{"id":109136,"date":"2024-01-07T13:00:42","date_gmt":"2024-01-07T12:00:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=109136"},"modified":"2024-01-07T03:45:37","modified_gmt":"2024-01-07T02:45:37","slug":"stimmen-aus-lateinamerika-es-gibt-immer-eine-progressive-loesung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=109136","title":{"rendered":"Stimmen aus Lateinamerika: \u201eEs gibt immer eine progressive L\u00f6sung&#8221;"},"content":{"rendered":"<p>Der Neoliberalismus, auch wenn er viele Gef&auml;ngnisse baut, wird die Probleme der Menschen nicht l&ouml;sen. Wir wissen bereits, dass er das nicht schafft. &Aacute;lvaro Garc&iacute;a Linera ist ein Bezugspunkt f&uuml;r progressive Projekte in Lateinamerika. Als Intellektueller wird er wegen seiner wichtigen Arbeiten &uuml;ber Staat, Revolution und Volk gesch&auml;tzt &ndash; als Politiker, weil er w&auml;hrend der Regierungen von Evo Morales zwischen 2006 und 2019 Vizepr&auml;sident von Bolivien war. Ein Interview von <strong>Iv&aacute;n Schuliaquer<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Zurzeit gibt es in Lateinamerika &uuml;berwiegend Mitte-links- oder Linksregierungen. Dazu kamen sogar einige L&auml;nder, die zu Beginn des Jahrhunderts nicht zur ersten Welle geh&ouml;rt hatten, wie Mexiko und Kolumbien. Die zweite Welle scheint jedoch weit davon entfernt zu sein, eine &auml;hnliche Hegemonie zu erreichen, wie sie die Linke vor einem Jahrzehnt hatte. Warum ist das so?<\/strong><\/p><p>Ja, es gab eine erste Welle, so benannt nach dem Aufkommen des <em>progresismo<\/em> [<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>] und progressiver Regierungen zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Argentinien mit N&eacute;stor Kirchner, Ecuador mit [Rafael] Correa, Bolivien mit Evo [Morales], Brasilien mit Lula [da Silva] in seiner ersten Amtszeit. Venezuela, El Salvador, Nicaragua, Uruguay und Paraguay.<\/p><p>Und es war eine fortschrittliche Welle, die weitgehend durch gro&szlig;e soziale Mobilisierungen gest&uuml;tzt wurde. Eine Mobilisierungswelle ist etwas Entscheidendes, wenn es darum geht, soziales Verhalten zu verstehen, denn sie durchbricht die kognitiven Schemata der Gesellschaft: was m&ouml;glich ist, was glaubw&uuml;rdig ist, was gesagt werden kann. Wenn eine fortschrittliche Regierung auf dieser Welle reitet, dann sind ihre M&ouml;glichkeiten und die Chancen f&uuml;r einen Wandel wesentlich gr&ouml;&szlig;er.<\/p><p>Dann kam ein Moment des R&uuml;ckzugs, der Erm&uuml;dung und der R&uuml;ckkehr konservativer Regierungen: in Argentinien, Ecuador, Uruguay, Paraguay und Brasilien. Und von Beginn der Jahre 2018 und 2019 an setzte eine zweite fortschrittliche Welle ein, die geografisch umfassender ist &#8213; denn sie schlie&szlig;t Bolivien, Brasilien und Argentinien ein, aber auch Mexiko, Chile und Kolumbien. Diese zweite Welle ist territorial ausgedehnter, weist aber andere Merkmale auf. Sie ist zwar territorial weitreichender, aber oberfl&auml;chlicher in ihrer &bdquo;Dichte&rdquo;.<\/p><p>Aus mehreren Gr&uuml;nden. Einer davon ist, dass es vielleicht eine etwas kraftlosere Welle ist. Die Erste war sehr intensiv und sehr hoffnungsvoll, mit gro&szlig;en Reformen. Die zweite Welle ist dies nicht mehr, sie kommt ermattet in den Kampf. Sie hat es mit einer mehr miteinander verbundenen Rechten zu tun, die sich nach den Niederlagen von 2003, 2005 und 2010 reorganisiert hat.<\/p><p>Es ist eine lautstarkere Rechte: Sie geht auf die Stra&szlig;en, f&uuml;hrt den Kulturkampf auf ihre Weise, mobilisiert sich, besetzt die sozialen Medien, ist aggressiver und kann die Fehler der Linken und der regierenden Progressivkr&auml;fte blo&szlig;stellen. Zuvor konnte sie das nicht. Vorher waren wir fast makellos gewesen, weil wir nicht regiert hatten. Aber wenn man regiert, wird man immer Irrt&uuml;mer, Fehler und Vers&auml;umnisse begehen. Und dann kommt die Rechte und streut Salz in die Wunde, damit diese niemals heilen soll.<\/p><p>Aber auch, weil diese zweite Welle nicht von gro&szlig;en Mobilisierungen begleitet wurde (mit Ausnahme von Kolumbien, das die radikalsten Schritte unternommen hat). Es handelt sich nicht mehr um eine Welle, die sich aus der Kraft der Mobilisierung speist. Was zum Beispiel in Chile passierte, ist ein vollst&auml;ndiger R&uuml;ckzug der Mobilisierung, es herrscht Katerstimmung, es gibt nichts, was Boric anschiebt. Wir haben es also mit einer etwas verblassten progressiven Bewegung und gleichzeitig mit gem&auml;&szlig;igteren F&uuml;hrungspers&ouml;nlichkeiten zu tun. Es ist eine progressive Bewegung, die verwaltet und nicht transformiert.