{"id":108582,"date":"2023-12-21T11:00:42","date_gmt":"2023-12-21T10:00:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=108582"},"modified":"2023-12-21T13:35:42","modified_gmt":"2023-12-21T12:35:42","slug":"ungarischer-militaerexperte-kiew-ist-stellvertretender-vollstecker-washingtons","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=108582","title":{"rendered":"Ungarischer Milit\u00e4rexperte: Kiew ist stellvertretender Vollstrecker Washingtons"},"content":{"rendered":"<p>F&uuml;r den ungarischen Oberst <strong>Istv&aacute;n Resperger<\/strong> besteht die Chance auf Frieden in der Ukraine dann, wenn sie bankrottgeht. In einem Interview mit den NachDenkSeiten analysiert der Milit&auml;rexperte die aktuelle Phase des russisch-ukrainischen-Konflikts, die Bedeutung der Waffenlieferungen f&uuml;r den Verlauf des Krieges und Ungarns Sonderposition zu dem Krieg und seine Sicherheitspolitik aus milit&auml;rischer Sicht. Resperger ist Professor und Leiter des Szent-Istv&aacute;n-Sicherheitsforschungszentrums an der Ungarischen Universit&auml;t f&uuml;r Agrar- und Biowissenschaften in G&ouml;d&ouml;ll&#337;. Das schriftliche Interview mit Istv&aacute;n Resperger f&uuml;hrte <strong>&Eacute;va P&eacute;li<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Viele halten die NATO-Osterweiterung f&uuml;r die Ursache des Konflikts zwischen Russland und den Vereinigten Staaten beziehungsweise der NATO. Wie sehen Sie das?<\/strong><\/p><p>Nach meiner Einsch&auml;tzung stimmt es einerseits, dass sich der geopolitische Vorsto&szlig; der NATO nach Osten negativ auf die Sicherheitslage Russlands ausgewirkt hat. Mit dem Beitritt der Ukraine w&auml;re Moskau etwa 400 bis 500 Kilometer von den Raketen in der Ukraine entfernt. Andererseits w&uuml;rde die sogenannte Pufferzone verschwinden, die die Russen zwischen der NATO und sich selbst aufrechterhalten wollten &ndash; wie Belarus und die Ukraine. Aus Russlands Sicht ist es wichtig, dass kein unmittelbares Nachbarland zu der Nordatlantischen Allianz geh&ouml;rt, und andererseits, dass die gr&ouml;&szlig;eren NATO-L&auml;nder in diesen Gebieten keine strategischen Angriffsf&auml;higkeiten haben, keine Raketen, Kampfflugzeuge und Flugabwehrraketensysteme stationieren k&ouml;nnen.<\/p><p>Die Situation wurde dadurch versch&auml;rft, dass die Sicherheitsbedenken Russlands selbst im Zusammenhang mit Putins Rede auf der M&uuml;nchner Sicherheitskonferenz 2007 beiseitegeschoben wurden. Niemand hat diese Bedenken als real angesehen.<\/p><p>Hinzu kommt, dass der NATO-Russland-Rat und der NATO-Ukraine-Rat es vers&auml;umt haben, die Lage besser zu analysieren und zu bewerten und nach entsprechenden Schlussfolgerungen eine politische Vereinbarung und eine Zusammenarbeit zur F&ouml;rderung der Sicherheitsinteressen Russlands und der NATO zu erreichen.<\/p><p><strong>Harald Kujat, ehemaliger Generalinspekteur der Bundeswehr und ehemaliger Vorsitzender des NATO-Milit&auml;rausschusses, ist der Ansicht, der Krieg h&auml;tte vermieden oder zumindest nach sechs Wochen beendet werden k&ouml;nnen. Warum wurde der Friedensvertrag Ihrer Meinung nach Anfang April 2022 nicht unterzeichnet?