{"id":108519,"date":"2023-12-25T12:00:38","date_gmt":"2023-12-25T11:00:38","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=108519"},"modified":"2023-12-27T10:59:59","modified_gmt":"2023-12-27T09:59:59","slug":"als-grenzgaenger-im-schweinedorf-und-andere-interkulturelle-begegnungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=108519","title":{"rendered":"Als Grenzg\u00e4nger im \u201eSchweinedorf\u201c und andere interkulturelle Begegnungen"},"content":{"rendered":"<p>&bdquo;Das Volk ist wie das Gras, das immer wieder gr&uuml;nt und bl&uuml;ht, so oft es auch niedergetrampelt wird&ldquo;, lautet ein koreanisches Sprichwort. Mehrfach und hautnah hat das <strong>Lutz Drescher<\/strong> (70) selbst erfahren, der knapp ein Jahrzehnt im Auftrag der evangelischen Kirche in S&uuml;dkorea t&auml;tig war und dort in engem Kontakt mit der Menschenrechts- und Demokratiebewegung stand. Von 2001 bis 2016 war Drescher als Verbindungsreferent f&uuml;r Ostasien (Korea, China, Japan) und Indien der <em>Evangelischen Mission in Solidarit&auml;t e.V. (EMS<\/em> &ndash; Stuttgart) zust&auml;ndig f&uuml;r die Beziehungen zu dortigen Kirchen und Institutionen. Zahlreiche Reisen f&uuml;hrten ihn in diese L&auml;nder sowie nach Nordkorea. Es folgten zwei Arbeitsjahre im Auftrag des Weltrates der Kirchen, in denen er als ehrenamtlicher Koordinator des<em> &bdquo;&Ouml;kumenischen Forums f&uuml;r Frieden, Wiedervereinigung und Entwicklungszusammenarbeit auf der Koreanischen Halbinsel&ldquo; <\/em>t&auml;tig war. Mit Lutz Drescher, den die im Jahre 1884 gegr&uuml;ndete <em>Deutsche Ostasienmission <\/em>(<em>DOAM<\/em>) 2020 zu ihrem Ehrenvorsitzenden ernannte, sprach unser Ost- und S&uuml;dostasienexperte <strong>Rainer Werning<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_9166\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-108519-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/231226_Als_Grenzgaenger_im_Schweinedorf_und_andere_interkulturelle_Begegnungen_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/231226_Als_Grenzgaenger_im_Schweinedorf_und_andere_interkulturelle_Begegnungen_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/231226_Als_Grenzgaenger_im_Schweinedorf_und_andere_interkulturelle_Begegnungen_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/231226_Als_Grenzgaenger_im_Schweinedorf_und_andere_interkulturelle_Begegnungen_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=108519-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/231226_Als_Grenzgaenger_im_Schweinedorf_und_andere_interkulturelle_Begegnungen_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"231226_Als_Grenzgaenger_im_Schweinedorf_und_andere_interkulturelle_Begegnungen_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p><strong>R. Werning: Herr Drescher, Sie sind Badener und wurden 1953 in Freiburg in Breisgau geboren. Welche Kindheitserlebnisse sind Ihnen am lebhaftesten in Erinnerung geblieben?<\/strong><\/p><p><strong>Lutz Drescher:<\/strong> Die ersten Lebensjahre waren ja noch vor der Zeit des sogenannten Wirtschaftswunders. Wir waren insgesamt f&uuml;nf Geschwister, und da herrschte kein &Uuml;berfluss. Aber Feste wurden trotzdem feste gefeiert. Beides zu k&ouml;nnen, sparsam zu sein und gro&szlig;z&uuml;gig, habe ich in meinem Elternhaus gelernt. Au&szlig;erdem war ich der &Auml;lteste und hatte schon fr&uuml;h eine Verantwortung meinen Geschwistern gegen&uuml;ber. Das hat meine Art, mich in unterschiedlichste Teams einzubringen, sicherlich gepr&auml;gt. Ich habe immer versucht, achtsam zu sein und das Ganze im Blick zu behalten.<\/p><p>Wir sind bald nach Sch&ouml;nau im Schwarzwald umgezogen, wo mein Vater die Leitung des dortigen Forstamtes &uuml;bernahm. Dort waren wir &bdquo;die Fremden&ldquo;. Wir sprachen anders, hatten einen anderen Glauben, ja, wir waren als Evangelische vermutlich Ketzer. Erst Jahrzehnte sp&auml;ter vertraute mir einer meiner engsten Kindheitsfreunde an, wie sehr er darunter gelitten hatte, dass ich ausgerechnet ein Evangelischer war, der nach Aussage des damaligen katholischen Stadtpfarrers wohl in die H&ouml;lle komme.<\/p><p>Noch eine andere lustige Begebenheit ist frisch in meiner Erinnerung: Wir waren oft in Freiburg bei unserer Gro&szlig;mutter zu Besuch. Eines Tages zupfte mich mein j&uuml;ngerer Bruder aufgeregt am &Auml;rmel: &bdquo;Guck&lsquo; mal da, ein Neger&ldquo;, sagte er ganz ungeniert sehr laut und deutete auch noch mit dem Finger auf die betreffende Person. Sp&auml;ter, als ich in Korea lebte, habe ich das umgekehrt erlebt. Wenn ich durch die Gassen der Armenviertel auf den H&uuml;geln der Metropole Seoul ging, deuteten oft Kinder v&ouml;llig verbl&uuml;fft mit ihren Fingern auf mich und sagten: &bdquo;Guck&lsquo; mal da, ein Amerikaner.&ldquo;<\/p><p>Das Thema &bdquo;Fremd sein und Fremden begegnen&ldquo; ist einer der roten F&auml;den, die sich durch mein Leben ziehen.