{"id":109303,"date":"2024-01-10T09:00:41","date_gmt":"2024-01-10T08:00:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=109303"},"modified":"2024-01-10T15:47:42","modified_gmt":"2024-01-10T14:47:42","slug":"nato-osterweiterung-ein-kurzer-moment-deutscher-eigenwilligkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=109303","title":{"rendered":"NATO-Osterweiterung: Ein kurzer Moment deutscher Eigenwilligkeit?"},"content":{"rendered":"<p>Mary Elise Sarotte enth&uuml;llt in ihrem Buch &bdquo;Nicht einen Schritt weiter nach Osten&ldquo; bisher wenig bekannte Hintergr&uuml;nde der NATO-Osterweiterung. Die US-amerikanische Historikerin folgt dabei den Akteuren von einst &ndash; das ist teilweise spannend wie ein Krimi. Eigentlich bewegt sich die Autorin in Kreisen, die Russland nicht gerade freundlich gesonnen sind. So m&ouml;ge man sich nicht wundern, wenn Sarotte bem&uuml;ht ist, die US-Politik zu verteidigen. Analytisch aber liefert sie Begr&uuml;ndungen, wie die USA zu der heute so gef&auml;hrlichen Situation beigetragen haben. Von <strong>Irmtraud Gutschke<\/strong>.<\/p><p><em>Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verf&uuml;gbar.<\/em><br>\n<!--more--><br>\n<\/p><div class=\"powerpress_player\" id=\"powerpress_player_4085\"><!--[if lt IE 9]><script>document.createElement('audio');<\/script><![endif]-->\n<audio class=\"wp-audio-shortcode\" id=\"audio-109303-1\" preload=\"none\" style=\"width: 100%;\" controls=\"controls\"><source type=\"audio\/mpeg\" src=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240110-NATO-Osterweiterung-NDS.mp3?_=1\"><\/source><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240110-NATO-Osterweiterung-NDS.mp3\">https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240110-NATO-Osterweiterung-NDS.mp3<\/a><\/audio><\/div><p class=\"powerpress_links powerpress_links_mp3\">Podcast: <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240110-NATO-Osterweiterung-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_pinw\" target=\"_blank\" title=\"Play in new window\" onclick=\"return powerpress_pinw('https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?powerpress_pinw=109303-podcast');\" rel=\"nofollow\">Play in new window<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/upload\/podcast\/240110-NATO-Osterweiterung-NDS.mp3\" class=\"powerpress_link_d\" title=\"Download\" rel=\"nofollow\" download=\"240110-NATO-Osterweiterung-NDS.mp3\">Download<\/a><\/p><p>Wie Michail Gorbatschow den Kalten Krieg beenden wollte und scheiterte. Wie das Ende der UdSSR von der US-Administration als Sieg verstanden wurde, als Aufforderung, den eigenen Machtbereich immer weiter nach Osten auszudehnen, und wie die heutige verfahrene Situation sich aus Entscheidungen von einst erkl&auml;rt, das wird von Sarotte dargelegt.<\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Was ist f&uuml;r Sie vorzuziehen: Ein vereinigtes Deutschland au&szlig;erhalb der NATO, selbstst&auml;ndig und ohne amerikanische Streitkr&auml;fte, oder ein vereinigtes Deutschland, das Verbindungen zur NATO hat, mit Zusicherungen, dass die Juristriktion der NATO sich nicht einen Schritt weiter nach Osten von ihrer jetzigen Position verschiebt?