<\/strong><\/p><p>General Kujat war Dozent auf dem deutschen Generalstabskurs, den ich in den Jahren 2002 bis 2004 besucht habe. Ich stimme dem General zu, dass der Krieg fr&uuml;her h&auml;tte beendet werden k&ouml;nnen. Auch der Leiter der ukrainischen Verhandlungsdelegation sagte, dass es m&ouml;glich gewesen w&auml;re, den bewaffneten Konflikt im M&auml;rz\/April 2022 zu beenden, wenn die Ukraine den neutralen Status gew&auml;hlt h&auml;tte. Die USA benutzen Kiew als stellvertretende Kriegspartei, um die geopolitischen Ambitionen Russlands, die russische Wirtschaft und das russische Milit&auml;r in eine &auml;u&szlig;erst verwundbare Lage zu bringen. Daher sind die Vereinigten Staaten f&uuml;r die Fortsetzung des Krieges eindeutig verantwortlich.<\/p><p><strong>In Ihrem Vortrag &bdquo;Im Osten nichts Neues&ldquo; sprechen Sie von einem Stellvertreterkrieg zwischen Russland und den Vereinigten Staaten. Sie verwenden eine Formulierung, die in den deutschen Medien selten zu h&ouml;ren ist: &bdquo;Die Ukraine f&uuml;hrt einen normalen Krieg gegen Russland.&ldquo; Bitte erkl&auml;ren Sie, was Sie damit meinen.<\/strong><\/p><p>Ein Stellvertreterkrieg bedeutet, eine Organisation, eine terroristische Gruppe, eine bewaffnete Guerillagruppe, ein Land zu benutzen, um den eigenen nationalen Willen durchzusetzen. Die USA benutzen die Ukraine als Stellvertreter gegen die russischen Streitkr&auml;fte, um eine Konfrontation mit Russland selbst zu vermeiden. Die Ukraine hingegen ist eindeutig ein stellvertretender Vollstrecker der Vereinigten Staaten durch Land-, Luft-, See- und Cyber-Operationen, das hei&szlig;t, sie f&uuml;hrt den Krieg auf normale Weise gegen die Russische F&ouml;deration.<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/20231219-Interview-Resperger-01.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/20231219-Interview-Resperger-01.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p><strong>Warum nimmt Ungarn im Vergleich zu vielen L&auml;ndern eine andere Position in Bezug auf die milit&auml;rische &bdquo;Hilfe&ldquo; f&uuml;r die Ukraine ein? Steht Ungarn damit allein da, und was sind die Folgen f&uuml;r das Land?<\/strong><\/p><p>Unser Land hat den ungerechten, unerwarteten, brutalen und unverh&auml;ltnism&auml;&szlig;igen Angriff Russlands auf die unabh&auml;ngige Ukraine seit dem ersten Tag des Krieges konsequent verurteilt. Die nationalen Interessen Ungarns verlangen jedoch, dass dem Krieg im Nachbarland mit erh&ouml;hter Aufmerksamkeit und R&uuml;cksichtnahme auf die ungarische Minderheit in der Ukraine begegnet wird.<\/p><p>Ungarn h&auml;lt seit Beginn des Krieges an seiner Verpflichtung fest, keine t&ouml;dlichen Waffen an die Ukraine zu liefern und nicht zuzulassen, dass diese auf sein Territorium gebracht werden. Ungarn ist der Ansicht, dass der Konflikt auf diplomatischem Wege beigelegt und der Frieden in dieser Region aufrechterhalten werden sollte.<\/p><p>Grunds&auml;tzlich liefert Ungarn keine Waffen in Krisengebiete, da dies nicht zur L&ouml;sung des Problems beitr&auml;gt. Es gibt aber noch einen Grund, warum wir die Waffenlieferungen nicht unterst&uuml;tzen. Der Transport durch von der ungarischen Minderheit besiedelten Gebiete k&ouml;nnte angegriffen werden und die Bev&ouml;lkerung ebenfalls Verluste erleiden. Unsere ungarische Minderheit hat in der Ukraine in der 128. Gebirgsj&auml;gerbrigade viele M&auml;nner verloren.<\/p><p>Der Position von Budapest haben sich bereits mehrere L&auml;nder angeschlossen, wenn auch nicht sofort. Die Tschechische Republik und die Slowakei haben ebenfalls die Waffenlieferungen an die Ukraine gestoppt. Allerdings hat Ungarn s&auml;mtlichen EU-Sanktionen zugestimmt.<\/p><p><strong>Was bedeuten aus milit&auml;rischer Sicht die Waffenlieferungen an die Ukraine? H&auml;tte es f&uuml;r den Westen eine andere M&ouml;glichkeit gegeben, die Ukraine zu unterst&uuml;tzen? Was h&auml;tte dies f&uuml;r den Verlauf des Krieges bedeutet?