{"id":108530,"date":"2023-12-31T13:00:49","date_gmt":"2023-12-31T12:00:49","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=108530"},"modified":"2024-01-02T00:30:49","modified_gmt":"2024-01-01T23:30:49","slug":"mythos-gleichgewicht-paritaetsstreben-als-motor-der-aufruestung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=108530","title":{"rendered":"Mythos Gleichgewicht \u2013 Parit\u00e4tsstreben als Motor der Aufr\u00fcstung"},"content":{"rendered":"<p>Parit&auml;t in der R&uuml;stung anzustreben, klingt gut. Jedenfalls zun&auml;chst. In Wirklichkeit erwies sich das Streben nach Gleichgewicht allzu oft als Motor einer wechselseitigen Aufr&uuml;stungsspirale. Was stattdessen nottut, ist eine Renaissance des &bdquo;Neuen Denkens&ldquo;. Von <strong>Leo Ensel<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_4198\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-108530-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/231231_Mythos_Gleichgewicht_Paritaetsstreben_als_Motor_der_Aufruestung_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/231231_Mythos_Gleichgewicht_Paritaetsstreben_als_Motor_der_Aufruestung_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/231231_Mythos_Gleichgewicht_Paritaetsstreben_als_Motor_der_Aufruestung_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/231231_Mythos_Gleichgewicht_Paritaetsstreben_als_Motor_der_Aufruestung_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=108530-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/231231_Mythos_Gleichgewicht_Paritaetsstreben_als_Motor_der_Aufruestung_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"231231_Mythos_Gleichgewicht_Paritaetsstreben_als_Motor_der_Aufruestung_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Stellen Sie sich bitte mal Folgendes vor: Ihr Nachbar im Haus nebenan ist ein, sagen wir, nicht besonders freundlicher Zeitgenosse. Manchmal f&uuml;hlen Sie sich sogar regelrecht bedroht von ihm. Da Ihnen vor Jahren zu Ohren kam, er h&auml;tte in seiner Garage zehn Kanister Benzin gebunkert, mit denen er im Falle eines Streits mit Ihnen, nein: nicht &ndash; Gott bewahre!! &ndash; Ihr Haus abfackeln, aber doch mit einer solchen Tat, sollte er sich dazu (nat&uuml;rlich durch Sie) gezwungen f&uuml;hlen, <em>drohen<\/em> k&ouml;nnte, haben Sie als Gegenma&szlig;nahme seinerzeit in Ihrer Garage ebenfalls zehn Kanister Benzin gehortet.<\/p><p>Seitdem konnten Sie jahrelang ruhig schlafen, schlie&szlig;lich hatten Sie in &ndash; unfreiwilliger, aber doch symmetrischer &ndash; Koordination mit Ihrem Nachbarn ein &bdquo;Gleichgewicht des Schreckens&ldquo; hergestellt: Mit der glaubhaften Gegendrohung, im Falle eines Angriffs sein Haus ebenfalls niederzubrennen, hatten Sie mit Ihrem Nachbarn zwar keinen Frieden geschlossen, ihn aber doch immerhin so weit zivilisiert, dass aus dem latenten Konflikt kein manifester Krieg werden konnte. Kurz: Sie hatten ihn vor einem Angriff <em>abgeschreckt<\/em>.<\/p><p><strong>Die &bdquo;Benzinkanisterl&uuml;cke&ldquo;<\/strong><\/p><p>Wie gesagt, jahrelang ging das gut so. Nun wurde Ihnen aber k&uuml;rzlich von einem guten Bekannten (zuf&auml;lligerweise Tankstellenbesitzer) zugetragen, Ihr Nachbar habe in den letzten Monaten in aller Heimlichkeit aufger&uuml;stet. Statt zehn seien nun sage und schreibe 25 Benzinkanister in seiner Garage gelagert, mit denen er Ihr Haus nicht einmal, sondern gleich zweieinhalbmal in Schutt und Asche legen k&ouml;nne &ndash; mit einem Wort: Ihr guter Bekannter hatte eine h&ouml;chstbedrohliche &bdquo;Benzinkanisterl&uuml;cke&ldquo; (ein &bdquo;Petrol Barrel-Gap&ldquo;) ausfindig gemacht, auf die Sie umgehend zu reagieren h&auml;tten, wollten Sie nicht Ihren teuer erkauften Frieden fahrl&auml;ssig aufs Spiel setzen!<\/p><p>Nat&uuml;rlich lie&szlig; Ihnen diese Drohung keine Ruhe, und kurze Zeit sp&auml;ter entschlossen Sie sich &ndash; wenn auch schweren Herzens, schlie&szlig;lich war die Anschaffung nicht ganz billig &ndash;, nachzur&uuml;sten. Sie legten sich noch weitere 15 Kanister zu &ndash; und tats&auml;chlich: Sie konnten seitdem wieder erheblich besser schlafen! Schlie&szlig;lich war die Parit&auml;t, war das Gleichgewicht ja wiederhergestellt, Ihnen konnte also nichts mehr passieren.