&ldquo; [<a href=\"#foot_1\" name=\"note_1\">1<\/a>] <\/em>\n<\/p><\/blockquote><p>Ob der einstige US-Au&szlig;enminister James Baker sich mit seinen 93 Jahren noch an den Brief erinnert, den er am 10. Februar 1990 an Helmut Kohl schickte? Einen Tag zuvor hatte er Michail Gorbatschow die gleichen Vorschl&auml;ge gemacht. <\/p><p>Als ob er beiden eine Wahl lassen w&uuml;rde! <\/p><p>Noch existierte die DDR, noch befanden sich sowjetische Truppen dort, mit modernsten Waffensystemen ausgestattet. Atomwaffen waren eingelagert, was man der Bev&ouml;lkerung tunlichst verschwieg. Noch gab es den Warschauer Pakt aus UdSSR, Polen, der Tschechoslowakei, Bulgarien, Ungarn, Rum&auml;nien und der DDR. Und die Aufl&ouml;sung der UdSSR war unvorstellbar. <\/p><p>Es war dies der Zeitpunkt, als Gorbatschow sich seinem Ziel nahe w&auml;hnte, den Kalten Krieg zu beenden und damit auch den R&uuml;stungswettlauf, dem die UdSSR nicht mehr gewachsen war. Beseligt von Hoffnungen auf ein gemeinsames europ&auml;isches Haus, ja einer friedlichen Welt von Vancouver bis Wladiwostok, streckte er seine Hand nach Westen aus. Bald aber musste er den Eindruck gewinnen, &uuml;ber den Tisch gezogen worden zu sein.<\/p><p>&bdquo;Nicht einen Schritt weiter nach Osten&ldquo; &ndash; den Titel ihres Buches &uuml;ber &bdquo;Amerika, Russland und die wahre Geschichte der NATO-Osterweiterung&ldquo; hat Mary Elise Sarotte dem Baker-Brief entnommen. Die Autorin bewegt sich in Russland nicht gerade freundlich gesonnen Kreisen: Nach Stationen an der Yale-University, als White House Fellow, an der University of Cambridge und an der University of Southern California hat sie inzwischen den Lehrstuhl f&uuml;r Geschichte an der Johns Hopkins Universit&auml;t inne. Sie kann und will es sich nicht leisten, als Putin-Versteherin diffamiert zu werden. So m&ouml;ge man sich nicht wundern, wie sie rhetorisch immer mal wieder den Mund voll nimmt, um US-Politik zu verteidigen. Analytisch aber liefert sie Begr&uuml;ndungen, wie die USA zu der heute so gef&auml;hrlichen Situation beigetragen haben.<\/p><p>Mit vielen damaligen Akteuren hat sie gesprochen, Unmengen von Archivmaterial durchforstet. Der Anhang der Quellen umfasst 40 eng bedruckte Seiten. Zudem hat sie das Talent, den historischen Stoff erz&auml;hlerisch so aufzubereiten, dass er sich spannend wie ein Krimi liest. Die Vorg&auml;nge von damals wurden inmitten der Aufregungen und Wirren der 1990er Jahre oft kaum zur Kenntnis genommen oder schon vergessen. <\/p><p>Wenn Sarotte gleich mit dem ersten Satz die russische Invasion vom 24. Februar 2022 verurteilt &ndash; &bdquo;Putin will sein Imperium zur&uuml;ck&ldquo; [<a href=\"#foot_2\" name=\"note_2\">2<\/a>] &ndash; steht f&uuml;r sie au&szlig;er Zweifel, dass es ein Kr&auml;ftemessen zweier Gro&szlig;m&auml;chte ist, das schon viel fr&uuml;her begann. Wer sich von deutschen Medien einreden lie&szlig;, dass wir es &bdquo;nur&ldquo; mit einem Krieg zwischen Russland und der Ukraine zu tun h&auml;tten, wird durch die Lekt&uuml;re ihres Buches eines Besseren belehrt. <\/p><p>&bdquo;Leser, die alle Fehlentwicklungen seit 1989 der NATO zuschreiben wollen, m&uuml;ssen anderswo suchen.