{"id":108660,"date":"2023-12-21T10:00:27","date_gmt":"2023-12-21T09:00:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=108660"},"modified":"2023-12-21T10:57:26","modified_gmt":"2023-12-21T09:57:26","slug":"ich-habe-der-israelischen-armee-stolz-und-loyal-gedient-heute-ist-sie-eine-brutale-kolonialmacht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=108660","title":{"rendered":"\u201eIch habe der israelischen Armee stolz und loyal gedient. Heute ist sie eine brutale Kolonialmacht\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Ein Interview mit dem israelisch-britischen Historiker <strong>Avi Shlaim<\/strong>, ehemaliger Professor f&uuml;r internationale Beziehungen an der Oxford University. Shlaim wurde 1945 in Bagdad, Irak geboren. Mit f&uuml;nf Jahren wanderte er mit seiner wohlhabenden j&uuml;dischen Familie nach Israel aus. Er z&auml;hlt zu den sogenannten Neuen Historikern, die die bedeutendsten nationalistischen Mythen der israelischen Gesellschaft einer kritischen und sorgf&auml;ltigen Pr&uuml;fung unterzogen. Er hat mehrere Standardwerke &uuml;ber den arabisch-israelischen Konflikt verfasst. Sein bekanntestes Werk &bdquo;The Iron Wall&rdquo; behandelt dessen Urspr&uuml;nge unter der britischen Kolonialherrschaft, die gro&szlig;en arabisch-israelischen Kriege, den gescheiterten Friedensprozess sowie die Erste und Zweite Intifada. Zu den St&auml;rken des Buches z&auml;hlen die detaillierten Analysen der diplomatischen Beziehungen. Shlaim belegt, dass Israel viele ernste Verhandlungsangebote der pal&auml;stinensischen Seite und der arabischen Staaten abgelehnt hat, um eine expansionistische Politik zu verfolgen. Er dokumentiert die wichtigsten Verbrechen und Fehler aller Konfliktparteien. Ein Interview von <strong>Michael Holmes<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nIn diesem Interview spricht Shlaim &uuml;ber die gegenw&auml;rtige Eskalation, die wichtigsten historischen Wendepunkte des Konflikts, dessen globale Bedeutung und sein Leben als arabischer Jude im Irak, in Israel und Gro&szlig;britannien. Das Gespr&auml;ch f&uuml;hrte Michael Holmes, freiberuflicher Journalist, Gr&uuml;nder von <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=9p7yBFbYQe8\">Global Apartheid<\/a>, einem Projekt, das die gr&ouml;&szlig;ten Massenmorde der modernen Geschichte analysiert.<\/p><p><strong>Avi Shlaim, Sie sind Historiker, arabischer Jude, Israeli und Brite mit irakischen Wurzeln. Sie haben eine einzigartige Perspektive auf die ersch&uuml;tternden Ereignisse, die sich seit dem 7. Oktober in Gaza, im Westjordanland und in Israel abspielen. Was sind Ihre Gef&uuml;hle und Gedanken in diesem historischen Augenblick?