<\/p><p><strong>Was bestimmte in Ihrer Jugend ma&szlig;geblich den weiteren Lebens- und Berufsweg?<\/strong><\/p><p>Die Nachwehen der 68er-Bewegung erreichten auch uns in der tiefsten Provinz. Nachdem es in Sch&ouml;nau nur ein Progymnasium bis zur Untersekunda (so hie&szlig; die zehnte Klasse damals) gab, habe ich die letzten drei Schuljahre &ndash; von 1969 bis 1972 &ndash; das Gymnasium in Schopfheim besucht. Damals fand der erste Sch&uuml;lerstreik in der Geschichte Baden-W&uuml;rttembergs statt, und ich hatte die Ehre, vom Rektor des Gymnasiums als einer der &bdquo;R&auml;delsf&uuml;hrer&ldquo; bezeichnet zu werden. Auch zur einsetzenden sogenannten &bdquo;Dritte Welt-Bewegung&ldquo;, die Gerechtigkeit weltweit einforderte, hatte ich Kontakt. Es kam in unserem Ort zu einem Skandal, als ich mich zusammen mit dem Gemeindepfarrer am Eingang des Schwimmbades mit Plakaten hungernder Biafra-Kinder aufstellte. Naser&uuml;mpfen und Kopfsch&uuml;tteln allerorten &hellip; &bdquo;tja, so sind sie eben, die Evangelischen&ldquo;.<\/p><p>Auch in Taiz&eacute;, einer &ouml;kumenischen Gemeinschaft in Burgund, war ich h&auml;ufig. Dort lebten schon damals Menschen aus allen Kontinenten zusammen und verwirklichten so etwas wie die Vision einer &bdquo;Menschheitsfamilie&ldquo;. Ihr Motto damals: &bdquo;Kampf (f&uuml;r eine gerechtere Weltordnung) und Kontemplation (ein Sch&ouml;pfen aus inneren Quellen, deren Ursprung in Gott selbst liegt)&ldquo;. Das einschneidendste Erlebnis war jedoch unmittelbar nach dem Abitur 1972 eine Reise mit dem VW-Bus &uuml;ber Land nach Indien und zur&uuml;ck.<\/p><p>Ich habe es genossen, unterwegs zu sein, und bin mir des Privilegs bewusst, dass Reisen stets zu meinem Beruf geh&ouml;rte. Aber das Begegnen mit der und Eintauchen in die indische Wirklichkeit hat mich ziemlich durcheinandergewirbelt. Vor allem war es eine Frage, die ich mir immer wieder stellte: Warum bin ich als Deutscher auf die Welt gekommen, die mir jetzt offensteht und in der ich alle M&ouml;glichkeiten und zahlreiche Privilegien genie&szlig;e? Wie s&auml;he die Welt f&uuml;r mich aus, w&auml;re ich als Inder auf die Welt gekommen? Was w&auml;ren dann meine Hoffnungen und Erwartungen?<\/p><p>Indien hat mich nicht losgelassen. Ich war immer wieder dort, u.a. auch f&uuml;r einige Wochen in Kalkutta, wo ich bei den Br&uuml;dern der N&auml;chstenliebe gewohnt und in <em>Nirmal Hriday<\/em>, dem von Mutter Theresa gegr&uuml;ndeten &bdquo;Sterbehaus&ldquo;, mitgearbeitet habe. In Indien begann ich, &uuml;ber den Tellerrand zu blicken, und es war f&uuml;r mich ein gro&szlig;es Gl&uuml;ck, dass ich in meinen letzten zehn Berufsjahren f&uuml;r Beziehungen zu den Kirchen in Indien zust&auml;ndig war.<\/p><p>Eine letzte Station meiner Reise vor Beginn des Studiums m&ouml;chte ich noch erw&auml;hnen. Ich habe nach meiner ersten Indienreise eine Ausbildung als Heilerziehungspflegehelfer im Epilepsiezentrum Kork gemacht. Dort hatte ich mit schwerbehinderten Kindern zu tun. Ich sage dies bewusst pointiert, weil ich von ihnen unendlich viel lernte.<\/p><p><strong>Sie sagen, Indien hat Sie nicht losgelassen. Was konkret meinen Sie mit dieser offensichtlichen Z&auml;sur in Ihrem Leben?<\/strong><\/p><p>Zum einen war es der bereits angedeutete Perspektivwechsel. Wer einmal das eurozentrische Weltbild und den damit verbundenen engen Horizont hinter sich gelassen hat, der wei&szlig; einfach, dass wir weder der Mittelpunkt der Erde noch der Nabel der Welt sind. Wir sind nur ein kleiner Teil eines gro&szlig;en Ganzen. Das zu erkennen, ist eine gro&szlig;e Befreiung und zugleich eine gro&szlig;e Herausforderung. Es gibt aber auch noch einen anderen Perspektivwechsel. Die Welt, die Gesellschaft sieht ganz anders aus, wenn man sie &bdquo;von unten&ldquo; in den Blick nimmt. Da werden die Widerspr&uuml;che und Ungerechtigkeiten der Gesellschaft, ihre Kanten und Br&uuml;chigkeit nochmals viel deutlicher.<\/p><p>F&uuml;r mich wurde auch die Theologie angesichts der furchtbaren Armut, die mir im Indien der 1970er-Jahre begegnete, gleichsam vom Kopf auf die F&uuml;&szlig;e gestellt. Wo ist Gott? Diese Frage stellte sich mir da mit neuer Dringlichkeit. Einen wichtigen Hinweis gab mir der indische Dichter <em>Rabindranath Tagore<\/em> in seinem Gedicht &bdquo;Lass dieses Singen von Chor&auml;len&ldquo;, in dem er auf die verweist, die im Schwei&szlig;e ihres Angesichts auf den Feldern arbeiten oder Steine klopfen: &bdquo;Dort ist er staubbedeckt zu deinen F&uuml;&szlig;en!&ldquo;<\/p><p>&bdquo;Gott, der an der Basis arbeitet&ldquo; lautete der Titel eines Buches, das mir viele Jahre sp&auml;ter in Korea begegnet ist. In ihm sind Erfahrungen aus den koreanischen <em>&bdquo;Minjung&ldquo;,<\/em> sprich &bdquo;Basis-Gemeinden&ldquo;, in die ich dann sp&auml;ter involviert war, aufgehoben. Mein koreanischer Name lautet <em>Do Yo-Su &ndash; &bdquo;Weg (Do = Tao) wie Wasser&ldquo;<\/em>. Dieses sucht stets die Tiefe. So ist es in meinem Verst&auml;ndnis auch mit Gott beziehungsweise Gottes Liebe. Willst du ihn\/sie finden, musst du &bdquo;unten&ldquo; suchen. Meine indischen Erfahrungen haben mir dann in Korea geholfen, einzutauchen in die sogenannte Minjung-Theologie, eine befreiende Theologie, die im Kontext des Widerstands gegen die s&uuml;dkoreanische Milit&auml;rdiktatur entstanden und gereift ist.