{"id":10959,"date":"2011-10-11T12:13:00","date_gmt":"2011-10-11T10:13:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=10959"},"modified":"2019-03-02T17:07:30","modified_gmt":"2019-03-02T16:07:30","slug":"nobelpreis-fur-wirtschaftswissenschaft-2011","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=10959","title":{"rendered":"Nobelpreis f\u00fcr Wirtschaftswissenschaft 2011"},"content":{"rendered":"<p><strong>Gesamtwirtschaftslehre gegen Staatsinterventionismus<br>\nZwei US-Pioniere einer neoklassischen Makro&ouml;konomik<\/strong><\/p><p>Der durch die Schwedische Reichsbank 1969 eingef&uuml;hrte Preis f&uuml;r Wirtschaftswissenschaften im Gedenken an Alfred Nobel geht in diesem Jahr an Thomas J. Sargent (geb. 1943) von der New Yorker Universit&auml;t sowie an Christopher A. Sims (geb. 1942), der an der Princeton Universit&auml;t lehrt. Damit erh&ouml;ht sich die Zahl der von den insgesamt neunundsechzig Nobelpreisvergaben an die USA auf achtundvierzig. Geehrt wird eine neoklassisch ausgerichtete Makro&ouml;konomik, die ihre Sturm- und Drangzeit l&auml;ngst hinter sich hat. Diese Lehre von der Rationalit&auml;t der M&auml;rkte ist nicht erst durch die letzte Finanzmarktkrise tief ersch&uuml;ttert worden. Die beiden &Ouml;konomen haben durchaus zur gesamtwirtschaftlichen Analyse &uuml;ber Besch&auml;ftigung, Wirtschaftswachstum und Inflation einen wichtigen, jedoch nur beschr&auml;nkten Beitrag geleistet. Von Rudolf Hickel<br>\n<!--more--><br>\nUnabh&auml;ngig von einander haben die beiden Geehrten das Verh&auml;ltnis der Wirtschaftspolitik im Zusammenspiel mit der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung untersucht. Politik beeinflusst die Wirtschaft, aber auch die Wirtschaft die Politik. Dieses Zusammenspiel macht es schwer, die richtige Wirtschaftspolitik zu dosieren. Dazu zwei Beispiele: Erh&ouml;ht die Notenbank ihren Leitzins, dann ist &uuml;blicherweise damit die Erwartung verkn&uuml;pft, dass auch das Ziel der Inflationsbek&auml;mpfung erfolgreich erreicht wird. Diese unterstellte Einflussnahme der Politik auf die Gesamtwirtschaft k&ouml;nnen die Wirtschaftsakteure, die den positiven Wirkungen dieser Geldpolitik misstrauen, jedoch durchkreuzen. Zu vergleichbaren Ergebnissen haben die Forschungsarbeiten im Bereich der Finanzpolitik gef&uuml;hrt. Steuersenkungen oder Konjunkturprogramme, die die Wirtschaft ankurbeln sollen, k&ouml;nnen ihr Ziel verfehlen, wenn die Wirtschaftssubjekte den damit verbundenen Erwartungen nicht folgen. <\/p><p><strong>Mit dem Homo oeconmicus gegen Staatsinterventionismus<br>\nHoffen auf den allinformierte Home Oeconomicus<\/strong><\/p><p>Dabei sollte die zentrale Frage, warum m&ouml;glicherweise eine gut gemeinte expansive Finanzpolitik die gesamtwirtschaftliche Entwicklung am Ende sogar schw&auml;cht, allerdings diskutiert werden. Sargent und Sims haben in die gesamtwirtschaftlichen Modelle, mit denen wirtschaftspolitische Entscheidungen begr&uuml;ndet werden sollen, die Theorie rationaler Erwartungen eingef&uuml;gt. Damit setzen die Forscher auf den rationalen &bdquo;homo oeconomicus&ldquo;, der mit enorm viel Wissen &uuml;ber gesamtwirtschaftliche Zusammenh&auml;nge ausgestattet sein soll. Diese neue Makro&ouml;konomik modelliert ein die Marktkr&auml;fte st&auml;rkendes Verhalten der Wirtschaftsakteure.  