{"id":10905,"date":"2011-10-05T16:59:49","date_gmt":"2011-10-05T14:59:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=10905"},"modified":"2014-09-11T14:30:44","modified_gmt":"2014-09-11T12:30:44","slug":"die-geldpolitik-am-scheideweg-die-jungsten-einsichten-der-ezb-kommen-spat-und-sind-unvollstandig","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=10905","title":{"rendered":"Die Geldpolitik am Scheideweg \u2013 die j\u00fcngsten Einsichten der EZB kommen sp\u00e4t und sind unvollst\u00e4ndig"},"content":{"rendered":"<p>Die Diskussion um Euro, um den Rettungsschirm, um die Krise, die man f&auml;lschlicherweise Schuldenkrise nennt, wird immer schlimmer. Auch Beobachter, von denen wir gelegentlich einiges halten, kommen zu den einfachen Analysen und einfachen L&ouml;sungen: es liegt am billigen Geld zum Beispiel oder Schuldenschnitt oder aus dem Euroraum raus werfen, usw.. Auf dem Weg zu einem Text &uuml;ber diese teils obskure und zynische Debatte erreichte mich ein &bdquo;Beitrag f&uuml;r die Nachdenkseiten von Friederike Spiecker&ldquo;. Es ist ein St&uuml;ck Aufkl&auml;rung. Deshalb vorab. Albrecht M&uuml;ller.<br>\n<!--more--><\/p><p><strong>Friederike Spiecker<\/strong><br>\n<strong>Die Geldpolitik am Scheideweg &ndash; die j&uuml;ngsten Einsichten der EZB kommen sp&auml;t und sind unvollst&auml;ndig <\/strong><\/p><p>Die Europ&auml;ische Zentralbank (EZB) verteidigt im September-Monatsbericht ihre Ma&szlig;nahmen zur Euro-Rettung auf bemerkenswert grunds&auml;tzliche Weise: Sie verfolge als &ouml;ffentliche Institution mit einem &ouml;ffentlichen Auftrag &ouml;ffentliche Ziele. Daher sei ihre Handlungsweise an anderen Kriterien zu messen als etwa die von privaten Finanzinstitutionen. Welch eine Feststellung! Einerseits wird hier Selbstverst&auml;ndliches angef&uuml;hrt: Wer wollte bezweifeln, dass eine Zentralbank als Inhaberin des Geldmonopols eines Staates oder einer W&auml;hrungsgemeinschaft nicht wie eine x-beliebige Bank handeln muss, besser gesagt: dass sie das gar nicht darf. Damit w&uuml;rde sie ihrem Auftrag in der Tat nicht gerecht. Der besteht ja gerade nicht im Erwirtschaften von Gewinnen durch Teilnahme am Marktgeschehen, sondern darin, dieses Marktgeschehen f&uuml;r die Privatwirtschaft &uuml;berhaupt erst zu erm&ouml;glichen und f&uuml;r seine Stabilit&auml;t zu sorgen. Andererseits glaubt die EZB offenbar, diese Selbstverst&auml;ndlichkeit angesichts der Kritik an ihren Staatsanleihek&auml;ufen betonen zu m&uuml;ssen. Das l&auml;sst aufhorchen, weil es nicht nur zeigt, wie sehr sich die EZB politisch in die Enge getrieben f&uuml;hlt, sondern weil diese &Auml;u&szlig;erung auch den Anfang eines Paradigmenwechsels markieren k&ouml;nnte.