<\/p><p>Die progressive Bewegung der ersten Welle hat eine Z&auml;sur herbeigef&uuml;hrt. Damit begann die Welt: ein neues politisches System, ein neues Ideensystem, eine neue Wirtschaft.<\/p><p>Die zweite progressive Bewegung ist administrativ. &bdquo;Ganz ruhig, Leute, lasst uns verwalten, was da ist, und hier und da ein wenig nachbessern.&rdquo; Sie wollen Teil eines politischen Systems sein, w&auml;hrend die erste progressive Bewegung nicht Teil irgendeines politischen Systems sein wollte. Sie war das politische System. Mit ihr wurde die Welt geordnet. Die zweite progressive Bewegung hingegen will mittelfristig ihren Platz in einem politischen System finden. Sie wird zaghafter, berechnender, kompromissbereiter. Es wird schneller beschwichtigt. Und es ist eine progressive Bewegung. Wegen dieser mangelnden Kraft der Anf&uuml;hrer, die ihn vorantreiben, wegen der Abwesenheit des Volkes auf der Stra&szlig;e will sie eher das Bestehende bewahren als Neues erobern.<\/p><p>Und nat&uuml;rlich verzeiht einem die Rechte nicht: Sie sieht, dass man schwach ist, sieht, dass man eine Weile inneh&auml;lt, um Wasser zu trinken, und geht einem an die Gurgel. Das war schon immer so. Einige f&uuml;hrende Politiker haben geglaubt, dass es m&ouml;glich sei, eine zivilisierte Koexistenz mit den Rechten zu finden. Aber nein, die Rechten verzeihen dir nicht, sie wollen dich unter der Erde sehen. Sie dulden dich, wenn du stark bist. Aber wenn das nicht der Fall ist, gehen sie auf dich los und fangen an, dir auf dem Kopf herumzutanzen.<\/p><p>Diese zweite progressive Welle ist schwach, nicht sehr fest und, ich wage es zu sagen: vor&uuml;bergehend. Meine Hypothese ist, dass wir in diesen &Uuml;bergangszeiten eine kurzlebige progressive und eine kurzlebige rechte Bewegung haben werden: kurze Hegemonien, sowohl auf der linken wie auf der rechten Seite. Bis sich das Schicksal irgendwann auf die eine oder andere Seite hin neu ausrichtet und ein langer Zyklus von 20 oder 30 Jahren beginnt.<\/p><p><strong>Eine Sache, die auch zu beobachten ist, ist, dass nach dieser zweiten m&uuml;den Welle die nationalen Zeitl&auml;ufe scheinbar weniger &uuml;bereinstimmen als zuvor. Das hei&szlig;t, dieses Hin und Her zwischen den (harten oder Ultra-) Rechten und den eher zaghaften Progressiven. Wo, denken Sie, und auf welche Weise, wird dieses Spiel Ihrer Meinung nach schlie&szlig;lich entschieden werden? Ich stelle mir vor, dass dies mit der F&auml;higkeit politischer Reaktionen zu tun hat, eine Diagnose der Situation zu erstellen, eine Art von L&ouml;sung zu finden. Aber die Frage ist auch, ob diese L&ouml;sung notwendigerweise demokratisch sein wird.<\/strong><\/p><p>Ich glaube, dass wir uns in einer Zeit des globalen strukturellen &Uuml;bergangs befinden. Lateinamerika steht am Anfang dieses &Uuml;bergangszyklus: ein Modell, den Reichtum zu akkumulieren, ihn zu verwalten, ihn zu produzieren, einer Art der Legitimierung dieser Beziehungen. Das neoliberale Modell des freien Marktes wurde in den 1980er-Jahren eingef&uuml;hrt und l&ouml;ste das Modell des Wohlfahrtsstaates (oder des Entwicklungsstaates) ab, das in den 1940er-Jahren entstand.<\/p><p>Und das neoliberale Modell ist in Turbulenzen geraten; es ist nicht verschwunden, aber es hat Risse bekommen. Es l&ouml;st nicht mehr die Begeisterung von fr&uuml;her aus. In diesem Kontext trat die globale Krise von 2008 ein, sp&auml;ter kam Covid, dann der Ukraine-Krieg. Und da findet man nun Volkswirtschaften auf der ganzen Welt, die das, was kommt, absch&auml;tzen und hybride Politiken machen. Da gibt es einen Trump, der f&uuml;r den Schutz der USA eintritt. &bdquo;Amerika zuerst&rdquo;, sagt er. Und dann kommt Biden, ein &bdquo;Progressiver&rdquo;, und sagt: &bdquo;Wir werden nordamerikanische Br&uuml;cken, Stra&szlig;en, Mobiltelefone und Elektroautos mit nordamerikanischen Rohstoffen und nordamerikanischen Arbeitskr&auml;ften bauen.&rdquo; Das war vor 20 Jahren ein Wahnsinn, ein gescheiterter, veralteter kommunistischer Ansatz. Nun, jetzt subventioniert Biden seine Wirtschaft. Die Europ&auml;er auch, sie subventionieren mit drei, vier, f&uuml;nf Prozent ihres BIP die Energie, die Industrie.