{"id":109544,"date":"2024-01-16T09:02:29","date_gmt":"2024-01-16T08:02:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=109544"},"modified":"2024-01-16T09:27:58","modified_gmt":"2024-01-16T08:27:58","slug":"die-entraeumlichung-des-lebens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=109544","title":{"rendered":"Die Entr\u00e4umlichung des Lebens"},"content":{"rendered":"<p>Ralf Hanselle reflektiert die von der Digitalisierung entfesselten kulturellen Fliehkr&auml;fte und macht sich tief begr&uuml;ndete Sorgen, ob uns in einem durch und durch digital umformatierten Dasein noch eine lebenswerte Zukunft erwartet. Es stellt eine echte intellektuelle Herausforderung dar, &uuml;ber Digitalisierung etwas anderes als Floskeln zu Papier zu bringen. In den sp&auml;tindustriellen Gesellschaften des Westens besteht der Gro&szlig;teil der Wertsch&ouml;pfung in der Verarbeitung von Informationen. Die Produktion materieller Dinge ist ohne eine komplexe Informationslogistik hier nicht mehr m&ouml;glich, und die Sozialbeziehungen sind auch stark &uuml;ber Digitaltechnik vermittelt. Man schreibt also &uuml;ber fast alles, wenn man &uuml;ber Digitalisierung schreibt. Eine Rezension von <strong>Michael Andrick<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nHanselle formuliert das eingangs in seinem Buch &bdquo;Homo digitalis Obdachlos im Cyberspace&ldquo; so: &bdquo;Jeder Medienwechsel ist ein Bewusstseinswechsel.&ldquo; Dann bespricht er die digitale Umw&auml;lzung in f&uuml;nf anregenden, sehr unterschiedlichen Kapiteln.<\/p><p><strong>Digitalisierung als Entr&auml;umlichung<\/strong><\/p><p>&bdquo;Die Welt als vollkommene Abstraktion&ldquo; aus unendlichen Datenmengen in gewaltigen Serverfarmen, vollzogen in IT-Systemen mit unwirklich glatter, altersloser Oberfl&auml;che &ndash; mit diesem Bild steigt Hanselle ein. Er hat hier den gl&uuml;cklichen Einfall, seine &Uuml;berlegungen an einem spanischen Superrechner festzumachen, der kontrastreich in einer jahrhundertalten Klosteranlage untergebracht ist.<\/p><p>In Verbindung mit geschickten Referenzen an so unterschiedliche Felder wie Architekturgeschichte und Christologie umkreist Hanselle den Befund, dass die digitaltechnische Modellierung und geistlos-kombinatorische Wieder-Darbietung aller Menschen-Dinge im raumlosen Element des &bdquo;Cyberspace&ldquo; am Ende dem Leben selbst jede Authentizit&auml;t rauben k&ouml;nnte: &bdquo;Eine Welt ohne Raum, so steht zu bef&uuml;rchten, eine Sph&auml;re aus Virtualit&auml;t und Entortung, gebiert am Ende Unmengen an Informationen, aber nichts Heiliges mehr.&ldquo;<\/p><p>Wir bef&auml;nden uns im &Uuml;bergang von einer &bdquo;Zeit der Orte&ldquo; in eine Epoche der &bdquo;Entortung&ldquo;, deren Menschenfreundlichkeit nicht ausgemacht sei: &bdquo;Werden wir ausgeklinkt sein aus allen Bez&uuml;gen, obdachlos hinter Datenbrillen und schambehaftet vor Flachbildschirmen?&ldquo;<\/p><p>Diese Interpretation der Digitalisierung als eine Entdimensionalisierung und gef&uuml;hlsm&auml;&szlig;ige Verarmung des Lebens mit unbekanntem Ausgang gelingt Hanselle im Kapitel &bdquo;Tod der Kathedralen&ldquo; &uuml;berzeugend. Sein Versuch aber, dieses Modell &uuml;ber die r&auml;umliche Ordnung des vordigitalen Lebens hinaus im Abschnitt &bdquo;Tod der Bibliotheken&ldquo; auf die Bem&uuml;hung zur Digitalisierung von Texten und Bildern zu &uuml;bertragen, scheitert dagegen.