{"id":108436,"date":"2023-12-24T12:00:35","date_gmt":"2023-12-24T11:00:35","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=108436"},"modified":"2023-12-18T14:48:06","modified_gmt":"2023-12-18T13:48:06","slug":"als-wir-am-heiligen-abend-besuch-bekamen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=108436","title":{"rendered":"Als wir am Heiligen Abend Besuch bekamen"},"content":{"rendered":"<p>Drau&szlig;en lag eine d&uuml;nne Schneedecke auf den Wegen zwischen den Baracken, es grieselte und die Dunkelheit war schon nachmittags um vier Uhr hereingebrochen. Es war der Hungerwinter 1946, im ersten Jahr nach dem Ende des Krieges. Wir froren, obwohl wir unsere St&uuml;hle nah an den Ofen ger&uuml;ckt hatten, einen l&auml;nglichen Blechkasten, Brennhexe genannt, in dem ein Torffeuer brannte. Meine Mutter holte Decken, in die wir uns einh&uuml;llten. Eine Nachkriegsgeschichte von <strong>Wolfgang Bittner.<\/strong><br>\n<!--more--><br>\nAuf der Herdplatte lagen vier Brotscheiben, die meine Schwester und ich mit hungrigen Augen bewachten. Als sie endlich von beiden Seiten gebr&auml;unt waren, erhielt jeder so ein R&ouml;stbrot, das wir mit einer Knoblauchzehe einrieben. &bdquo;Den Geruch mochte ich noch nie&ldquo;, sagte mein Vater. Bed&auml;chtig kauend, schien er dem Geschmack nachzusp&uuml;ren und setzte hinzu: &bdquo;Aber ist es nicht ein Genuss?&ldquo; Er nickte uns zu und legte sein linkes Bein mit der Kriegsverletzung auf einen Schemel.<\/p><p>&bdquo;Schmeckt gut, ist nur zu wenig&ldquo;, erwiderte ich. Mir knurrte schon seit Tagen der Magen, denn ein richtiges Essen, so eins, von dem man satt wurde, hatte es schon l&auml;nger nicht mehr gegeben. &bdquo;Nachher, wenn wir die Kerze angez&uuml;ndet haben, gibt es noch ein leckeres S&uuml;ppchen&ldquo;, vertr&ouml;stete mich meine Mutter. Sie hatte ein paar Kartoffeln und einen Klecks Schmalz aufgespart, dazu eine Steckr&uuml;be. Ich wollte beim Kochen helfen und konnte es kaum erwarten.<\/p><p>Eigentlich war es ganz gem&uuml;tlich, wie wir im D&auml;mmerlicht einer von der Decke herabh&auml;ngenden Gl&uuml;hbirne um den Ofen herum sa&szlig;en. Meine Mutter begann, uns eine Geschichte zu erz&auml;hlen, was sie gern und &ouml;fter tat. Sie war eine begabte Erz&auml;hlerin und wusste viele Geschichten, die zumeist in Schlesien spielten, woher wir vor einem Jahr gekommen waren. Das hei&szlig;t, mein Vater war schon vorher im Lager gewesen, das urspr&uuml;nglich ein Lazarett f&uuml;r verwundete Soldaten war.<\/p><p>Die Geschichte handelte von Bergleuten, die im Gebirge nach Edelsteinen und wertvollen Erzen gruben. Tief unter der Erde schlugen sie in einem engen Stollen die Steine und das Erz aus dem Felsen heraus. Aber eines Tages war ein Knistern und ein Grollen zu vernehmen, das immer mehr anschwoll, bis der Stollen krachend zusammenbrach. Der Eingang wurde versch&uuml;ttet, die Laternen waren verl&ouml;scht und um die Bergleute war nur noch undurchdringliche Dunkelheit. Zwei Tage mussten sie voller Angst in dieser unheimlichen Finsternis verharren. Da bemerkte einer von ihnen pl&ouml;tzlich einen schwachen Lichtschein, wie von einer Grubenlampe, am Ende des Stollens, wo es eigentlich nicht mehr weiterging. &bdquo;Der Berggeist&ldquo;, rief der Mann, &bdquo;er gibt uns ein Zeichen!