<\/p><p>Eine Suche nach neuen alternativen Modellen beginnt. Und hier hast du eine Mischform: Freihandelspolitik mit protektionistischer Politik, Globalisierungspolitik mit Subventionspolitik. Es ist konfus. Lateinamerika befindet sich inmitten dieses Wirbels, dieser globalen Umstrukturierung.<\/p><p>Man wei&szlig; nicht, wie das neue Modell der Akkumulation aussehen wird. Einige sagen: &bdquo;Lasst uns zu den altsteinzeitlichen Gesetzen des freien Marktes zur&uuml;ckkehren, kehren wir zur&uuml;ck zu den glorreichen 1990er-Jahren, als alles privatisiert wurde oder die Grenzen offen waren.&rdquo; Und andere sagen: &bdquo;Nein, lasst uns diese Mischung vollziehen, diese amphibische Politik des Globalismus und des Protektionismus.&rdquo; China sagt: &bdquo;Moment mal, meine Herren, freier Markt mit Einheitspartei.&rdquo; Niemand hat also die Sicherheit, was in Zukunft das Beste sein wird: Es werden Versuche gemacht. Der Zusammenbruch der alten und die Suche nach einer neuen wirtschaftlichen und politischen Ordnung werden noch ein Jahrzehnt dauern. Das ist normal.<\/p><p>Seit 2010 herrscht ein globales Systemchaos. Ich vermute, dass dies noch ein Jahrzehnt so weitergehen wird, bis sich ein neues Akkumulationsmodell herauskristallisiert. Vielleicht wird es diese Art von hybrider freier Marktwirtschaft mit Protektionismus sein? Zumindest die am weitesten entwickelten L&auml;nder streben danach. Wird es das chinesische Modell der freien Marktwirtschaft sein, aber mit weniger liberal-demokratischen Freiheiten? Wird es eine andere Art von progressiver Politik lateinamerikanischer Pr&auml;gung sein? Oder wird daraus eher eine R&uuml;ckkehr zum freien Markt, nun aber nicht mehr durch Verf&uuml;hrung, sondern mit Peitsche und Kn&uuml;ppel gegen die Aufm&uuml;pfigen?<\/p><p>Welches Modell wird sich durchsetzen? Dasjenige, das mit dem gr&ouml;&szlig;ten Elan antritt, das den gr&ouml;&szlig;ten gesellschaftlichen R&uuml;ckhalt findet und die Wirtschaft langfristig stabilisiert. Wer es schafft, in einer Welt, die die Sicherheit der Menschen und die Zuverl&auml;ssigkeit von Voraussagen verloren hat, Sicherheiten zu geben, wird mehr Chancen haben. Und ich denke, der Ausweg wird ein planetarischer sein. Als ich anfangs nach der ersten Welle gefragt wurde, hob sich Lateinamerika sehr stark hervor, aber uns hat der Rest der Welt, der immer noch den freien Markt verherrlichte, dabei nicht begleitet.<\/p><p>Diese Dinge lassen sich nicht auf regionaler Ebene l&ouml;sen. Dabei ist es nicht so, dass Lateinamerika da einen Alleingang machen wird. Wie in den 1940er- und 1980er-Jahren ist dies ein Problem, das auf globaler Ebene gel&ouml;st werden muss. Und das neue Modell der Akkumulation, das Stabilit&auml;t, Wachstum, Reichtumsverteilung und politische Legitimit&auml;t erzeugt, wird auch eine globale L&ouml;sung haben. Aber wie wird diese aussehen? Dabei gibt es verschiedene M&ouml;glichkeiten. Die Neoliberalen vertreten in der Tat einen autorit&auml;ren Neoliberalismus, der an Faschismus grenzt. Ein Versuch, die Probleme zu l&ouml;sen, die Stabilit&auml;t zu garantieren, indem man alles privatisiert, aber den gesellschaftlichen Druck ignoriert.<\/p><p><strong>Sie sagen schon seit geraumer Zeit, dass dies in der Wirtschaft gel&ouml;st werden wird. Da dieser Podcast &bdquo;Kulturkampf&rdquo; hei&szlig;t, wollte ich Sie fragen, ob es da nicht manchmal eine etwas voluntaristische Vorstellung gibt, dass alles durch den Kulturkampf gel&ouml;st werden k&ouml;nne (als ob man diesen abspalten k&ouml;nnte), und dabei manchmal die materielle Dimension aus den Augen verliert. Inwieweit stellen diese progressiven Politiken, von denen Sie sprachen, das Materielle in den Mittelpunkt? Sehen Sie es so, dass diese neue Agenda, die diese haben sollten (und vielleicht nicht hatten), damit verbunden ist?<\/strong><\/p><p>Dabei geht mir der eindringliche Satz eines russischen Revolution&auml;rs von vor 100 Jahren durch den Kopf: &bdquo;Politik ist konzentrierte &Ouml;konomie.&rdquo; Kultur und der kulturelle und politische Kampf sind konzentrierte &Ouml;konomie. Sei es unter anderen Vorzeichen, sei es mit anderen Ausdrucksformen, aber die &Ouml;konomie kreuzt immer unseren Weg. Und die &Ouml;konomie ist auch Politik und sublimierte Kultur. Sowohl das eine wie das andere: Sie sind miteinander verflochten. Es ist nicht so, dass, wenn man die Wirtschaft l&ouml;st, man damit auch automatisch die Politik l&ouml;st. Denn um die &Ouml;konomie zu l&ouml;sen, braucht man Politik, Ideen, Denkkonzepte, Perspektiven. Politik ist im Grunde der Kampf um den perspektivischen Horizont einer Gesellschaft, das Monopol des perspektivischen Horizonts.