<\/strong><\/p><p>Die Brutalit&auml;t der israelischen Armee in Gaza hat mich &uuml;berrascht. Ich bin kein Neuling in diesem Bereich. Ich bin seit 53 Jahren Universit&auml;tslehrer, und mein Hauptforschungsinteresse ist der arabisch-israelische Konflikt. Sie haben freundlicherweise mein Buch erw&auml;hnt. Es ist eine Geschichte des Konflikts auf 900 Seiten. Aber ich kann es in einem Satz zusammenfassen: Israel war seit seiner Gr&uuml;ndung im Jahr 1948 allzu entschlossen, milit&auml;rische Gewalt einzusetzen, nicht als letztes, sondern als erstes Mittel, und es war bemerkenswert widerwillig, ernsthafte Verhandlungen mit den Pal&auml;stinensern aufzunehmen, um den Konflikt zu l&ouml;sen. Ich habe &uuml;ber die israelische Politik der Gewalt im Gazastreifen seit dem R&uuml;ckzug 2005 geschrieben. Nach meiner Z&auml;hlung ist dies die sechste gro&szlig;e Milit&auml;roffensive. Aber Israel hat ein neues Level an Brutalit&auml;t und Zerst&ouml;rung erreicht, das selbst in der Geschichte Israels beispiellos ist. Ich betone, dass sich die israelische Offensive gegen das Volk von Gaza richtet &ndash; gegen die Zivilbev&ouml;lkerung. Israel hat &uuml;ber 15.000 Menschen get&ouml;tet und 45 Prozent der H&auml;user in Gaza zerst&ouml;rt oder besch&auml;digt. Es hat einen Gro&szlig;teil der zivilen Infrastruktur zerst&ouml;rt und viele Krankenh&auml;user und Krankenwagen angegriffen. Ich h&auml;tte dieses Verhalten nie erwartet, Israel scheint vollst&auml;ndig au&szlig;er Kontrolle, und die Weltgemeinschaft scheint unf&auml;hig oder unwillig zu sein, Israel zur&uuml;ckzuhalten. Ich bin extrem ver&auml;rgert &uuml;ber das, was heute in Gaza geschieht.<\/p><p><strong>Ich denke, es ist ziemlich klar, dass Israel f&uuml;r schwere Kriegsverbrechen, ethnische S&auml;uberungen und Terrorbombing verantwortlich ist. Es gibt viele gute Belege daf&uuml;r, die sehr ernst genommen werden sollten. Zudem gibt es eine Kontroverse, ob sich ein V&ouml;lkermord entwickelt. Was sind Ihre Ansichten dazu?<\/strong><\/p><p>Ich z&ouml;gere, das Wort Genozid zu verwenden. Es ist etwas sehr Gro&szlig;es. Joe Biden und andere haben gesagt, dass die Hamas-Angriffe auf Israel die schlimmsten Angriffe auf Juden seit dem Holocaust sind. Aber das ist eine Verharmlosung des Holocaust. Nat&uuml;rlich waren die Hamas-Angriffe ein sehr, sehr schweres Verbrechen, ein niedertr&auml;chtiges Verbrechen. Was Israel in Gaza tut, geht in Richtung V&ouml;lkermord. Ich w&uuml;rde ohne Z&ouml;gern von ethnischen S&auml;uberungen sprechen, weil Israel bereits 1,8 Millionen von 2,3 Millionen Menschen in Gaza gezwungen hat, von Norden nach S&uuml;den zu fliehen. Einige dieser Menschen, die Israels Forderungen zur Flucht nachkamen, sind von israelischen Luftangriffen get&ouml;tet worden. Viele Fl&uuml;chtlinge im S&uuml;den wurden auch dort wieder zur Flucht aufgefordert. Israel hat sich der gewaltsamen Vertreibung der Zivilbev&ouml;lkerung schuldig gemacht. Ziel ist die ethnische S&auml;uberung von Gaza. Israel dr&auml;ngt die Menschen in Richtung der &auml;gyptischen Grenze und macht kein Geheimnis aus seiner Absicht, Gaza zu entv&ouml;lkern und die Menschen in die Sinai-W&uuml;ste zu treiben. &Auml;gypten ist entschieden dagegen. Aber ein Dokument des Geheimdienstministeriums vom 13. Oktober enth&uuml;llt einen Plan, Gaza zu zerlegen und die Menschen in den n&ouml;rdlichen Sinai zu dr&auml;ngen. Nachdem Israel 1948 und 1967 Pal&auml;stinenser vertrieben hatte, erlaubte es keine R&uuml;ckkehr.