&ldquo; Hastig krochen die M&auml;nner durch ein Gewirr von Steinbrocken, H&ouml;lzern und geknickten St&uuml;tzbalken auf das flimmernde Licht zu, dem sie allm&auml;hlich n&auml;her kamen. Und schlie&szlig;lich &ouml;ffnete sich vor ihnen ein Notausgang in den hellen Tag hinein.<\/p><p>Nachdem meine Mutter geendet hatte, herrschte eine Weile Schweigen. Dann sagte meine kleine Schwester: &bdquo;Gut, dass die armen Bergleute von dem Berggeist gerettet wurden.&ldquo;<\/p><p>&bdquo;Ja, sie waren wirklich sehr arm, damals in Schlesien&ldquo;, erwiderte mein Vater. &bdquo;Sie mussten jeden Tag in die Dunkelheit hinabsteigen und verdienten so wenig, dass sie kaum ihre Familien ern&auml;hren konnten.&ldquo;<\/p><p>&bdquo;Waren sie denn noch &auml;rmer als wir?&ldquo;, wollte meine Schwester wissen.<\/p><p>&bdquo;Ich glaube, sie waren noch viel &auml;rmer&ldquo;, meinte meine Mutter. &bdquo;Und sie lebten in st&auml;ndiger Angst vor einem Ungl&uuml;ck.&ldquo;<\/p><p>Ich stellte mir noch die Bergleute in ihrem finsteren Stollen vor, als es unvermittelt an der T&uuml;r klopfte. &bdquo;Wer kann denn das um diese Zeit sein?&ldquo;, murmelte mein Vater und stand auf. &bdquo;Es ist bestimmt der Weihnachtsmann!&ldquo;, vermutete ich, lief zur T&uuml;r und &ouml;ffnete. Und wirklich stand da in dem Schneegest&ouml;ber, das inzwischen eingesetzt hatte, ein Mann in einem verschneiten Kapuzenmantel. Er hatte zwei Koffer abgestellt, die er wieder aufnahm und hereinbrachte. &bdquo;Mensch, Helmut&ldquo;, h&ouml;rte ich meinen Vater sagen. &bdquo;Du lebst und bist gesund!&ldquo;<\/p><p>Der geheimnisvolle Besucher sch&uuml;ttelte den Schnee von seinem Mantel und umarmte meine Eltern. Es war der Bruder meines Vaters, von dem die Eltern nicht gewusst hatten, ob er noch lebte. Wir setzten uns an den Tisch, wo es heller war, und mein Onkel musste erz&auml;hlen, wie es ihm ergangen war und woher er kam. Doch kaum hatte er begonnen, sprang er wieder auf, um einen der Koffer zu &ouml;ffnen. Zum Vorschein kamen mehrere W&uuml;rste, Corned Beef, K&auml;se, Reis, Nudeln, Dosen mit Obst, zwei Flaschen Wein, S&uuml;&szlig;igkeiten und ein gro&szlig;es Wei&szlig;brot.<\/p><p>&bdquo;Frohe Weinachten!&ldquo;, w&uuml;nschte uns mein Onkel. &bdquo;Wenn ich mich nicht t&auml;usche, ist heute Heilig Abend.&ldquo; Er verteilte Kekse und Schokolade und begann, eine Apfelsine zu sch&auml;len. Meiner Schwester und mir gingen die Augen &uuml;ber. &bdquo;Vorsicht, nicht zu viel auf einmal!&ldquo;, warnte meine Mutter, &bdquo;sonst bekommt ihr Bauchweh und Durchfall. Nachdem wir so etwas lange nicht mehr gegessen haben, muss sich der Magen erst wieder darauf einstellen.&ldquo;<\/p><p>Mein Onkel erz&auml;hlte, dass er gleich nach Kriegsende eine Stelle als Dolmetscher bei den Kanadiern gefunden hatte. &bdquo;Sie sind fair und gro&szlig;z&uuml;gig&ldquo;, meinte er, &bdquo;und was das Essen angeht, sorgen sie f&uuml;r sich.