{"id":108955,"date":"2024-01-02T08:52:58","date_gmt":"2024-01-02T07:52:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=108955"},"modified":"2024-01-03T07:48:49","modified_gmt":"2024-01-03T06:48:49","slug":"selenskyj-politstar-im-sinkflug","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=108955","title":{"rendered":"Selenskyj \u2013 Politstar im Sinkflug?"},"content":{"rendered":"<p>Der im Westen zum Politstar avancierte ukrainische Pr&auml;sident Wolodymyr Selenskyj hat seinen Popularit&auml;ts- und Machtzenit ganz offensichtlich &uuml;berschritten. Es mehren sich die Anzeichen einer politischen, finanziellen und materiellen (Waffensysteme) (Ressourcen-)Ersch&ouml;pfung im Westen. Immer h&auml;ufiger sind Absetzbewegungen US-amerikanischer Leitmedien gegen&uuml;ber der Ukraine zu beobachten. Von <strong>Alexander Neu<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_3504\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-108955-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240102_Selenskyj_Politstar_im_Sinkflug_NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240102_Selenskyj_Politstar_im_Sinkflug_NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240102_Selenskyj_Politstar_im_Sinkflug_NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240102_Selenskyj_Politstar_im_Sinkflug_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=108955-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240102_Selenskyj_Politstar_im_Sinkflug_NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"240102_Selenskyj_Politstar_im_Sinkflug_NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Der Verweis auf die Berichterstattung US-amerikanischer Leitmedien ist deshalb von Relevanz, da diese als Gradmesser f&uuml;r das faktische Stimmungsbild der US-amerikanischen politischen Klasse zu betrachten sind. In der Politik gilt es zu unterscheiden zwischen den wohlklingenden &ouml;ffentlichen Erkl&auml;rungen &ndash; wie etwa die im Ukraine-Krieg oft wiederholte Beschw&ouml;rungsformeln &bdquo;whatever it takes&ldquo; und &bdquo;as long as it takes&ldquo; (&bdquo;was immer auch ben&ouml;tigt&ldquo; wird oder auch &bdquo;so lange wie n&ouml;tig&ldquo;) als Signal einer unerm&uuml;dlichen Unterst&uuml;tzung der Ukraine &ndash; und dem operativen Handeln. Derartige Symbolpolitik wird in der US-Politik noch h&auml;ufiger als in europ&auml;ischen Hauptst&auml;dten praktiziert. Das Problem ist nur, dass eine emotional gesteuerte Symbolpolitik auch als Gradmesser f&uuml;r das operative Handeln genutzt werden kann &ndash; beispielsweise vom Adressaten der Symbolpolitik, der weitere Unterst&uuml;tzung einfordert, wie hier die ukrainische F&uuml;hrung, die den westlichen Worten auch Taten folgen sehen will, oder auch vom politischen Gegner, der die Symbolpolitik als Propaganda abtut.<\/p><p>Derart ohne N&ouml;te und selbstverschuldet in die eigene Propagandafalle gelaufen, kann die Folge einer praktizierten Symbolpolitik sein, dass die operative Politik aus Gr&uuml;nden der Gesichtswahrung oder tats&auml;chlich aus wachsender &Uuml;berzeugung von der Richtigkeit der Umsetzung der zun&auml;chst leichtfertig formulierten symbolpolitischen &Auml;u&szlig;erungen zu den irrationalsten Entscheidungen im Sinne der zuvor ge&auml;u&szlig;erten Symbolpolitik f&uuml;hrt. Ob die im Dezember gef&auml;llte Kabinettsentscheidung zur Schlie&szlig;ung der &bdquo;unerwartet&ldquo; aufgetretenen Haushaltsl&uuml;cke von 30 Milliarden Euro unter die