<\/p><p>Was ist ein perspektivischer Horizont? Die F&auml;higkeit, sich vorzustellen, was in ein oder zwei Jahren auf uns zukommt. Ob du wirst sparen k&ouml;nnen, ob du wirst reisen k&ouml;nnen, ob du ein Fahrrad kaufen kannst, ob du deiner Tochter bessere Kleidung geben kannst, ob du ihre Ern&auml;hrung wirst verbessern k&ouml;nnen. Das ist es, was die Wirtschaft funktionieren l&auml;sst. Dieser Glaube an das, was geschehen wird, sorgt daf&uuml;r, dass dein Sparen auf der Bank, dein gr&ouml;&szlig;erer Einsatz bei der Arbeit, die Inkaufnahme von Gehaltseinbu&szlig;en oder die Suche nach einem anderen Job mit h&ouml;herem Gehalt funktioniert. In den Supermarkt gehen, mehr oder weniger kaufen, wird von den &Uuml;berzeugungen der Menschen bestimmt. Dies alles muss in einer gemeinsamen Dynamik gesehen werden.<\/p><p>Der Kampf f&uuml;r die Ideen, f&uuml;r den perspektivischen Horizont, aber damit dies R&uuml;ckhalt, Glaubw&uuml;rdigkeit, praktische Durchf&uuml;hrbarkeit hat, dass es auch eine Entsprechung hat mit dem Geld in meiner Tasche, mit den Preisen, mit dem, was ich auf der Bank sparen kann, mit dem, was sie mir an Gehalt zahlen. Wenn es diese Korrelation nicht gibt, entschwindet dieser Horizont. Und umgekehrt: Wenn dieses praktische Korrelat von Gehalt, Einkommen und Ersparnissen nicht mit einem ideellen Korrelat einhergeht, hat es keine Wirkung und wird nicht von Dauer sein. Beides ist notwendig. Der Kulturkampf ist bereits ein Wirtschaftskampf, und der Wirtschaftskampf enth&auml;lt Komponenten des Kulturkampfes. Und die L&ouml;sung in dem einen hilft dir bei der L&ouml;sung in dem anderen und umgekehrt. Man kann also niemals eine Ver&auml;nderung herbeif&uuml;hren, ohne mit beiden F&uuml;&szlig;en zu gehen.<\/p><p><strong>Vor drei Jahren hatten wir das Vergn&uuml;gen, Sie zu interviewen. Es war eine andere Zeit, mitten in der Pandemie. Ein Gro&szlig;teil Ihrer theoretischen &Uuml;berlegungen drehte sich damals um die Rolle des Staates, um die zentrale Rolle, die der Staat wieder einnimmt. Alle Exegeten des Marktes hatten den Staat gebeten, ihnen zu helfen, und gleichzeitig waren die Menschen zu diesem prim&auml;ren Impuls zur&uuml;ckgekehrt, vom Staat Schutz zu fordern. Damals sagten Sie zu mir einen Satz, der zu dem passte, wor&uuml;ber wir gerade sprachen, und den ich Ihnen gerne erneut zu Geh&ouml;r bringen w&uuml;rde:<\/strong><\/p><blockquote><p>&bdquo;In der ganzen Welt hat sich seit einiger Zeit ein Szenario der Kreativit&auml;t und der sozialen Artikulation aufgetan. Und wenn die linken Kr&auml;fte ihre Arbeit nicht erledigen, keine Anstrengungen unternehmen und nicht Acht geben, kann sich in diesen Rissen mit der Zeit leicht ein Szenario der &bdquo;Erl&ouml;sung&rdquo; oder des Autoritarismus durchsetzen. Und autorit&auml;re Auswege, wie sie in den lateinamerikanischen L&auml;ndern geschehen, k&ouml;nnten durchaus an Ausstrahlung gewinnen und sich in der ganzen Welt verbreiten.&rdquo;<\/p><\/blockquote><p>Fast vision&auml;r (lacht). Ich bleibe im Allgemeinen bei diesem Gedanken. Wenn die alten Systeme der politischen Legitimation und der Organisation der Wirtschaft ins Wanken geraten, wie es beim Neoliberalismus der Fall war, suchen die Eliten und Gesellschaften nach allen m&ouml;glichen Optionen &ndash; nach progressiven Optionen zum Beispiel. Wenn es mutige F&uuml;hrungspers&ouml;nlichkeiten gibt, die diese Botschaft verstehen, k&ouml;nnen sie sich ein Herz fassen und die Wirtschaft vorantreiben: verstaatlichen, verteilen und die Menschen aus der Armut holen.<\/p><p>Aber es gibt auch sehr regressive Vorschl&auml;ge, die sagen: &bdquo;Nein, wenn der Neoliberalismus jetzt schlecht funktioniert, dann deshalb, weil er nicht richtig angewandt wurde, weil er pervertiert wurde. Man muss zum urspr&uuml;nglichen Kern des wahren Neoliberalismus zur&uuml;ckkehren, der aus absolutem Markt und null Staat besteht.