<\/p><p><strong>Ich habe geh&ouml;rt, dass sich viele Israelis an den Schock des Jom Kippur-Krieges von 1973 erinnert f&uuml;hlten, als &Auml;gypten und Syrien einen &Uuml;berraschungskrieg gegen Israel f&uuml;hrten. Die meisten Israelis glauben, dass die Araber Israel zerst&ouml;ren und alle Einwohner t&ouml;ten wollten. Ihr Buch widerlegt diese Sicht.<\/strong><\/p><p>Der Angriffskrieg im Oktober 1973 hat Israel v&ouml;llig &uuml;berrascht. Aber ich halte den Krieg f&uuml;r v&ouml;llig gerechtfertigt, weil es ein Versuch von &Auml;gypten und Syrien war, Landesteile zur&uuml;ckzuerobern, die Israel im Juni 1967 mit Gewalt erobert hatte &ndash; die syrischen Golanh&ouml;hen und die &auml;gyptische Sinaihalbinsel. Pr&auml;sident Sadat hatte seit 1970 viele ernste Friedensangebote gemacht. Israel war unnachgiebig. Ziel des Krieges war nie die Zerst&ouml;rung Israels. Alle wussten, dass Israel Atomwaffen besitzt. Die Kriegsstrategie begrenzte sich auf Sinai und die Golanh&ouml;hen.<\/p><p>Auch das Massaker vom 7. Oktober 2023 &uuml;berraschte und schockierte Israel. Es war die erste Invasion israelischen Territoriums von Hamas-K&auml;mpfern, die &uuml;ber 300 israelische Soldaten t&ouml;teten und dann in Siedlungen nahe Gaza Amok liefen und 250 Besucher eines Musikfestes ermordeten. Es war ein echtes Trauma f&uuml;r die israelische &Ouml;ffentlichkeit. Die &Uuml;berraschung und die Brutalit&auml;t verwirrten die Israelis. Sobald die Barriere durchbrochen war, waren es nicht nur die Hamas und der Islamische Dschihad, sondern auch andere Menschen, die sich an dem Angriff auf Israelis beteiligten.<\/p><p><strong>Ich habe Israel w&auml;hrend der Zweiten Intifada bereist, als es brutale Selbstmordattentate auf Busse und Pizzerien gab. Viele Israelis sagten mir: &sbquo;Schau! Wir haben ihnen Frieden angeboten im Oslo-Prozess und in Camp David. Wir bieten ihnen einen Staat an. Wir bieten ihnen fast alles, und das bekommen wir!&rsquo; Ihr Buch zeigt, dass an diesem Mythos sehr vieles nicht stimmt. Den Pal&auml;stinensern wurde kein fairer Deal angeboten.<\/strong><\/p><p>Oslo war eine historische Errungenschaft. Die PLO und Israel erkannten sich wechselseitig an und einigten sich darauf, alle ausstehenden Differenzen mit friedlichen Mitteln zu l&ouml;sen. Aber Jitzchak Rabin, der israelische Hauptarchitekt des Friedensabkommens, wurde von einem israelischen Fanatiker ermordet. Ein Jahr sp&auml;ter kam der Likud unter der F&uuml;hrung von Benjamin Netanjahu an die Macht. Aber auch das Oslo-Abkommen hat nie einen pal&auml;stinensischen Staat versprochen. Es war ein Experiment in begrenzter pal&auml;stinensischer Selbstverwaltung in Gaza und Jericho. Der Text von Oslo erw&auml;hnt keinen pal&auml;stinensischen Staat. Der Text forderte eine &Uuml;bergangszeit von f&uuml;nf Jahren, gegen deren Ende die Verhandlungen &uuml;ber Endstatusfragen stattfinden sollten &ndash; das sind Jerusalem, das R&uuml;ckkehrrecht der Fl&uuml;chtlinge, Grenzen und Sicherheit. All diese gro&szlig;en Themen sollten sp&auml;ter verhandelt werden, aber Netanjahu begann sofort, das Friedenserbe seiner Vorg&auml;nger zu zerst&ouml;ren. Er hatte schon oft erkl&auml;rt, dass der Oslo-Prozess das Recht des j&uuml;dischen Volkes auf das gesamte Israel missachte, zu welchem die Westbank geh&ouml;re. Der Friedensprozess scheiterte, weil Israel seine Seite des Deals nicht einhielt.