<\/p><p><strong>Waren es die existentiellen Erfahrungen in Indien, die Sie schlie&szlig;lich bewogen haben, Theologie zu studieren?<\/strong><\/p><p>In gewisser Weise schon, aber ich habe bewusst nicht Theologie studiert, sondern Religions- und Sozialp&auml;dagogik an einer Evangelischen Hochschule. Dies ist ein Studiengang, in dem Theorie und Praxis eng miteinander verflochten sind und sehr viel Wert daraufgelegt wird, sich als Mensch in seinen Beziehungen zu anderen sehr gut kennenzulernen. Es geht also um das Individuum <em>u n d<\/em> das Soziale. Humanwissenschaften <em>u n d<\/em> Theologie stehen gleichberechtigt nebeneinander und sind aufeinander bezogen. Es geht immer um Gott <em>u n d<\/em> Mensch, Gott <em>u n d<\/em> Welt. Den Satz, dass das Pers&ouml;nliche politisch ist, kann ich gut dahingehend erweitern, dass das Pers&ouml;nliche politisch und theologisch zugleich ist. Und umgekehrt will das Theologische pers&ouml;nlich und politisch werden. <\/p><p>W&auml;hrend meines Studiums blieben die schreienden Gegens&auml;tze, die mir in Indien begegnet sind, stets im Hinterkopf. Und unentwegt stellte sich mir die Frage, ob und wie Theologie im Blick darauf relevant ist und ein entsprechend &bdquo;befreiendes Potenzial&ldquo; entfaltet. Die Zeit, in der ich studierte, war auch die Zeit, in der die sogenannten Befreiungstheologien entstanden sind beziehungsweise bei uns bekannt wurden. Mit ihnen habe ich mich immer wieder besch&auml;ftigt und ihre Auspr&auml;gungen im spezifisch koreanischen Kontext hautnah erlebt. Dabei kam mir zugute, dass ich mich zuvor intensiv mit dem Widerstand von Christen gegen den Faschismus befasste und mich in gewisser Weise mit der Geschichte der sogenannten &bdquo;Bekennenden Kirche&ldquo; in Deutschland identifiziert habe.<\/p><p><strong>Wie verschlug es Sie letztlich in eine neue Region &ndash; Ostasien, genauer nach S&uuml;dkorea?<\/strong><\/p><p>In meinen ersten Berufsjahren als Gemeindediakon ab 1981 war in unserer Gemeinde auch Pfarrer Kim Won-Bae, ein Mitarbeiter aus Korea, t&auml;tig. Durch ihn entstanden enge Beziehungen zu Christen in der s&uuml;dkoreanischen Stadt Gwangju. Dort hatte die Milit&auml;rdiktatur im Jahr zuvor, im Mai 1980, ein Massaker ver&uuml;bt. In Korea selbst versuchte man, die Geschehnisse dort mit allen Mitteln unter den Teppich zu kehren. Nachrichten dar&uuml;ber fielen der Zensur zum Opfer oder waren grob entstellt. Wir jedoch konnten uns die schockierenden Bilder ansehen, die ein ARD-Korrespondent, J&uuml;rgen Hinzpeter, dort heimlich gedreht hatte. Eine Krankenschwester aus Gwangju, Ahn Sung-Rye, die sp&auml;tere Gr&uuml;nderin des <em>May Mother House<\/em>, schrieb uns ergreifende Berichte, und die Menschen in Gwangju waren f&uuml;r unsere Solidarit&auml;t dankbar. In Gwangju spielten Christen eine herausragende Rolle im Widerstand. Frau Ahn schrieb uns, dass der 1945 von den Nazis ermordete Dietrich Bonhoeffer &bdquo;in Korea lebendig sei&ldquo;. In Erinnerung an ihn h&auml;tten sie ihre Kirchengemeinde in <em>&bdquo;Bekennende Gemeinde&ldquo;<\/em> umbenannt. Das alles hat uns aufgew&uuml;hlt und sehr bewegt, vor allem dazu, uns immer wieder f&uuml;r die Freilassung der dort Inhaftierten einzusetzen.<\/p><p>Als ich 1986 gefragt wurde, ob ich bereit sei, &uuml;ber das <em>Evangelische Missionswerk in S&uuml;dwestdeutschland (EMS &ndash; <\/em>heute:<em> Evangelische Mission in Solidarit&auml;t e.V. &ndash; RW) <\/em>mit Sitz in Stuttgart nach Korea zu gehen, habe ich umgehend Ja gesagt. Viele der Mitglieder und der Pfarrer der Kirche, in der ich mitarbeiten sollte, waren im Widerstand gegen die Milit&auml;rdiktatur und im Einsatz f&uuml;r Demokratie und Menschenrechte aktiv. Und viele von ihnen waren deshalb zu k&uuml;rzeren oder l&auml;ngeren Gef&auml;ngnisstrafen verurteilt worden. Mich hat der Gedanke, in Korea eine &bdquo;Bekennende Kirche von heute&ldquo; erleben zu d&uuml;rfen, fasziniert. Obwohl mir dann, als es so weit war, die Ausreise doch nicht ganz so leichtfiel: Inzwischen hatte ich n&auml;mlich gelernt, dass Korea nicht weit s&uuml;dlich von Sibirien liegt.<\/p><p><strong>S&uuml;dkorea befand sich zu der Zeit noch unter der Knute einer Milit&auml;rdiktatur, wenngleich sich Seoul erfolgreich als Ausrichter der 24. Olympischen Sommerspiele 1988 beworben hatte. Doch gerade im Vorfeld dieses sportlichen Gro&szlig;ereignisses kam es wiederholt zu massenhaften Protesten und einer &bdquo;gro&szlig;en Demokratiebewegung&ldquo;. Wie erlebten sie diese politisch ebenso bewegte wie bewegende Phase in S&uuml;dkoreas j&uuml;ngerer Geschichte?