{"id":10849,"date":"2011-09-28T17:41:31","date_gmt":"2011-09-28T15:41:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=10849"},"modified":"2018-04-24T10:43:15","modified_gmt":"2018-04-24T08:43:15","slug":"nichts-gelernt-aus-der-geschichte-prozyklische-politik-wie-bei-bruning","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=10849","title":{"rendered":"Nichts gelernt aus der Geschichte: Prozyklische Politik wie bei Br\u00fcning"},"content":{"rendered":"<p>Aus Schaden wird man klug, diese Lebenserfahrung gilt allenfalls f&uuml;r einzelne Personen. F&uuml;r V&ouml;lker und ihre Politiker gilt sie offensichtlich nicht. Sie lernen nichts aus der Geschichte, auch wenn ihre Ignoranz Millionen Menschen ins Ungl&uuml;ck st&uuml;rzt. In dieser Situation sind wir heute: Bundesfinanzminister Sch&auml;uble und viele Sekundanten in Politik, Wissenschaft und Medien wenden sich &ndash; wie hier im <a href=\"http:\/\/www.handelsblatt.com\/politik\/deutschland\/schaeuble-wettert-gegen-bruessel-und-washington\/v_detail_tab_print,4665518.html\">Handelsblatt<\/a> von gestern berichtet &ndash;  trotz erkennbarer Anzeichen einer weltweiten Rezession gegen konjunkturf&ouml;rdernde Ma&szlig;nahmen und pochen darauf, die Finanzen zu konsolidieren. Albrecht M&uuml;ller.<br>\n<!--more--><br>\nEs w&auml;re ja sch&ouml;n, wenn die Konsolidierung der Finanzen in der jetzigen Situation mithilfe von Sparma&szlig;nahmen gel&auml;nge. Alle Erfahrung lehrt jedoch, dass dies nicht gelingt. Ich wiederhole zum x-ten Mal: Spar-Absicht, so sch&ouml;n sie ist, ist nicht gleich Spar-Erfolg. Mit Sparma&szlig;nahmen in der jetzigen Situation wiederholt man die Fehler der Politik von Reichskanzler Br&uuml;ning zu Beginn der Weltwirtschaftskrise. <\/p><p>Dass die politische Klasse und die Mehrheit der Medien und Wissenschaft diese Erfahrung nicht beherzigt, hat dramatische Konsequenzen: Noch h&ouml;here Arbeitslosigkeit, Zusammenbruch vieler Betriebe, Zusammenbruch sozialer Sicherungssysteme, soziale Konflikte &ndash; und obendrauf eine weitere Verschlechterung der finanziellen Situation der Staaten.<\/p><p><strong>Zur konjunkturellen Situation und ihrer vermutlichen weiteren Entwicklung:<\/strong><\/p><p>Wichtige Einflussfaktoren der weltweiten konjunkturellen Entwicklung sind Investitionen, Staatsausgaben und der Konsum. Die Investitionen h&auml;ngen wesentlich von Staatsausgaben und dem Konsum ab. Die Staatsausgaben sind zumindest in Europa und den USA gedrosselt worden. Politiker wie Sch&auml;uble pl&auml;dieren f&uuml;r weitere Drosselung. &ndash; Die Ausgaben f&uuml;r Konsum h&auml;ngen von der Konsumneigung und den verf&uuml;gbaren und von den erwarteten Familieneinkommen ab. Um Letzteres steht es sowohl in Europa als auch in den USA ausgesprochen schlecht. Das zeigt die folgende Grafik. Die Erwartungen liegen unterhalb des Niveaus der gesamten Periode von 1997 bis 2007, in Europa auch unterhalb des Niveaus von 2010.<\/p><p><img decoding=\"async\" src=\"upload\/bilder\/imf_family_income_expectations.gif\" alt=\"IMF - Family Income Expectatons\" title=\"IMF - Family Income Expectatons\"><\/p><p><em><sup>3<\/sup> U.S. data are from Reuters\/University of Michigan Surveys of Consumers and represent the difference between the percentage of people who think family income will go up and those who think it will go down. EU data are from the family financial situation index in the European Commission Business and Consumer Surveys. Both series are smoothed and harmonized.<\/em><\/p><p>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.imf.org\/external\/pubs\/ft\/weo\/2011\/02\/pdf\/text.pdf\">IMF, Seite 45 [PDF &ndash; 7 MB]<\/a><\/p><p>Ich w&uuml;rde diese Grafik des IMF, des Internationalen W&auml;hrungsfonds, nicht wiedergeben, wenn die erkennbare Bewegung nicht so eindeutig w&auml;re. Ein f&uuml;r die Konjunktur mitverantwortlicher Bundesfinanzminister m&uuml;sste ein solches Bild der Einkommenserwartungen in seine &Uuml;berlegungen mit einbeziehen. Das tut er nicht. Stattdessen redet er einer weiteren so genannten Konsolidierung das Wort und tut damit das Gegenteil dessen, was zur Ermunterung von Investitionen in der realen Wirtschaft n&ouml;tig w&auml;re.