<\/p><p><strong>Lassen Sie mich das beste Argument der israelischen Regierung formulieren. Sie k&ouml;nnen sagen: &sbquo;Wenn Hamas nicht aufgehalten worden w&auml;re, wer wei&szlig;, wie viele weitere Hunderte oder sogar Tausende unschuldiger Israelis sie get&ouml;tet h&auml;tten. Sie sind extreme Antisemiten, die den Holocaust vollenden wollen. Sie wollen Israel zerst&ouml;ren, um alle Israelis zu t&ouml;ten. Deshalb muss die Hamas ausgerottet werden. Hamas darf nicht mehr existieren.&lsquo; Was antworten Sie darauf?<\/strong><\/p><p>Fangen wir mit der Hamas-Charta von 1988 an &ndash; ein schreckliches Dokument, antisemitisch, sehr extrem. Es fordert einen einheitlichen islamischen Staat vom Jordan bis zum Mittelmeer, also die Beseitigung des Staates Israel. Aber wie die PLO zuvor hatte die Hamas ihr politisches Programm schrittweise gem&auml;&szlig;igt und sich daf&uuml;r entschieden, ihr Ziel der Unabh&auml;ngigkeit nicht durch Waffengewalt, sondern auf dem parlamentarischen Weg zu erreichen. 2006 gewann Hamas faire und freie Wahlen in Gaza und im Westjordanland. Israel weigerte sich jedoch, die Hamas-Regierung anzuerkennen, und begann einen Wirtschaftskrieg. Die USA und die Europ&auml;ische Union unterst&uuml;tzten Israel bei der Untergrabung der Hamas-Regierung. Die westlichen F&uuml;hrer sagen, sie wollen Demokratie f&ouml;rdern. Dies war der Grund f&uuml;r die Invasion des Irak, meiner urspr&uuml;nglichen Heimat. Die Pal&auml;stinenser haben Demokratie erreicht, unter den Bedingungen der Milit&auml;rbesatzung. Die Hamas durfte nicht regieren. Sie hatte Israel Verhandlungen &uuml;ber einen langfristigen Waffenstillstand angeboten &ndash; f&uuml;r zehn, 20, 30, vielleicht 40 Jahre! Israel weigerte sich zu verhandeln.<\/p><p>2007 bildete die Hamas eine Einheitsregierung mit Fatah. Es war eine gem&auml;&szlig;igte Regierung der Technokraten, die ebenfalls Verhandlungen &uuml;ber einen langfristigen Waffenstillstand anbot. Israel weigerte sich erneut zu verhandeln. Die Hamas m&auml;&szlig;igte ihr Programm. Sie war bereit, das Existenzrecht Israels implizit, wenn auch nicht explizit zu akzeptieren. Sie gab endlose Erkl&auml;rungen ab, die implizierten, dass sie den pal&auml;stinensischen Staat in den Grenzen vom Juni 1967 und somit eine Zweistaatenl&ouml;sung akzeptierte. Hamas versuchte zu verhandeln, um eine politische L&ouml;sung zu finden.<\/p><p><strong>Ich kann verstehen, dass die meisten Israelis Hamas nicht mehr vertrauen. Aber g&auml;be es nicht auch M&ouml;glichkeiten f&uuml;r Israel, sich auf den Frieden mit anderen Parteien zu konzentrieren?