{"id":109731,"date":"2024-01-20T14:00:21","date_gmt":"2024-01-20T13:00:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=109731"},"modified":"2024-01-19T17:52:58","modified_gmt":"2024-01-19T16:52:58","slug":"postkeynesianismus-eine-einfuehrung-ein-neues-buch-ueber-eine-alte-oekonomische-denkschule","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=109731","title":{"rendered":"\u201ePostkeynesianismus \u2013 eine Einf\u00fchrung\u201c \u2013 ein neues Buch \u00fcber eine alte \u00f6konomische Denkschule"},"content":{"rendered":"<p>Kann die Zentralbank die Inflation bek&auml;mpfen? Warum irrt die &bdquo;schw&auml;bische Hausfrau&ldquo;? Wie konnte es zur Finanzkrise kommen? Was versteht man unter dem &bdquo;Paradoxon des Gl&uuml;cks&ldquo;? Und was unter einem &bdquo;Milit&auml;r-Keynesianismus&ldquo;? Gibt es eine Alternative zur Mainstream-&Ouml;konomie, und wenn ja, welche? Welche sind die philosophischen Grundlagen des Wirtschaftens? Und warum unterliegen gerade deutsche &Ouml;konomen gerne dem &bdquo;Trugschluss der Verallgemeinerung&ldquo;? Eine Rezension von <strong>Thomas Trares<\/strong>.<br>\n<!--more--><br>\nFalls Sie mehr als die H&auml;lfte dieser Fragen interessant finden, dann sei Ihnen das Buch <a href=\"https:\/\/mediashop.at\/buecher\/postkeynesianismus\/\">&bdquo;Postkeynesianismus &ndash; Eine Einf&uuml;hrung&ldquo;<\/a> des australisch-britischen &Ouml;konomen John E. King empfohlen. Erschienen ist es bereits im Jahr 2015, nun wurde es ins Deutsche &uuml;bersetzt und vom Promedia Verlag des Wiener Verlegers Hannes Hofbauer neu herausgegeben. Die zeitliche L&uuml;cke ist kein Nachteil, weil es sich hier um ein Grundlagenbuch handelt, das an keinen unmittelbaren historischen Kontext gebunden ist. Eine gewisse Aktualit&auml;t erh&auml;lt es zudem durch den Erfolg der Modern Monetary Theory, die derzeit in aller Munde ist und bei der es sich um eine moderne Variante des Postkeynesianismus handelt.<\/p><p>In seinem Buch erl&auml;utert King pr&auml;zise und allgemein verst&auml;ndlich, was den Postkeynesianismus in seinem Kern ausmacht und was nicht. Postkeynesianismus ist demnach eine Denkschule, die an die Thesen des britischen Star&ouml;konomen John Maynard Keynes ankn&uuml;pft, die dieser in seinem 1936 erschienenen Werk &bdquo;Die Allgemeine Theorie der Besch&auml;ftigung, des Zinses und des Geldes&ldquo; niedergeschrieben hat. Keynes hatte darin die Weltwirtschaftskrise der 1930er-Jahre analysiert und die damals vorherrschende klassisch-neoklassische Theorie vom Kopf auf die F&uuml;&szlig;e gestellt. Fr&uuml;he Vertreter des Postkeynesianismus sind der polnische &Ouml;konom Michal Kalecki, der US-Wissenschaftler Paul Davidson und die Britin Joan Robinson.<\/p><p><strong>Kernaussagen des Postkeynesianismus<\/strong><\/p><p>Die Kernaussagen des Postkeynesianismus lassen sich wie folgt zusammenfassen: In einer Volkswirtschaft werden Produktion und Besch&auml;ftigung von der Nachfrageseite her bestimmt, nicht von der Angebotsseite. Arbeitslosigkeit ist unfreiwillig und Geld nicht neutral. Motor des Systems sind die &bdquo;kapitalistischen Profiterwartungen&ldquo;, ma&szlig;gebliche Akteure die b&ouml;rsennotierten Gro&szlig;konzerne, die zumeist auf oligopolistisch organisierten M&auml;rkten agieren. Angetrieben wird die Wirtschaft vor allem von den Unternehmensinvestitionen, wobei die Investitionsentscheidungen unter dem Diktum fundamentaler Unsicherheit erfolgen. All dies f&uuml;hrt dazu, dass wirtschaftliche Prozesse krisenanf&auml;llig und instabil sind, was wiederum eine aktive Rolle des Staates begr&uuml;ndet. Klar abzugrenzen davon sind gleichgewichtsorientierte Denkschulen wie der Monetarismus und die Neoklassik, aber auch Konzepte wie die Neue Neoklassische Synthese.