{"id":10858,"date":"2011-09-29T12:00:09","date_gmt":"2011-09-29T10:00:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=10858"},"modified":"2019-03-02T12:18:19","modified_gmt":"2019-03-02T11:18:19","slug":"auch-wenn-es-fast-sinnlos-ist-einem-ochs-ins-horn-zu-pfetzen-was-bleibt-uns-anderes-ubrig","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=10858","title":{"rendered":"Auch wenn es fast sinnlos ist, einem \u201eOchs ins Horn zu pfetzen\u201c, was bleibt uns anderes \u00fcbrig."},"content":{"rendered":"<p>So sieht es auch Heiner Flassbeck und schreibt an Wolfgang Sch&auml;uble einen Offenen Brief zu der vom Bundesfinanzminister anvisierten Austerit&auml;tspolitik. Gestern hatten wir <a href=\"?p=10849\">auf die Torheit hingewiesen<\/a>, die die erkennbar prozyklische Politik leitet. Fast ein hoffnungsloser Fall. Damit der Badener Sch&auml;uble versteht, wie man sein Verhalten werten muss, w&auml;hle ich in der &Uuml;berschrift den ihm wie mir gel&auml;ufigen badisch-kurpf&auml;lzischen Sprachgebrauch. Hier &bdquo;pfetzt&ldquo; man einem Ochs ins Horn. Nutzen tut es selten. Aber man kann nie wissen. Vielleicht erreicht den BMF der Tonfall seiner Heimat. Albrecht M&uuml;ller.<br>\n<!--more--><br>\nUnd jetzt der Text von Heiner Flassbeck: <\/p><blockquote><p><strong>Austerit&auml;t als einzige L&ouml;sung?<\/strong><\/p>\n<p>WuM<\/p>\n<p>Heute muss ich einen Brief an den deutschen Finanzminister schreiben, der in einer Stellungnahme zur europ&auml;ischen Krise provokante Thesen vertreten hat. <\/p>\n<p>Sehr geehrter Herr Sch&auml;uble,<\/p>\n<p>mit gro&szlig;em Interesse habe ich Ihre Stellungnahme zur &Uuml;berwindung der Eurokrise durch die Konsolidierung der Staatshaushalte in Europa in der Financial Times gelesen. Es hat dazu ja vor allem in englischsprachigen Zeitungen schon viel und heftige Kritik gegeben, die ich nicht wiederholen will. Ich wei&szlig; nicht, wer Sie beraten hat in dieser Frage, aber ich m&ouml;chte Ihnen doch noch einmal vor Augen f&uuml;hren, welche Ideen dahinterstehen, weil ich nicht sicher bin, ob der- oder diejenige Ihnen die Implikationen Ihrer Aussagen in ausreichender Offenheit erkl&auml;rt hat.<\/p>\n<p>Gegen die Warnung, staatliche Sparanstrengungen lie&szlig;en den Einbruch der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage in ohnehin geschw&auml;chten Volkswirtschaften eskalieren, geben Sie zu bedenken, dass ein kurzfristiger Einbruch beim Konsum mittelfristig dadurch ausgeglichen werde, dass die Sparpolitik das Vertrauen von Investoren und Konsumenten erh&ouml;ht und die Arbeitslosigkeit senkt. Sie bauen also darauf, dass die Wirtschaft in der mittleren Frist, auf einen stabilisierenden Faktor zur&uuml;ckgreift, der nichts mit der desolaten Lage in Gegenwart und n&auml;chster Zukunft zu tun hat. <\/p>\n<p>Was sollte das sein? Sie wissen genau wie ich, dass die mittlere Frist eine Fiktion ist, die sich aus vielen kurzen Fristen zusammensetzt? H&auml;tten beispielsweise die Unternehmen tats&auml;chlich ein relativ sicheres &uuml;ber die kurze Frist hinausgehendes Wissen, auf dessen Basis sie investierten, w&uuml;rden wir doch gerade nicht die Schwankungen sehen, die wir Konjunktur nennen. Das kann man leicht an dem nur sechs (!) Monate im Voraus Gesch&auml;ftserwartungen abfragenden ifo-Gesch&auml;ftsklima-Index sehen, der wie das F&auml;hnlein im Wind die Unsicherheit der Privatwirtschaft widerspiegelt. Selbst wenn viele Investoren in ihren politischen Stellungnahmen staatliches Sparen guthei&szlig;en, haben sie doch keine andere M&ouml;glichkeit, als ihre Entscheidungen nach den konkreten Signalen auszurichten, die sie von ihren M&auml;rkten erhalten. Wer heroisch gegen den Markt investiert, wird bald sein blaues Wunder erleben. Wie der globale Investitionseinbruch in der Krise von 2008 klar zeigte, haben daran auch 30 Jahre Angebotspolitik und eine extrem gute Gewinnsituation der Unternehmen nichts ge&auml;ndert.<\/p>\n<p>Gerade weil die Privaten sich nicht &uuml;ber die kurze Frist hinwegsetzen k&ouml;nnen, kommt der Politik eine Stabilisierungsaufgabe zu, die sie nicht an die Wirtschaft zur&uuml;ckgeben kann. Deswegen sind gesamtwirtschaftlich gesehen Sparen und Stabilisieren in einem konjunkturell unsicheren Umfeld ein Widerspruch in sich. F&uuml;r die gesamtwirtschaftliche Stabilisierung kann nur der Staat zust&auml;ndig sein, niemals die Privatwirtschaft, weil es einzelwirtschaftlich rational ist, in unsicheren Zeiten zu sparen und keine Risiken einzugehen. Da das aber gesamtwirtschaftlich zu einer sich selbst verst&auml;rkenden Abw&auml;rtsspirale f&uuml;hrt, muss der Staat einspringen und &uuml;ber die kurze Frist hinweghelfen, indem er sich verschuldet.