<\/strong><\/p><p>Die pal&auml;stinensische Frage ist die zentrale Frage im Nahen Osten. Netanjahus Linie gegen&uuml;ber der israelischen &Ouml;ffentlichkeit lautete, dass die Pal&auml;stinenser erledigt sind, besiegt sind. Wir k&ouml;nnten im Westjordanland tun, was wir wollen, wir k&ouml;nnten die Siedlungen weiter ausbauen. Die Pal&auml;stinensische Autonomiebeh&ouml;rde war f&uuml;r ihn ein kollaborationistischer K&ouml;rper, den er absichtlich schw&auml;chte. Der andere Teil seiner Strategie bestand darin, die Hamas in Gaza an der Macht zu halten. Er verfolgte eine Politik der Eind&auml;mmung und verwandelte Gaza in ein Freiluftgef&auml;ngnis. Im Rahmen der Abraham-Abkommen von 2020 unterzeichnete Israel Friedensabkommen mit den Vereinigten Arabischen Emiraten, Bahrain, Marokko und dem Sudan, f&uuml;r die Israel keinen gro&szlig;en Preis bezahlte. Netanjahu verfolgte eine erfolgreiche Strategie der Isolierung und Schw&auml;chung der pal&auml;stinensischen Nationalbewegung. Er trennte den Gazastreifen vom Westjordanland. Er lie&szlig; eine sehr schwache, inkompetente Beh&ouml;rde das Westjordanland regieren &ndash; als Subunternehmer f&uuml;r israelische Sicherheit &ndash;, die unf&auml;hig ist, die Ausweitung der Siedlungen und Provokationen j&uuml;discher Fanatiker gegen die Al-Aksa-Moschee zu beenden. Netanjahu bef&uuml;rwortet permanente Konflikte. Er hat keine politische L&ouml;sung. Er nutzt Gewalt, um die Pal&auml;stinenser niederzuhalten. Diese ganze Strategie wurde durch den Hamas-Angriff beendet. Jetzt hat er kein klares Endspiel mehr.<\/p><p><strong>Ich war schockiert &uuml;ber die St&auml;rke und Bedingungslosigkeit der westlichen Unterst&uuml;tzung f&uuml;r Israel. Die USA, die Europ&auml;ische Union, Deutschland und Kanada haben klargestellt, dass die Unterst&uuml;tzung f&uuml;r Israel mit Waffen, Geld und Diplomatie bedingungslos ist. Ich denke, momentan sieht die Mehrheit der Menschheit den Westen als eine v&ouml;llig unmoralische Kraft an. Ich sehe ein hohes Risiko einer Eskalation in Richtung Libanon, Iran, Syrien, vielleicht sogar Jordanien oder &Auml;gypten. Wie sehen Sie das?<\/strong><\/p><p>Ich stimme dem total zu. Die blinde Unterst&uuml;tzung f&uuml;r Israel ist ein kolossales moralisches Versagen. Das Gemetzel, die Zerst&ouml;rung in Gaza ist eine Beleidigung f&uuml;r zivilisatorische Werte. Der Westen ist ein Komplize Israels. Die Unterst&uuml;tzung f&uuml;r Israel ist eine Erlaubnis f&uuml;r ethnische S&auml;uberungen, f&uuml;r Massenmord an Zivilisten im industriellen Ma&szlig;stab. Die westlichen F&uuml;hrer haben immer noch keinen Waffenstillstand gefordert. Alles, was sie verlangen, sind humanit&auml;re Pausen. Im Westen gibt es eine Trennung zwischen Regierungen und vielen Menschen, die zunehmend die Pal&auml;stinenser unterst&uuml;tzen. Vor zwei Wochen ging ich mit meiner Frau und Tochter auf eine pro-pal&auml;stinensische Demonstration in London mit ungef&auml;hr 800.000 Menschen, eine der gr&ouml;&szlig;ten Demonstrationen in der britischen Geschichte. Amerika ist der entscheidende Akteur. Es hat l&auml;cherlich milde Kritik an Israel ge&uuml;bt. Israel h&ouml;rt weg. Amerika gew&auml;hrt Israel jedes Jahr 3,8 Milliarden Dollar an Milit&auml;rhilfe. Seit 1978 hat Amerika im Sicherheitsrat 46 Resolutionen gegen Israel vereitelt. Zuletzt hat Amerika das Veto eingesetzt, um einen Waffenstillstand zu verhindern. Israel zahlt keinen Preis f&uuml;r seine fortgesetzten Verst&ouml;&szlig;e gegen das V&ouml;lkerrecht.