{"id":10924,"date":"2011-10-07T09:59:15","date_gmt":"2011-10-07T07:59:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=10924"},"modified":"2014-11-22T09:35:28","modified_gmt":"2014-11-22T08:35:28","slug":"von-der-deutschen-tea-party-zur-henkel-partei-i-rechtspopulist-hans-olaf-henkel-spielt-mit-den-angsten-der-bevolkerung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=10924","title":{"rendered":"Von der deutschen Tea Party zur Henkel-Partei (I) &#8211; Rechtspopulist Hans Olaf Henkel spielt mit den \u00c4ngsten der Bev\u00f6lkerung"},"content":{"rendered":"<p>Hans Olaf Henkels Drohung k&ouml;nnte eindeutiger kaum sein &ndash; entweder es gel&auml;nge, die FDP f&uuml;r die politischen Ziele der deutschen Tea Party zu vereinnahmen, oder man m&uuml;sse halt eine neue Partei gr&uuml;nden, f&uuml;r die er h&ouml;chstpers&ouml;nlich zur Verf&uuml;gung st&uuml;nde. Henkel ist das wohl bekannteste Gesicht der deutschen Tea-Party-Bewegung. Im letzten Jahr war er nach Heiner Gei&szlig;ler der am zweith&auml;ufigsten eingeladene Talkshow-Gast, seine B&uuml;cher verkaufen sich wie warme Semmeln und er ist gern gesehener Interviewpartner der Printmedien. Henkel haftet immer noch der Ruf eines &bdquo;Wirtschaftsexperten&ldquo; an, der gern klare Kante zeigt und unpopul&auml;re &bdquo;Wahrheiten&ldquo; ausspricht. Was f&uuml;r eine Fehleinsch&auml;tzung! Von Jens Berger<br>\n<!--more--><br>\nSeit seinen Zeiten als BDI-Pr&auml;sident und damit oberster Wirtschaftslobbyist steht Hans Olaf Henkel f&uuml;r eine bedingungslose angebotsorientierte Wirtschaftspolitik, bei der die Rolle des Staates auf ein absolutes Minimum heruntergefahren werden soll. Henkel war immer so lange ein Freund des freien Marktes, bis dieser die Interessen seiner Klientel gef&auml;hrdete. Entsprechend verblendet fiel daher auch Henkels Reaktion auf die Finanzkrise und das offensichtliche Versagen der Finanzm&auml;rkte aus. Nicht die Investmentbanker, sondern das &bdquo;Gutmenschentum&ldquo; der Clinton-Regierung ist f&uuml;r ihn der wesentliche Grund <a href=\"http:\/\/www.spiegelfechter.com\/wordpress\/1934\/der-hassliche-deutsche\">f&uuml;r die Turbulenzen an den Finanzm&auml;rkten<\/a>.<\/p><p><strong>Das Sprachrohr der deutschen Tea-Party-Bewegung<\/strong><\/p><p>W&auml;hrend Henkel in wirtschaftlichen Fragen extrem liberale Positionen vertritt, tendiert er auf anderen politischen Feldern zu erzkonservativen und nationalistischen Ansichten &ndash; so hat sich Henkel beispielsweise w&auml;hrend der Sarrazin-Debatte als vorbehaltloser <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/politik\/deutschland\/article4847894\/Ich-unterstuetze-Sarrazin-ohne-Wenn-und-Aber.html\">Unterst&uuml;tzer des Rechtspopulisten<\/a> zu Wort gemeldet. Henkel ist ferner regelm&auml;&szlig;iger Gastautor der nationalkonservativen Zeitung &bdquo;Junge Freiheit&ldquo;, die als zentrales Sprachrohr der &bdquo;Neuen Rechten&ldquo; gilt. Henkels politische Linie, die zwischen libert&auml;rer Wirtschaftspolitik und erzkonservativen gesellschaftspolitischen Ansichten verl&auml;uft, ist diesseits des Atlantiks relativ selten &ndash; in den USA ist diese Mischung