Ob dieser Sprung das heute vielfach benutzte Etikett &bdquo;revolution&auml;r&ldquo; verdient, ist umstritten. Aus der Sicht der wachsenden Instabilit&auml;t von &Ouml;konomien handelt es sich heute eher um eine Theorie-Konterrevolution. <\/p><p>Im Kern versucht diese Theorie die  Erkenntnisse &uuml;ber die Wirksamkeit einer steuernden Geld- und Finanzpolitik zu widerlegen. Insoweit wird diese Makro&ouml;konomik durch eine neoklassische Mikro&ouml;konomik unterf&uuml;ttert. Dabei kommen durchaus auch wichtige Erkenntnisse zustande. W&auml;hrend in den alten Theorien der Gesamtwirtschaftslehre die Zukunft als Fortschreibung der Gegenwart wegdefiniert worden ist, r&uuml;ckt die neuen Makro&ouml;konomie Wirtschaftssubjekte in den Mittelpunkt. Angenommen wird, dass diese Akteure, so gut es nur geht, die k&uuml;nftige Entwicklung m&ouml;glichst korrekt vorherzusagen versuchen. Auf der Basis aller verf&uuml;gbaren Informationen wird die Bildung rationaler Erwartungen unterstellt. Das popul&auml;re Grundmodell hat Sargent zusammen mit Robert Lucas entwickelt. Dies hatte massive Folgen f&uuml;r die Wirtschaftspolitik. Wird ein Konjunkturprogramm aufgelegt, dann h&auml;ngt dessen Wirkung von den rationalen Erwartungen der Wirtschaftssubjekte ab. Dazu ein Beispiel: Wird ein Konjunkturprogramm aufgelegt, dann kalkulieren die Wirtschaftsakteure einen Anstieg der Inflation. Dieser wiederum wird durch eine restriktive Geldpolitik bek&auml;mpft und am Ende sinkt die gesamtwirtschaftliche Produktion. Die gut gemeinte Konjunkturpolitik erweist sich dann in Folge der &bdquo;rationalen&ldquo; Kalkulation durch  Unternehmen und private Haushalte als einen Schuss in den Ofen. Insoweit kann man die Preisverleihung als eine St&auml;rkung der Kritik am Staatsinterventionismus sehen. Andererseits haben gerade weltweite Konjunkturprogramme den Absturz der Weltwirtschaft in der letzten Finanzmarktkrise verhindert. Der Widerspruch der neoklassischen Makro&ouml;konomik gegen&uuml;ber der Wirklichkeit ist klar: Die expansiven Mengeneffekt der Konjunkturprogramme haben die konstruierte, einzelwirtschaftlich rationale Erwartungsbildungsbildung &uuml;berrollt. <\/p><p>Sicherlich haben die beiden Nobelpreistr&auml;ger einen wichtigen Beitrag zur Durchdringung der komplexen Interdependenzen zwischen Politik und dem Verhalten der &ouml;konomischen Akteure geleistet. Neue Methoden sind entwickelt worden. So konnte Christopher Sims mit der Methode der &bdquo;Vector Auto Regression&ldquo; ein Dilemma erfassen: Restriktive Geldpolitik reduziert erst in zwei Jahren die Inflation, w&auml;hrend wirtschaftliche Wachstumsverluste sehr schnell eintreten. <\/p><p><strong>Finanzm&auml;rkte ignoriert<\/strong><\/p><p>Mit dem diesj&auml;hrigen Nobelpreis wird die in der Zwischenzeit zum Standard z&auml;hlende neoklassisch-marktoptimistische Makro&ouml;konomik &uuml;brigens nicht zum ersten Mal geehrt. Bereits 1997 hat Robert Lucas, der in den fr&uuml;hen 1970er Jahren zusammen mit Thomas Sargent die Theorie der rationalen Erwartungen entwickelt hat, einen Nobelpreis erhalten. Die j&uuml;ngste Auszeichnung k&ouml;nnte dazu beitragen, die Skepsis gegen&uuml;ber dem Erfolg einer die Gesamtwirtschaft unter den Zielen Geldwert und Besch&auml;ftigung beeinflussenden Geld- und Finanzpolitik