{"id":1099,"date":"2005-01-31T12:05:26","date_gmt":"2005-01-31T10:05:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=1099"},"modified":"2016-03-20T10:30:08","modified_gmt":"2016-03-20T09:30:08","slug":"replik-auf-konrad-adams-kritik-am-buch-die-reformluge-in-der-welt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1099","title":{"rendered":"Replik auf Konrad Adams Kritik am Buch \u201eDie Reforml\u00fcge\u201c in der WELT"},"content":{"rendered":"<p>Von Kai Ruhsert, 31.01.2005 f&uuml;r NachDenkSeiten.<br>\n<!--more--><br>\nAuch als Kritiker pflegt Konrad Adam seinen eigenen Stil. Er vergeudet keine Zeit mit einleitenden Worten zum Inhalt des Buches, sondern kommt gleich zur abschlie&szlig;enden Bewertung: <\/p><blockquote><p>(&hellip;) der Verfasser (&hellip;) hat sich etwas ausgedacht. Er hat einen Roman geschrieben, der uns glauben machen will, die B&auml;ume k&ouml;nnten oder sollten in den Himmel wachsen.<\/p><\/blockquote><p>Dann wird der Ton etwas r&uuml;de: <\/p><blockquote><p>Zun&auml;chst wird ihm der Leser freilich auf den Leim gehen, denn Albrecht M&uuml;ller unternimmt einiges, um den Sachbuchcharakter vorzut&auml;uschen. Sein Text ist durchsetzt mit Schaubildern und Tabellen, sogar ein paar Anmerkungen hat er sich einfallen lassen.<\/p><\/blockquote><p>&bdquo;Die Reforml&uuml;ge&ldquo; hinterfragt weit verbreitete und von vielen f&uuml;r wahr gehaltene Mythen (z.B. &bdquo;Der Generationenvertrag tr&auml;gt nicht mehr&ldquo;) durch Gegen&uuml;berstellung mit Fakten; darauf aufbauend werden volkswirtschaftliche Zusammenh&auml;nge erl&auml;utert und Vorschl&auml;ge f&uuml;r eine bessere Politik gemacht. <strong>Durch die abf&auml;llige Wortwahl (&bdquo;&hellip; durchsetzt mit &hellip;&ldquo;, &bdquo;&hellip; hat er sich einfallen lassen &hellip;&ldquo;) k&uuml;ndigt Konrad Adam an, diese Analysen, die den gr&ouml;&szlig;ten Teil des Buches ausmachen, von vornherein aus seiner Betrachtung auszublenden.<\/strong><br>\nDetails und Argumente interessieren ihn nicht: <\/p><blockquote><p>Wenn er (&hellip;) &uuml;ber die Machtlosigkeit der Gewerkschaften klagt, wird man sich wundern; wenn er sie f&uuml;r die Erfolge lobt, die sie im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit erzielt haben, d&uuml;rfte man misstrauisch werden; wenn er dann schlie&szlig;lich aber noch die DGB-Vize Ursula Engelen-Kefer als die Florence Nightingale des deutschen Sozialwesens vorstellt, wird man mit einiger Erleichterung feststellen, dass man sich im Genre geirrt hat. Man hat kein Sachbuch in der Hand, sondern Fantasy. Den Rest des insgesamt 400 Seiten starken Buches wird man danach mit mehr Gelassenheit und weniger Verwunderung zur Kenntnis nehmen.<\/p><\/blockquote><p>Was genau meint Konrad Adam mit &bdquo;zur Kenntnis nehmen&ldquo;? Nichts deutet darauf hin, dass er mehr getan hat, als mit spitzen Fingern ein wenig im Buch zu bl&auml;ttern. So bleibt ihm kaum etwas anderes &uuml;brig, als von einer Kapitel&uuml;berschrift zur n&auml;chsten zu huschen. <strong>Auf Albrecht M&uuml;llers Begr&uuml;ndungen f&uuml;r seine Thesen geht Adam an keiner einzigen Stelle ein.