&ldquo; [<a href=\"#foot_3\" name=\"note_3\">3<\/a>]  Geschenkt. Damit kaschiert sie doch nur, was sie im Folgenden enth&uuml;llt: Seitens der US-Administration war es ein doppeltes Spiel. Am 9. Februar 1990 der Brief von Baker an Gorbatschow. Doch kurz darauf schon, vom 20. bis 27. Februar, besuchte der stellvertretende US-Au&szlig;enminister Eagleburger Ungarn, Polen und weitere L&auml;nder der Region, um zu eruieren, wie eine neue NATO einen politischen Schirm f&uuml;r Mittel- und Osteuropa bilden k&ouml;nnte &hellip; Am 3. M&auml;rz besuchte der tschechoslowakische Au&szlig;enminister das NATO-Hauptquartier in Br&uuml;ssel, am 21. kam der polnische Au&szlig;enminister dorthin. Weitere mittel- und osteurop&auml;ische Politiker folgten. Und das, wie gesagt, als die DDR, die Sowjetunion und der Warschauer Pakt noch bestanden.<\/p><p>Noch ging man vorsichtig vor, um Gorbatschows Position nicht zu gef&auml;hrden, der das Ja zur deutschen Vereinigung geben sollte. Konnte es denn sein, dass der sowjetische Pr&auml;sident und seine Umgebung von all dem nichts ahnten? <\/p><p>&bdquo;Ich will nur die Demokratie, ich will nur die Freiheit, ich will uns nur erl&ouml;sen von einer schrecklichen Vergangenheit und will f&uuml;r niemanden Diktatur.&ldquo; [<a href=\"#foot_4\" name=\"note_4\">4<\/a>] So wird Gorbatschow von Tschingis Aitmatow zitiert, den er verehrte und sogar zu seinem Berater machte. Da ich mich seit einem halben Jahrhundert mit dem Werk dieses weltber&uuml;hmten Schriftstellers befasse und ihn pers&ouml;nlich gut kannte, wei&szlig; ich, dass zumindest er eine solche idealistische Weltsicht teilte. Von diesem Gedanken getragen war auch der Appell vom 9. Dezember 1989, mit dem K&uuml;nstler und Intellektuelle der DDR eine totale milit&auml;rische Abr&uuml;stung bis zum Jahr 2000 forderten, als &bdquo;einseitige Vorleistung&ldquo; und &bdquo;Beweis f&uuml;r die Kraft der Vernunft&ldquo;. [<a href=\"#foot_5\" name=\"note_5\">5<\/a>] Bereits 1983 in ihren Frankfurter Poetik-Vorlesungen zur Erz&auml;hlung &bdquo;Kassandra&ldquo; hatte Christa Wolf diese Idee ge&auml;u&szlig;ert. <\/p><p>Die Realit&auml;t zeigt, wie naiv das war. Gorbatschows Signal, den Kalten Krieg beenden zu wollen, wurde als Schw&auml;che gedeutet. Sarotte: <\/p><blockquote><p>\n&bdquo;<em>Die Vereinigten Staaten erkannten, dass sie nicht nur gewinnen, sondern entscheidend gewinnen k&ouml;nnten. Kein Fu&szlig;breit europ&auml;ischer Erde brauchte f&uuml;r die NATO tabu zu sein. Washington konnte das B&uuml;ndnis dabei anf&uuml;hren, einen Weg f&uuml;r zahlreiche neue Mitglieder zu &ouml;ffnen, die unbedingt beitreten wollten<\/em>.&ldquo;[<a href=\"#foot_6\" name=\"note_6\">6<\/a>]\n<\/p><\/blockquote><p>Bis 1999 kam es zu einer Erweiterung bis an die polnisch-russische Grenze. Und zum Jahreswechsel wurde Wladimir Putin Pr&auml;sident.<\/p><p><strong>Moment bundesdeutscher Eigenwilligkeit <\/strong><\/p><p>Wie der eine Gro&szlig;machtanspruch mit dem anderen zusammenh&auml;ngt, das best&auml;tigt die Lekt&uuml;re dieses Buches mit seinen vielen recherchierten Einzelheiten. Auf Augenh&ouml;he in gegenseitigem Verst&auml;ndnis verhandeln? Die Voraussetzung w&auml;re, gleich stark zu sein. Das aber war angesichts der wirtschaftlichen Schwierigkeiten in der UdSSR nicht der Fall. Allerdings, darin ist das Buch wirklich spannend, gab es doch noch ein Hin und Her, gerade was die deutsche Vereinigung betraf. Die sowjetische Vorstellung, dass ein vereintes Deutschland die NATO verlassen m&uuml;sste, stand im Gegensatz zum Ziel von Pr&auml;sident Bush: die NATO beizubehalten und ihre Zukunft in einem vereinigten Deutschland zu sichern, indem Artikel 5 auf die neuen Bundesl&auml;nder ausgedehnt w&uuml;rde. Seine Reaktion auf die Idee, dass Moskau &uuml;ber Deutschlands Beziehung zur NATO entscheiden k&ouml;nne, war unzweideutig: &bdquo;Zum TeufeI damit.