&ldquo; Er deutete auf die mitgebrachten Lebensmittel und f&uuml;gte lachend hinzu: &bdquo;Wie ihr seht, konnte ich einiges abzweigen.&ldquo; Noch Ende 1944 war er verwundet worden: &bdquo;Schuss in den Oberarm, Knochenbruch.&ldquo; Er zuckte mit den Schultern und meinte, die Wunde sei gut verheilt, aber der Arm jetzt einige Zentimeter k&uuml;rzer. &bdquo;Gl&uuml;ck im Ungl&uuml;ck: Es ist der linke Arm, und ich bin bekanntlich Rechtsh&auml;nder. Jetzt muss ich immer den linken &Auml;rmel meiner Hemden und Jacken k&uuml;rzen lassen.&ldquo;<\/p><p>Ihm war aufgefallen, dass mein Vater humpelte. &bdquo;Was ist passiert?&ldquo;, erkundigte er sich, und mein Vater berichtete von seiner Verwundung. Der Splitter einer Granate hatte ihn getroffen und er hatte wochenlang auf Leben und Tod im Lazarett gelegen. Auch er sprach von Gl&uuml;ck im Ungl&uuml;ck. Denn er vermochte den Milit&auml;rarzt davon abzuhalten, sein Bein zu amputieren. Au&szlig;erdem war ihm durch die Verwundung &ndash; ebenso wie meinem Onkel &ndash; die Gefangenschaft erspart geblieben.<\/p><p>Inzwischen war es immer sp&auml;ter geworden und der Hunger holte uns in die Realit&auml;t zur&uuml;ck. Da mein Onkel auch W&uuml;rste mitgebracht hatte, lie&szlig; sich aus den vorhandenen Kartoffeln, der Steckr&uuml;be und dem Schmalz mit einer der Mettw&uuml;rste eine k&ouml;stliche Suppe kochen. Zum Nachtisch gab es Wei&szlig;brot mit holl&auml;ndischem K&auml;se und danach noch Pfirsiche aus der Dose. So gut war es uns lange nicht mehr gegangen. Nach diesem opulenten Mahl &ouml;ffnete mein Onkel f&uuml;r sich und die Eltern eine Flasche Wein. Wir Kinder durften aufbleiben, f&uuml;r uns gab es s&uuml;&szlig;en Tee, und wir lauschten mit hei&szlig;en Ohren den Erz&auml;hlungen der Erwachsenen.<\/p><p>Sp&auml;ter kam die Sprache noch auf meine Gro&szlig;eltern, die ebenfalls aus Schlesien vertrieben worden waren und jetzt in Sachsen in der sowjetischen Besatzungszone lebten. Das hatte mein Onkel noch nicht gewusst, er wollte sich um eine Genehmigung bem&uuml;hen, sie zu besuchen. Die zuvor gro&szlig;e Familie war jetzt &ndash; soweit sie noch lebte &ndash; in alle Winde zerstreut. Aber an diesem Abend waren wir Davongekommenen wieder vereint. Wir waren gl&uuml;cklich zusammen und feierten den Heiligen Abend. Wenn ich so zur&uuml;ckdenke, war es eines der sch&ouml;nsten Weihnachtsfeste, die ich erlebt habe. Es dauerte dann allerdings noch einige Jahre, bis die Schrecken des Krieges allm&auml;hlich verblassten.<\/p><p><small>Titelbild_ WPJ3\/shutterstock.com<\/small><\/p><p><em>Der Schriftsteller und Publizist <strong>Wolfgang Bittner<\/strong> ist Autor zahlreicher B&uuml;cher, darunter des Romans &bdquo;Die Heimat, der Krieg und der Goldene Westen&ldquo;, Verlag zeitgeist 2019. Siehe auch https:\/\/wolfgangbittner.de<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Drau&szlig;en lag eine d&uuml;nne Schneedecke auf den Wegen zwischen den Baracken, es grieselte und die Dunkelheit war schon nachmittags um vier Uhr hereingebrochen. Es war der Hungerwinter 1946, im ersten Jahr nach dem Ende des Krieges. 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