<\/strong> <\/p><blockquote><p>Dass ein Rezept, das vor 30 Jahren wirksam gewesen sein mag, mit der Zeit seine Zauberkraft verloren haben k&ouml;nnte und die Vernunft von gestern zum Unfug von heute geworden ist, will ihm nicht in den Kopf.<\/p><\/blockquote><p>Ein &bdquo;Rezept&ldquo; mit &bdquo;Zauberkraft&ldquo;, das dennoch einst f&uuml;r &bdquo;Vernunft&ldquo; stand?! Von den Gesetzen der Logik wollte Konrad Adam sich offensichtlich nicht bremsen lassen. <\/p><p>Adam will nicht nur an dieser Stelle M&uuml;llers Forderung nach einer antizyklischen Ausgabenpolitik des Staates ins L&auml;cherliche ziehen. Er verschweigt dem Leser, dass Albrecht M&uuml;ller auch diese Frage ausf&uuml;hrlich er&ouml;rtert und seine Vorschl&auml;ge mit Daten zur wirtschaftlichen Entwicklung sowie Zitaten aus Gutachten von Wirtschaftsforschungsinstituten gut begr&uuml;ndet hat.<br>\nDavon l&auml;sst Konrad Adam sich in keiner Weise irritieren; seine Meinung steht unverr&uuml;ckbar fest. Inhaltliche Gegenargumente kann er aber nicht formulieren, also greift er zu einem bildhaften Vergleich, der ihm dann allerdings ziemlich missr&auml;t. Die widerspr&uuml;chliche Semantik nimmt er zugunsten der Anschaulichkeit notgedrungen in Kauf. <\/p><blockquote><p>M&uuml;ller macht es wie alle falschen Propheten, er sagt die Zukunft aus der Vergangenheit voraus, indem er die Linien weiterzieht und ins Unendliche verl&auml;ngert.<\/p><\/blockquote><p>Am Beispiel der USA und Frankreich zeigt M&uuml;ller auf, welche Effekte mit einer pragmatischeren Wirtschaftspolitik in j&uuml;ngster Zeit erst erzielt werden konnten. Hat Konrad Adam das beim Durchbl&auml;ttern der Seiten &uuml;bersehen? <\/p><blockquote><p>Die deutsche Wirtschaft war schon immer stark, also wird sie auch weiterhin stark bleiben; der Sozialstaat hat bislang &uuml;berlebt, also wird er in alle Zukunft &uuml;berleben; die Produktivit&auml;t ist bisher stets gewachsen, also wird sie auch weiter wachsen. Ein Thema &ndash; und keine Variationen.<\/p><\/blockquote><p>Adam versucht wohl zu sagen, dass keineswegs das Thema, sondern die Antworten von M&uuml;ller auf Fragen zu den verschiedenen Themen immer die gleichen seien. Zwei kurze Abschnitte aus &bdquo;Die Reforml&uuml;ge&ldquo; beweisen das Gegenteil: <\/p><p><strong>Aus Denkfehler 15:<\/strong><\/p><blockquote><p>Sinnvoll w&auml;re die pragmatische Optimierung der verschiedenen Instrumente der Wirtschaftspolitik. (&hellip;) Konjunkturprogramme sind keine Strohfeuer, wenn sie zur richtigen Zeit eingesetzt werden. Sie sind aber auch nicht alleinseligmachend. Der Kampf der &ouml;konomischen Schulen &ndash; hier Angebots&ouml;konomen, dort Keynesianer &ndash; ist eine sinnlose Konfrontation, weil sie den Blick auf die notwendigen Ma&szlig;nahmen verstellt. Sie hat unser Land in den letzten zweieinhalb Jahrzehnten schon sehr viel gekostet. Es ist h&ouml;chste Zeit, dass wir Schluss machen mit gegenseitigen Schuldzuweisungen und zu einer Optimierung der Wirtschaftspolitik kommen. Optimierung hei&szlig;t dabei, zu gegebener Zeit aus dem gro&szlig;en Arsenal der wirtschaftspolitischen Instrumente die Mischung auszuw&auml;hlen, die der aktuellen Sachlage angemessen ist. Optimierung hei&szlig;t dann auch, dass man in guten Zeiten weniger ausgibt als man einnimmt und Schulden abbaut.