durch die Tea Party sowohl bekannt als auch ber&uuml;chtigt. <\/p><p>Die Parallelen zwischen Henkel und der Tea-Party-Bewegung sind erdr&uuml;ckend. Beide Seiten polemisieren gegen den Zentralstaat, gegen Sozialsysteme, gegen Steuern, gegen Konjunkturprogramme und gegen Einwanderer. Das Washington der Tea-Party-Bewegung ist f&uuml;r Henkel Br&uuml;ssel. Die Tea-Party-Bewegung h&auml;lt Obama f&uuml;r einen Kommunisten, f&uuml;r Hans Olaf Henkel ist J&uuml;rgen Trittin <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/print\/die_welt\/debatte\/article13499003\/Wider-den-Eurofatalismus.html\">ein Kommunist<\/a>. Auch ansonsten verwendet Henkel bei seinen Polemiken immer wieder Begriffe, die Erinnerungen an Zeiten des Eisernen Vorhangs herrufen sollen. Der Euro ist f&uuml;r ihn nur der &bdquo;Einheitseuro&ldquo;, eine finanzpolitisch enger zusammenarbeitende EU die <a href=\"http:\/\/www.handelsblatt.com\/meinung\/kolumnen\/kurz-und-schmerzhaft\/use-eudssr\/4681178.html\">&bdquo;EUdssR&ldquo;<\/a> und selbst den wie er marktliberal gepr&auml;gten deutschen Wirtschaftswissenschaftlern unterstellt er in seinen Bierzeltreden gerne eine <a href=\"http:\/\/www.taz.de\/!79054\/\">&bdquo;Politikh&ouml;rigkeit wie unter der SED&ldquo;<\/a>. Das ist starker Tobak, der jedoch an den Stammtischen der Nation gut ankommt.<\/p><p><strong>Der Euro als S&uuml;ndenbock<\/strong><\/p><p>Henkel w&auml;re ein schlechter Populist, wenn er nicht das Thema der Stunde erkannt h&auml;tte &ndash; die Sorgen und &Auml;ngste der Menschen um den Euro. Angeheizt durch eine unverantwortliche Berichterstattung in den Medien hat sich bei vielen B&uuml;rgern die Stimmung breit gemacht, den Euro als Universalschuldigen f&uuml;r s&auml;mtliche sozialen und wirtschaftlichen Defizite zu sehen. Wenn das Geld am Ende des Monats nicht mehr reicht, sind nicht etwa die miserablen Reallohnsteigerungen, die es in dieser Form nur in Deutschland gab und gibt, schuld, sondern der Euro. Wenn die Rente zu gering ist oder die Sozialleistungen St&uuml;ck f&uuml;r St&uuml;ck abgebaut werden, so sind daran nicht die neoliberale Politik und er selbst, sondern der Euro schuld. So einfach kann man es sich machen. F&uuml;r Hans Olaf Henkel erf&uuml;llen diese unsinnigen Schuldzuweisungen nat&uuml;rlich auch den Effekt, von den wahren Schuldigen abzulenken. Es war und ist die ideologische Verblendung der Henkels dieser Welt, die f&uuml;r exakt die Entwicklungen die Verantwortung tr&auml;gt, die von den neoliberalen &Uuml;berzeugungst&auml;tern nun auf den Euro geschoben wird.<\/p><p><strong>Die Wacht am Rhein<\/strong><\/p><p>Die Gedankenwelt der Eurokritiker ist ebenso einfach wie falsch. Ginge es nach Hans Olaf Henkel w&uuml;rde der Euro in zwei W&auml;hrungsr&auml;ume aufgeteilt &ndash; &raquo;einen n&ouml;rdlichen, der diszipliniert ist, der keine Inflation will, der an Haushaltsdisziplin gew&ouml;hnt ist, und einen s&uuml;dlichen, der lieber mit einer Abwertung wettbewerbsf&auml;hig sein will&laquo;, wie Henkel in der Talkshow &bdquo;Maybrit Illner&ldquo; <a href=\"http:\/\/jungle-world.com\/artikel\/2011\/39\/44026.html\">formulierte<\/a>. Neben Deutschland