<\/strong><\/p><p>Bez&uuml;glich der Waffenlieferungen kann man sagen, dass die Ukraine in den ersten zwei Wochen eine milit&auml;rische Niederlage erlitten h&auml;tte, wenn sie nicht die volle geheimdienstliche Unterst&uuml;tzung der USA f&uuml;r den Krieg erhalten h&auml;tte.<\/p><p>Was die Waffen betrifft, so bin ich der Meinung, dass einerseits alte Ausr&uuml;stung aus sowjetischer Produktion an die Ukraine geliefert wurde, andererseits wurde nur ein kleiner Prozentsatz von acht bis zw&ouml;lf Prozent der modernen westlichen Ausr&uuml;stung an die Ukraine geliefert. Was die Flugabwehrraketen betrifft, so konnte die F&auml;higkeit, kritische Infrastrukturen zu verteidigen, Truppen zu sch&uuml;tzen und die Hauptstadt zu verteidigen, nur mit den modernen westlichen Abwehrraketensystemen gew&auml;hrleistet werden.<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/20231219-Interview-Resperger-02.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/20231219-Interview-Resperger-02.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p>Am Anfang war es nur m&ouml;glich, die alte russische Ausr&uuml;stung zu liefern, um damit k&auml;mpfen zu k&ouml;nnen, oder die russische Ausr&uuml;stung mit der entsprechenden Munition der Flugabwehrraketensysteme vom Typ Haubitze auszur&uuml;sten.<\/p><p>Au&szlig;erdem war die Ausbildungszeit war kurz. Die Soldaten konnten die Kampfeinsatzverfahren nicht vollst&auml;ndig erlernen. Der Einsatz westlicher Waffen erforderte eine Ausbildung in Westeuropa, wo die Panzersoldaten in der Regel f&uuml;nf bis acht Wochen lang geschult wurden &ndash; in den USA dauert die Ausbildung in der Regel fast ein halbes Jahr (25 Wochen). Das Training f&uuml;r Flugabwehrraketensysteme dauerten zwei bis drei Monate, w&auml;hrend in den USA am PATRIOT-System von einem halben Jahr bis elf Monate ge&uuml;bt wird. Die Ukrainer haben die Waffen auch deswegen nicht fr&uuml;her erhalten, damit die moderne Ausr&uuml;stung nicht zu fr&uuml;h in russische H&auml;nde fiel.<\/p><p>Auch im Bereich der Logistik gibt es zahlreiche M&auml;ngel. Siehe die Panzerhaubitze 2000, die in den ersten Tagen zerst&ouml;rt wurde, weil zu viele Geschosse abgefeuert wurden und ihre Software versagte.<\/p><p>Das n&auml;chste Problem mit der abgegebenen Ausr&uuml;stung ist, dass die westlichen L&auml;nder keine Simulationssysteme f&uuml;r die Ausbildung zur Verf&uuml;gung gestellt haben &ndash; damit die Soldaten die Techniken und Methoden an diesen Ger&auml;ten noch schneller und pr&auml;ziser erlernen k&ouml;nnen. Dies ist heute bei Panzern, Artillerie, gepanzerten Mannschaftstransportern und Flugabwehrger&auml;ten undenkbar.<\/p><p><strong>In Deutschland wird der Ukraine-Krieg h&auml;ufig in Verbindung mit dem Adjektiv brutal verwendet: &bdquo;Russland f&uuml;hrt einen brutalen Krieg gegen die Ukraine.&ldquo; Ist dieser Krieg unmenschlicher und brutaler als andere Kriege?<\/strong><\/p><p>Wir befinden uns jetzt in der Phase 5 des Krieges, im sogenannten Zerm&uuml;rbungskrieg. Der dauert schon sehr lange an, und die Frontlinien haben sich kaum bewegt. Die ukrainische Gegenoffensive ist ins Stocken geraten, die Hauptrolle spielen die Artillerie- und Luftangriffe sowie die Raketenangriffe der russischen Seite. Kiew versucht, ihre Langstreckenraketen mit einer Reichweite von 300 Kilometern aus dem Westen und ihre Raketen der HIMARS-Serie (Anm. der Red.: ein leichtes Mehrfachraketenwerfer-Artilleriesystem auf Lastwagenfahrgestell des Herstellers Lockheed Martin) mit einer Reichweite von 80 Kilometern einzusetzen.