<\/p><p><strong>Berechnung ist nicht Intelligenz<\/strong><\/p><p>Hanselle idealisiert Bibliotheken als Orte des &bdquo;Wissens&ldquo;, das dort ein &bdquo;sinnenhaftes Erleben&ldquo; sei. Das ist aber falsch &ndash; was wir in Bibliotheken sinnenhaft erleben, ist ein Materiallager, das jeder f&uuml;r Wissenserwerb nutzen kann. Dazu ist Digitaltechnik nichts als hilfreich.<\/p><p>Der poetischen &Uuml;berh&ouml;hung der Signatursuche-Qualen in verstaubten Papierbest&auml;nden als Gang durch das &bdquo;Gehirn der Menschheit&ldquo; mag ich nicht folgen. Und dass &bdquo;gewichtige Werkausgaben&ldquo; von Gro&szlig;schriftstellern in durchh&auml;ngenden Regalen au&szlig;er f&uuml;r die gemeine Staubmilbe einen Mehrwert gegen&uuml;ber einer transparenten Digitalausgabe bieten, sehe ich nicht.<\/p><p>Durch Digitalisierung von Texten &bdquo;implodiert die Gutenberg-Galaxis&ldquo; nicht etwa, wie Hanselle arg pathetisch beklagt, sondern das Material zur Erarbeitung von Wissen wird leichter zug&auml;nglich und die eigene Bildungsanstrengung befl&uuml;gelt.<\/p><p>Ein in etwa analoger konzeptioneller Fehler, der sich durch Hanselles Betrachtungen zieht, ist die Identifikation von algorithmischer Verarbeitung von Daten nach Prinzipien der Wahrscheinlichkeitsrechnung und H&auml;ufigkeitsanalyse mit <em>Intelligenz<\/em> &ndash; d.h. mit der F&auml;higkeit, etwas zu verstehen, also Begriffe auf Erfahrung anzuwenden.<\/p><p>Die von Hanselle korrekt und kenntnisreich diskutierten Digitalanwendungen wie ChatGPT sind tats&auml;chlich <em>nicht<\/em> die Herolde der von Ray Kurzweil und anderen herbeigesehnten &bdquo;Singularit&auml;t&ldquo; &ndash; einer Computer-Intelligenz, die gar noch &bdquo;wesentlich intelligenter&ldquo; als Menschen sein und so einen echten &bdquo;Bruch in der Zeit&ldquo; verursachen werde. Die probabilistische Neuanordnung von Daten nach ebenfalls rein rechnerisch umgesetzten Anfrage-Schwerpunkten ist <em>kein <\/em>Urteilsgeschehen, sondern ist und bleibt eine Rechenoperation.<\/p><p>Maschinen wenden keine Begriffe an. W&auml;re Hanselle oder seinem Lektor diese Einsicht gekommen, so h&auml;tte er sicher die stilistisch brillante Er&ouml;rterung diverser Transhumanisten-Fantasien, die wir jetzt in der Mitte seines Essays zu lesen bekommen, durch eine g&uuml;tig l&auml;chelnde, vielleicht ironische Demontage dieser Hirngespinste verblendeter Technokraten ersetzt.<\/p><p><strong>Der <\/strong><em><strong>Kidult<\/strong><\/em><strong> auf seiner <\/strong><em><strong>Customer Journey<\/strong><\/em><\/p><p>Zu voller Form l&auml;uft der Essayist Hanselle dann wieder auf, wenn er im Abschlusskapitel &bdquo;Der dissoziierte Mensch&ldquo; die Pathologie darstellt, in die eine digitalkapitalistische Umwelt mit optimierten Werbe-, Bestell- und Liefermechanismen den unbedarften Konsumenten sanft hineinverhaftet.<\/p><p>W&auml;hrend unsere Kultur die pers&ouml;nliche Entwicklung traditionell in Mustern wie dem einer &bdquo;Heldenreise&ldquo; durch teils unwirtliche Landschaften und R&auml;ume des inneren wie &auml;u&szlig;eren Widerstands begriff und beschrieb, so bleibt dem Menschen im Cyberspace solche Widerst&auml;ndigkeit teuer erspart.<\/p><p>Der <em>Homo Digitalis<\/em> pr&auml;ge sich als &bdquo;<em>Homo ludens<\/em>&ldquo; und &bdquo;ewiges Kind&ldquo; aus, das in einer Dauerschleife unmittelbarer Gratifikation durch Trivialit&auml;ten stecken bleibt und &bdquo;sein Leben verdaddelt, ohne wirklich voranzukommen&ldquo;. Der durchschnittliche &bdquo;Gamer&ldquo;, so berichtet Hanselle, ist heute 37 und nicht mehr, wie noch vor wenigen Jahren, unter 30 Jahre alt. Er ist ein <em>kidult<\/em>, ein wunderlicher Hybrid aus Kind und Erwachsenem.