Kategorie einer doch irgendwie verrannten Symbolpolitik zu fassen ist, m&ouml;ge der geneigte Leser f&uuml;r sich selbst entscheiden, vergegenw&auml;rtigt er sich die Entscheidungen: Dazu z&auml;hlen erhebliche Einsparungen in einigen Ressorts, darunter auch Bildung (200 Millionen Euro &ndash; man erinnere sich an die j&uuml;ngste PISA-Studie) und ziviles internationales Engagement (800 Millionen Euro) sowie Steuererh&ouml;hungen (beispielsweise CO2-Steuer). Zugleich soll die milit&auml;rische Hilfe f&uuml;r die Ukraine (acht Milliarden Euro) unangetastet bleiben oder sogar noch aufgestockt werden k&ouml;nnen. Und das Ganze noch im Falle einer Aufstockung als Feststellung einer &bdquo;au&szlig;ergew&ouml;hnlichen Notsituation&ldquo; (gem. Art. 115, Abs.2, Grundgesetz), die eintr&auml;te, sollte sich die milit&auml;rische Lage der Ukraine verschlechtern oder andere Staaten ihre Unterst&uuml;tzung zur&uuml;ckfahren. Diese Beschl&uuml;sse g&auml;ben der &bdquo;Ukraine in einer schwierigen Zeit das Schutzversprechen (,so lange wie n&ouml;tig&lsquo;), dass wir zu unserem Wort stehen&ldquo;, so das <a href=\"https:\/\/www.bundeskanzler.de\/bk-de\/aktuelles\/pressestatements-von-bundeskanzler-scholz-bundesminister-habeck-und-bundesminister-linder-am-13-dezember-2023-in-berlin-2249174\">Pressestatement<\/a> von Bundeskanzler Olaf Scholz und den Bundesministern Robert Habeck und Christian Lindner am 13. Dezember 2023.<\/p><p><strong>Ein Blick zur&uuml;ck<\/strong><\/p><p>Am 24. Februar 2022 griff Russland sein Nachbarland, die Ukraine, milit&auml;risch offen an. Dass dieser Angriffskrieg v&ouml;lkerrechtswidrig ist, sollte nicht zur Debatte stehen, denn jeder Angriffskrieg ist gem&auml;&szlig; der UN-Charta v&ouml;lkerrechtswidrig &ndash; so auch dieser. Ferner die Angriffskriege der NATO auf Jugoslawien 1999 oder der &bdquo;Koalition der Willigen&ldquo; unter US-F&uuml;hrung auf den Irak 2003, die trotz aller bisweilen peinlichen Rechtfertigungsversuche den Tatbestand des Angriffskrieges und somit seiner Illegalit&auml;t erf&uuml;llten.<\/p><p>Mit dem russischen Einmarsch in der Ukraine wurde der Krieg als internationaler Konflikt manifest, der tats&auml;chlich bereits seit 2014 zwischen der ukrainischen Zentralregierung und den abtr&uuml;nnigen Regionen Donezk und Lugansk, die von Russland subkutan &ndash; also nicht mit offiziellen russischen Kr&auml;ften &ndash; unterst&uuml;tzt werden, gef&uuml;hrt wurde (die Krim spielte hierbei eine besondere Rolle, deren Ausf&uuml;hrung einen eigenen Beitrag erforderlich machen w&uuml;rde). Aus dem formalen bewaffneten nicht-internationalen Konflikt wurde &uuml;ber Nacht ein bewaffneter internationaler Konflikt &ndash; an der Oberfl&auml;che zwischen zwei Staaten, der Ukraine und der Russischen F&ouml;deration. Tats&auml;chlich ist er jedoch von Anfang an auch ein Stellvertreterkrieg zwischen dem politischen Westen und Russland, ja im Prinzip sogar zwischen dem politischen Westen und Teilen des globalen Nicht-Westens &ndash; zuv&ouml;rderst China.