<\/p><\/blockquote><p><strong>Und aus Kapitel 9:<\/strong><\/p><blockquote><p>(&hellip;) dass der wirtschaftliche Kern Europas dringend zur&uuml;ckfinden muss zu einer guten Balance von F&ouml;rderung der Wettbewerbsf&auml;higkeit einerseits und der Verst&auml;rkung der Binnennachfrage in den europ&auml;ischen L&auml;ndern andererseits, also zu einer Synthese aus Angebots&ouml;konomie und Keynes. Die beiden zust&auml;ndigen Bundesminister m&uuml;ssten gegen&uuml;ber Br&uuml;ssel und gegen&uuml;ber der Europ&auml;ischen Zentralbank &hellip; darauf pochen, dass in Europa eine &auml;hnlich intelligente und differenzierte Geld- und Finanzpolitik gemacht wird wie in den USA in den Neunzigern.<\/p><\/blockquote><p><strong>Leser des Buches wundern sich nicht mehr, dass Konrad Adam keinen einzigen seiner Vorw&uuml;rfe mit Zitaten belegt.<\/strong> <\/p><p>Der Kritiker eilt unterdessen dem intellektuellen H&ouml;hepunkt seiner Rezension entgegen: <\/p><blockquote><p>M&uuml;ller hat eine Tochter (&hellip;) Leider hat er vers&auml;umt, das Wachstum dieser Tochter aufmerksam zu verfolgen und aus dem Vorgang seine Schl&uuml;sse zu ziehen. Denn wenn man seiner Logik folgen will, m&uuml;sste sie l&auml;ngst zu einer Riesin emporgeschossen sein. Die Rechnung ist einfach und geht so: wenn jemand zwischen dem f&uuml;nften und dem zw&ouml;lften Lebensjahr seine K&ouml;rpergr&ouml;&szlig;e verdoppelt, dann muss er mit 19 Jahren dreimal so gro&szlig; und noch einmal sieben Jahre sp&auml;ter viermal so gro&szlig; sein wie als f&uuml;nfj&auml;hriges Kindergartenkind. Wie gut, dass die Natur weiser ist als die &Ouml;konomen und anders rechnet als sie!<\/p><\/blockquote><p>Der Chefkorrespondent einer &uuml;berregionalen Tageszeitung halluziniert sich eine finale, obere Schranke f&uuml;r das Bruttosozialprodukt herbei, &uuml;ber die hinaus es kein weiteres Wachstum mehr geben kann! Wenn Konrad Adam wirklich an eine solche Analogie zwischen Biologie und &Ouml;konomie glaubt, offenbart er damit einen Abgrund an schlichter Unwissenheit. Bei einem Journalisten, der neben Alten Sprachen auch Geschichte und Philosophie studiert hat, ist diese Annahme freilich wenig plausibel. Viel wahrscheinlicher ist, dass ihm als Entgegnung halt nichts Besseres einfallen wollte und er nun auf die Dummheit seiner Leser hofft.<br>\nLeider bleibt es nicht bei dieser argumentativen Fehlleistung. Die Aversion gegen den Autor l&auml;&szlig;t Konrad Adam beinahe jegliche Zur&uuml;ckhaltung verlieren. Als besondere Spitze scheut er sich nicht, dem Vater Albrecht M&uuml;ller mangelnde Aufmerksamkeit f&uuml;r seine Tocher zu unterstellen. Der Einsatz solcher rhetorischen Mittel hinterl&auml;&szlig;t den Eindruck journalistischen Rowdytums. <\/p><blockquote><p>Wenn etwas ohne Ende w&auml;chst, nennt man das Wucherung und sucht es zu vermeiden wie zum Beispiel Krebs. Das lernt man in der Biologie; aber M&uuml;ller ist eben kein Biologe, sondern &Ouml;konom, (&hellip;)<\/p><\/blockquote><p>Dieser Abschnitt steht repr&auml;sentativ f&uuml;r die Qualit&auml;t des restlichen Textes. <\/p><p>Was mag der wirkliche Grund f&uuml;r die tiefe Antipathie gegen Albrecht M&uuml;ller und seine Thesen sein? Konrad Adam hat sich mit