&lsquo;&ldquo; [<a href=\"#foot_7\" name=\"note_7\">7<\/a>] <\/p><p>Allerdings musste er noch taktieren, solange die UdSSR milit&auml;rische und rechtliche Kontrolle &uuml;ber Deutschland besa&szlig;. Und Bundeskanzler Kohl brauchte dringend Erfolge, weil 1990 f&uuml;r ihn ein Wahljahr war. Was da f&uuml;r ein Spiel begann bis hin zu &Uuml;bersetzungsdifferenzen, untersucht die Autorin minuti&ouml;s, wohingegen die DDR-Seite eher im Dunkeln bleibt. Aber dazu gibt es ja schon viele erhellende Publikationen, so dass hier gar nicht alles aufgez&auml;hlt werden kann. [<a href=\"#foot_8\" name=\"note_8\">8<\/a>]<\/p><p>&Uuml;beraus interessant ist der Blick auf das Bonner Machtgef&uuml;ge. Au&szlig;enminister Hans-Dietrich Genscher favorisierte tats&auml;chlich (wie Gorbatschow) die Idee einer &bdquo;Friedensordnung vom Atlantik bis zum Ural&ldquo;, ja sogar die Integration des B&uuml;ndnisses in eine Art europ&auml;isches System kollektiver Sicherheit. [<a href=\"#foot_9\" name=\"note_9\">9<\/a>] Einer Ausdehnung des NATO-Territoriums nach Osten stand er kritisch gegen&uuml;ber. Er besprach das mit Baker in Washington. Der wiederum beauftragte Vernon Walters, den US-Botschafter in Bonn, Kohls Sicherheitsberater Horst Teltschik &uuml;ber das Gespr&auml;ch zu informieren, der, wie Sarotte schreibt, in einem Konkurrenzverh&auml;ltnis zu Genscher stand. Allerdings beklagte auch Teltschik sp&auml;ter, dass ein historischer Moment damals nicht genutzt wurde, um ein gemeinsames europ&auml;isches Haus zu bauen, in dem alle Bewohner in gleicher Weise sicher leben sollten. [<a href=\"#foot_10\" name=\"note_10\">10<\/a>] Dabei war ihm klar, dass dies nicht im Interesse der USA gelegen h&auml;tte. Eine dauerhafte Friedensordnung in Europa, wie in der Charta von Paris am 21. November 1990 von 32 europ&auml;ischen L&auml;ndern sowie den USA und Kanada unterschrieben, h&auml;tte die NATO in ihrer bisherigen Form obsolet gemacht und Europa jene Souver&auml;nit&auml;t gegeben, die jetzt schmerzlich fehlt. <\/p><p>Der Moment bundesdeutscher Eigenwilligkeit war dann auch schnell vorbei. Sobald Kohl erkannt hatte, dass er die Angliederung der DDR erreichen konnte, &bdquo;ohne gr&ouml;&szlig;ere Zugest&auml;ndnisse &uuml;ber die NATO-Stationierung fremder Truppen oder Atomwaffen zu machen&ldquo;, schloss er sich Bushs Position an. &bdquo;Mit Hilfe von Kohls &sbquo;gro&szlig;en Taschen&lsquo; w&uuml;rden sie sich die wirtschaftliche Schw&auml;che der UdSSR zunutze machen und finanzielle und &ouml;konomische Anreize bieten, keine Zugest&auml;ndnisse bei der Sicherheit.&ldquo; [<a href=\"#foot_11\" name=\"note_11\">11<\/a>]<\/p><p><strong>Ein gro&szlig;es Spiel?