, neue Nahrung. Jetzt k&auml;mpfen sie gegen jede Kritik an der Regierung Netanjahu und an den Bombardements im Gazastreifen, und dieser Kampf macht auch vor der Kunst nicht halt. In Saarbr&uuml;cken beispielsweise wurde die aus S&uuml;dafrika stammende j&uuml;dische K&uuml;nstlerin Candice Breitz von der Museumschefin wieder ausgeladen, weil sie sich angeblich nicht gen&uuml;gend von dem Massaker der Hamas distanziert habe. Das stimmte zwar nicht, aber die renommierte K&uuml;nstlerin hatte auch die israelische Regierung kritisiert, und darin sehen viele in Deutschland bereits Antisemitismus. Die der Cancel-Culture anh&auml;ngende Berliner Politblase ist aber unf&auml;hig, Antisemitismus und Faschismus zu bek&auml;mpfen. Ohne irgendwelche Skrupel unterst&uuml;tzt sie in der Ukraine ein Regime, das den tausendfachen Judenm&ouml;rder Stepan Bandera zum Nationalhelden erhebt, nach dem Stra&szlig;en und Pl&auml;tze benannt werden. Kein Wort der Kritik h&ouml;rt man von der Bundesregierung, wenn der israelische Verteidigungsminister Joaw Galant die Pal&auml;stinenser menschliche Tiere nennt. Und keinen Protest erhebt sie, wenn der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels an den ukrainischen Schriftsteller Serhij Schadan geht, der die Russen als Tiere und Unrat bezeichnet.<\/p><p>Im Artikel 1 des Grundgesetzes bekennt sich das deutsche Volk zur Menschenw&uuml;rde und zu den unverletzlichen und unver&auml;u&szlig;erlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt. Dieser Verpflichtung des Grundgesetzes wird die Bundesregierung sp&auml;testens dann nicht mehr gerecht, wenn sie im Ukraine-Krieg und im Nahostkonflikt einen Waffenstillstand ablehnt. Und damit statt der sich ausbreitenden Cancel-Culture eine freie Debatte wieder m&ouml;glich und selbstverst&auml;ndlich wird, sollte der Gesch&auml;ftsordnung des Bundestages das ber&uuml;hmte Wort Voltaires vorangestellt werden: &bdquo;Ich teile Ihre Meinung nicht, aber ich w&uuml;rde mein Leben daf&uuml;r einsetzen, dass Sie sie &auml;u&szlig;ern d&uuml;rfen.&ldquo;<\/p><p><small>Titelbild: Tero Vesalainen\/shutterstock.com<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ist Deutschland auf dem Weg zur&uuml;ck zum unseligen Geist der B&uuml;cherverbrennung? Wer die enthemmten Debatten in der Bundesrepublik verfolgt, kann zu diesem Schluss kommen. Wir sollten der Gesch&auml;ftsordnung des Bundestags Voltaires ber&uuml;hmtes Zitat voranstellen. 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