<\/p><p>B&uuml;cher wie das von King helfen vor allem dabei, die Gedanken zu ordnen und die Wirklichkeit begreifbar zu machen. So werden viele aktuelle Ph&auml;nomene erst verst&auml;ndlich, wenn man den theoretischen Hintergrund kennt. Zum Thema Inflation schreibt King beispielsweise: &bdquo;Die Ursachen von Inflation sind in der realen Wirtschaft zu suchen, auf dem Produktmarkt und insbesondere auf den M&auml;rkten f&uuml;r Arbeit und Rohstoffe. Der Versuch, Inflation durch die starre Kontrolle des Geldmengenwachstums zu bek&auml;mpfen, ist zum Scheitern verurteilt und wird stattdessen durch die damit verbundenen fiskalischen Sparma&szlig;nahmen, hohen Zinss&auml;tze und &uuml;berbewerteten Wechselkurse der Produktion und der Besch&auml;ftigung schweren Schaden zuf&uuml;gen.&ldquo; (S. 141) So oder so &auml;hnlich argumentieren in der aktuellen Inflationsphase auch Keynesianer wie der fr&uuml;here UNCTAD-Chefvolkswirt und Finanzstaatssekret&auml;r Heiner Flassbeck.<\/p><p><strong>Fiskalpolitik entscheidende Stellschraube<\/strong><\/p><p>Ohnehin gehen Postkeynesianer davon aus, dass die Wirksamkeit der Geldpolitik begrenzt ist. Sie sehen vielmehr in der Fiskalpolitik die entscheidende Stellschraube zur Steuerung der Wirtschaft. Ihr obliegt es, Vollbesch&auml;ftigung herzustellen und nachfragebedingte Inflation zu vermeiden. Konzepte wie das der &bdquo;schw&auml;bischen Hausfrau&ldquo; und die damit einhergehende Schuldenbremse lehnen Postkeynesianer dagegen ab. &bdquo;Die schw&auml;bische Hausfrauenlogik ist also ein Irrglaube. Die Staatsverschuldung ist keine Last f&uuml;r die nachkommenden Generationen. Sie ist weder eine Last f&uuml;r eine Nation noch ein Zeichen f&uuml;r nationale Armut. Auch die Zinsen f&uuml;r die Staatsschulden sind keine Belastung f&uuml;r einen Staat. Ein Staat kann nicht in den Bankrott getrieben werden. Das liegt daran, dass weder der Staat noch die Regierung Unternehmen sind (und schon gar nicht eine schw&auml;bische Hausfrau)&ldquo;, schreibt King. (S. 148)<\/p><p>Ein &bdquo;Schmankerl&ldquo; ist auch das Kapitel &uuml;ber die philosophischen Grundlagen des Postkeynesianismus. Dort tauchen dann &ndash; in der &ouml;konomischen Literatur eher eine Seltenheit &ndash; Begriffe wie &bdquo;Nicht-Ergodizit&auml;t&ldquo;, &bdquo;babylonisches Denken&ldquo; und &bdquo;Ontologie des Wirtschaftsuniversums&ldquo; auf. Dabei geht es unter anderem um die Kontroverse zwischen Postkeynesianern und Neoklassikern, ob in der &Ouml;konomie &ndash; &auml;hnlich wie in den Naturwissenschaften &ndash; zuk&uuml;nftige Ereignisse pr&auml;zise vorausgesagt werden k&ouml;nnen. &bdquo;Wir k&ouml;nnen nicht sicher sein, dass die Zukunft so sein wird wie die Vergangenheit. Wirtschaftliche Ereignisse sind nicht so pr&auml;zise vorhersehbar wie die genauen Zeiten von Ebbe und Flut&ldquo;, schreibt King dazu. (S. 73)<\/p><p><strong>Wissenschaftstheorie ist wichtig<\/strong><\/p><p>Die Schlussfolgerungen aus diesem Kapitel sind aber keineswegs weltfremd und abgehoben, sondern sogar sehr real und fundamental. King nennt hier als Beispiel die Deregulierung des Finanzsektors in den USA, die auf &bdquo;grob unrealistischen Annahmen&ldquo; &uuml;ber die Natur des Wirtschaftsraums beruht habe und es den Banken erlaubte, &bdquo;gef&auml;hrlich waghalsig zu operieren und eine unbek&uuml;mmerte Haltung gegen&uuml;ber der Verschuldung einzunehmen&ldquo;. Diese Ignoranz habe dann erst zu der inad&auml;quaten Regulierung der Finanzm&auml;rkte gef&uuml;hrt und die Finanzkrise von 2007\/08 mitheraufbeschworen. &bdquo;Wissenschaftstheorie ist also wichtig!