<\/strong><\/p><p>&bdquo;Ein gewaltiges Pokerspiel&ldquo;, lautet eine der Zwischen&uuml;berschriften im Buch. Ein Hin und Her verschiedener Kr&auml;fte, das durch die Volkskammerwahl in der DDR am 18. M&auml;rz 1990 eine klare Richtung erhielt. Welche internationalen Auswirkungen dieses Votum hatte, ist vielen damals nicht klar gewesen. Es war ein Sieg f&uuml;r die von Kohl gef&uuml;hrte CDU &uuml;ber die SPD, die vorher durchaus Chancen gehabt hatte, und letztlich war es ein Sieg f&uuml;r George Bush, der mit seiner Politik aus Zeiten des Kalten Krieges unter neuen Bedingungen weitermachen und den Machtbereich der USA nach Osten ausdehnen konnte.<\/p><p>So verzwickt die hier dargestellten Verhandlungen bis dahin waren, &ndash; zuletzt bot Kohl Gorbatschow 12 Milliarden DM f&uuml;r den Abzug und die Neuansiedlung sowjetischer Truppen &ndash; nachdem Moskau seinen Teil Deutschlands freigegeben hatte und die Truppen abgezogen waren, konnte Washington fr&uuml;here R&uuml;cksichten fallen lassen. Und das umso hemmungsloser nach der Aufl&ouml;sung der Sowjetunion im Dezember 1991. Der Putsch im August 1991, der die Zentralgewalt wiederherstellen sollte, beschleunigte nur den Zerfall der UdSSR. &bdquo;Die Russen haben noch nie einen R&uuml;ckschlag wie diesen erlebt, den kampflosen Verlust von Territorien, die seit den fr&uuml;hen Jahren der Romanow-Dynastie unter russischer Herrschaft standen.&ldquo; [<a href=\"#foot_12\" name=\"note_12\">12<\/a>] So wird US-Botschafter Strauss zitiert, der als Russland-Kenner noch eine Empathie erkennen lie&szlig;, die vielerorts im Westen bis heute fehlt. <\/p><p>&bdquo;<strong>Sicherheitsbetrug an Russland&ldquo;<\/strong><\/p><p>Dass der Westen sich verpflichtet habe, die NATO nicht &uuml;ber die Grenzen von 1990 hinaus zu erweitern, diesen bis heute bestehenden russischen Vorwurf kann die Autorin nicht ganz entkr&auml;ften. Wohl widerspricht sie dem g&auml;ngigen westlichen Narrativ nicht, dass der Zwei-plus-Vier-Vertrag sich ausschlie&szlig;lich auf Deutschland bezog und dass die unabh&auml;ngigen Staaten Mittel- und Osteuropas das Recht haben, B&uuml;ndnisse ihrer Wahl zu bilden. Allerdings bezieht sie sich auch auf ein Gutachten aus dem US-Au&szlig;enministerium, wonach es eine Differenz zwischen den m&uuml;ndlichen Verhandlungen und den schriftlichen Ergebnissen gab. Insbesondere Genscher hatte mehrmals zugesichert, die NATO-Offensivkr&auml;fte w&uuml;rden nicht nach Osten verschoben, aber das hatte keine rechtlich bindende Kraft. [<a href=\"#foot_13\" name=\"note_13\">13<\/a>] In seinem ausf&uuml;hrlichen Artikel zum Thema spricht Dr. Dr. hc. Arne Seifert deshalb von einem &bdquo;Sicherheitsbetrug an Russland&ldquo;.[<a href=\"#foot_14\" name=\"note_14\">14<\/a>] 2017 freigegebene Dokumente aus dem Nationalen Sicherheitsarchiv der USA verweisen auf eine &bdquo;Kaskade an Zusicherungen&ldquo; (Genscher, Kohl, Baker, Gates, Bush, Mitterrand, Thatcher, Major, W&ouml;rner und andere), welche die Einbeziehung der UdSSR in die neuen europ&auml;ischen Sicherheitsstrukturen zusicherten. [<a href=\"#foot_15\" name=\"note_15\">15<\/a>]<\/p><p>Weil Gorbatschow vers&auml;umt hatte, eine Nichterweiterung festzuschreiben, l&ouml;ste sich all das in Luft auf. Die sowjetische Hoffnung, dass wenigstens keine Atomwaffen in Mittel- und Osteuropa stationiert w&uuml;rden, war f&uuml;r das US- Au&szlig;enministerium unannehmbar, weil die NATO &bdquo;letztlich auf der Stationierung amerikanischer Atomwaffen in Europa beruhte, wie Sarotte zugibt. &bdquo;Wir sollten Moskau deutlich