<\/p><p>Nur so ist die massive finanzielle und materielle Unterst&uuml;tzung der Ukraine durch den Westen bis hin zu Sanktionen, die dem europ&auml;ischen Westen, insbesondere Deutschland, mehr zu schaden scheinen als dem Adressaten der Sanktionen &ndash; Russland &ndash;, zu erkl&auml;ren. Belegt wird meine These auch durch entsprechende, gelegentlich unvorsichtig, aber daf&uuml;r umso authentischer formulierte Aussagen westlicher Politikentscheider. Dar&uuml;ber hatte ich bereits in den NachDenkSeiten <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=95528\">geschrieben<\/a>. Es geht bei diesem Konflikt tats&auml;chlich weniger um die Ukraine als solches, sondern um die Metaebene: Wer dominiert die Globalpolitik, wer bestimmt die Einflusszonen, wer hat das Sagen &ndash; immer noch der Westen im Glauben an die Unendlichkeit der eigenen Machtdominanz und zivilisatorischen &Uuml;berlegenheit (liberale Demokratien), oder die neuen, aufsteigenden respektive wieder auf der Weltb&uuml;hne erscheinende Akteure wie Russland, aber tats&auml;chlich auch China, mit ihren eigenen Ordnungsvorstellungen? Und daher wird dieser offene Krieg zwischen der Ukraine und Russland als Schicksalskrieg f&uuml;r die westliche Globaldominanz (&bdquo;Russlands Sieg&ldquo; sei &bdquo;eine Niederlage der NATO&ldquo;, so NATO-Generalsekret&auml;r J. Stoltenberg), zumindest bis zum Herbst 2023, betrachtet. Und umgekehrt betrachtet Russland diesen Krieg als Schicksalskrieg hinsichtlich der eigenen Staatlichkeit, was die Entschlossenheit auf beiden Seiten unterstreicht &ndash; zumindest bis vor Kurzem.<\/p><p>Und, wer h&auml;tte das gedacht: Es geht auch um geo&ouml;konomische Interessen. Das zumindest plauderte Roderich Kiesewetter aus, einer derer, die nichts unterhalb des Sieges der Ukraine einfordern, denn &bdquo;(&hellip;) wenn Europa die Energiewende vollziehen will, braucht sie eigene Lithiumvorkommen. Die gr&ouml;&szlig;ten Lithiumvorkommen in Europa liegen im Donezk-Luhansk-Gebiet.&ldquo; (<a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=aSEC815ZTbI\">Rede R. Kiesewetter<\/a>) und eine interessante Analyse in Telepolis mit dem Titel &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.telepolis.de\/features\/Hat-dieser-CDU-Politiker-den-geheimen-Grund-fuer-den-Ukraine-Krieg-verraten-9581025.html\">Hat dieser CDU-Politiker den geheimen Grund f&uuml;r den Ukraine-Krieg verraten?<\/a>&ldquo;. Es geht also tats&auml;chlich auch um Werte, jedoch nicht nur um gesellschaftliche Werte, sondern auch um handfeste materielle Werte.<\/p><p>Und der ukrainische Pr&auml;sident W. Selenskyj? Er spielte in dem geopolitischen und geo&ouml;konomischen Machtkampf der Gro&szlig;m&auml;chte bis zum Herbst dieses Jahres die Rolle des Helden, der modernen Verk&ouml;rperung der biblischen Sage von &bdquo;David gegen Goliath&ldquo;, die kleine angegriffene Ukraine gegen seinen gro&szlig;en Nachbarn Russland. Der Krieg Russlands gegen die Ukraine wird in diesem Narrativ allerdings als ein rein bilateraler Krieg zwischen zwei Staaten, einem klaren Aggressor (Russland) und einem klaren Opfer (Ukraine), dargestellt. Dieses Narrativ zielt darauf ab, die &uuml;bergeordnete Konfliktebene des Kampfes der Gro&szlig;m&auml;chte um die k&uuml;nftige Welt(un)ordnung auf dem ukrainischen Staatsgebiet zu &uuml;berdecken. Allerdings hat der globale Nicht-Westen das bilaterale Konflikt-Narrativ des Westens nicht uneingeschr&auml;nkt &uuml;bernommen, sondern vielmehr eigene Interpretationen des Konfliktes formuliert, so beispielsweise der brasilianische Pr&auml;sident Lula.