<\/p><p><strong>An den Aussagen von Bundesfinanzminister Sch&auml;uble l&auml;sst sich ablesen, woran es den herrschenden Personen vor allem fehlt:<\/strong><\/p><p><strong>Erstens:<\/strong> Sie sehen die Wirkungszusammenh&auml;nge nicht. Der Bundesfinanzminister bedenkt nicht, welche Folgen seine &Auml;u&szlig;erungen f&uuml;r die Stimmungslage haben. Er bedenkt nicht, dass er mit seinen Sparappellen die Erfolge des Sparens kaputt macht. <\/p><p><strong>Zweitens:<\/strong> Die herrschenden Kreise orientieren sich an g&auml;ngigen Parolen und Glaubenss&auml;tzen. Sparen zu verlangen ist gut. Strukturreformen zu verlangen ist popul&auml;r &ndash; zumindest in den Kreisen jener, die &uuml;ber die Dispositionen auf den so genannten M&auml;rkten bestimmen. &bdquo;Mutige Schritte&ldquo; verlangt Sch&auml;uble von Europa. Das klingt prima.<\/p><p><strong>Drittens:<\/strong> Diese Politiker sind immer noch orientiert an den so genannten M&auml;rkten. Sch&auml;uble behauptet laut Handelsblatt, der von kreditfinanzierten Konjunkturprogrammen ausgel&ouml;ste Vertrauensverlust sei viel gr&ouml;&szlig;er als die m&ouml;glichen Gewinne einer solchen Politik. Woher wei&szlig; er das? <\/p><p>Als w&uuml;rdiger Nachfolger von Br&uuml;ning erweist sich der Bundesfinanzminister, wenn er behauptet, das Arsenal der Regierungen und Notenbanken sei weit gehend aufgebraucht. Wahnsinn.<\/p><p><strong>P.S.:<\/strong><\/p><p>Wie wahnsinnig die &ouml;ffentliche Debatte bei uns verl&auml;uft und wie obskur sie gerade in konservativen Kreisen verl&auml;uft, zeigt die Reaktion auf einen <strong>Vorsto&szlig; der neuen saarl&auml;ndischen Ministerpr&auml;sidentin zur Schuldenbremse<\/strong>.<\/p><p>Hier der Vorsto&szlig;:<\/p><p><strong>Vorsto&szlig; aus dem Saarland<\/strong><br>\nSchuldenbremse? Muss nicht<br>\nSaarlands Ministerpr&auml;sidentin ist skeptisch: Die Bedingungen f&uuml;r die Schuldenbremse im Grundgesetz durch die Euro-Krise sind aus ihrer Sicht nicht mehr gegeben. Andere finden das absurd.<br>\n(&hellip;)<br>\nQuelle: <a href=\"http:\/\/www.taz.de\/Vorstoss-aus-dem-Saarland\/!78986\/\">taz<\/a><\/p><p>Und hier das Ende des Vorsto&szlig;es:<\/p><p>28.09.2011 16:17<br>\n<strong>Saarbr&uuml;cken: Saarland steht zur Schuldenbremse<\/strong><br>\nNach heftiger Kritik aus den eigenen Reihen hat sich Ministerpr&auml;sidentin Kramp-Karrenbauer (CDU) deutlich zur Schuldenbremse bekannt. Das Saarland stehe zu seinen Verpflichtungen.<br>\n(&hellip;)<br>\nQuelle: <a href=\"http:\/\/www.sr-online.de\/nachrichten\/30\/1297972.html\">SR Online<\/a><\/p><p>Wir leben in einer absolut verklemmten Debattenkultur. Und dies k&ouml;nnte b&ouml;se Folgen haben.<\/p><p><strong>P.S. Nr. 2:<\/strong><\/p><p>Auf europ&auml;ischer Ebene geht der Wahnsinn genauso weiter. Zur Versch&auml;rfung des Wachstums- und Stabilit&auml;tspakts im folgenden eine Erkl&auml;rung des Europa-Abgeordneten der Linken, J&uuml;rgen Klute:<\/p><p><strong>Economic Governance: Unkluges Zwangskorsett statt echte Wirtschaftsregierung<\/strong><\/p><p><strong>Eine Mehrheit von Konservativen, Rechten und Liberalen im Europ&auml;ischen Parlament hat heute eine drastische Versch&auml;rfung des Wachstums- und Stabilit&auml;tspakts durchgesetzt. Das Paket zur wirtschaftspolitischen Steuerung (&ldquo;Economic Governance&rdquo;) verleiht der EU-Kommission neue, weitreichende Durchgriffsrechte auf finanz- und wirtschaftspolitische Entscheidungen der Mitgliedsstaaten.<\/strong><\/p><p><em>J&uuml;rgen Klute, Koordinator der Linksfraktion im Wirtschafts- und W&auml;hrungsausschuss des Europ&auml;ischen Parlaments erkl&auml;rt die Haltung der Fraktion:<\/em><\/p><blockquote><p>&ldquo;Die Eurokrise zeigt, dass die EU eine Wirtschaftsregierung braucht. Es ist klar: Die Mitgliedsstaaten m&uuml;ssen sich koordinieren, um Lohn- und Steuerdumping zu verhindern. Die Economic Governance-Reform zielt jedoch viel zu einseitig auf die Bestrafung und Drangsalierung von Mitgliedsl&auml;ndern mit Exportdefiziten. Im gemeinsamen Interesse m&uuml;ssten stattdessen &uuml;berm&auml;&szlig;ige &Uuml;bersch&uuml;sse, wie sie die Bundesrepublik seit Jahren auf Kosten der s&uuml;dlichen Nachbarn erzielt, in gleichem Ma&szlig;e sanktioniert werden.