<\/p><p>Das Wort brutal bezieht sich eindeutig auf die Zahl der Opfer und die Qualit&auml;t der Verluste. Dieser Krieg fordert oft 600 bis 1.000 Tote pro Tag, nimmt damit nach dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg sowie dem Vietnamkrieg den vierten Platz bei den t&auml;glichen Verlusten ein. Das zeigt die Unmenschlichkeit und Brutalit&auml;t dieses Krieges.<\/p><p><strong>Die deutsche Au&szlig;enministerin Annalena Baerbock wollte &bdquo;Russland ruinieren&ldquo;. Heute ist Russlands Armee viel st&auml;rker als vor 2022. Auch seine Wirtschaft ist trotz der Sanktionen st&auml;rker geworden. Gab es eine realistische Grundlage f&uuml;r diese Aussage Baerbocks?<\/strong><\/p><p>Nach den Erfahrungen der Weltgeschichte erreichten Sanktionen wie die gegen den Iran, den Irak oder Nordkorea ihre Ziele nicht. Das sanktionierte Land hat in der Regel durch ein drittes Land die Instrumente erhalten, die es zum &Uuml;berleben in dem Konflikt braucht, um seine milit&auml;rischen Ziele zu erreichen.<\/p><p>Russland haben die Sanktionen wirtschaftlich keineswegs ruiniert. Seine Erd&ouml;l- und Erdgasexporte, die aus Europa verdr&auml;ngt wurden &ndash; Letztere sind im letzten Jahr um 84 Prozent zur&uuml;ckgegangen &ndash;, konnten auf neue M&auml;rkte in Indien, China, Pakistan beziehungsweise in andere L&auml;nder &uuml;ber Indien und andere Wege exportiert werden. Es war nicht realistisch, dass Russland vernichtet werden k&ouml;nnte. Es produziert immer noch 100 Panzer, 60 bis 100 Raketen pro Monat und setzt monatlich 150 bis 200 Artilleriegesch&uuml;tze an der Frontlinie ein. Es zeigt, dass Russlands Wirtschaft die Sanktionen w&auml;hrend des Krieges &uuml;berstanden und seine eigene R&uuml;stungsindustrie angekurbelt hat.<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/20231219-Interview-Resperger-03.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/20231219-Interview-Resperger-03.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p><strong>Ende August sagten Sie in einem Fernsehinterview in Ungarn, dass &bdquo;dieser Krieg f&uuml;r alle verloren ist. Laut Experten wird es ab September einen Waffenstillstand geben.&ldquo; Dies ist nicht eingetreten. Wie sehen Sie die Situation jetzt?<\/strong><\/p><p>Basierend auf bisherigen Erfahrungen im Krieg, auf den operativen F&auml;higkeiten der Kriegsparteien, ihren Mobilisierungsf&auml;higkeiten, sch&auml;tzte ich als Experte Ende September als das Datum ein, an dem die Parteien angesichts des Wetters, des Personals und der zur Verf&uuml;gung gestellten technischen Ausr&uuml;stung nicht in der Lage sein werden, eine gr&ouml;&szlig;ere Offensive durchzuf&uuml;hren. Ich k&ouml;nnte dies auch damit begr&uuml;nden, dass die Ukraine bis zum Ende der gro&szlig;en Gegenoffensive 290 Quadratkilometer an Territorium gewonnen hat, w&auml;hrend Russland mit seinen verschiedenen kleineren Gegenoffensiven 350 Quadratkilometer an neuem Territorium gewonnen hat. Russland hat nun 17,84 Prozent des ukrainischen Territoriums besetzt (98 Prozent der Oblast Luhansk, 72 Prozent der Oblast Donezk, 73 Prozent der Oblast Saporischschja und 76 Prozent der Oblast Cherson).