&rdquo;<\/p><p>Wenn die fortschrittliche Regierung, die den Staat verwaltet hat, die &Auml;ngste der Menschen noch vergr&ouml;&szlig;ert, anstatt sie zu l&ouml;sen, wird man nat&uuml;rlich Menschen finden, die bereit sind, da zuzuh&ouml;ren. Und vielleicht ist der Ausweg dann der Hinterausgang. Das war auf seine Art [Brasiliens Pr&auml;sident Jair] Bolsonaro: privatisieren. Sie privatisierten das, was von Petrobras noch &uuml;brig war, auch ihre Elektrizit&auml;tsgesellschaft, und auf dem Weg dorthin stellten sie fest, dass die Krise so keinesfalls gel&ouml;st wurde.<\/p><p>Es ist logisch, dass in diesen Zeiten der Ungewissheit, in denen das alte globale Modell nicht mehr gut funktioniert, autorit&auml;rere Antworten auftauchen. Und diese Reaktionen werden an Kraft gewinnen, wenn zudem eine fortschrittliche Bewegung an die Regierung kommt und die Probleme der Menschen nicht l&ouml;st. Das wird die Ultra-Neoliberalen dabei ermutigen zu sagen: &bdquo;H&ouml;rt zu, kein Staat, keine Steuern, keine Subventionen, lasst uns zum urspr&uuml;nglichen Modell zur&uuml;ckkehren. Denn seht, als es einen Staat gab, hat sich die Inflation verdoppelt, der Dollar ist gestiegen. Lasst uns zum fr&uuml;heren Weg zur&uuml;ckkehren.&rdquo;<\/p><p>Im Allgemeinen tauchen in dieser Zwischenzeit konservative, autorit&auml;re und rassistische Vorschl&auml;ge auf. Warum autorit&auml;r? Weil es sich um einen Neoliberalismus handelt, der sagt: &bdquo;Heute geht es uns wegen jemandem schlecht, wegen des Staates, wegen der Steuern. Und diejenigen, die f&uuml;r den Schutz und den Staat eintreten, werden wir loslassen m&uuml;ssen. Es gibt zu viele Rechte f&uuml;r die Frauen, zu viele Freiheiten f&uuml;r die Gewerkschafter, zu viel Unordnung und zu viele Migranten, die uns die Arbeitspl&auml;tze wegnehmen.&rdquo; Dies ist eine repressive Sicht der Probleme, und die Antwort darauf ist eine R&uuml;ckkehr zum Markt.<\/p><p>Anders als der Neoliberalismus ab Ende der 1980er-Jahre, der sagte: &bdquo;Es gibt keine weiteren Optionen, meine Herren. Die Berliner Mauer ist gefallen. Kommt her. Das ist der einzige Weg.&rdquo; Das war ein strahlender, expansiver und verf&uuml;hrerischer Neoliberalismus. Der Jetzige nicht, der ist zwanghaft: &bdquo;Wenn sie sich nicht bestrafen lassen, dann ab in ein Gef&auml;ngnis wie das von Bukele.&rdquo; Die Sprache ist eine andere. Das wirtschaftliche Rezept ist immer noch dasselbe und wird durch eine andere diskursive Erz&auml;hlung von Bestrafung, Hass und Repression erg&auml;nzt.<\/p><p>Das taucht &uuml;berall auf der Welt auf, aber es findet mehr Publikum und wird tendenziell &bdquo;popularer&rdquo; (eine merkw&uuml;rdige Sache), wenn dem Vorschlag au&szlig;erdem das Scheitern der progressiven Bewegung, des Etatismus vorausgeht. Schwieriger wird es, wenn die Regierung, die die Unzufriedenheit verursacht hat, rechts ist, weil sie nichts davon rechtfertigen kann. Den autorit&auml;ren Neoliberalismus gibt es bereits, aber er wird gr&ouml;&szlig;ere gesellschaftliche Pr&auml;senz erreichen, wenn es sich um eine progressive Regierung handelt, die ihr Versprechen nicht erf&uuml;llt hat.<\/p><p>Und deshalb sollte die progressive Bewegung nicht versuchen, eine weitere Partei des verwaltenden, gem&auml;&szlig;igten Establishments zu sein. In turbulenten Zeiten ist die M&auml;&szlig;igung deine Niederlage, dein Scheitern. Die progressive Bewegung ist verpflichtet, die Geschichte zu beschleunigen, Ver&auml;nderungen herbeizuf&uuml;hren, Risiken einzugehen. Denn wenn sie das nicht tut und sich m&auml;&szlig;igt, werden die Probleme nicht gel&ouml;st werden.<\/p><p>Die &bdquo;L&ouml;sung&rdquo; des Neoliberalismus besteht darin, den Staat zu sprengen. Das hei&szlig;t, die Rechte des Volkes zu sprengen. Denn der Staat ist das, was eine Gesellschaft gemeinsam hat, der Hort dessen, was eine Gesellschaft &uuml;ber Jahrzehnte und Jahrhunderte, &uuml;ber K&auml;mpfe und Aufst&auml;nde, &uuml;ber Misserfolge und Mobilisierungen aufgebaut hat.<\/p><p>Und das ist ein Hindernis f&uuml;r den Neoliberalismus. Sie wollen ihn durch &bdquo;das Private&rdquo; ersetzen. Allerdings ist keine Nation eine Summe von Privateigent&uuml;mern: Das ist ein Markt. Eine Nation ist die Summe unserer Siege, unseres Sports, unserer K&auml;mpfe, unserer Kriege, unserer Emanzipationen, unserer Mobilisierungen, unserer Konzerte, unserer kollektiven Zufriedenheiten, die sich als Rechte, als historische Erz&auml;hlung, als Helden, als nationale Tradition abgelagert und akkumuliert haben.