<\/p><p><strong>Sie zeigen in ihrem Buch, dass es sich in gewisser Weise um einen sehr klassischen Kolonialkonflikt handelt, und ich denke, es ist fair zu sagen, dass Sie Israel die meiste Schuld geben. Aber arabische Staaten und die Pal&auml;stinenser haben auch schreckliche Massaker ver&uuml;bt und Drohungen gegen Israel ausgesprochen.<\/strong><\/p><p>Ich habe den Hamas-Angriff auf Zivilisten vollkommen verurteilt &ndash; so wie die meisten Menschen, sogar die meisten sehr israelkritischen Menschen. Zivilisten zu ermorden ist falsch. Punkt. Die israelische Besatzung des Westjordanlands und Gazas ist die l&auml;ngste und brutalste Milit&auml;rbesatzung der Moderne. Die Menschen unter Besatzung haben das Recht auf bewaffneten Widerstand. Sie d&uuml;rfen jedoch keine Zivilisten angreifen. Israel verst&ouml;&szlig;t gegen das humanit&auml;re V&ouml;lkerrecht &ndash; jeden Tag und zu jeder Stunde. Israel praktiziert Staatsterrorismus. Terrorismus ist der Einsatz milit&auml;rischer Gewalt gegen Zivilisten f&uuml;r politische Zwecke. Zur israelischen Milit&auml;roffensive in Gaza namens Operation &bdquo;Gegossenes Blei&rdquo; 2008 und 2009 gab es einen 575-Seiten-Bericht von Richard Goldstone. Dessen Schlussfolgerung ist, dass die israelische Milit&auml;roffensive nicht nur gegen die Hamas, sondern gegen das Volk von Gaza als Ganzes gerichtet war. Deren Ziel war, die Menschen zu bestrafen, zu dem&uuml;tigen und zu terrorisieren. Dies ist nun die sechste israelische Milit&auml;roffensive in Gaza mit diesen Zielen. Dies sollte f&uuml;r jeden zivilisierten Menschen inakzeptabel sein.<\/p><p><strong>Es mag viele &uuml;berraschen, dass Sie in der israelischen Armee als Soldat gedient haben, und ich meine zu verstehen, dass Sie das nicht bereuen. Ist da noch immer ein israelischer Patriot in Ihrem Herzen?<\/strong><\/p><p>Ich bereue es &uuml;berhaupt nicht. Ich habe von 1964 bis 1966 mit Loyalit&auml;t und Stolz in der Armee gedient, weil zu meiner Zeit die israelischen Verteidigungskr&auml;fte ihrem Namen treu waren. Im Juni 1967 wurde Israel zur Kolonialmacht, als es sein Territorium verdreifachte und die Golanh&ouml;hen, das Westjordanland und Sinai eroberte. Die IDF wurde die brutale Kolonialpolizei einer brutalen Kolonialmacht. Hier trenne ich mich von Israel. Die Pal&auml;stinenser hatten das einzigartige Ungl&uuml;ck, seit der Balfour Declaration von 1917 Opfer sowohl des zionistischen Siedlerkolonialismus als auch des westlichen Imperialismus geworden zu sein, zuerst unter Gro&szlig;britannien, jetzt unter Amerika. Mein Mitgef&uuml;hl ist mit den Au&szlig;enseitern, den Pal&auml;stinensern.<\/p><p><strong>Sie haben dar&uuml;ber geschrieben, wie Sie als Kind aus dem Irak und als arabischer Jude nach Israel kamen und sich oft diskriminiert und gedem&uuml;tigt f&uuml;hlten. Trotzdem wurden Sie ein israelischer Patriot. War diese Spannung ein Grund daf&uuml;r, dass sie ein israelkritischer Historiker geworden sind?<\/strong><\/p><p>Sie verweisen auf mein letztes Buch, eine Autobiografie, die &bdquo;Three Worlds&rdquo; hei&szlig;t. Ich beschreibe einen sehr komfortablen Lebensstil in Bagdad. F&uuml;r meine Familie war das muslimisch-j&uuml;dische Zusammenleben allt&auml;gliche Realit&auml;t. Die Juden lebten nicht in Ghettos. Dann zogen wir 1950 nach Israel, als ich f&uuml;nf Jahre alt war, und ich hatte einen Minderwertigkeitskomplex, weil ich ein irakischer Junge war.