<\/p><p><strong>Die Wende &ndash; Fr&uuml;hjahrsoffensive oder gescheiterte Sommeroffensive<\/strong><\/p><p>Die mit viel medialer Unterst&uuml;tzung angek&uuml;ndigte Fr&uuml;hjahrsoffensive kam nicht so recht in Gang. Aus der Fr&uuml;hjahrsoffensive der Ukraine wurde die Sommeroffensive. US-amerikanische Medien sowie ukrainische Telegram-Kan&auml;le berichteten von wachsender Disharmonie zwischen beratenden westlichen Milit&auml;rs und der milit&auml;rischen F&uuml;hrung der Ukraine, wie die Offensive zu f&uuml;hren sei. Hinzu kam, dass das ukrainische Milit&auml;r unter einer seiner Meinung nach zu schleppenden Versorgung mit westlichen Waffensystemen litt. Auch wurde die Ausbildung ihrer Soldaten im Westen als nicht den Realit&auml;ten vor Ort gerecht beklagt. Das blame game, wer also das Scheitern der Offensive zu verantworten habe, nahm seit Herbst seinen Lauf, folgt man den Telegram-Kan&auml;len. Hinzu kommen wachsende Spannungen zwischen der politischen F&uuml;hrung, hier des ukrainischen Pr&auml;sidenten W. Selenskyj, und der milit&auml;rischen F&uuml;hrung, insbesondere dem Oberkommandierenden W. Saluschni, der die Realit&auml;ten des Krieges anders bewertet als sein Pr&auml;sident. W&auml;hrend W. Selenskyj immer noch davon ausgeht, die Ukraine werde das gesamte von Russland okkupierte und annektierte Staatsgebiet inklusive der Krim zur&uuml;ckerobern, sieht dies die milit&auml;rische F&uuml;hrung der Ukraine etwas skeptischer angesichts der enormen personellen und materiellen Verluste generell, aber auch speziell mit Blick auf die gescheiterte Offensive. Diese unterschiedliche Wahrnehmung hat der Oberkommandierende W. Saluschni in einem <a href=\"https:\/\/www.economist.com\/europe\/2023\/11\/01\/ukraines-commander-in-chief-on-the-breakthrough-he-needs-to-beat-russia\">Interview<\/a> mit dem Economist kundgetan, was das Binnenverh&auml;ltnis zwischen ihm und dem ukrainischen Pr&auml;sidenten offensichtlich belastet.<\/p><p>Derweil versucht das ukrainische Milit&auml;r, Defensivpositionen &auml;hnlich denen der russischen Variante aufzubauen, um einen m&ouml;glichen Gegensto&szlig; der russischen Armee zu blockieren. Und insbesondere in den USA wird die skeptische Analyse der ukrainischen Milit&auml;rf&uuml;hrung eher geteilt als die optimistische des ukrainischen Pr&auml;sidenten, der sich wohl hinter vorgehaltener Hand zunehmend als Problem denn als n&uuml;tzlich f&uuml;r eine Verhandlungsl&ouml;sung mit Russland erweist.<\/p><p><strong>Nachlassende westliche Unterst&uuml;tzung<\/strong><\/p><p>Angesichts der gescheiterten ukrainischen Offensive scheint sich in den USA ein Umdenken &uuml;ber die realistisch erreichbaren Ziele der Ukraine anzubahnen. Best&auml;rkt wird dieser Sinneswandel auch durch innenpolitische Aspekte: Die US-Pr&auml;sidentschaftswahl 2024 schwebt wie ein Damoklesschwert &uuml;ber dem Schicksal der Ukraine. Die USA haben laut <em><a href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/2023\/12\/11\/us\/politics\/us-ukraine-war-strategy.html\">New York Times<\/a><\/em> gewaltige Summen und Waffensysteme sowie Munition im Wert von 111 Milliarden US-Dollar in die Ukraine investiert &ndash; Gelder, die auch zur Modernisierung der US-Infrastruktur h&auml;tten genutzt werden k&ouml;nnen. Die Ukraine hat trotz der beispielslosen Unterst&uuml;tzung der USA und ihrer europ&auml;ischen Verb&uuml;ndeten nicht das gew&uuml;nschte Ergebnis geliefert &ndash; eine erfolgreiche Gegenoffensive, geschweige denn den finalen Sieg gegen Russland. Kurzum, viel Geld mit wenig oder gar keinen positiven Ergebnissen &ndash; und so etwas mag die politische Klasse der USA definitiv nicht. Dass ist Wasser auf die M&uuml;hlen der Republikaner, die der massiven Unterst&uuml;tzung der Ukraine immer weniger und angesichts der bevorstehenden Pr&auml;sidentschaftswahlen &ndash; vermutlich mit Donald Trump als ihrem Spitzenkandidaten &ndash; &uuml;berhaupt nichts mehr abgewinnen k&ouml;nnen. <\/p><p>Und schon werden die Haushaltsgelder, die f&uuml;r die Unterst&uuml;tzung der Ukraine gedacht sind, im US-Repr&auml;sentantenhaus, in dem die Republikaner die Mehrheit stellen, durch ebendiese blockiert. Die Ukraine, bis vor Kurzem das Objekt, an dem sich Wohl und Wehe der westlichen Zivilisation entscheide, wird zum Objekt basar&auml;hnlicher Verhandlungen &uuml;ber die Verteilung von Haushaltsgeldern degradiert. Die Ukraine findet sich pl&ouml;tzlich auf einem Relevanzlevel mit drittrangigen Themen wieder: So stellen Republikaner sachfremde Forderungen wie beispielsweise die Fortsetzung des Mauerbaus an der Grenze zu Mexiko. Diese Basarmentalit&auml;t hinsichtlich der Ukraine sagt mehr &uuml;ber den Wandel der US-Unterst&uuml;tzung f&uuml;r die Ukraine aus als tausend <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/ausland\/amerika\/selenskyj-usa-besuch-biden-ukraine-100.html\">wohlklingende Worte (Symbolpolitik)<\/a>. Aber auch in der Welt der Symbolpolitik wurde eine kleine Korrektur vorgenommen: So stufte j&uuml;ngst der US-Pr&auml;sident Joe Biden seine symbolpolitische Aussage &bdquo;as long as it takes&ldquo; zu &bdquo;as long as we can&ldquo; (&bdquo;so lange wir k&ouml;nnen&ldquo;) herab.<\/p><p>Selbst wenn es zu einer Einigung im US-Kongress &uuml;ber die weitere Unterst&uuml;tzung der Ukraine kommen sollte, ist es unwahrscheinlich, dass der Finanz- und Materialstrom wieder die Ausma&szlig;e von 2022 und 2023 annehmen wird. Mit hoher Wahrscheinlichkeit werden die USA einen schleichenden Ausstieg praktizieren. Es k&ouml;nnte mit einer erneuten Pr&auml;sidentschaft D. Trumps sogar ein pl&ouml;tzliches Ende nehmen. Jedenfalls scheinen die USA ihre urspr&uuml;nglichen Ziele mit der Ukraine aufzugeben. Und auch in Europa l&auml;sst die Siegesgewissheit mit wenigen Ausnahmen, insbesondere in Deutschland, langsam nach. Weitgehend verschwunden sind die ukrainischen Flaggen in den Fenstern des Prenzlauer Berges sowie in Berlin Mitte oder den Profilen bei X (vormals Twitter) &ndash; teilweise ersetzt durch die israelische Flagge.<\/p><p><strong>Opfer der eigenen Narrative mit Absolutheitsanspruch<\/strong><\/p><p>Es gibt nur zwei Probleme bei diesem Einstieg in den Ausstieg:<\/p><p>Erstens: Wie kann man das Narrativ, wonach die Ukraine das gesamte Staatsgebiet &ndash; inklusive der Krim &ndash; zur&uuml;ckerobern m&uuml;sse und werde und damit verbunden das Schicksal des politischen Westens, wieder einfangen und in der &Ouml;ffentlichkeit vergessen machen? Schlie&szlig;lich haben US- und europ&auml;ische Steuerzahler, so auch deutsche, eine Menge Geld in dieses Ziel investiert. Alles unterhalb des Sieges der Ukraine war und ist bislang offiziell undenkbar und erst recht unaussprechbar. Dass nun gerade in Deutschland Kritikern dieses eindimensionalen Politikverst&auml;ndnisses, die Ukraine m&uuml;sse den Krieg gewinnen und daf&uuml;r bed&uuml;rfe es weiterer und mehr Waffenlieferungen, bis vor Kurzem noch als &bdquo;Putinfreunde&ldquo; etc. diffamiert, doch pl&ouml;tzlich mediale M&ouml;glichkeiten einger&auml;umt werden, zeigt eines: Es beginnt der Prozess der Ern&uuml;chterung. Es ist kein Zufall, dass beispielsweise der Politikwissenschaftler Prof. Hajo Funke und der ehemalige hochrangige UNO-Mitarbeiter Michael von der Schulenburg pl&ouml;tzlich in der Hauspostille der GR&Uuml;NEN, der taz, einen <a href=\"https:\/\/taz.de\/Der-Westen-Russland-die-Ukraine\/!5979717\/\">Beitrag<\/a> ver&ouml;ffentlichen konnten, der einen lange &uuml;berf&auml;lligen, faktenbasierten sicherheitspolitischen Diskurs ansto&szlig;en k&ouml;nnte.