sollten, so Henkel, nur &Ouml;sterreich, die Beneluxstaaten und Finnland den &bdquo;Nord-Euro&ldquo; &uuml;bernehmen, der Rest der Eurozone (Henkel: &bdquo;die Olivenl&auml;nder&ldquo;) sollten einen &bdquo;S&uuml;d-Euro&ldquo; bekommen, was laut Henkel der &bdquo;Ausgabenfreude und dem w&auml;hrungspolitischen Improvisationstalent&ldquo; dieser L&auml;nder entspr&auml;che. Besonders ins Auge f&auml;llt hierbei, dass Henkel die beiden gro&szlig;en Eurostaaten Deutschland und Frankreich in zwei verschiedenen Lagern verortet. <\/p><p>Diese Trennung ist symptomatisch f&uuml;r die Gedankenwelt der &bdquo;Neuen Rechten&ldquo;, die in Frankreich den gro&szlig;en Konkurrenten Deutschlands im Konzert der europ&auml;ischen Hegemonialm&auml;chte sieht. Um einen Keil zwischen die beiden L&auml;nder zu treiben, scheuen Henkel und seine Weggef&auml;hrten noch nicht einmal vor tumben nationalistischen Verschw&ouml;rungstheorien zur&uuml;ck. So sei beispielweise die Beteiligung franz&ouml;sischer Banken an den griechischen Staatsschulden der eigentliche Grund f&uuml;r den Euro-Rettungsschirm, Frankreich zeichne f&uuml;r das Aufweichen der Maastricht-Kriterien verantwortlich, wolle die EZB unterminieren und Angela Merkel zu politischen Fehlern verleiten. Jede Form des Populismus braucht Schuldige. Da Migranten und Hartz-IV-Empf&auml;nger dieses Mal g&auml;nzlich unverd&auml;chtig sind, muss halt Frankreich herhalten, das in den K&ouml;pfen nationalkonservativer &bdquo;Denker&ldquo; offenbar immer noch der Erbfeind ist. <\/p><p><strong>You can check out every time you want, but you can never leave<\/strong><\/p><p>In der Frage, was ein Euroaustritt f&uuml;r Deutschland bedeuten w&uuml;rde, sind sich die meisten &Ouml;konomen einig &ndash; die Folgen w&auml;ren katastrophal. Wenn man davon ausgeht, dass die D-Mark bzw. ein Nord-Euro gegen&uuml;ber dem heutigen Euro um 40 bis 50% aufwerten w&uuml;rde, hie&szlig;e dies, dass nicht nur deutsche Exporte mit einem Schlag ihre Konkurrenzf&auml;higkeit verlieren, sondern auch billiger werdende Importe heimische Produkte vom deutschen Markt verdr&auml;ngen w&uuml;rden. Eine zerst&ouml;rerische Deflationsspirale w&auml;re die Folge. Nicht umsonst charakterisieren Experten die W&auml;hrungspolitik der drei gro&szlig;en Wirtschaftszonen (USA, Eurozone, China) als einen &bdquo;W&auml;hrungskrieg&ldquo;, bei dem alle Beteiligten darauf aus sind, die eigene W&auml;hrung m&ouml;glichst schwach zu halten. <\/p><p>Eigentlich ist es &uuml;berraschend, dass ein Industrielobbyist wie Henkel &uuml;berhaupt Vorschl&auml;ge macht, die die deutsche Exportorientierung in Frage stellen k&ouml;nnten. Grunds&auml;tzlich w&auml;re es ja auch sehr sinnvoll, wenn Entwicklungen stattfinden w&uuml;rden, die langfristig zu einer Angleichung der Wettbewerbsf&auml;higkeit in der Eurozone f&uuml;hren. Eine Erh&ouml;hung der deutschen Reall&ouml;hne w&auml;re jedoch diesbez&uuml;glich der weitaus bessere und vor allem risikofreiere Weg. Niemand kann vorhersagen, was passieren w&uuml;rde, wenn der Euro auseinanderbricht. <\/p><p>Was geschieht mit den Auslandsforderungen der deutschen Unternehmen in H&ouml;he 