<\/strong><\/p><p>Am 23. Februar 1987 kam ich in S&uuml;dkorea an, und schon wenige Tage sp&auml;ter, am 3. M&auml;rz, hatte ich meine erste Begegnung mit dem teuflisch &auml;tzenden koreanischen Tr&auml;nengas. Kurz zuvor hatte ein mutiger Arzt &ouml;ffentlich gemacht, dass der in Polizeigewahrsam befindliche Student <em>Park Jong-Cheol<\/em> nicht etwa eines nat&uuml;rlichen Todes gestorben, sondern zu Tode gefoltert worden war. Ein Aufschrei der Emp&ouml;rung ging durch das Land, und es begannen Demonstrationen, die stetig anschwollen, gr&ouml;&szlig;er wurden und schlie&szlig;lich in eine Massenbewegung m&uuml;ndeten. Im Zentrum dieser Demonstrationen stand ausgerechnet die renommierte Yonsei Universit&auml;t, an der ich im M&auml;rz 1987 mein zweij&auml;hriges Koreanisch-Studium begonnen hatte. Dieses hat mich buchst&auml;blich viele Tr&auml;nen gekostet, nicht nur, weil die koreanische Sprache so schwierig ist, sondern auch wegen des Geruchs von Tr&auml;nengas, das t&auml;glich in unterschiedlichen Dosierungen in der N&auml;he des Unicampus verschossen wurde.<\/p><p>Dabei wurde auch der Student <em>Lee Han-Yol<\/em> von einer Tr&auml;nengasgranate am Kopf getroffen und lag wochenlang im Koma, bis er schlie&szlig;lich starb. Dies f&uuml;hrte dazu, dass die Demonstrationen noch an St&auml;rke zunahmen. W&auml;hrend es anfangs vor allem Studierende waren, die auf die Stra&szlig;en gingen, schlossen sich ihnen nun immer mehr Leute aus der aufstrebenden Mittelschicht an. Es kam zu der &bdquo;gro&szlig;en Juni-Demokratiebewegung&ldquo;, die dazu f&uuml;hrte, dass das Regime nachgab und einer Direktwahl des Pr&auml;sidenten zustimmte. Noch sehr genau sind mir die Bilder vor Augen, wie am 9. Juli 1987 insgesamt 1,6 Millionen Menschen in einem nicht enden wollenden Demonstrationszug an der Beerdigung von Lee Han-Yol teilnahmen und dies zugleich als (Teil-)Sieg &uuml;ber die Diktatur feierten. Sp&auml;ter las ich dann in der konfuzianischen Tradition, die Korea sehr gepr&auml;gt hat, einen Satz, der sinngem&auml;&szlig; so lautet: &bdquo;Das Volk ist wie das Gras, so oft es auch niedergetrampelt wird, es steht dennoch immer wieder auf!&ldquo;<\/p><p>Dass es zu diesem Volksaufstand kommen konnte und dieser nicht blutig vom Milit&auml;r niedergeschlagen wurde, hatte auch damit zu tun, dass 1988 die Olympischen Spiele in Seoul stattfanden und das Regime dort ganz besonders unter internationaler Beobachtung stand. In Deutschland hatten die Kirchen zusammen mit anderen Organisationen, Vereinen und Initiativen aus der Zivilgesellschaft eine <em>Korea-Olympiakampagne <\/em>ins Leben gerufen, durch die der Demokratisierungsprozess der koreanischen Gesellschaft auch von au&szlig;en wirksam mitunterst&uuml;tzt wurde. Diese Kampagne wurde von meinem werten Gespr&auml;chspartner koordiniert, und das von ihm mitverfasste Buch <em>&bdquo;Korea &ndash; kein Land f&uuml;r friedliche Spiele&ldquo;<\/em> geh&ouml;rte damals auch zu meiner Pflichtlekt&uuml;re.<\/p><p>Die ersten beiden Jahre in Korea bedeuteten eine Phase des (Kennen-)Lernens, nicht nur der Sprache, sondern auch von Orten und Akteuren der Demokratiebewegung in den wie auch au&szlig;erhalb der Kirchen. Ich war nah dran an der Zerst&ouml;rung <em>Sangkyedongs<\/em>, eines Armenviertels am Rande Seouls, das zugleich Symbol der zunehmenden Marginalisierung der Armen war. Ich hatte meine ersten Begegnungen mit dem sp&auml;teren Pr&auml;sidenten und Friedensnobelpreistr&auml;ger <em>Kim Dae-Jung<\/em>, der damals noch unter Hausarrest stand. Und ich habe ganz nahe die gro&szlig;e Entt&auml;uschung miterlebt, als sich die Opposition nicht auf einen gemeinsamen Pr&auml;sidentschaftskandidaten einigen konnte und damit bei den Wahlen im Dezember 1987 mit <em>Roh Tae-Woo<\/em> erneut einem General den Weg zur Macht ebnete. Dass 1998 doch noch mit Kim Dae-Jung ein einst zum Tode verurteilter Oppositionspolitiker zum Pr&auml;sidenten gew&auml;hlt wurde, geh&ouml;rt zu den gro&szlig;en Hoffnungsgeschichten des 20. Jahrhunderts.<\/p><div class=\"imagewrap\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/231225_Kim%20Dae%20Jung-1.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><\/div><p><small><em>Empfang bei Kim Dae-Jung, S&uuml;dkoreas<\/em> Pr&auml;sident von 1998 bis 2003 sowie Friedensnobelpreistr&auml;ger des Jahres 2000<\/small><\/p><p><strong>Was genau war Ihr Bet&auml;tigungsfeld in Korea?