<\/p><p>Und damit zweitens verkn&uuml;pft: Wie kann man den ukrainischen Pr&auml;sidenten, W. Selenskyj, der &ndash; im Gegensatz zur ukrainischen milit&auml;rischen F&uuml;hrung &ndash; von den Realit&auml;ten am Boden v&ouml;llig unbeeindruckt das Mantra des Sieges hochh&auml;lt, einhegen oder sogar loswerden, sollte er sich als Hindernis f&uuml;r eine m&ouml;glicherweise alternativlose Verhandlungsl&ouml;sung erweisen?<\/p><p>Zur Bew&auml;ltigung beider Herausforderungen ben&ouml;tigt es die Massenmedien, insbesondere die Leitmedien. Und hier sind wir wieder bei den US-Leitmedien, die, so mein Eindruck, den Einstieg in den Ausstieg aus dem Ukraine-Engagement vorsichtig dosiert einleiten, indem sie einerseits das Thema Ukraine-Krieg aus dem Fokus ihrer Berichterstattung entfernen, wobei der Krieg im Gazastreifen hierzu eine gute Gelegenheit bietet.<\/p><p>So berichten &uuml;bereinstimmend ein proukrainischer sowie ein prorussischer Telegram-Kanal am 20. Dezember, die <em>Washington Post<\/em> habe auf ihrer Homepage den Tab (Registerkarte oder Reiter) zur Ukraine entfernt. Der <a href=\"https:\/\/t.me\/liveukraine_media\/16423\">ukrainische Kanal fragt<\/a>: &bdquo;The Washington Post removed the tab about the war on their website. Is it no longer relevant?&ldquo; (&bdquo;Die <em>Washington Post<\/em> entfernte die Registerkarte\/Reiter &uuml;ber den Krieg auf ihrer Webseite. Ist der Krieg nicht mehr von Bedeutung?&ldquo;)<\/p><p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/240102.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/240102.jpg\" alt=\"\" width=\"238\" height=\"402\" class=\"alignleft size-full wp-image-108956\" srcset=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/240102.jpg 238w, https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/240102-178x300.jpg 178w, https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/240102-145x245.jpg 145w\" sizes=\"auto, (max-width: 238px) 100vw, 238px\" \/><\/a><\/p><p>Auf der anderen Seite wird die Lage im Kriegsgebiet zunehmend n&uuml;chterner und mitunter mit dem oben bereits erw&auml;hnten blame game oder der wachsenden Wahrnehmungskluft zwischen der politischen F&uuml;hrung und den Milit&auml;rs in der Ukraine beschrieben als in der Vergangenheit &ndash; so zum Beispiel die <a href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/2023\/12\/16\/world\/europe\/ukraine-kherson-river-russia.html\">K&auml;mpfe am Dnepr<\/a> (&bdquo;Ukrainian Marines on &sbquo;Suicide Mission&rsquo; in Crossing the Dnipro River &ndash; Soldiers frustrated by positive reports from Ukrainian officials break their silence, describing the effort as brutalizing and, ultimately, futile.&ldquo;).<\/p><p>Aber auch in den deutschen Leitmedien ist eine vorsichtig dosierte Ver&auml;nderung festzustellen. Gerne wird hierbei auf die &bdquo;Expertise&ldquo; von milit&auml;rischen Fachleuten zur&uuml;ckgegriffen, um der verfahrenen Situation und damit der unbequemen Wahrheit &Ouml;ffentlichkeit zu geben. So schreibt ein Oberst a.D. namens Ralph D. Thiele, Vorsitzender der Politisch-Milit&auml;rischen Gesellschaft e.V., Pr&auml;sident von EuroDefense (Deutschland) e.V. und CEO von StratByrd Consulting, so sein Hintergrund, im <em>Focus<\/em> unter