<\/p><p>Auf geistreiche Weise verbindet Hanselle im Abschlusskapitel die generelle Erfahrung von Weltentfernung und freundloser Eigenst&auml;ndigkeit, die das digitalvermittelte Leben kultiviert, mit anderen &Uuml;berschreitungs- und Gestaltungs-Fantasien der Gegenwartskultur:<\/p><p>&bdquo;&bdquo;<em>Trans<\/em>&ldquo;, dieses merkw&uuml;rdige &Uuml;ber-die-Dinge-Hinausschie&szlig;en, dieses Jenseits- und Dar&uuml;ber-hinweg-Sein, es ist zum tragischen Vorwort unserer Zeit geworden: Trans-Gender, Trans-Formation, Trans-Humanismus. Nicht mehr hier und niemals da sein. Und am Ende getrennt von allem und allen.&ldquo;<\/p><p>Wer an der Kultur der Digitalisierung teilhaben will oder ihr auch blo&szlig; nicht ausweichen kann, der wird aus Hanselles kulturanalytischen Einf&auml;llen und seinen sprechenden Bildern viel mitnehmen. Die beschriebenen konzeptionellen Schw&auml;chen des Textes sind nur der Haken, an dem wir eine tiefere Diskussion der Kulturentwicklung unserer Gegenwart aufh&auml;ngen k&ouml;nnen.<\/p><p><a href=\"https:\/\/zuklampen.de\/buecher\/essays\/bk\/1268-homo-digitalis.html\">&bdquo;Homo digitalis &ndash; Obdachlos im Cyberspace&ldquo;<\/a> ist im Verlag zu Klampen erschien. <\/p><p><small>Titelbild: Cover von <a href=\"https:\/\/zuklampen.de\/e6836c42-8e20-4f0c-873c-68795d23ee67\">zuklampen.de<\/a><\/small><\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema:<\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=66601\">Werden wir immer kindischer? &ndash; Eine Rezension<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=75449\">Alexei Nawalny: Schweigt Nicht! Eine Rezension<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=65184\">Deutschland &ndash; neoliberaler Vasall der USA &ndash; eine Rezension von Wolfgang Bittner<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=58786\">Die zerrissene Republik &ndash; Rezension<\/a>\n<\/p><\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg09.met.vgwort.de\/na\/69986073a95146dbbe8cee6b435fe0b5\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ralf Hanselle reflektiert die von der Digitalisierung entfesselten kulturellen Fliehkr&auml;fte und macht sich tief begr&uuml;ndete Sorgen, ob uns in einem durch und durch digital umformatierten Dasein noch eine lebenswerte Zukunft erwartet. Es stellt eine echte intellektuelle Herausforderung dar, &uuml;ber Digitalisierung etwas anderes als Floskeln zu Papier zu bringen. In den sp&auml;tindustriellen Gesellschaften des Westens besteht<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=109544\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":109545,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[208,161],"tags":[2094,1805],"class_list":["post-109544","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-rezensionen","category-wertedebatte","tag-digitalisierung","tag-kuenstliche-intelligenz"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2024\/01\/Cover.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/109544","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=109544"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/109544\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":109549,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/109544\/revisions\/109549"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/109545"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=109544"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=109544"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=109544"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}