<\/strong><\/p><p>Nach meinem Sprachstudium konnte ich tiefer in die s&uuml;dkoreanische Graswurzelbewegung eintauchen. Ich begann meinen Dienst in einer kleinen Kirchengemeinde im damals wohl gr&ouml;&szlig;ten Armenviertel &ndash; in <em>Hakyedong<\/em> im Norden von Seoul. Bekannt war dieser Ort unter dem Namen <em>&bdquo;Schweinedorf&ldquo;,<\/em> weil dort bis Mitte der 1980er-Jahre noch Vieh gez&uuml;chtet wurde. Als Viehzucht im Stadtgebiet dann gesetzlich verboten wurde, zogen bald die ersten Menschen in umgebaute St&auml;lle ein. Schlie&szlig;lich waren es zirka 4.000 Personen, die dort lebten. Unter ihnen war auch ein junger Pfarrer, Oh Young-Shik, mit seiner Frau und seinen beiden kleinen Kindern. Er verstand seine Anwesenheit in diesem Slum als ein Zeichen, dass dieser auch im &uuml;bertragenen Sinne &bdquo;kein gottverlassener Ort&ldquo; war. Die Gemeinde, die dort entstand, feierte ihre Gottesdienste in einer aus Backsteinen selbst erbauten Kirche. Eigentlich war es eine Baracke, die nicht nur als Gottesdienstraum diente: Wochentags fand dort die Hausaufgabenhilfe f&uuml;r die Kinder und Jugendlichen statt. An Samstagen kamen &Auml;rzte und Medizinstudenten zu einer kostenlosen Behandlung. Auch Demonstrationen wurden dort geplant, wenn das Viertel wieder einmal vom Abriss bedroht war.<\/p><p>Neben meiner Mitarbeit in dieser Gemeinde war ich zunehmend damit besch&auml;ftigt, Gruppen von Besuchern, die sich mit den unterschiedlichsten Aspekten koreanischen Lebens befassten, zu begleiten und f&uuml;r sie zu dolmetschen. Dabei habe ich auch das Schreiben f&uuml;r mich entdeckt. Die Zeit mit den Besuchsgruppen war immer zu kurz, und es gab immer so viel mehr zu erz&auml;hlen. Also begann ich aufzuschreiben, was ich erlebt und erz&auml;hlt hatte, und konnte es, nachdem es gedruckt war, auch in schriftlicher Form Besuchern mitgeben.<\/p><p>Ich habe gern Besuchergruppen begleitet, war aber stets froh, wenn ich in das &bdquo;Schweinedorf&ldquo; zur&uuml;ckkehrte. Hier war ich zu Hause, war geerdet und habe gesp&uuml;rt, was den Menschen wirklich unter den N&auml;geln brennt. Wir haben gemeinsam gelacht und geweint. Die Menschen dort lebten in einer st&auml;ndigen Unsicherheit: &bdquo;Werden wir unseren Arbeitsplatz behalten und auch unseren Lohn bekommen? Was machen wir, wenn jemand aus der Familie krank wird? Wohin, wenn das Viertel wirklich abgerissen wird?&ldquo; Immer wieder haben wir R&auml;ume er&ouml;ffnet, in denen die Menschen ihre Sorgen aussprechen und gleichsam ihr Herz aussch&uuml;tten konnten &ndash; im Gespr&auml;ch und auch im Gebet. Und gleichzeitig haben wir gemeinsam viel Freude erlebt. Wie sehr haben wir das leckere koreanische Essen genossen, gerne auch mit einem <em>Soju<\/em>, einem koreanischen Schnaps, obwohl ja eigentlich Christen der Genuss von Alkohol verboten war.<\/p><p>Diese kleine Minjung-Gemeinde geh&ouml;rte zu einer Bewegung, die in der Zeit nach dem Massaker in Gwangju entstanden war. Es waren junge Pfarrerinnen und Pfarrer, von denen viele im Gef&auml;ngnis waren, die damit begannen, solche Gemeinden in Arbeiter- und Armenvierteln oder auch in Bauernd&ouml;rfern aufzubauen. Studierende, die ihrer Uni verwiesen wurden, Journalisten, die der Zensur unterlagen, Lehrer, die ihren Job verloren hatten, Gewerkschaftler, die inhaftiert waren, schlossen sich ihnen an. Es waren Gemeinden, in denen sich Marginalisierte, sozial Ge&auml;chtete und politisch Unterdr&uuml;ckte, das sogenannte &bdquo;Minjung&ldquo; versammelte. In diesen Gemeinden wurde die Erinnerung daran aufrechterhalten, dass M&auml;nner und Frauen aus christlichen Gemeinden zur Zeit der brutalen japanischen Kolonialherrschaft (1910-45) in der Unabh&auml;ngigkeitsbewegung eine zentrale Rolle spielten. Ihre Mission war nicht vordergr&uuml;ndig die Rettung von Seelen, sondern die Umw&auml;lzung gesellschaftlicher Verh&auml;ltnisse, damit Menschen menschlich leben konnten.<\/p><p><strong>Sie bereisten ebenfalls die Demokratische Volksrepublik Korea (DVRK &ndash; Nordkorea). Wie gelangten Sie dorthin, was war ausschlaggebend f&uuml;r solche Besuche?<\/strong><\/p><p>W&auml;hrend der ann&auml;hernd neun Jahre (1987-95), die ich in S&uuml;dkorea verbrachte, habe ich bewusst auf einen Besuch in der Volksrepublik verzichtet. Ein solcher Besuch h&auml;tte meine Arbeit erschwert. Aber ich bin schon 1989 in Berlin das erste Mal einer Delegation des <em>&bdquo;Nordkoreanischen Christenbundes&ldquo;<\/em> begegnet. &bdquo;Nordkorea und Christen?&ldquo;, wird sich nun mancher fragen. Ja, es gibt in der DVRK einen ganz offiziellen Christenbund. Er hat etwa 13.000 Mitglieder, die sich in zwei Kirchen in der Hauptstadt Pj&ouml;ngjang und in 500 Hauskirchen treffen. Dabei spielt die Tatsache, dass die Missions- und Kirchengeschichte in Korea eine ganz besondere ist, eine gro&szlig;e Rolle. In Korea gab es keine unheilige Allianz von Kreuz und Schwert. Christen und Kommunisten haben sich gleicherma&szlig;en auf ihre je eigene Art gegen die japanische Kolonialmacht gestellt. Es ist dar&uuml;ber hinaus bekannt, dass Kim Il-Sung eine christliche Schule besuchte, wo er u.a. von seinem Onkel unterrichtet wurde. Seine Mutter mit dem biblische Bez&uuml;ge aufweisenden Namen Kang Ban-Seok (Ban-Seok = der Fels)<em> <\/em>war ehrenamtliche Mitarbeiterin in einer Kirchengemeinde, der Chilkol Kirche. An dem Ort, an dem diese Kirche urspr&uuml;nglich stand, lie&szlig; Kim Il-Sung &ndash; nach einer ersten, der 1988 errichteten Pongsu Kirche &ndash; im Jahr 1992 eine zweite, eben die Chilkol Kirche, erbauen. Sie liegt nicht irgendwo versteckt, sondern inmitten eines Neubauviertels.