dem Buch kaum befasst und zum Inhalt nichts zu sagen, also muss es daf&uuml;r eine andere Erkl&auml;rung geben. Wenden wir uns daher dem Kritiker und seinen eigenen Werken zu. Zu den Themen in &bdquo;Die Reforml&uuml;ge&ldquo; hatte Adam in der WELT vor Jahren schon (lange vor Erscheinen des Buches) eindeutig Stellung bezogen: <\/p><ul>\n<li>&bdquo;Die Flucht der Jungen aus dem Land der grauen K&ouml;pfe&ldquo; (19.4.2001)<\/li>\n<li>&bdquo;Rettung f&uuml;r ein sterbendes Volk&ldquo; (30.6.2001)<\/li>\n<li>&bdquo;Genie&szlig;e jetzt und lass die andern zahlen&ldquo; (26.8.2001)<\/li>\n<li>&bdquo;R&auml;ume ohne Volk&ldquo; (22.7.2002)<\/li>\n<li>&bdquo;Der Generationenbruch&ldquo; (26.10.2002)<\/li>\n<\/ul><p class=\"reference\">Quelle: Alle Daten aus <a href=\"http:\/\/www.single-generation.de\/sozialstaat\/konrad_adam.htm\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.single-generation.de\/sozialstaat\/konrad_adam.htm\">www.single-generation.de<\/a>.<\/p><p>Konrad Adam z&auml;hlt zu den Autoren, die weniger auf Argumentation als vielmehr auf die Lust an der Hysterie setzen. Ein Beispiel daf&uuml;r ist der Generationenvertrag: &Uuml;ber die gesellschaftlichen Folgen der ver&auml;nderten Altersstruktur der deutschen Bev&ouml;lkerung mag er etwas zu sagen haben; die &ouml;konomischen Konsequenzen kann er jedoch nicht bewerten. Einem Volkswirt wie Albrecht M&uuml;ller, der unter Verweis auf kompensierende Effekte zumindest teilweise Entwarnung gibt, hat er argumentativ nichts entgegenzusetzen. M&uuml;ller kann seine Thesen noch so sorgf&auml;ltig begr&uuml;nden; Konrad Adam wird sie nie akzeptieren. Den eigenen Standpunkt noch einmal zu &uuml;berdenken, entspricht einfach nicht dem polternden Naturell, das in seinen Artikeln immer wieder um Ausdruck ringt. So hat er wohl auch seine Kritik im Affekt geschrieben. <\/p><p>In ihren Anstrengungen, sich einen Ruf als Qualit&auml;tsblatt zur&uuml;ckzuerobern, hat die WELT mit dieser Rezension einen R&uuml;ckschlag erlitten.\t<\/p><p>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.welt.de\/data\/2004\/09\/25\/337106.html?prx=1\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.welt.de\/data\/2004\/09\/25\/337106.html?prx=1\">Rezension in der WELT<\/a> <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Kai Ruhsert, 31.01.2005 f&uuml;r NachDenkSeiten. <\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[123,183],"tags":[1882,1544,300,1110,328],"class_list":["post-1099","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kampagnentarnworteneusprech","category-medienkritik","tag-adam-konrad","tag-kampagnenjournalismus","tag-mueller-albrecht","tag-reformluege","tag-welt"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1099","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1099"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1099\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":32306,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1099\/revisions\/32306"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1099"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1099"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1099"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}