<\/p><p>Um der Wahrheit die Ehre zu geben, aber das bleibt ja unter uns: Sie hatten noch f&uuml;nf Kanister mehr eingelagert. Denn in Wirklichkeit sind es nicht 25, sondern 30 Kanister, die Sie nun stolz Ihr Eigen nennen d&uuml;rfen. Und mit denen k&ouml;nnten Sie im &sbquo;Ernstfall&lsquo; &ndash; der hoffentlich nie eintritt &ndash; das Haus ihres bedrohlichen Nachbarn gleich dreimal abfackeln, w&auml;hrend er das mit Ihrem Haus nur zweieinhalbmal kann. Sicher ist sicher. Aber das alles haben Sie nat&uuml;rlich nur getan, <em>damit <\/em>es niemals so weit kommt! Eine rein friedenserhaltende Ma&szlig;nahme, versteht sich. Weshalb Sie Ihre 30 Kanister auch manchmal augenzwinkernd &bdquo;Peacekeeper&ldquo; nennen.<\/p><p>Aber, wie es halt so ist im Leben: Nach kurzer Zeit kam die Sache raus &ndash; ich hoffe, Ihr guter Bekannter, der Tankstellenbesitzer, hatte damit nichts zu tun!! &ndash;, und Ihr Nachbar musste nun seinerseits eine bedrohliche Benzinkanisterl&uuml;cke diagnostizieren. Jedenfalls drohte er Ihnen mit einer nie gekannten massiven Aufr&uuml;stungswelle, mit der er Sie totr&uuml;sten werde. Er wisse schlie&szlig;lich sehr genau, wie begrenzt Ihr finanzielles Budget allen anders lautenden Bekundungen zum Trotz tats&auml;chlich sei!<\/p><p><strong>Gemeinsame Obergrenzen<\/strong><\/p><p>Damit hat Ihr Nachbar in der Tat bei Ihnen nicht einen, sondern <em>den<\/em> wunden Punkt getroffen und Sie gezwungen, Ihre Strategie zu &uuml;berdenken. Obwohl Sie nach wie vor alles abstreiten, bieten Sie ihm nun R&uuml;stungskontrollverhandlungen mit dem Ziel gemeinsamer Obergrenzen an. Und siehe da: Ihr Nachbar l&auml;sst sich wider Erwarten darauf ein!<\/p><p>Nach einem halben Jahr h&auml;rtester Verhandlungen ist es endlich geschafft: Sie einigen sich nicht nur beide auf eine gemeinsame Obergrenze von je 50 Kanistern, Sie installieren sogar ein ausgekl&uuml;geltes Kontrollregime. Und nicht nur das: Zusammen mit Ihrem unsympathischen Nachbarn verk&uuml;nden Sie auf einer Pressekonferenz dem ganzen Stadtviertel, dass Sie beide bereit w&auml;ren, nach Erreichen des gemeinsamen Ziels &ndash; einer Parit&auml;t auf der Basis von insgesamt 100 Benzinkanistern &ndash; in Verhandlungen &uuml;ber koordinierte Abr&uuml;stungsschritte einzutreten! (Bis es so weit ist, muss allerdings erst mal das Gleichgewicht auf dem vereinbarten Niveau hergestellt werden.)<\/p><p>Das ganze Stadtviertel, das seit Jahren unter dem Damoklesschwert leben musste, im Ernstfalle in Geiselhaft genommen, sprich: mitvernichtet zu werden, atmet erleichtert auf: Das Gleichgewicht wird bald wiederhergestellt sein, der Frieden ist also gesichert!<\/p><p>Wirklich?<\/p><p>Nat&uuml;rlich nicht!<\/p><p>Tats&auml;chlich hat sich die Anzahl der Kanister von urspr&uuml;nglich 20 auf insgesamt 100 verf&uuml;nffacht. Jeder kann das Haus des Anderen nun nicht nur einmal, sondern gleich f&uuml;nfmal niederbrennen, und bei der gigantischen Menge angeh&auml;uften Benzins gen&uuml;gt jetzt ein Funke, s&auml;mtliche &bdquo;Peacekeeper&ldquo; zur Detonation zu bringen und damit das gesamte Stadtviertel in einen Tr&uuml;mmerhaufen zu verwandeln &ndash; und die angrenzenden Gebiete gleich mit. Die angek&uuml;ndigten Abr&uuml;stungsverhandlungen dagegen lassen, wie Godot, noch ein Weilchen auf sich warten &hellip;<\/p><p>Gefreut hat sich einzig und allein &ndash; der Tankstellenbesitzer! Der schlauerweise beide Seiten beliefert hatte.<\/p><p>Mit einem Wort: Das viel zitierte &bdquo;Gleichgewicht&ldquo; hat sich als Mythos, als Fetisch erwiesen, der die Aufr&uuml;stungsspirale nicht verhindert, sondern auch noch <em>provoziert<\/em> hatte! Es ist hier eben genau umgekehrt wie bei den Flugzeugen: Hoch kommt man immer &ndash; ob man aber wieder runterkommt, das ist die gro&szlig;e Frage!<\/p><p>PS:<\/p><p>Dass es in der Tat auch anders gehen kann, wenn der unbedingte Wille dazu vorhanden ist, hat Mitte der Achtzigerjahre ein Mann demonstriert, der letztes Jahr im Alter von 91 Jahren verstorben ist. Er r&uuml;stete asymmetrisch ab: Nicht 846 landgest&uuml;tzte Kurz- und Mittelstreckenraketen wie die Gegenseite, sondern genau 1.000 mehr: 1.846. (Was ihm von seinen Landsleuten bis heute bitter &uuml;belgenommen wird.) Und erreichte so tats&auml;chlich Parit&auml;t. Auf Null-Niveau!<\/p><p>Das nannte man damals &ndash; lang, lang ist&lsquo;s her! &ndash; &bdquo;Neues Denken&ldquo;.<\/p><p><small>Titelbild: Aleksandr Simonov\/shutterstock.com<\/small><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Parit&auml;t in der R&uuml;stung anzustreben, klingt gut. Jedenfalls zun&auml;chst. In Wirklichkeit erwies sich das Streben nach Gleichgewicht allzu oft als Motor einer wechselseitigen Aufr&uuml;stungsspirale. Was stattdessen nottut, ist eine Renaissance des &bdquo;Neuen Denkens&ldquo;. 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