<\/p><p>Ich hatte zuvor mehrfach Delegationen des <em>Nordkoreanischen Christenbundes<\/em> begleitet. Als ich dann 2001 das Amt des Ostasien-Verbindungsreferenten der <em>Evangelischen Mission in Solidarit&auml;t (EMS) <\/em>&ndash; wie sie heute hei&szlig;t &ndash; &uuml;bernahm, erhielten wir in Stuttgart zum ersten Mal eine Einladung, Nordkorea zu besuchen. Das haben wir dann im Mai gemeinsam mit Vertretern der <em>Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) <\/em>auch getan. W&auml;hrend meiner Amtszeit von 2001 bis 2016 war ich vier Mal in der DVRK.<\/p><p><strong>Welchen gemeinsamen Erfahrungshorizont teilen Nord- und S&uuml;dkoreaner? Und was sind die auff&auml;lligsten Differenzen zwischen den Menschen n&ouml;rdlich und s&uuml;dlich des sie noch immer trennenden 38. Breitengrads?<\/strong><\/p><p>Gemeinsamkeiten und Unterschiede? Ich bin bei drei meiner vier Reisen in die DVRK bewusst gemeinsam mit in Deutschland lebenden S&uuml;dkoreanern gereist. F&uuml;r mich war es spannend mitzuerleben, wie sie die Dinge sehen und erleben. Was oft &uuml;bersehen wird, wenn wir an die beiden Teilstaaten denken, ist die gemeinsame kulturelle Pr&auml;gung. Die Urreligion Koreas ist der Schamanismus, ein religi&ouml;ses Ph&auml;nomen, in dem Emotionen und Ekstase eine gro&szlig;e Rolle spielen. Solche Emotionalit&auml;t in Form von tr&auml;nen&uuml;berstr&ouml;mten Gesichtern l&auml;sst sich z. B. beobachten, wenn im Norden ein Vertreter der Kim-Familie auftritt und in S&uuml;dkorea bei Konzerten von Boy Bands aus der K-Pop-Szene oder auch in christlichen Kirchen.<\/p><p>Die andere gro&szlig;e Tradition, deren Einfluss bis heute im Norden und im S&uuml;den wahrnehmbar ist, ist der Konfuzianismus. Wohl nirgends sonst war der Konfuzianismus so ausgepr&auml;gt und wirkm&auml;chtig wie in der Yi-Dynastie des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Vieles, was uns in Nordkorea zuerst als fremd erscheint, wird vor diesem Hintergrund verst&auml;ndlicher. In Nordkorea begegnet einem nicht nur auf dem sogenannten Ewigkeitsturm immer wieder die Inschrift: <em>&bdquo;Der Gro&szlig;e F&uuml;hrer, Genosse Kim Il-Sung, wird ewig mit uns leben.&ldquo;<\/em> Was sich zumindest f&uuml;r die Ohren mancher Christen wie Blasphemie anh&ouml;rt, ist angesichts schamanistisch-konfuzianistischer Ahnenverehrung eine Selbstverst&auml;ndlichkeit. In Korea sind die Ahnen lebendiger als bei uns. Fr&uuml;her wurden sie oberhalb der Felder begraben, und ihre Nachfahren bestellten ihre Felder &bdquo;vor den Augen der Ahnen&ldquo;.<\/p><p>Trotz dieser gemeinsamen kulturellen Wurzeln haben sich die beiden Landesteile im Verlauf der vergangenen 75 Jahre stark auseinanderentwickelt. Zwar wird auf beiden Seiten immer noch betont, dass &bdquo;in den Adern dasselbe Blut flie&szlig;e&ldquo;, aber davon sp&uuml;ren die &uuml;ber 30.000 Nordkoreafl&uuml;chtlinge im S&uuml;den wenig. Sie werden eher ausgegrenzt! Was immer die Zukunft bringt, es gibt kein Zur&uuml;ck zu gemeinsamen Wurzeln, sondern allenfalls ein Zusammenwachsen und eher wohl ein &bdquo;Zusammenraufen&ldquo; von verschiedenen.<\/p><p>Wenn wir die heutige Situation in den beiden Landesteilen betrachten, sind die riesigen Unterschiede un&uuml;bersehbar. Vor allem wirtschaftlich ist die Situation im Norden sehr schwierig. Es gibt ganz unterschiedliche Zahlen, gesch&auml;tzt wird jedoch, dass das Pro-Kopf-Einkommen im Norden nur ein Vierzigstel dessen im S&uuml;den betr&auml;gt. Die Lebenserwartung ist um 15 Jahre geringer, und zw&ouml;lfj&auml;hrige Kinder sind durchschnittlich zw&ouml;lf Zentimeter kleiner. Die Gr&uuml;nde f&uuml;r die wirtschaftlichen Schwierigkeiten im Norden sind sicher vielf&auml;ltig. Die Isolation des Landes spielt dabei ebenso eine Rolle wie die Auslandssanktionen, denen es nun schon seit Jahrzehnten ausgesetzt ist.<\/p><p><strong>Korea ist seit 75 Jahren geteilt. Was macht es so schwer, dass beide Seiten wieder zusammenkommen? Wie beurteilen Sie die bisherige Politik des &bdquo;Westens&ldquo; vis-&agrave;-vis den (Wieder-)Vereinigungsbestrebungen auf der Koreanischen Halbinsel?<\/strong><\/p><p>Wenn wir das schwierige Thema Wiedervereinigung ansprechen, ist es wichtig, darauf zu schauen, wie sich die Geschichte der Teilung ausgewirkt hat. Der Koreakrieg (1950-53) war schrecklich und hat seine traumatischen Spuren in beiden Teilen des Landes hinterlassen, aber auf je unterschiedliche Weise. In S&uuml;dkorea ist die Gesellschaft bis heute tief gespalten. Immer noch werden Teile der Gesellschaft, darunter auch die konservativen Kirchen, von einem militanten Antikommunismus beherrscht, der in der Vergangenheit ebenso schreckliche Menschenrechtsverletzungen zur Folge gehabt hat.