<\/p><p>Es war eine aschkenasische Gesellschaft, und alles Arabische galt als minderwertig, r&uuml;ckw&auml;rtsgewandt. Die arabische Sprache galt als rohe, primitive und h&auml;ssliche Sprache. Ich habe die Werte meiner neuen Gesellschaft verinnerlicht. Es war mir peinlich, wenn mein Vater vor meinen Freunden auf Arabisch mit mir sprach. Erst viel sp&auml;ter als Akademiker an der Universit&auml;t Oxford, an der ich Arabisch lesen und schreiben lernte, erkannte ich die Sch&ouml;nheit der Sprache. Erst nachdem ich die Geschichte der Region und der arabisch-j&uuml;dischen Beziehungen studiert hatte, wurde mir der Vorteil bewusst, in einer arabischen Gesellschaft gelebt zu haben und Araber nicht nur als Feinde, sondern als stolzes, sensibles Volk zu sehen. Ich hatte keine engstirnige israelische Perspektive, sondern eine nuancierte Perspektive auf die Region, welche die Standpunkte von Arabern und Muslimen sowie Israelis und Juden ber&uuml;cksichtigt. Ich bin stolz auf mein arabisches und j&uuml;disches Erbe. Die Regierung in Israel steht nicht f&uuml;r j&uuml;dische Werte.<\/p><p>Die westlichen F&uuml;hrer haben v&ouml;llig den Kontakt mit der Realit&auml;t in Israel und Pal&auml;stina verloren. Sie m&uuml;ssen aufwachen. Was sich vor unseren Augen in Gaza abspielt, bedeutet das Ende der alten westlichen Erz&auml;hlung, dass Israel eine Insel der Demokratie in einem Meer des Autoritarismus ist. Israel ist eine brutale, r&uuml;cksichtslose Kolonialmacht, die versucht, Millionen von Pal&auml;stinensern mit roher Gewalt zu unterdr&uuml;cken, ein Apartheidstaat, ein j&uuml;disch-suprematistischer Staat, der den Pal&auml;stinensern jegliche Rechte verweigert. Der Kontrast zwischen der Ukraine und Pal&auml;stina belegt die westliche Doppelmoral. Jetzt sehen wir vor unseren Augen den politischen und moralischen Bankrott der westlichen Unterst&uuml;tzer des Staates Israel.<\/p><p><strong>Mir scheint, dass die israelische Demokratie einen langsamen Tod stirbt. Es wird wohl Wahlen in Israel geben, aber kaum Redefreiheit. Auch in Deutschland, Frankreich und den USA wird die Redefreiheit stark angegriffen. Viele Menschen f&uuml;hlen sich eingesch&uuml;chtert. Au&szlig;erdem gibt es eine Krise der Demokratie, die sich verschlimmert, weil der Westen kein Vorbild ist. Jetzt schauen mehr Menschen im Globalen S&uuml;den auf den Westen und sagen: &sbquo;Wir sollen diesem Modell der ethnischen S&auml;uberung, der Brutalit&auml;t und des Rassismus folgen?<\/strong><\/p><p>Die Besatzung hat die israelische Demokratie seit 1967 sehr allm&auml;hlich erodiert. Vier gro&szlig;e Menschenrechtsgruppen ver&ouml;ffentlichten Berichte, die zu dem Schluss kamen, dass Israel ein Apartheidstaat ist. Der wichtigste dieser Berichte kommt von B&rsquo;Tselem, einer angesehenen israelischen Menschenrechtsgruppe. Der detaillierte Bericht war ein Meilenstein. In dem Bericht hei&szlig;t es, dass es nicht mehr m&ouml;glich ist, zwischen Israel und den besetzten Gebieten