<\/p>\n<p>Warum, werden Sie vielleicht fragen, hat das fr&uuml;her besser funktioniert, warum waren konjunkturelle Schw&auml;chephasen nie so gef&auml;hrlich wie heute? Man mag viele Ursachen anf&uuml;hren, entscheidend aber ist, dass fr&uuml;her die Zukunftserwartungen der Konsumenten viel stabiler waren. Das lag daran, dass die Abschw&uuml;nge vor 30 bis 50 Jahren kurz und die Aufschw&uuml;nge lang anhaltend waren dank einer Lohnpolitik, die kontinuierlich die gesamte Produktivit&auml;t in die Lohneinkommen schleuste, statt einer Ideologie anzuh&auml;ngen, wonach man Produktivit&auml;t f&uuml;r Besch&auml;ftigung reservieren k&ouml;nne. <\/p>\n<p>Weil weltweit der normale Arbeitnehmer erwarten konnte, dass nach dem Abschwung sein Einkommen schnell wieder steigen wird, hat er sein Konsumverhalten nicht fundamental ge&auml;ndert. Damit ist jetzt Schluss. Die USA erleben gerade, dass ihr Aufschwung nach nur zwei Jahren zu versanden droht, denn zum ersten Mal seit Menschengedenken steigen die Einkommen der Arbeitnehmer in einem Aufschwung nicht. Die Folge ist auch f&uuml;r die Gesamtwirtschaft Stillstand, obwohl die Unternehmen in Gewinnen schwimmen, weil sie fast den gesamten vom Staat durch h&ouml;here Defizite initiierten Zuwachs des Einkommens in den letzten beiden Jahren f&uuml;r sich in Anspruch genommen haben. In Japan kann man seit zwei Jahrzehnten eine Wirtschaft studieren, der ihre positive Dynamik abhandengekommen ist, weil die privaten Haushalte endg&uuml;ltig mit der Vorstellung abgeschlossen haben, sie w&uuml;rden noch einmal teilhaben k&ouml;nnen an einem dynamischen Aufschwung der Wirtschaft. <\/p>\n<p>Das mit Abstand beste Beispiel aber ist Deutschland. Der deutsche Durchschnittskonsument wei&szlig; kaum noch, wie man mehr konsumiert; er muss seit zehn Jahren mit dem &bdquo;zufrieden&ldquo; sein, was er hat, weil sein Einkommen in diesen zehn Jahren nicht gestiegen ist. Die hoch gelobte Flexibilisierung des Arbeitsmarktes, die Rekordgewinne der Unternehmen, die Steuersenkung f&uuml;r Unternehmen, der Anstieg der Besch&auml;ftigung, der R&uuml;ckgang der gemessenen Arbeitslosigkeit und der Exportboom &ndash; haben sie dazu gef&uuml;hrt, dass die Unternehmen mehr investieren und die Schw&auml;che anderer Bereiche ausgleichen oder dass die Konsumenten Geld ausgeben, das sie nicht haben, weil sie optimistisch in die Zukunft schauen? Fehlanzeige. Die Investitionen sind in der Krise dramatisch eingebrochen und haben sich danach nur wieder etwas erholt. Selbst in diesem Jahr sind sie noch weit von dem Niveau entfernt, das sie 2008 hatten und das bereits sehr niedrig war. <\/p>\n<p>Wo soll die Dynamik einer Weltwirtschaft herkommen, in der jetzt, wie Sie meinen, auch noch der private Konsum und der Staatsverbrauch reduziert werden m&uuml;ssen? F&uuml;r die USA, Japan und Europa zusammen macht der Bruttoexport an der gesamten Produktion gerade mal zehn Prozent aus, der Konsum aber &uuml;ber 80 Prozent. Wo soll ein da ein Konsumeinbruch aufgefangen werden? Bricht die Weltwirtschaft jetzt ein und ger&auml;t in die japanische Spirale von Stagnation und Deflation, werden wir f&uuml;r die zuk&uuml;nftigen Generationen ein schlimmes Erbe hinterlassen.<\/p><\/blockquote><p><strong>Nachtrag AM:<\/strong><\/p><ul>\n<li>Wie t&ouml;richt die offizielle Debatte schon verl&auml;uft, erkennen Sie z.B. daran, dass jetzt schon Begriffe aus der religi&ouml;sen Halbwelt wie &bdquo;S&uuml;nder&ldquo; in die &ouml;ffentliche Debatte aufgenommen werden.<\/li>\n<li>Und wie irrational und von Meinungsmache bestimmt die politischen Entscheidungen ablaufen, erkennen Sie am geballten Druck auf die saarl&auml;ndische Ministerpr&auml;sidentin, ihre vern&uuml;nftigen Zweifel an der Weisheit der Schuldengrenze zu begraben. Schade, dass sie umgefallen ist. Ich h&auml;tte so gerne mal eine CDU-Politikerin gelobt, eine Saarl&auml;nderin sowieso.<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>So sieht es auch Heiner Flassbeck und schreibt an Wolfgang Sch&auml;uble einen Offenen Brief zu der vom Bundesfinanzminister anvisierten Austerit&auml;tspolitik. Gestern hatten wir <a href=\"?p=10849\">auf die Torheit hingewiesen<\/a>, die die erkennbar prozyklische Politik leitet. Fast ein hoffnungsloser Fall. 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