<\/p><p>In einem Land, in dem es nur Privateigent&uuml;mer gibt, gewinnt immer der gr&ouml;&szlig;te. Der gro&szlig;e Eigent&uuml;mer wird den kleinen Eigent&uuml;mer immer missbrauchen. Aber ein Land mit Gemeinsamkeiten findet im Gemeinsamen einen Weg, der Gefr&auml;&szlig;igkeit der Gr&ouml;&szlig;ten zu widerstehen, die M&auml;chtigsten zu stoppen. Ohne Gemeinsamkeit verschlingt dich der Gr&ouml;&szlig;ere, zermalmt dich, erdr&uuml;ckt dich, um gr&ouml;&szlig;er zu werden. Denn es ist eine Frage des Eigentums, und wer mehr Eigentum hat, hat mehr M&ouml;glichkeiten, dich kaufen zu k&ouml;nnen.<\/p><p>Was dieser Gier Einhalt gebietet, ist das Gemeingut, das, das Eigentum kennt, was allen geh&ouml;rt. Vieldeutig, missbraucht, manchmal falsch eingesetzt, aber der Staat ist die Bremse, die die Gesellschaften haben, um zu verhindern, dass das gro&szlig;e Eigentum sie zermalmt.<\/p><p>Dies ist ein sehr komplizierter Moment auf kontinentaler Ebene, und er wird noch komplizierter, wenn die progressive Bewegung scheitert und die Autorit&auml;ren auf einem roten Teppich Einzug halten.<\/p><p><strong>Und wenn die Autorit&auml;ren kommen und diese Art von Tagesordnung von staatlicher Seite aus vorantreiben, welcher Platz bleibt f&uuml;r diejenigen, die eine progressive, linke, national-populare Tagesordnung unterst&uuml;tzen?<\/strong><\/p><p>Ja, diese autorit&auml;ren, repressiven Neoliberalismen sind eine Art Jurassic Park. Die Welt entwickelt sich in die andere Richtung. Schauen Sie sich an, wie Biden regiert: Er hat Gesetze erlassen, um seine Industrie zu subventionieren, damit die USA eine Macht gegen&uuml;ber China in den Bereichen Biotechnologie, Mikrochips, k&uuml;nstliche Intelligenz und nationale Sicherheit seien. Aber ich spreche nicht von einer Subvention in H&ouml;he von 0,1 Prozent des BIP, ich spreche von drei, vier, f&uuml;nf Prozent des BIP pro Jahr. Die USA f&uuml;hren in ihrem Wettbewerb mit China protektionistische Ma&szlig;nahmen durch. Dabei ist er kein Keynesianer, aber er ist sich dessen bewusst, dass er geopolitisch gesehen, wenn er seine Industrie nicht st&auml;rkt, diese zu einem von den Chinesen betriebenen Supermarkt wird. Das Gleiche gilt f&uuml;r Europa, das j&auml;hrlich 3,5 Prozent seines BIP f&uuml;r die Subventionierung seiner Industrien ausgibt und bestimmte Produkte verbieten wird. Europa und die USA wenden sich protektionistischen Ma&szlig;nahmen zu, ohne es zu unterlassen, weiterhin ihre Unternehmer unterst&uuml;tzen. Und in Lateinamerika wollten einige L&auml;nder (wie Brasilien unter Bolsonaro) zu den 1990er-Jahren zur&uuml;ckkehren, was sich als Archaismus herausgestellt hat.<\/p><p>Deshalb ist es ein Jurassic Park: Wenn der Autoritarismus kommt, wird er zwar nur eine drei- oder vierj&auml;hrige Spinnerei sein, aber er kann viel Schaden anrichten. Die Autorit&auml;ten sind ein Tunnel durch die Zeit zur&uuml;ck in die Vergangenheit.<\/p><p>Ich sehe erstens keine gro&szlig;e Zukunft f&uuml;r sie. Strukturell und global Ebene haben diese Erfahrungen neoliberaler wirtschaftlicher Jurassic Parks keine Zukunft in einer Welt, die freien Markt mit Protektionismus verbindet. Aber zweitens, was bleibt den progressiven Kr&auml;ften zu tun? Das, was sie schon immer getan haben, und mit noch gr&ouml;&szlig;erer Entschlossenheit: begreifen, dass es an der Zeit ist zu k&auml;mpfen, f&uuml;r das zu k&auml;mpfen, was sie als ihre Rechte betrachten.<\/p><p>Und ich glaube, dass Lateinamerika verstehen muss, dass die dritte Welle keine melancholische Erinnerung an die erste sein darf. Die erste Welle hat ihre Funktion erf&uuml;llt. Und die Anf&uuml;hrer, die wir dabei waren, haben ihre Aufgabe erf&uuml;llt. Und das war&rsquo;s.<\/p><p>Es wird andere geben, mit dar&uuml;ber hinausgehenden Ideen, unter anderer F&uuml;hrung, mit anderen Vorschl&auml;gen, mit anderen k&uuml;hnen Vorstellungen. Denn die Welt, mit der wir Anfang 2005 konfrontiert waren, ist sehr verschieden von der jetzt.<\/p><p>Was wir getan haben, hat unsere L&auml;nder ver&auml;ndert, aber wir k&ouml;nnen nicht diese Diskurse, diese Lieder wiederholen. Ein Genosse hat gesagt: &bdquo;Wir brauchen andere Lieder.&rdquo; Das gef&auml;llt mir. Eine andere Melodie wird gebraucht f&uuml;r die Welle, die nun kommen wird. Und das bedeutet neue F&uuml;hrungspers&ouml;nlichkeiten, die mit Respekt auf das blicken, was wir zuvor getan haben, die aber &uuml;ber uns hinausgehen, die weiter gehen. Die nicht dieselben sind wie wir, die mit ihrer eigenen Pers&ouml;nlichkeit in die Geschichte eingehen. Und diejenigen von uns, die noch leben, sollten sie unterst&uuml;tzen, denn ist eine andere Generation, ein anderer historischer Moment, andere Bed&uuml;rfnisse und andere &Auml;ngste.