<\/p><p>Da die ukrainische Gegenoffensive ins Stocken geraten ist, sehe ich keine realistische M&ouml;glichkeit, dass die Ukraine mit neuen Kr&auml;ften die 20 bis 40 Kilometer tiefen russischen Verteidigungslinien durchbrechen kann. Die Ukraine ist zwar in der Lage, kleinere Br&uuml;ckenk&ouml;pfe in vom Russland besetzten Gebiet zu errichten, aber die zehn bis zw&ouml;lf im Westen f&uuml;r die Offensive ausgebildeten Brigaden hat sie bereits aufgebraucht. Sie hat keine zus&auml;tzlichen Kr&auml;fte, um den Gegenangriff zu beleben oder die Verteidigungsanlagen zu durchbrechen.<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/20231219-Interview-Resperger-04.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/20231219-Interview-Resperger-04.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p><strong>In den letzten Wochen haben Sie gesagt: &bdquo;Jetzt dr&uuml;ckt Amerika ein Auge zu, wenn russisches Gebiet angegriffen wird.&ldquo; Nach Ansicht von General a.D. Kujat ist dies der Punkt, an dem die Situation wieder eskalieren k&ouml;nnte und die westlichen Kriegsparteien sowie die Ukraine sich zur&uuml;ckhalten sollten. Deutschland will jedoch die Hilfe f&uuml;r die Ukraine 2024 verdoppeln. Wie beurteilen Sie das?<\/strong><\/p><p>Offensichtlich wird die Ukraine mit den Waffen angreifen, die ihr zur Verf&uuml;gung stehen. Sie greift laufend die Halbinsel Krim, die Br&uuml;cke von Kertsch und die Gebiete um Belgorod-Kursk auf russischem Territorium an, versucht, milit&auml;rische Ziele in der Tiefe zu zerst&ouml;ren und hat mehrfach zivile Infrastrukturen getroffen und die Zivilbev&ouml;lkerung gef&auml;hrdet. Das Recht, dies in einem Krieg zu tun, hat sie, da Russland mit seinen neuen Raketensystemen das gesamte Gebiet der Ukraine angreift. Zuvor hatten die USA nur Angriffe auf ukrainischem Gebiet erlaubt. Die Ukraine kann mit dem HIMARS-System russische Kommandoposten und logistische Zentren in einer Reichweite von 80 Kilometern, mit STORMSHADOW-Raketen bis zu 150 und mit den ATACMS-Systemen Ziele in bis zu 300 Kilometern Entfernung zerst&ouml;ren.<\/p><p>Doch: Da nicht viele dieser Ger&auml;te zur Verf&uuml;gung stehen, wird dies den Kriegsverlauf nicht ver&auml;ndern, denn 20 Raketen mit einer Reichweite von 300 Kilometern auf einer Frontlinie von 1.000 Kilometern k&ouml;nnen den Kriegsverlauf nicht entscheidend ver&auml;ndern. Daneben hat die Ukraine vor allem Selbstmorddrohnen &ndash; Unterwasser- und &Uuml;berwasserdrohnen &ndash; erhalten, um auf russischer Seite entlang ihrer fast 900 Kilometer langen K&uuml;stenlinie im Asowschen Meer vor der Halbinsel Krim, Marinest&uuml;tzpunkte und Marineschiffe anzugreifen.<\/p><p>Ich denke, dass aus Deutschland eher Panzer des &auml;lteren Typs Leopard 1 A5 an die Ukraine geschickt werden. Eine gr&ouml;&szlig;ere Hilfe, wie das PATRIOT-System, ist eher unwahrscheinlich.<\/p><p><strong>General a.D. Kujat hat den Eindruck, dass dies die letzte Phase ist, &bdquo;bevor die Ukraine westliche Truppen und westliche Waffensysteme anfordert&ldquo;. Teilen Sie diese Ansicht?<\/strong><\/p><p>Meines Erachtens kann die Ukraine mit der Menge an Waffen, die sie erhielt, den Krieg nicht auf eine h&ouml;here Eskalationsstufe bringen, auch nicht mit den zuk&uuml;nftigen F-16-Kampfflugzeugen. Aus meiner Sicht w&uuml;rden weder die NATO noch ein NATO-Land der Ukraine eigene Truppen zur Verf&uuml;gung stellen: Dazu w&auml;re ein Beschluss des UN-Sicherheitsrates erforderlich, der aber wegen des russischen Vetos nicht gefasst werden kann.<\/p><p><strong>Was sind die Kosten eines Krieges? K&ouml;nnen Sie einige Beispiele nennen? Und wer bezahlt sie?