&rdquo;<\/p><\/blockquote><p><em>Folgende Neuerungen wurden durch die Annahme des Reformpakets heute beschlossen:<\/em><\/p><ol>\n<li>Neben der bisherigen Begrenzung der j&auml;hrlichen Haushaltsdefizite auf 3 % werden die Mitgliedsl&auml;nder von nun an auf den Ausgleich ihrer Haushalte hin orientiert. Ziel ist die R&uuml;ckf&uuml;hrung der Gesamtverschuldung der Mitgliedsl&auml;nder auf unter 60 %.<\/li>\n<li>EU-Staaten, die die haushaltspolitischen Ziele des Stabilit&auml;tspakts nicht erreichen, werden durch die EU-Kommission auf einen raschen, pr&auml;zise festgelegten Abbau ihrer Verschuldungsraten verpflichtet. Verfehlen sie die sparpolitischen Vorgaben, verh&auml;ngt die Kommission unmittelbar Sanktionen: In einer ersten Stufe m&uuml;ssen die Mitgliedsl&auml;nder verzinsliche Einlagen hinterlegen. In einem sp&auml;teren Schritt werden Geldbu&szlig;en &uuml;ber 0,2 % der Wirtschaftsleistung f&auml;llig.<\/li>\n<li>Schlie&szlig;lich wird der Stabilit&auml;tspakt um einen neuen Mechanismus zum Abbau makro&ouml;konomischer Ungleichgewichte erg&auml;nzt. Dieser zielt in erster Linie auf L&auml;nder, die dem wirtschaftlichen &nbsp;Wettbewerb innerhalb der EU nicht standhalten k&ouml;nnen. Volkswirtschaften, die nicht ausreichend Exporte absetzen, werden auf Strukturreformen verpflichtet. Setzt das betroffene Land die Vorgaben aus Br&uuml;ssel nicht um, drohen Geldbu&szlig;en &uuml;ber 0,1 % des Bruttoinlandprodukts.<\/li>\n<\/ol><p>Klute abschlie&szlig;end:<\/p><blockquote><p>&ldquo;Mit der Reform werden die &ouml;ffentlichen Finanzen in ein v&ouml;llig unflexibles Zwangskorsett gesteckt. &nbsp;Dabei zeigt es sich gegenw&auml;rtig in Griechenland, dass blinde Sparwut keine intelligente wirtschaftspolitische L&ouml;sung darstellt. &nbsp;Noch nicht einmal das immer wieder beschworene Vertrauen der M&auml;rkte wird so hergestellt. Wenn Europa sich nicht einer &ouml;konomischen und sozialen Dauerkrise hingeben will, braucht es nun wirkungsvolle Ausgleichs-Ma&szlig;nahmen f&uuml;r Wachstum und Besch&auml;ftigung, sowie unverz&uuml;gliche Entlastungen f&uuml;r die von der Eurokrise betroffenen Staaten.&rdquo;<\/p><\/blockquote><p>Strasbourg, 28. September 2011 <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aus Schaden wird man klug, diese Lebenserfahrung gilt allenfalls f&uuml;r einzelne Personen. F&uuml;r V&ouml;lker und ihre Politiker gilt sie offensichtlich nicht. Sie lernen nichts aus der Geschichte, auch wenn ihre Ignoranz Millionen Menschen ins Ungl&uuml;ck st&uuml;rzt. In dieser Situation sind wir heute: Bundesfinanzminister Sch&auml;uble und viele Sekundanten in Politik, Wissenschaft und Medien wenden sich &ndash;<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=10849\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[147,30],"tags":[423,2277,440,392,476],"class_list":["post-10849","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-arbeitslosgigkeit","category-wirtschaftspoliik-und-konjunktur","tag-austeritaetspolitik","tag-kramp-karrenbauer-annegret","tag-schaeuble-wolfgang","tag-schuldenbremse","tag-weltwirtschaftskrise"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10849","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=10849"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10849\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":23247,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10849\/revisions\/23247"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=10849"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=10849"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=10849"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}