&ldquo;, schreibt King. (S. 71)<\/p><p>Passend dazu enth&auml;lt das Buch auch eine Analyse der Finanzkrise aus postkeynesianischer Sicht. &bdquo;Ursache der GFC [allgemeinen Finanzkrise, Anm. d. Verf.] war eine toxische Mischung aus Globalisierung, Finanzialisierung, Deregulierung, zunehmender Ungleichheit und steigender Verschuldung, propagiert (wenn nicht sogar initiiert) von Mainstream-&Ouml;konomen auf Basis neoliberaler Ideologien&ldquo;, schreibt King (S. 174). Zentral aus postkeynesianischer Sicht sind hier au&szlig;erdem die Schriften des US-&Ouml;konomen Hyman Minsky &uuml;ber die Instabilit&auml;t des Finanzsystems sowie die politischen Forderungen nach einer systematischen Regulierung der Finanzm&auml;rkte und einer radikalen De-Finanzialisierung. Letzteres bedeutet, dass der Finanzsektor &bdquo;substanziell an Gr&ouml;&szlig;e, Instabilit&auml;t und politischer Macht&ldquo; verlieren muss.<\/p><p><strong>Irrweg der Mikrofundierung<\/strong><\/p><p>Interessant ist auch die Kontroverse zwischen Postkeynesianern und Mainstream-&Ouml;konomen, die King unter der &Uuml;berschrift &bdquo;Irrweg der Mikrofundierung&ldquo; diskutiert. Dabei geht es um die Frage, ob die Makro&ouml;konomie ein mikro&ouml;konomisches Fundament haben sollte, sprich ob sich aus dem Verhalten von Individuen R&uuml;ckschl&uuml;sse auf das Verhalten des Gesamtsystems ziehen lassen. Postkeynesianer lehnen diese Sichtweise strikt ab. Sie werfen den Neoklassikern vielmehr vor, hier dem &bdquo;Trugschluss der Verallgemeinerung&ldquo; zu unterliegen, ein Vorwurf, der gerade auf viele deutsche &Ouml;konomen mit ihrem ausgepr&auml;gten Spar- und Exportwahn zutrifft. So mag das Sparen aus Sicht eines Individuums rational sein wie auch das Anh&auml;ufen von Export&uuml;bersch&uuml;ssen f&uuml;r eine Volkswirtschaft. Verhalten sich jedoch alle Individuen bzw. Staaten so, dann f&uuml;hrt dies wirtschaftlich in die Katastrophe.<\/p><p>Eine Ironie der Geschichte ist jedoch, dass Postkeynesianer und Neoklassiker zwar in ganz vielen Fragen &uuml;ber Kreuz liegen, in einem ganz bestimmten, klar definierten Bereich aber postkeynesianische Konzepte doch auf wenig Widerstand sto&szlig;en. Die Rede ist von den R&uuml;stungsausgaben. Dazu schreibt King: &bdquo;R&uuml;stungsausgaben sind den Kapitalisten jedoch weniger unangenehm als zivile Ausgaben, sodass sich der &sbquo;Milit&auml;r-Keynesianismus&lsquo; dort als politisch akzeptabel erweisen kann, wo hohe L&ouml;hne und der Sozialstaat es nicht sind.&ldquo; (S. 32) Beispiele hierf&uuml;r sind alle Arten von Kriegsproduktion, aber auch die SDI-Programme unter dem fr&uuml;heren US-Pr&auml;sidenten Ronald Reagan. Und auch hierzulande deutet sich nun mit der &bdquo;Zeitenwende&ldquo;, den Forderungen von Politikern nach mehr &bdquo;Kriegst&uuml;chtigkeit&ldquo; und der damit einhergehenden Aufstockung der R&uuml;stungsausgaben eine neue Art von &bdquo;Milit&auml;r-Keynesianismus&ldquo; an.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kann die Zentralbank die Inflation bek&auml;mpfen? Warum irrt die &bdquo;schw&auml;bische Hausfrau&ldquo;? Wie konnte es zur Finanzkrise kommen? Was versteht man unter dem &bdquo;Paradoxon des Gl&uuml;cks&ldquo;? Und was unter einem &bdquo;Milit&auml;r-Keynesianismus&ldquo;? Gibt es eine Alternative zur Mainstream-&Ouml;konomie, und wenn ja, welche? Welche sind die philosophischen Grundlagen des Wirtschaftens? 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