dem vielsagenden Titel &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.focus.de\/politik\/ausland\/ukraine-krise\/ex-oberst-analysiert-gegenoffensive-war-gestern-jetzt-entfaltet-putins-krieg-seine-wirkung_id_259513043.html\">Gegenoffensive war gestern &ndash; jetzt entfaltet Putins Krieg seine Wirkung<\/a>&ldquo; folgenden Satz: &bdquo;Angesichts dieser Entwicklung zeigt sich Putin in seiner Abnutzungsstrategie best&auml;rkt. Der Westen ist gut beraten, seine eigene Strategie &ndash; die Ukraine st&auml;rken und Russland schw&auml;chen &ndash; auf ihre Wirksamkeit kritisch zu hinterfragen.&ldquo; <\/p><p>Die westlichen Leitmedien gehen also schrittweise dazu &uuml;ber, den Sieg der Ukraine als wenig realistisch zu prognostizieren, und favorisieren vielmehr, die Niederlage und damit weitergehende territoriale Verluste der Ukraine so weit wie noch m&ouml;glich zu verhindern. Dies scheint auch zumindest die Lageeinsch&auml;tzung westlicher und ukrainischer Milit&auml;rs &ndash; im Gegensatz zum ukrainischen Pr&auml;sidenten W. Selenskyj &ndash; zu sein. Und in Deutschland wagt sich bislang unter den Politikentscheidern lediglich der s&auml;chsische Ministerpr&auml;sident Michael Kretschmer aus der Deckung: M. Kretschmer geht von einem &ndash; zumindest tempor&auml;ren &ndash; Territorialverlust der Ukraine aus. Dar&uuml;ber hinaus kritisiert er die Bundesregierung f&uuml;r ihren eindimensionalen Ansatz der fortgesetzten Waffenlieferungen als einzige Ma&szlig;nahme anstatt auch Verhandlungen in Betracht zu ziehen. W&ouml;rtlich sagt er: &bdquo;<a href=\"https:\/\/www.welt.de\/politik\/deutschland\/article249241238\/Michael-Kretschmer-legt-Ukraine-voruebergehenden-Verzicht-auf-Territorien-nahe.html\">Die Amerikaner sind da weiter. Sie haben erkannt, dass der Krieg so nicht zu gewinnen ist.<\/a>&ldquo;<\/p><p><strong>Der sinkende Politstar W. Selenskyj?<\/strong><\/p><p>W. Selenskyj h&auml;lt indessen unbeeindruckt der Lage an der Front an seiner Position des Sieges fest. Ger&auml;t die ukrainische Armee weiterhin in die Defensive, drohen weitere signifikante Territorialverluste (Charkiw oder Odessa), und w&auml;chst sodann die Wahrnehmungskluft zwischen dem ukrainischen Pr&auml;sidenten einerseits und dem ukrainischen Milit&auml;r sowie dem Westen andererseits, k&ouml;nnten die Tage W. Selenskyjs gez&auml;hlt sein. Hinzu kommt: Die neu angesetzte Rekrutierungs- und Mobilisierungswelle, wonach weitere 500.000 Soldaten ausgehoben werden sollen, d&uuml;rfte W. Selenskyjs Popularit&auml;t auch in der Bev&ouml;lkerung abtr&auml;glich sein. Bilder von Zwangsrekrutierungen sind im Internet zuhauf zu finden. W. Selenskyjs sinkende Popularit&auml;t k&ouml;nnte neben den tats&auml;chlich schwerwiegenden Sicherheitsbedenken auch ein Grund sein, warum er die f&uuml;r M&auml;rz eigentlich angesetzten Pr&auml;sidentenwahlen <a href=\"https:\/\/www.welt.de\/politik\/ausland\/article248399398\/Selenskyj-will-Praesidentschaftswahlen-in-der-Ukraine-aussetzen.html\">ablehnt<\/a>. <\/p><p>Auf der anderen Seite dr&auml;ngt der Westen, insbesondere die USA, indes auf die alsbaldige Abhaltung der Pr&auml;sidentenwahlen. Ob die westliche Forderung nach regul&auml;ren Pr&auml;sidentenwahlen einzig der Sorge um die ukrainische Demokratie zu verdanken ist, zumal sich die westlichen Proteststimmen zum <a href=\"https:\/\/www.fr.de\/politik\/kritik-an-selenkyjs-verbot-unliebsamer-parteien-91457194.html\">Verbot von elf politischen Parteien in der