zu st&auml;rken. Nicht nur Obama sieht sich mit seinen Konjunkturprogrammen damit der Kritik ausgesetzt. Insoweit verbindet sich mit der Preisvergabe eine Warnung gegen&uuml;ber einer allzu optimistischen Antikrisenpolitik. <\/p><p>Kritisch ist anzumerken: Die Basis bildet der rational handelnde Wirtschaftsakteur, der &uuml;ber ein ziemlich sicheres Wissen &uuml;ber die Wirkungen von Politik in der Zukunft zu verf&uuml;gen glaubt. Die Bildung rationaler Erwartungen steht im Widerspruch zu der &uuml;ber die Finanzm&auml;rkte erzeugten wachsenden Irrationalit&auml;t &ouml;konomischer Entscheidungen. In dem gesamtwirtschaftlichen Modell der Geehrten wird schlichtweg der Finanzsektor, von dem Instabilit&auml;t ausgeht, nicht ber&uuml;cksichtigt. Den heutigen Kasinokapitalismus dominieren die von John Maynard Keynes Mitte der 1930er Jahre beschriebenen, nicht kalkulierbaren &bdquo;animal spirits&ldquo; (animalische Instinkte). Die Erwartungsbildung erfolgt oft irrational und f&uuml;hrt zu &bdquo;irrationalen &Uuml;bertreibungen&ldquo;, nicht nur an den B&ouml;rsen (Joseph Stiglitz). Erkl&auml;rt wird nicht, wie heute unter Unsicherheit und mangelnder Information &uuml;berhaupt rationale Erwartungen gebildet werden k&ouml;nnen.  <\/p><p>Geehrt wird eine weit zur&uuml;ckreichende Forschungstradition, die in der Wirtschaftswissenschaft heute sehr umstritten ist. Es bleibt jedoch zu hoffen, dass im Zeitalter der &bdquo;Verbetriebswirtschaftlichung&ldquo; mit der Ehrung dieser beiden Pioniere ein Ansto&szlig; f&uuml;r den notwendigen Diskurs einer modernen Makro&ouml;konomik gesetzt wird. Immerhin lohnt es sich, sich an dieser neoklassisch fundierten Makro&ouml;konomik der  beiden Nobelpreistr&auml;ger an den wirtschaftswissenschaftlichen Fakult&auml;ten abzuarbeiten. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><strong>Gesamtwirtschaftslehre gegen Staatsinterventionismus<br \/> Zwei US-Pioniere einer neoklassischen Makro&ouml;konomik<\/strong><\/p>\n<p>Der durch die Schwedische Reichsbank 1969 eingef&uuml;hrte Preis f&uuml;r Wirtschaftswissenschaften im Gedenken an Alfred Nobel geht in diesem Jahr an Thomas J. Sargent (geb. 1943) von der New Yorker Universit&auml;t sowie an Christopher A. Sims (geb. 1942), der an der Princeton Universit&auml;t lehrt. Damit erh&ouml;ht sich die Zahl<\/p>\n<div class=\"readMore\"><a class=\"moretag\" href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=10959\">Weiterlesen<\/a><\/div>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[131,50,30],"tags":[1048,367],"class_list":["post-10959","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-oekonomie","category-finanzkrise","category-wirtschaftspoliik-und-konjunktur","tag-neoklassische-wirtschaftstheorie","tag-nobelpreis"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10959","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=10959"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10959\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":49780,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/10959\/revisions\/49780"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=10959"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=10959"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=10959"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}