<\/p><p>Ein anderer Teil der Gesellschaft hat dagegen erkannt, dass der Koreakrieg der erste hei&szlig;e Konflikt in der Phase des Kalten Krieges war und Korea ebendiesem zum Opfer fiel. Kurzum: In gewisser Weise verl&auml;uft die Teilung Koreas mitten durch die s&uuml;dkoreanische Gesellschaft und die Millionen Koreaner, die im Ausland leben. Und manchmal scheint es, als ob <em>diese<\/em> Spaltung Hauptgrund daf&uuml;r sei, dass man nicht zusammenkommt.<\/p><p>Anders ist es in Nordkorea: Nordkorea wurde im Koreakrieg v&ouml;llig dem Erdboden gleichgemacht und hatte auch ungleich mehr Opfer zu beklagen. Unvergessen sind dort die amerikanischen Bombengeschwader mit ihrer t&ouml;dlichen Fracht. Bis heute ist die Angst vor dem, was &bdquo;die Amerikaner&ldquo; in Korea angerichtet haben und wieder anrichten k&ouml;nnten, bei Gespr&auml;chen mit Nordkoreanern allseits sp&uuml;rbar. Sicher wird sie auch propagandistisch gesch&uuml;rt und so der innere Zusammenhalt in wirtschaftlich schwierigen Zeiten gest&auml;rkt. Aber stets geistert der Gedanke eines &bdquo;Erstschlags&ldquo; nicht nur durch die Medienlandschaft, sondern auch durch die K&ouml;pfe US-amerikanischer Politiker und Milit&auml;rs.<\/p><p>Die Angst, dem hilflos ausgeliefert sein zu k&ouml;nnen, ist der tiefste Grund f&uuml;r das nordkoreanische Atomprogramm. Ihm wird nicht durch Sanktionen beizukommen sein, sondern nur durch Sicherheitsgarantien, einen Nichtangriffspakt und besser noch durch einen Friedensvertrag. Genau das fordern die Kirchen in Nord- und S&uuml;dkorea gleicherma&szlig;en gemeinsam und seit Langem!<\/p><p>Es kam ja in den vergangenen Jahren teils zu dramatischen Entwicklungen, die weltweit mit gro&szlig;er Aufmerksamkeit verfolgt wurden. S&uuml;dkoreas Pr&auml;sident Moon Jae-In (2017-22) war angetreten mit der erkl&auml;rten Absicht, ein Friedensregime auf der koreanischen Halbinsel zu errichten. Kim Jong-Un, der 2011 ins Amt kam, hat von Anfang an eine doppelte Strategie milit&auml;rischer St&auml;rke und wirtschaftlicher Entwicklung verfolgt. Es kam zu mehreren Gipfeltreffen auch mit Pr&auml;sident Trump. Das alles hat zu nichts gef&uuml;hrt, weil weder die jeweiligen Vorstellungen noch die wechselseitigen Erwartungen zueinander gepasst haben. Vor allem aber scheiterten sie, weil trotz einiger Vorleistungen von Seiten der DVRK darauf nicht mit erhoffter Lockerung der Sanktionen seitens Washington reagiert wurde.<\/p><p>In den Erkl&auml;rungen der verschiedenen Gipfeltreffen im Jahre 2018 ist stets davon die Rede, dass alle feindseligen Handlungen eingestellt werden. F&uuml;r den Norden wie auch f&uuml;r die Zivilgesellschaft und die progressiven Kirchen S&uuml;dkoreas verst&ouml;&szlig;t die Abhaltung von Milit&auml;rman&ouml;vern eindeutig gegen solche Erkl&auml;rungen. In einer Pressemitteilung des Nationalen Kirchenrates hei&szlig;t es dazu:<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Mit heiligem Zorn fordern wir nachdr&uuml;cklich die sofortige Einstellung aller milit&auml;rischen Aktionen und feindseligen Ma&szlig;nahmen, die zu Konfrontationen und Konflikten auf der Koreanischen Halbinsel f&uuml;hren.&ldquo;<\/em>\n<\/p><\/blockquote><p><strong>Wie sch&auml;tzen Sie die Haltung der Regierungen in Washington ein, und wie hat sich in den letzten Jahren das Verh&auml;ltnis zwischen Nord- und S&uuml;dkorea entwickelt?<\/strong><\/p><p>Der fr&uuml;here US-Pr&auml;sident Obama hat sich im Blick auf Nordkorea nicht sehr stak engagagiert. Man bezeichnete seine Haltung als &bdquo;strategische Geduld&ldquo;, was auch immer das hei&szlig;en mochte. Sein Ansatz beruhte einfach darauf, Nordkorea zu isolieren und es Sanktionen auszusetzen. Ex-Pr&auml;sident Trump hat versucht, sich als Dealmaker zu pr&auml;sentieren und ist damit kl&auml;glich gescheitert.<\/p><p>Schon zu Beginn der Amtszeit von Pr&auml;sident Biden wurde deutlich, dass seine Administration andere Schwerpunkte setzen wird. Bei der ersten Reise seines Au&szlig;enministers zusammen mit dem Verteidigungsminister nach Ostasien wurde viel vom &bdquo;indo-pazifischen Raum&ldquo; gesprochen und weniger von Ostasien an sich. Dahinter steht geostrategisch betrachtet der Versuch, durch die als &bdquo;Quad&ldquo; bekannte milit&auml;rische Zusammenarbeit von Indien, Japan und Australien der zunehmenden St&auml;rke und dem Einfluss Chinas etwas entgegenzusetzen. F&uuml;r Biden steht eher die Konkurrenz zu China im Mittelpunkt der Politik. Meine schon zu Beginn seiner Amtszeit ge&auml;u&szlig;erte Bef&uuml;rchtung, dass angesichts des Konflikts um die Vormacht im pazifischen Raum die Koreafrage in den Hintergrund tritt, hat sich best&auml;tigt. Dies gilt auch f&uuml;r die Voraussage, dass sich die DVRK melden wird &ndash; und zwar lautstark &ndash;, wenn sie das Gef&uuml;hl hat, &uuml;bersehen oder &uuml;berh&ouml;rt zu werden.