<\/strong><\/p><p>Die Kosten des Krieges werden auf 300 bis 350 Millionen US-Dollar pro Tag gesch&auml;tzt. Eine Javelin-Panzerabwehrrakete kostet 70 Millionen Forint (ca. 183.000 Euro), ein St&uuml;ck Munition f&uuml;r den HIMARS-Raketenwerfer 60 Millionen Forint (ca. 157.000 Euro). Diese Preise zeigen, dass eine ganze Menge Geld ausgegeben werden muss. Die Versorgung von fast 350.000 Soldaten auf beiden Seiten mit Lebensmitteln, Trinkwasser, medizinischer Versorgung, Treibstoff und logistischen Hilfsg&uuml;tern f&uuml;r einen Tag ist f&uuml;r beide Seiten eine Belastung. Bislang hat die Ukraine 347 Milliarden US-Dollar an Hilfe erhalten. Davon entfielen 94,7 Milliarden auf milit&auml;rische Hilfe. 60 Prozent der Milit&auml;rhilfe wurde von den USA bereitgestellt. Ich glaube, dass es auf Dauer nicht tragbar ist, dies beizubehalten, wenn sich die USA auf Taiwan und den Gazastreifen konzentrieren.<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/20231219-Interview-Resperger-05.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/20231219-Interview-Resperger-05.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p><strong>Sicherheit bedeutet mehr als milit&auml;rische Verteidigung. Angesichts des massiven Anstiegs der R&uuml;stungsproduktion scheint Sicherheit heute jedoch fast ausschlie&szlig;lich unter milit&auml;rischen Gesichtspunkten betrachtet zu werden. Was ist der Grund f&uuml;r die Konzentration auf das Milit&auml;r und die R&uuml;stungsindustrie? Was bedeutet Ihrer Meinung nach Sicherheit?<\/strong><\/p><p>Unter Sicherheit verstehe ich auch, dass wir in allen Dimensionen &ndash; politisch, wirtschaftlich, finanziell, cyber, milit&auml;risch &ndash; eine ausgewogene Rolle anstreben m&uuml;ssen, die es uns erm&ouml;glicht, den Interessen der Bev&ouml;lkerung des Landes zu dienen. Dies erfordert eine milit&auml;rische Kraft, die Ungarn ebenfalls aufzubauen beginnt, eine professionelle, junge milit&auml;rische Kraft. Wir haben bereits 2016 begonnen, milit&auml;rische Ausr&uuml;stung zu beschaffen, haupts&auml;chlich aus Deutschland &ndash; wie den Leopard 2 A7 HU-Panzer, den Lynx-Sch&uuml;tzenpanzer, die Panzerhaubitze 200, den Airbus Helikopter H-145M und H-245. Dar&uuml;ber hinaus ist Ungarn auch an der Produktion dieser Ausr&uuml;stungen interessiert. Rheinmetall hat im August 2023 seine neue Sch&uuml;tzenpanzer-Fabrik in Zalaegerszeg er&ouml;ffnet. In der hochmodernen Produktionsst&auml;tte wird zuk&uuml;nftig der Sch&uuml;tzenpanzer Lynx hergestellt, einer der modernsten Sch&uuml;tzenpanzer der Welt. Wir haben in Ungarn erreicht, dass wir zwei Prozent des BIP f&uuml;r die Streitkr&auml;fte und davon 30 Prozent f&uuml;r die Beschaffung ausgeben k&ouml;nnen. Wenn diese konsequent umgesetzt werden, kann die ungarische Armee einen Teil der milit&auml;rischen Sicherheit gew&auml;hrleisten, und in den anderen Bereichen muss der Staat daf&uuml;r sorgen, dass alle Einwohner Ungarns in Sicherheit leben k&ouml;nnen.<\/p><div class=\"imagewrap\"><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/20231219-Interview-Resperger-06.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/bilder\/20231219-Interview-Resperger-06.jpg\" alt=\"\" title=\"\"><span><\/span><\/a><\/div><p><small>Milit&auml;rtechnische Anlagen in Ungarn &ndash; Quelle: F&aacute;y (2021): i. m. 26.<\/small><\/p><p><strong>Wie sch&auml;tzen Sie die Chancen f&uuml;r einen Frieden ein, der nach vorliegenden Informationen bereits sechs Wochen nach dem Einmarsch der Russen m&ouml;glich war?