daran erinnern, dass wir nicht bereit sind, irgendwelche Absprachen &uuml;ber die K&ouml;pfe der Mittel- und Osteurop&auml;er hinweg zu treffen&ldquo;, wurde 1996 aus dem US-Au&szlig;enministerium verlautbart. [<a href=\"#foot_16\" name=\"note_16\">16<\/a>] <\/p><p>Man beachte den herablassendenTon: Von oben herab wurde signalisiert, dass Moskau f&uuml;r Washington kein Partner mehr war. Und das setzte sich fort. Zum Vorschlag eines NATO-Russland-Rats soll Bill Clinton gesagt haben: &bdquo;Also damit ich das richtig verstehe, was die Russen von diesem tollen Deal, den wir anbieten&ldquo;, h&auml;tten, sei eine Versicherung, &bdquo;dass wir unser Milit&auml;rzeug nicht ihren fr&uuml;heren Verb&uuml;ndeten geben, die jetzt unsere Verb&uuml;ndeten werden, au&szlig;er, wenn wir eines Morgens aufwachen und unsere Meinung &auml;ndern&ldquo;. [<a href=\"#foot_17\" name=\"note_17\">17<\/a>] <\/p><p>Clintons Lewinsky-Aff&auml;re, sein Amtsenthebungsverfahren, die Bombardierung des Irak, die schnelle Aufnahme von Tschechien, Ungarn und Polen in die NATO, NATO-Luftschl&auml;ge auf Belgrad am UN-Sicherheitsrat vorbei &ndash;, in k&uuml;rzester Zeit 1998\/99 hat sich das alles zu einem Kn&auml;uel verdichtet. Hinzu kam, dass der russische Generalstaatsanwalt Korruption in Jelzins Umkreis untersuchte. Wie da verschiedene Akteure in ihren Ansichten und Handlungen aufeinandertrafen, liest sich spannend, &auml;ndert indes nichts am Eigentlichen, wie es US-Verteidigungsminister Dick Cheney schon 1991 in Worte fasste: &bdquo;Wir sollten alles tun, was wir k&ouml;nnen, um die Sowjetunion zu zerschlagen&ldquo;. [<a href=\"#foot_18\" name=\"note_18\">18<\/a>] Zwar vertrat Au&szlig;enminister Baker damals noch eine gem&auml;&szlig;igtere Position, aber nur, weil er die 30.000 Atomwaffen auf sowjetischem Boden als Gefahr empfand.<\/p><p>&bdquo;Nach dem Zusammenbruch der UdSSR war Russland zu schwach, um eine klare au&szlig;enpolitische Richtungsentscheidung zu treffen&ldquo;, gab Michail Gorbatschow sp&auml;ter zu. &bdquo;W&auml;hrend die USA eine unipolare Welt anstrebten, reagierte Russland nur z&ouml;gerlich auf Ereignisse und Herausforderungen, die seine Interessen unmittelbar betrafen.&ldquo; [<a href=\"#foot_19\" name=\"note_19\">19<\/a>] <\/p><p>Inzwischen aber steht f&uuml;r Russland eine multipolare Welt deutlich auf der Tagesordnung. Auch wenn es vielen Menschen wehtut, die auf ein gedeihliches Miteinander von West und Ost gesetzt haben: Was sich vor unseren Augen vollzieht, ist eine Auseinandersetzung um die Neuaufteilung der Welt. Die Herablassung, die Verachtung, die Feindschaft Russland gegen&uuml;ber &ndash; all das r&auml;cht sich nun. <\/p><p>Ern&uuml;chterndes Fazit aus der Lekt&uuml;re: Nur wer stark ist, wird als Partner ernst genommen. Obgleich sie das keinesfalls will, gibt die Autorin Putin unterschwellig recht, dass eine Schw&auml;chung der Macht fatale Folgen hat. Sie gesteht zu, dass die heutige Lage hinter besseren Alternativen zur&uuml;ckbleibt und dass seit 1989\/90 Chancen f&uuml;r die Schaffung einer kooperativen Ordnung vertan wurden. Aber sie springt nicht &uuml;ber ihren Schatten, den globalen F&uuml;hrungsanspruch der USA in Zweifel zu ziehen. Diesbez&uuml;glich haben sich Gorbatschow und Jelzin immer mal wieder lieb Kind zu machen versucht. Wie sie scheiterten, ist f&uuml;r Putin eine Lehre. <\/p><p>Die OSZE besteht zwar noch, ist aber durch den Ukraine-Krieg zutiefst gespalten.