<\/p><p>Wir haben verstanden, in welchem Land wir uns befanden, und haben getan, was wir konnten. Und die Menschen werden sich daran erinnern, dass wir gute Dinge getan haben. Das Land von heute ist anders. Wir waren in einem Bolivien, in dem 60 Prozent arm waren. Jetzt sind es 35 Prozent. Es ist ein anderes Land, es hat andere Erwartungen, es sind andere junge Menschen, eine andere Erfahrung. Sie haben das Internet, sie haben Netzwerke; ich hatte das nicht. Und die jungen Leute, die jetzt zwischen 15 und 20 Jahre alt sind, kannten mich nicht. Ihre Eltern, die sehr arm waren und nicht zweimal am Tag essen konnten, essen jetzt dreimal am Tag und haben andere Erwartungen. Ein neuer Anf&uuml;hrer muss diese jungen Menschen verstehen, die nach anderen Dingen suchen, einem anderen sozialen Aufstieg, einer anderen Art des Konsums.<\/p><p>In j&uuml;ngster Zeit haben sich die Gesellschaften in Bezug auf ihre Rechte verbessert, aber in Bezug auf die Arbeit im formellen Sektor ihrer Bev&ouml;lkerungen haben sie R&uuml;ckschritte gemacht. Wir m&uuml;ssen diese informell Besch&auml;ftigten verstehen, die 50 Prozent der Erwerbst&auml;tigen ausmachen. Sie sind von der Inflation betroffen. Die neue progressive Bewegung muss mit denjenigen sprechen, die nicht von formeller Arbeit leben, die keine Gewerkschaft haben, die kein festes Einkommen haben; diese jungen Menschen, die nicht wissen, was wir vor 20 Jahren gemacht haben.<\/p><p>Wenn es ein konservatives und autorit&auml;res Comeback gibt, dann m&uuml;ssen wir wieder k&auml;mpfen, von unten und f&uuml;r alle, wie es fr&uuml;her getan wurde. Aber das &bdquo;alle&rdquo; von heute ist anders als das von vor 20 Jahren. Man braucht F&uuml;hrungspers&ouml;nlichkeiten, die dieses neue Volk in seinen konkretesten &Auml;ngsten verstehen: der Vorstellung, der Erholung, der Ern&auml;hrung, der Einkommen. Und darum herum K&auml;mpfe, Widerst&auml;nde, Mobilisierungen aufbauen. Ich bin sicher, dass die autorit&auml;ren Neoliberalen die Probleme der Menschen nicht l&ouml;sen werden. Sie haben es vor 20 Jahren nicht getan und haben sich schlie&szlig;lich mit Hubschraubern davongemacht. Warum sollten sie die Probleme also heute l&ouml;sen? Was ist anders im neoliberalen Rezeptbuch? Nichts, sie werden noch mehr Leid, noch mehr Ungerechtigkeit erzeugen. Es muss F&uuml;hrungspers&ouml;nlichkeiten geben, die in der Lage sind, dieses Leid in kollektives Handeln umzusetzen.<\/p><p>Sicherlich werden die Menschen den neuen Machthabern einen Blankoscheck f&uuml;r ein oder zwei Jahre ausstellen. Aber dieser Blankoscheck hat ein Verfallsdatum. Und das ist keine kommunistische Verschw&ouml;rung, das ist der gesunde Menschenverstand der einfachen Leute. Man muss in dem Moment da sein, in dem die Menschen den Blankoscheck f&uuml;r die schlechte Regierung zerrei&szlig;en und anfangen, W&uuml;nsche nach kollektiver und nicht nach individueller Verbesserung zu &auml;u&szlig;ern.<\/p><p>Dann m&uuml;ssen die neuen Anf&uuml;hrer da sein, um diese K&auml;mpfe und Erwartungen in einem neuen Programm progressiver Reformen zu verbinden. Ich glaube, dass dieses Jahrzehnt noch die Grundlage f&uuml;r meine Hypothese liefern wird, dass autorit&auml;re Comebacks kurze Beine haben, wie das von Bolsonaro. Und das wird zur Entstehung eines neuen progressiven Projekts f&uuml;hren, eines mit neuen Gesichtern, neuen Diskursen und neuen Organisationsformen. Die neue Generation von Anf&uuml;hrern muss den Mut haben, sich ihren neuen Herausforderungen zu stellen, ohne Melancholie und Nostalgie. Mit Respekt vor der Geschichte, aber mit gen&uuml;gend K&uuml;hnheit und Kreativit&auml;t, um die Transformation der Gegenwart hin zu einer Zukunft in Angriff zu nehmen, die sie sich vorstellen.<\/p><p>Deshalb bin ich auf mittlere Sicht optimistisch. Denn der Neoliberalismus, auch wenn er viele Gef&auml;ngnisse baut, wird die Probleme der Menschen nicht l&ouml;sen. Wir wissen bereits, dass er das nicht geschafft hat. Die Menschen m&uuml;ssen diese Erfahrung durchmachen, aber dabei lernen, ihre Widerst&auml;nde und Entt&auml;uschungen in Richtung eines neuen historischen Optimismus zu lenken, einer neuen fortschrittlichen Welle, die tats&auml;chlich die &Auml;ngste der Menschen l&ouml;sen kann. Ist es m&ouml;glich, diese &Auml;ngste durch fortschrittliche L&ouml;sungen zu &uuml;berwinden? Nat&uuml;rlich ist es das.