zu unterscheiden, weil ein Apartheid-Regime f&uuml;r das gesamte Gebiet zust&auml;ndig ist. Pal&auml;stinensische B&uuml;rger des Staates Israel sind B&uuml;rger zweiter Klasse. Die Araber in den besetzten Gebieten besitzen &uuml;berhaupt keine Rechte. Sie werden als B&uuml;rger dritter Klasse in einem Zustand permanenter Unterordnung gehalten. <\/p><p>In den politischen Richtlinien der gegenw&auml;rtigen israelischen Regierung hei&szlig;t es ausdr&uuml;cklich, dass das j&uuml;dische Volk ein ausschlie&szlig;liches Recht auf das ganze Land Israel besitzt. Israel ist eine Ethnokratie. Keine britischen oder amerikanischen F&uuml;hrer beschreiben Israel als ein Apartheid-Regime. Es gibt einen bemerkenswerten Widerwillen, sich den Tatsachen zu stellen. Die israelische Regierung leitet eine globale Kampagne gegen alle Kritiker des Staates Israel, gegen Unterst&uuml;tzer von BDS &ndash; Boycott Divestment Sanction. Es hat absichtlich Antizionismus mit Antisemitismus gleichgesetzt, um legitime, evidenzbasierte Kritik zum Schweigen zu bringen. Diese Kampagne war in Deutschland &auml;u&szlig;erst erfolgreich. Gesetze gegen BDS-Unterst&uuml;tzer wurden verabschiedet. Auch die britische Regierung geht noch h&auml;rter gegen jede Form von propal&auml;stinensischen Protesten vor.<\/p><p><strong>Wenn wir &uuml;ber den Friedensprozess sprechen, sollten wir immer daran erinnern &ndash; und die westlichen Medien erkl&auml;ren das zu selten! &ndash;, dass wir &uuml;ber die letzten verbleibenden 22 Prozent des historischen Pal&auml;stinas sprechen &ndash; die Westbank und Gaza.<\/strong><\/p><p>Das ist ein sehr wichtiger Punkt. Indem sie die Oslo-Abkommen mit Israel unterzeichnete, gab die PLO ihren Anspruch auf 78 Prozent des historischen Pal&auml;stinas auf, also machte sie ein riesiges Zugest&auml;ndnis in der Hoffnung, dass sie irgendwann einen unabh&auml;ngigen Staat auf den restlichen 22 Prozent bekommen w&uuml;rde. Aber es sollte nicht sein, dass Rabin den Vers&ouml;hnungsprozesses mit den Pal&auml;stinensern weiterf&uuml;hrte.<\/p><p>Wir wissen nicht, was das Endspiel gewesen w&auml;re. Wir wissen nicht, ob er einem unabh&auml;ngigen pal&auml;stinensischen Staat auf 22 Prozent des Mandatsgebiets zugestimmt h&auml;tte, wahrscheinlich nicht. Nach seiner Ermordung kam Netanjahu an die Macht und begann, die Siedlungen &uuml;ber die gesamte L&auml;nge und Breite des Westjordanlandes, in Gaza und auf den Golanh&ouml;hen zu expandieren. Heute sind es 700.000 Siedler. Er ist wie ein Mann, der &uuml;ber die Aufteilung der Pizza verhandelt, w&auml;hrend er mehr und mehr Pizzast&uuml;cke verspeist. Landraub und Frieden passen nicht zusammen. Wenn man sich Israels Verhalten seit 1967 ansieht, sieht man, dass Israel mehr an Land interessiert ist als an Frieden mit den Pal&auml;stinensern.<\/p><p><strong>Vielen Dank f&uuml;r Ihre Perspektiven. Ich w&uuml;nsche Ihnen alles Gute.<\/strong><\/p><p><small>Titelbild: Alvaro Garica<\/small><\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=106879\">Interview mit Rashid Khalidi: &bdquo;Alles menschliche Leben ist wertvoll. 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