[<a href=\"#foot_20\" name=\"note_20\">20<\/a>] Alle atomaren Abr&uuml;stungsvertr&auml;ge zwischen Russland und den USA sind inzwischen Geschichte, weil die USA sie einen nach dem anderen gek&uuml;ndigt haben. [<a href=\"#foot_21\" name=\"note_21\">21<\/a>] Europa hat sich durch die Sanktionen gegen Russland vor allem selbst geschadet. Wirtschaftlicher Niedergang und innere Spaltung: Insbesondere Deutschland muss seine Vasallentreue zu den USA teuer bezahlen.<\/p><p><em>Mary Elise Sarotte: Nicht einen Schritt weiter nach Osten. Amerika, Russland und die wahre Geschichte der Nato-Osterweiterung. Aus dem Englischen von Martin Richter. Verlag C.H. Beck, 391 S., geb., 28 &euro;. <\/em><\/p><p><small>Titelbild: AntonSAN \/ Shutterstock<\/small><\/p><div class=\"hr_wrap\">\n<hr>\n<\/div><div class=\"footnote\">\n<p>[<a href=\"#note_1\" name=\"foot_1\">&laquo;1<\/a>] May Elise Sarotte: Nicht einen Schritt weiter nach Ostens, S. 343<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_2\" name=\"foot_2\">&laquo;2<\/a>] ebenda, S. 10<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_3\" name=\"foot_3\">&laquo;3<\/a>] ebenda, S.17<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_4\" name=\"foot_4\">&laquo;4<\/a>] &bdquo;Die von Michail getroffene Wahl&ldquo; in: Tschingis Aitmatow, Liebeserkl&auml;rung an den blauen Planeten, Horizonte Verlag 1993, S.17f<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_5\" name=\"foot_5\">&laquo;5<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.ddr89.de\/texte\/appell_der_89.html\">ddr89.de\/texte\/appell_der_89.html<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_6\" name=\"foot_6\">&laquo;6<\/a>] Sarotte, S. 21<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_7\" name=\"foot_7\">&laquo;7<\/a>] ebenda, S. 68<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_8\" name=\"foot_8\">&laquo;8<\/a>] Gerd K&ouml;nig: Fiasko eines Bruderbunds, Edition Ost, 2011<br>\nPeter Brinkmann: Die NATO-Expansion. Deutsche Einheit und Ost-Erweiterung, Edition Ost, 2015<br>\nDaniela Dahn: Der Schnee von gestern ist die Sintflut von heute. Die Einheit &ndash; eine Abrechnung, Rowohlt Taschenbuch Verlag, 2019<br>\nAlexander von Plato: Die Vereinigung Deutschlands &ndash; ein weltpolitisches Machtspiel. Bush, Kohl, Gorbatschow und die internen Gespr&auml;chsprotokolle. Ch. Links Verlag, 2009<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_9\" name=\"foot_9\">&laquo;9<\/a>] Sarotte, S. 73<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_10\" name=\"foot_10\">&laquo;10<\/a>] s. Horst Teltschik: Russisches Roulette. Vom Kalten Krieg zum Kalten Frieden. C.H. Beck Verlag, 2019<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_11\" name=\"foot_11\">&laquo;11<\/a>] Sarotte, S. 103<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_12\" name=\"foot_12\">&laquo;12<\/a>] ebenda, S. 163<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_13\" name=\"foot_13\">&laquo;13<\/a>] ebenda, S. 261<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_14\" name=\"foot_14\">&laquo;14<\/a>] <a