<\/p><p>Eindr&uuml;cklich demonstriert wurde dies, als am 16. Juni 2020 Nordkorea das innerkoreanische Verbindungsb&uuml;ro in der Grenzstadt Kaesong in die Luft gesprengt hat. Seither haben sich die Beziehungen zu Nordkorea zunehmend verschlechtert. Passend zum Amtsantritt des neuen konservativen Pr&auml;sidenten S&uuml;dkoreas, Yoon Yuk-Seol, am 10. Mai 2022 f&uuml;hrte Nordkorea einen Raketentest durch, wobei Yoon selbst zuvor w&auml;hrend seines Wahlkampfs zu einer Versch&auml;rfung des Konflikts beigetragen hatte, indem er einen Erstschlag auf Nordkorea nicht ausschloss. Eine weitere Versch&auml;rfung des Konflikts erfolgte j&uuml;ngst im November dieses Jahres, als von beiden Seiten ein 2018 unterzeichnetes Abkommen zum Abbau milit&auml;rischer Spannungen ausgesetzt wurde und beide Seiten begannen, wieder mehr Waffen und Streitkr&auml;fte an der Grenze zu stationieren.<\/p><p>Ein interessantes Ph&auml;nomen sei hier noch erw&auml;hnt: Nordkorea befand sich seit Januar 2020 in einem extrem strengen Lockdown, der erst im August 2023 langsam gelockert wurde. Eigentlich hatte niemand dem verarmten Land zugetraut, diese harsche Zeit zu &uuml;berstehen. <em>&bdquo;Aber siehe, sie leben!&ldquo;<\/em>, so stellen viele nun fest und kommen nicht darum herum, den Menschen in Nordkorea deshalb auch Anerkennung zu zollen.<\/p><p><strong>Sie sind Ehrenvorsitzender der Deutschen Ostasienmission (DOAM). Was verbirgt sich dahinter, und wie positioniert sich diese heute?<\/strong><\/p><p>Vieles von dem, wof&uuml;r wir stehen und was uns auszeichnet, ist bereits skizziert worden. Es geht uns um &bdquo;Gott und die Welt&ldquo;, es geht uns um &bdquo;Gott und den Menschen&ldquo; und in beidem darum, dass die Welt menschlicher wird. Es geht darum, &bdquo;Erl&ouml;sung&ldquo; und &bdquo;Befreiung&ldquo; nicht nur zusammen zu denken, sondern zusammenzubringen.<\/p><p>Die DOAM, die eng mit der Evangelischen Mission in Solidarit&auml;t (EMS) in Stuttgart und dem Berliner Missionswerk (BMW) verbunden ist, versteht sich als ein Forum f&uuml;r die Begegnung und die theologische sowie gesellschaftspolitische Auseinandersetzung von Menschen aus Ostasien und dem deutschsprachigen Raum. In einer zunehmend globalisierten Welt und multikulturellen Umgebung sind Begegnung, Austausch und das Lernen voneinander &uuml;ber Grenzen hinweg unhintergehbar und f&uuml;r alle Beteiligten gleicherma&szlig;en bereichernd.<\/p><p>In krassem Unterschied zu fast allen anderen Missionsgesellschaften zeichnete sich die DOAM schon bei ihrer Gr&uuml;ndung 1884 durch gro&szlig;e Offenheit anderen Religionen gegen&uuml;ber aus. Sie f&ouml;rdert bis heute das Studium der nichtchristlichen Religionen und sucht bewusst das Gespr&auml;ch mit anderen Kulturen und Religionsgemeinschaften. Ein gro&szlig;es Anliegen ist uns der Einsatz f&uuml;r Demokratie, Menschenrechte, Gerechtigkeit und Frieden und die Solidarit&auml;t mit Benachteiligten sowohl in Ostasien wie in Deutschland.<\/p><p>Unsere Homepage <a href=\"http:\/\/www.DOAM.org\">www.DOAM.org<\/a>, auf die wir sehr stolz sind, ist eine Fundgrube, wenn es um Projekte der Zivilgesellschaft und der Kirchen geht, eine andere, eine menschlichere Welt zu schaffen. Hier findet sich &uuml;berdies, um nur ein Beispiel zu nennen, vorz&uuml;gliches Material zum Widerstand gegen die US-Milit&auml;rbasen in S&uuml;dkorea und auf Okinawa.<\/p><p>Beteiligt bin ich au&szlig;erdem bei der Herausgabe des <em>DOAM-Newsletters<\/em>. In ihm kommen immer auch Menschen aus Ostasien zu Wort. Alle Ausgaben finden sich unter <a href=\"https:\/\/doam.org\/archiv\/zeitschriften-jahrbuch\/doam-info-briefe\">doam.org\/archiv\/zeitschriften-jahrbuch\/doam-info-briefe<\/a> . Eigentlich bin ich ein Sammler von Hoffnungsgeschichten. Widerstand, Aufstand, Auferstehung &ndash; gibt es da nicht einen Zusammenhang? Wenn wir Christen Ostern feiern, dann feiern wir ein Leben und eine Lebendigkeit, die sich nicht unterkriegen l&auml;sst, die st&auml;rker ist als der Tod. Vielleicht leuchtet ja solche Lebendigkeit auch auf in dem koreanischen Sprichwort vom Volk, das wie das Gras ist und immer wieder gr&uuml;nt und bl&uuml;ht, so oft es auch niedergetrampelt wird.<\/p><p>Und jetzt in der Weihnachtszeit geht es um &bdquo;die da unten&ldquo;, die Hirten damals, das waren die Marginalisierten und Unterprivilegierten. Es geht um einen Gott, der den &bdquo;hohen Thron&ldquo; verl&auml;sst und sich auf ihre Seite stellt &ndash; kurzum: es geht um Solidarit&auml;t! Und es geht um die unstillbare Sehnsucht nach Frieden, einen anderen Frieden als die Pax Romana damals und die Pax Americana oder den Chinesischen Frieden heute. Es geht um einen Frieden auf Erden &ndash; auch auf der Koreanischen Halbinsel.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&bdquo;Das Volk ist wie das Gras, das immer wieder gr&uuml;nt und bl&uuml;ht, so oft es auch niedergetrampelt wird&ldquo;, lautet ein koreanisches Sprichwort. 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