722 Mrd. Euro und den Auslandsforderungen der deutschen Banken in H&ouml;he von fast zwei Billionen Euro? Welche Effekte h&auml;tte eine ultraharte D-Mark auf den deutschen Arbeitsmarkt? Wie w&uuml;rde sich die Binnennachfrage entwickeln, wenn sich Importe binnen k&uuml;rzester Zeit massiv verbilligen? Es ist vollkommen klar, dass ein W&auml;hrungswechsel mit hohen Auf- und Abwertungen innerhalb der gesamten W&auml;hrungszone massive Entwicklungen ausl&ouml;sen w&uuml;rde, die sich mit einfachen Modellen nicht vorhersagen lassen. Der Euro ist nicht nur eine Gemeinschaftsw&auml;hrung, sondern auch eine Schicksalsgemeinschaft. &bdquo;You can check out every time you want, but you can never leave&ldquo;, wie es im Eagles-Klassiker &bdquo;Hotel California&ldquo; hei&szlig;t. <\/p><p>Wenn Hans Olaf Henkel dies alles ignoriert und eine Sicherheit vorgaukelt, die bei einer seri&ouml;sen Betrachtung unm&ouml;glich zu vertreten ist, ist er nichts anderes als ein Hasardeur. Ein Hasardeur wohlgemerkt, der sehenden Auges das Gemeinschaftswerk von Generationen aufs Spiel setzt.<\/p><p><strong>Was will Henkel?<\/strong><\/p><p>Wenn Hans Olaf Henkel Kritik an seinen Thesen als &bdquo;Gesinnungsterror&ldquo; <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/print\/die_welt\/debatte\/article13499003\/Wider-den-Eurofatalismus.html\">bezeichnet<\/a> und immer wieder behauptet, seine Kritiker h&auml;tten keine Argumente, so ist dies schlichtweg eine L&uuml;ge. Henkel geht in seinen Polemiken lediglich nie auf die Argumente ein, die seine Positionen in die N&auml;he des Irrsinns stellen. <\/p><p>Es ist jedoch nicht unbedingt wahrscheinlich, dass Henkel &uuml;berhaupt glaubt, was er da sagt. Er mag zwar ein &bdquo;engstirniger Fanatiker&ldquo; (William K. Black) und &bdquo;inkompetent&ldquo; (James K. Galbraith) sein, dumm ist er jedoch nicht. Henkel wei&szlig; auch, dass es gar keine rechtlichen Rahmenbedingungen f&uuml;r einen Euro-Ausstieg gibt und seine Vorschl&auml;ge nicht die geringste Chance auf Umsetzung haben. Es ist daher wesentlich wahrscheinlicher, dass Henkel mit den &Auml;ngsten der Bev&ouml;lkerung spielt und sie f&uuml;r seine politischen Zwecke instrumentalisiert. Henkel scheint sich nicht mehr mit seiner Dauerpr&auml;senz auf den Talkshowsesseln der Republik zufrieden geben  zu wollen &ndash; er will fortan aktiv Parteipolitik betreiben.<\/p><p><em>Lesen Sie am Montag im zweiten Teil, wie Henkel und seine Mitstreiter aus der FDP eine rechtspopulistische Partei mit Parallelen zur Tea-Party-Bewegung machen wollen und wie sie daf&uuml;r die Protestbewegung auf der Stra&szlig;e f&uuml;r ihre Ziele einspannen.<\/em><br>\n<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/012a545fe6a743d7b5b094525cd27c75\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hans Olaf Henkels Drohung k&ouml;nnte eindeutiger kaum sein &ndash; entweder es gel&auml;nge, die FDP f&uuml;r die politischen Ziele der deutschen Tea Party zu vereinnahmen, oder man m&uuml;sse halt eine neue Partei gr&uuml;nden, f&uuml;r die er h&ouml;chstpers&ouml;nlich zur Verf&uuml;gung st&uuml;nde. 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