Ukraine<\/a> bislang mehr als bescheiden ausnehmen, oder ob da nicht die &Uuml;berlegung einer eleganten Entsorgung W. Selenskyjs der treibende Gedanke sein k&ouml;nnte, ist nat&uuml;rlich reine Spekulation. Und zur weiteren Spekulation geh&ouml;rt auch die Frage, warum der ukrainische Oberbefehlshaber W. Saluschni pl&ouml;tzlich als potenzieller Pr&auml;sidentenkandidat diskutiert wird respektive es hierzu laut <em>taz<\/em> eine <a href=\"https:\/\/taz.de\/Spannungen-in-ukrainischer-Fuehrung\/!5974055\/\">Meinungsumfrage<\/a> gibt.<\/p><p>Dies alles sind Indikatoren daf&uuml;r, dass der Macht- und Reputationszenit W. Selenskyjs nicht nur &uuml;berschritten sein d&uuml;rfte, sondern eine im Raume stehende Abl&ouml;sung als Pr&auml;sident auf die eine oder andere Weise in Hinterzimmern nicht nur in Kiew diskutiert wird.<\/p><p><small>Titelbild: Shutterstock \/ Achim Wagner<\/small><\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=106000\">Die Welt wandelt sich &ndash; und der Westen schlafwandelt<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=102032\">Die Krim &ndash; geostrategischer Dreh- und Angelpunkt<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=102997\">ZDF zur Nord-Stream-Sprengung: Von &bdquo;Es muss Russland sein&ldquo; zu &bdquo;Erkenntnisse der Ermittler weisen klar in Richtung Ukraine&ldquo;<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=106483\">Verfolgung von Oppositionellen in der Ukraine: Maxim Goldarb und die Haltung der Bundesregierung<\/a>\n<\/p><\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg07.met.vgwort.de\/na\/922697547a19491d848aeaa73ae3cf62\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der im Westen zum Politstar avancierte ukrainische Pr&auml;sident Wolodymyr Selenskyj hat seinen Popularit&auml;ts- und Machtzenit ganz offensichtlich &uuml;berschritten. Es mehren sich die Anzeichen einer politischen, finanziellen und materiellen (Waffensysteme) (Ressourcen-)Ersch&ouml;pfung im Westen. Immer h&auml;ufiger sind Absetzbewegungen US-amerikanischer Leitmedien gegen&uuml;ber der Ukraine zu beobachten. Von <strong>Alexander Neu<\/strong>.<\/p>\n<p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><\/p>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":97813,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[107,41,171,11],"tags":[3240,3208,2669,466,259,2620,2794,260,1556,2377],"class_list":["post-108955","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-audio-podcast","category-medienanalyse","category-militaereinsaetzekriege","category-strategien-der-meinungsmache","tag-diplomatische-verhandlungen","tag-kriegskosten","tag-leitmedien","tag-nato","tag-russland","tag-selenskyj-wolodymyr","tag-stellvertreterkrieg","tag-ukraine","tag-usa","tag-waffenlieferungen"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2023\/05\/shutterstock_2149144457.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/108955","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=108955"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/108955\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":108978,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/108955\/revisions\/108978"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/97813"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=108955"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=108955"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=108955"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}