<\/strong><\/p><p>Die Chancen f&uuml;r einen Frieden sind derzeit eher gering. Mittelfristig w&auml;re ein Waffenstillstand ab M&auml;rz\/April 2024 vorstellbar. Dem w&uuml;rden lange Verhandlungen folgen, w&auml;hrend der Konflikt mit geringer Intensit&auml;t, aber sehr starken Artillerieeinschl&auml;gen auf beiden Seiten weitergeht. Die Chance auf Frieden besteht dann, wenn die Ukraine bankrottgeht und niemand mehr die ukrainischen Milit&auml;r- und Staatsausgaben finanziert. Auf russischer Seite, wenn sich die Lage an der Front deutlich &auml;ndert, aber das ist derzeit nicht absehbar.<\/p><p><em>Prof. Dr. Istv&aacute;n Resperger ist seit 2023 Professor und Leiter des Szent-Istv&aacute;n-Sicherheitsforschungszentrums der Ungarischen Universit&auml;t f&uuml;r Agrar- und Biowissenschaften in G&ouml;d&ouml;ll&#337;.<\/em><\/p><p><em>Oberst Resperger hat eine milit&auml;rische Laufbahn vom Panzerkommandanten bis hin zum Bataillonskommandeur. Von 2002 bis 2004 absolvierte er an der Hamburger F&uuml;hrungsakademie den Generalstabslehrgang, wo unter anderen General a. D. Harald Kujat Dozent war. In zahlreichen Vortr&auml;gen &auml;u&szlig;ert er sich zu Fragen &uuml;ber die regionale und globale Sicherheitspolitik.<\/em><\/p><p><small>Die Grafiken sind von Prof. Dr. Istv&aacute;n Resperger.<\/small><\/p><p><small>Titelbild: Quelle &ndash; Prof. Dr. Istv&aacute;n Resperger<\/small><\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=107545\">Stimmen aus Ungarn: Der Westen entt&auml;uscht, Selenskyj nerv&ouml;s<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=106492\">Stimmen aus Ungarn: Br&uuml;ssel und das ukrainische Fass ohne Boden<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=105854\">&bdquo;Europa spielt keine Rolle mehr&ldquo; &ndash; Ungarischer Politologe &uuml;ber Waldai-Klub 2023<\/a>\n<\/p><\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg09.met.vgwort.de\/na\/a53db0484bf94551b1798f5af4e9432a\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F&uuml;r den ungarischen Oberst <strong>Istv&aacute;n Resperger<\/strong> besteht die Chance auf Frieden in der Ukraine dann, wenn sie bankrottgeht. In einem Interview mit den NachDenkSeiten analysiert der Milit&auml;rexperte die aktuelle Phase des russisch-ukrainischen-Konflikts, die Bedeutung der Waffenlieferungen f&uuml;r den Verlauf des Krieges und Ungarns Sonderposition zu dem Krieg und seine Sicherheitspolitik aus milit&auml;rischer Sicht. Resperger ist<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=108582\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":108583,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,209,171],"tags":[466,259,2794,260,668,1556,2377],"class_list":["post-108582","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-interviews","category-militaereinsaetzekriege","tag-nato","tag-russland","tag-stellvertreterkrieg","tag-ukraine","tag-ungarn","tag-usa","tag-waffenlieferungen"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2023\/12\/Foto_Res.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/108582","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=108582"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/108582\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":108710,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/108582\/revisions\/108710"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/108583"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=108582"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=108582"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=108582"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}