href=\"https:\/\/welttrends.de\/nato-osterweiterung-europas-dreissig-verlorene-friedensjahre\/\">welttrends.de\/nato-osterweiterung-europas-dreissig-verlorene-friedensjahre\/<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_15\" name=\"foot_15\">&laquo;15<\/a>] <a href=\"https:\/\/mltoday.com\/new-document-us-promised-not-to-expand-nato-eastward\/\">mltoday.com\/new-document-us-promised-not-to-expand-nato-eastward\/<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_16\" name=\"foot_16\">&laquo;16<\/a>] Sarotte, S. 263<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_17\" name=\"foot_17\">&laquo;17<\/a>] ebenda, S. 266<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_18\" name=\"foot_18\">&laquo;18<\/a>] ebenda, S. 141<\/p>\n<p>[<a href=\"#note_19\" name=\"foot_19\">&laquo;19<\/a>] Michail Gorbatschow: Was jetzt auf dem Spiel steht. Mein Aufruf f&uuml;r Frieden und Freiheit. Siedler Verlag, 2019, S. 145 <\/p>\n<p>[<a href=\"#note_20\" name=\"foot_20\">&laquo;20<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.telepolis.de\/features\/Ukraine-Krieg-Ueberlebt-die-OSZE-die-Spaltung-zwischen-Moskau-und-EU-9567080.html\">telepolis.de\/features\/Ukraine-Krieg-Ueberlebt-die-OSZE-die-Spaltung-zwischen-Moskau-und-EU-9567080.html<\/a><\/p>\n<p>[<a href=\"#note_21\" name=\"foot_21\">&laquo;21<\/a>] <a href=\"https:\/\/www.anti-spiegel.ru\/2023\/die-von-den-usa-zerstoerte-architektur-der-atomaren-abruestung\/\">anti-spiegel.ru\/2023\/die-von-den-usa-zerstoerte-architektur-der-atomaren-abruestung\/<\/a><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mary Elise Sarotte enth&uuml;llt in ihrem Buch &bdquo;Nicht einen Schritt weiter nach Osten&ldquo; bisher wenig bekannte Hintergr&uuml;nde der NATO-Osterweiterung. Die US-amerikanische Historikerin folgt dabei den Akteuren von einst &ndash; das ist teilweise spannend wie ein Krimi. Eigentlich bewegt sich die Autorin in Kreisen, die Russland nicht gerade freundlich gesonnen sind. So m&ouml;ge man sich nicht<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=109303\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":109306,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[169,107,208],"tags":[3189,2314,1543,400,1644,1426,295,3276,466,259,2147,1556],"class_list":["post-109303","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-aussen-und-sicherheitspolitik","category-audio-podcast","category-rezensionen","tag-baker-james","tag-bush-george-h-w","tag-deutsche-einheit","tag-genscher-hans-dietrich","tag-gorbatschow-michail","tag-hegemonie","tag-kohl-helmut","tag-multipolare-welt","tag-nato","tag-russland","tag-sowjetunion","tag-usa"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/shutterstock_2113634360.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/109303","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=109303"}],"version-history":[{"count":8,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/109303\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":109334,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/109303\/revisions\/109334"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/109306"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=109303"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=109303"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=109303"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}