<\/p><p>Die Inflationsrate in Bolivien liegt bei zwei Prozent pro Jahr. Und wissen Sie, um wie viel wir 17 Jahre lang gewachsen sind? Um 4,5 Prozent j&auml;hrlich. Wir Populisten haben das gemacht. Die Fortschrittlichen auch, und dabei haben wir die Armut halbiert.<\/p><p>Populistische Ans&auml;tze k&ouml;nnen auch die Probleme der Menschen l&ouml;sen. Daf&uuml;r sind sie da: um die wirklichen Probleme der Leute zu l&ouml;sen, der &Auml;rmsten, der Einfachsten, der Abgeh&auml;ngten. Es gibt immer einen progressiven Ausweg. Wir haben verstaatlicht, wir haben die Steuern erh&ouml;ht, wir haben die Gewinne aus den Banken herausgenommen und sie in die Industrie gesteckt. Es gibt immer technische L&ouml;sungsmittel politischer &Ouml;konomie, aber wenn man sich auf die Seite der Armen stellt und sagt: &bdquo;Es ist nicht so, dass die Reichen mein Feind w&auml;ren, aber in diesen Zeiten der Krise ist es an ihnen, ihre Brieftasche zu &ouml;ffnen, damit die Armen etwas zu essen bekommen&rdquo;, dann wird es bessere Zeiten geben, in denen es nicht so sehr darauf ankommt. Aber wenn es Probleme gibt, liegt die L&ouml;sung f&uuml;r die &Auml;ngste der Armen in der Brieftasche der Reichen.<\/p><p>Und es muss F&uuml;hrungspers&ouml;nlichkeiten geben, die es wagen, dies mutig und kraftvoll zu tun. Gibt es einen progressiven Weg aus der Inflation und der Informalit&auml;t? Nat&uuml;rlich gibt es ihn. Es gilt, ihn zu suchen, zu entwickeln. Was man nicht sagen kann, ist, dass es keine Alternative gibt. Das ist in diesen Zeiten verboten.<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><small><strong>Fu&szlig;note:<\/strong><\/small><\/p><p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] In Lateinamerika wird progresismo folgenderma&szlig;en definiert: &bdquo;Der progresismo ist ein historisches Ph&auml;nomen, das dem kapitalistischen Transformationsprozess der nordamerikanischen Hegemonie und des neoliberalen Regimes entspricht, bei dem die Vorherrschaft des Finanz- und Unternehmenskapitals geschw&auml;cht wird und die Macht der USA und der multilateralen Organisationen &uuml;ber die L&auml;nder Lateinamerikas schwindet. Dies erm&ouml;glicht den Aufstieg b&uuml;ndnisfreier Regierungen, die von den Volksmassen getragen werden und Prozesse der Verstaatlichung der nat&uuml;rlichen Ressourcen sowie eine Umverteilungspolitik der &ouml;ffentlichen Ausgaben mit einer antiimperialistischen Vision bef&ouml;rdern.&rdquo; Siehe Blanca Rubio, Jaime Pe&ntilde;a in Del populismo al progresismo, reflexiones sobre su capacidad transformadora <a href=\"https:\/\/www.scielo.br\/j\/ccrh\/a\/k9Q36Q8fpSWz5bvyNVmns8y\/?format=pdf&amp;lang=es\">https:\/\/www.scielo.br\/j\/ccrh\/a\/k9Q36Q8fpSWz5bvyNVmns8y\/?format=pdf&amp;lang=es<\/a>. &ndash; Nicht zu verwechseln mit dem in Westeuropa etablierten Begriff Progressivismus\/Progressismus<\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><p><small>&Uuml;bersetzung: Klaus E. Lehmann, Vilma Guzm&aacute;n, <a href=\"https:\/\/amerika21.de\/analyse\/267330\/lateinamerika-immer-progressive-loesung\">Amerika21<\/a><\/small><\/p><p><small>Titelbild: Shutterstock \/ Jesse33<\/small><\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<p><strong>Mehr zum Thema:<\/strong> <\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=90571\">Stimmen aus Lateinamerika: Die neue Welt aus Sicht der USA<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=89874\">Stimmen aus Kuba: Kapitalismus, Unterentwicklung und das Ziel, beides zu &uuml;berwinden<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=77363\">Noam Chomsky &uuml;ber die m&ouml;rderische Au&szlig;enpolitik der USA &ndash; u.a. in Kuba, Panama, Chile, Kambodscha<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=103723\">Der Putsch in Chile als Grundlage f&uuml;r die &bdquo;neoliberale Konterrevolution&ldquo; und die Chicago Boys<\/a><\/p>\n<\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/ssl-vg03.met.vgwort.de\/na\/ae5b272e970f4e40b40686103ec8c40e\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\" title=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Neoliberalismus, auch wenn er viele Gef&auml;ngnisse baut, wird die Probleme der Menschen nicht l&ouml;sen. 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