<\/p><p>Zugegeben: Zu einem mangelhaften Verst&auml;ndnis f&uuml;r die Aufgaben einer Zentralbank in Wissenschaft und &Ouml;ffentlichkeit hat die EZB selbst erheblich beigetragen. Sie hat jahrelang vehement den Standpunkt vertreten, nur f&uuml;r das Ziel der Preiswertstabilit&auml;t innerhalb der Eurozone zust&auml;ndig zu sein und damit f&uuml;r das Wohlergehen der Eurostaaten das ihr M&ouml;gliche zu tun. Alles &Uuml;brige sei Sache der Politik, auf deren Fehler sie zwar klar hinweisen, auf die sie aber nicht anders reagieren k&ouml;nne als mit der Verfolgung des Ziels der Preiswertstabilit&auml;t. Jede Abstimmung in einem makro&ouml;konomischen Dialog lehnte die EZB unter Hinweis auf ihre Unabh&auml;ngigkeit strikt ab.<\/p><p>Nun hat sich das Blatt gewendet: Die EZB steckt in einer Zwangslage: Entweder sie deckelt die Zinsspreads innerhalb der Eurozone durch den Ankauf entsprechender Staatsanleihen kurzfristig oder sie riskiert, ihre eigene Daseinsgrundlage, den Euro, sehr schnell zu verlieren. Die steigenden Zinss&auml;tze f&uuml;r Italien und Spanien setzen n&auml;mlich auf den M&auml;rkten einen Teufelskreis in Gang, der die Zahlungsf&auml;higkeit dieser L&auml;nder unabh&auml;ngig von den dortigen realwirtschaftlichen Gegebenheiten untergr&auml;bt. Die privaten Akteure auf den Finanzm&auml;rkten handeln prozyklisch, weil das einzelwirtschaftlich rational ist, auch wenn ein solches Verhalten die Krise zum Schaden aller versch&auml;rft. Daher beruft sich die EZB in ihrem Monatsbericht v&ouml;llig zu Recht darauf, im Gegensatz zu diesen einzelwirtschaftlich Handelnden gesamtwirtschaftliche Interessen vertreten, also antizyklisch handeln zu m&uuml;ssen. Auf die von den Regierungen ins Leben gerufenen Rettungsschirme, die der EZB den Schwarzen Peter der Anleihek&auml;ufe wenigstens teilweise abnehmen k&ouml;nnen, kann die EZB zwar hoffen. Doch auf parlamentarische Abstimmungsprozesse zu deren Ausweitung und genauer Definition ihrer Befugnisse warten, ohne kurzfristig steuernd einzugreifen, um eine Kernschmelze an den Finanzm&auml;rkten zu verhindern, das kann die EZB nicht.<\/p><p>Und genau mit diesem Widerspruch zwischen Wahrnehmung gesamtwirtschaftlicher Verantwortung und der bisherigen, einseitigen Definition ihrer Aufgabe k&auml;mpft die EZB derzeit. Sie muss zum ersten Mal mit dem R&uuml;cken zur Wand verzweifelt gegen mikro&ouml;konomisch rational ablaufende Marktmechanismen ank&auml;mpfen, w&auml;hrend ihr entscheidende Akteure &ndash; Fiskal- und Lohnpolitik, von der Ordnungspolitik ganz zu schweigen &ndash; nicht zur Seite springen, die ihrerseits ganz genau so f&uuml;r das Wohl der Gesamtwirtschaft zust&auml;ndig sind und ohne deren Mithilfe die Geldpolitik auf verlorenem Posten steht.<\/p><p>Aber &ndash; und das ist das Erschreckende an dem Monatsbericht der EZB &ndash;, die Zentralbanker haben dieses Aufeinander-Angewiesensein, diese wechselseitige Abh&auml;ngigkeit der Politikbereiche entweder nicht wirklich verstanden oder zieren sich, sie offen zu benennen, weil das einen Bruch mit ihrer bisherigen Elfenbeinturm-Mentalit&auml;t und ihrer Marktgl&auml;ubigkeit (nach dem Motto: M&auml;rkte decken Politikfehler auf und haben daher eine unentbehrliche Kontrollfunktion) erforderlich machte. <\/p><p>Anstatt auf die gesamtwirtschaftliche Mitverantwortung der anderen Politikbereiche zu pochen, weist die EZB der Fiskalpolitik europaweit weiterhin die Rolle eines einzelwirtschaftlich agierenden Marktteilnehmers zu, der in der Krise genauso sparen muss wie alle Privaten, was prozyklisch, d.h. Krisen versch&auml;rfend wirkt. Kein Wunder, dass die Regierungen da nicht wissen, wie sie ihren W&auml;hlern den Sinn teurer Rettungsschirme vermitteln sollen, wenn ihnen das entscheidende Argument, per Definition f&uuml;r die Gesamtwirtschaft und damit antizyklisch zust&auml;ndig zu sein, nicht zugestanden wird. Und ebenso logisch, dass unter diesem Widerspruch die Glaubw&uuml;rdigkeit der Argumentation der EZB leidet.<\/p><p>Die Lohnpolitik wird in diesem Zusammenhang nicht einmal erw&auml;hnt, obwohl sie den wichtigsten Schl&uuml;ssel zur dauerhaften L&ouml;sung der Eurokrise, n&auml;mlich die langfristige Wiederherstellung einer ausgeglichenen Wettbewerbsf&auml;higkeit zwischen den Eurostaaten, in H&auml;nden h&auml;lt. Um diesen Schl&uuml;ssel zu nutzen, m&uuml;sste die EZB eingestehen, dass die Zentralbank einer W&auml;hrungsunion ihr Inflationsziel <em>fl&auml;chendeckend<\/em> und nicht nur im Durchschnitt der Mitgliedsl&auml;nder erreichen muss, um W&auml;hrungsstabilit&auml;t zu erzielen. Und dass sie daher auf die Zusammenarbeit mit den Tarifparteien aller Eurostaaten angewiesen ist, genau so wie diese umgekehrt von einer wachstumsfreundlichen Geldpolitik abh&auml;ngig sind.<\/p><p>Schlie&szlig;lich m&uuml;sste die EZB ordnungspolitisch ein Ende der Kasinom&ouml;glichkeiten an den Finanzm&auml;rkten fordern, weil ihr geldpolitisches Instrumentarium ungeeignet ist, den Exzessen spekulativer Preisentwicklungen zu begegnen, ohne die Realwirtschaft zu besch&auml;digen. Doch das zu fordern hie&szlig;e halb einzugestehen, dass die Zentralbanker mit ihrem unersch&uuml;tterlichen Glauben an die Segnungen des freien Kapitalverkehrs falsch gelegen und im Zuge der Liberalisierung der Finanzm&auml;rkte die Verteidigung des Geldmonopols vernachl&auml;ssigt haben.<\/p><p>Das sind lange eigene Schatten, &uuml;ber die die Zentralbanker springen m&uuml;ssten, um ihre Euro-Rettungsversuche konsistent zu begr&uuml;nden und damit das Vertrauen der &Ouml;ffentlichkeit in ihre Politik zu gewinnen. Gel&auml;nge ihnen das, k&ouml;nnten sich die europ&auml;ischen Regierungen und Tarifparteien einer Zusammenarbeit nicht entziehen: Auch sie h&auml;tten dann endlich die Chance, ihrer gesamtwirtschaftlichen Verantwortung mit Aussicht auf dauerhaften Erfolg gerecht zu werden. Alles spricht daf&uuml;r, dass die M&auml;rkte ein solches koordiniertes Vorgehen umgehend honorieren w&uuml;rden. Es ist die einzige Chance, die der Euro noch hat.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Diskussion um Euro, um den Rettungsschirm, um die Krise, die man f&auml;lschlicherweise Schuldenkrise nennt, wird immer schlimmer. Auch Beobachter, von denen wir gelegentlich einiges halten, kommen zu den einfachen Analysen und einfachen L&ouml;sungen: es liegt am billigen Geld zum Beispiel oder Schuldenschnitt oder aus dem Euroraum raus werfen, usw.. 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