{"id":10999,"date":"2011-10-17T18:35:51","date_gmt":"2011-10-17T16:35:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=10999"},"modified":"2019-01-30T11:06:26","modified_gmt":"2019-01-30T10:06:26","slug":"vom-braunen-jucken-ein-ruckblick-auf-die-tat-des-anders-behring-breivik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=10999","title":{"rendered":"Vom braunen Jucken &#8211; Ein R\u00fcckblick auf die Tat des Anders Behring Breivik"},"content":{"rendered":"<p>Zur Erinnerung: Am 22. Juli 2011 z&uuml;ndete der 32-j&auml;hrige Norweger Anders Behring Breivik zun&auml;chst im Regierungsviertel in Oslo Bomben, wobei sieben Menschen ums Leben kamen. Dann fuhr er zur Insel Utoya und er&ouml;ffnete das Feuer auf Jugendliche, die dort ihre Ferien in einem Lager der Norwegischen Arbeiterpartei  verbrachten. Im Laufe von 60 Minuten erschoss er 69 Jugendliche. Ein Deutungsversuch von G&ouml;tz Eisenberg<br>\n<!--more--><br>\nIn der Frankfurter Rundschau vom 28. Juli 2011 findet sich ein ausf&uuml;hrliches Interview mit Jostein Gaarder &uuml;ber die Auswirkungen des Massakers von Utoya. &bdquo;Waren Sie je auf der Insel Utoya&ldquo;, wird er gefragt und antwortet: &bdquo;Ich habe sie oft aus der Ferne betrachtet, wenn ich im Auto auf der Stra&szlig;e am Festland an ihr vorbeifuhr. Aber ich war selbst noch nie dort. Es ist eine sehr sch&ouml;ne, gr&uuml;ne Insel, in einem kleinen See gelegen, 40 Minuten von Oslo entfernt. Die norwegische Arbeiterpartei richtet dort seit Jahrzehnten Sommer-Camps f&uuml;r Jugendliche aus. Das muss man sich als Kombination aus politischen Diskussionen und Vortr&auml;gen und eben Sommerferien vorstellen, mit allem was dazu geh&ouml;rt. Ich kenne viele Norweger, darunter auch einige bedeutende aus Politik und Gesellschaft, f&uuml;r die Utoya Teil ihrer Jugend ist, eben ein ganz besonderer Ort. Die einen haben dort ihre sp&auml;teren Ehefrauen getroffen. F&uuml;r andere war es der Ort, wo sie sich zum ersten Mal verliebten oder das erste Mal Fu&szlig;ball spielten.&ldquo; <\/p><p>Nachdem ich dieses Interview und vor allem die eben zitierte Passage gelesen hatte, erschloss sich mir eine Dimension der Tat des Anders Behring Breivik, die so in den mir bekannten Deutungsversuchen bisher nicht zur Sprache gekommen ist. Utoya wird in Norwegen auch &bdquo;Insel der Liebe&ldquo; genannt, es gilt als der beste Ort zum Verlieben. Da wachsen nicht nur die Sozialisten der Zukunft heran, sondern da wird auch gev&ouml;gelt, da vermischen sich die Leiber! Ein freier Geist wohnt in einem befreiten K&ouml;rper, wie schon Wilhelm Reich wusste. Klar, dass da einem verklemmten Zeitgenossen wie Anders Breivik das Messer in der Tasche aufgeht &ndash; wenn ihm schon nichts anderes aufgeht. <\/p><p>Es gen&uuml;gt nicht, den Kopf voller rechter oder faschistischer Gedanken zu haben, man muss auch &uuml;ber ein geh&ouml;riges Potenzial an Hass verf&uuml;gen, das die Ideen scharf macht und ihren Tr&auml;ger zur Tat dr&auml;ngt. Manchmal sind die Ideen allerdings nur eine Art nachproduziertes Alibi, ein ideeller  &Uuml;berbau, der die Funktion hat, den an sich reinen, frei flottierenden Hass zu rechtfertigen. Auch T&auml;ter wie Cho Sueng-Hui, der 2007 in Virginia 32 Studenten erschoss, oder Sebastian B. aus Emsdetten, der 2006 in seiner ehemaligen Schule um sich schoss und Rauchbomben z&uuml;ndete, haben Texte hinterlassen, in denen sie ihre Weltsicht kund taten und ihr Handeln zu erkl&auml;ren versuchten, wenn auch nicht in der akribischen und graphomanischen Form wie Anders Breivik. Aber die Kausalit&auml;t zwischen Ideologie und Tat ist nicht unmittelbar und ungebrochen. Man kann auch so denken, ohne zum Massenm&ouml;rder zu werden, und man kann zum Massenm&ouml;rder werden ohne jeden rechten und menschenverachtenden Begleittext. Das politische Handeln ist mitunter nur die Maske eines seelischen Geschehens, oder wenn man lieber will: Der militante Anti-Islamismus ist in diesem Fall das Mittel, eine unertr&auml;gliche innere Leere und Strukturlosigkeit zu &uuml;berwinden und ein an seiner m&auml;nnlichen Identit&auml;t zweifelndes Milchgesicht zum Mann zu machen.<\/p><p>Energetisch werden amokartige Taten wie diese von Hass angetrieben. Was aber ist Hass und woher stammt er? Es ist, wie Theweleit und auch Glucksmann gezeigt haben, ein Hass auf Teile der eigenen Person, auf abgewehrte und m&uuml;hsam in Schach gehaltene eigene Triebw&uuml;nsche und Begierden. Und vor allem Hass auf Frauen, der die Faschisten aller L&auml;nder und Zeiten umgetrieben hat und bis heute um- und antreibt.<br>\nGleich in den ersten Kapiteln seines Manifestes verurteilt Breivik die Idee von der Gleichberechtigung der Menschen, insbesondere der von Mann und Frau, die Freundschaft unter Rassen, V&ouml;lkern und Kulturen sowie die offene Gesellschaft &ndash; aus all diesen Gr&uuml;nden sind die Sozialdemokraten, die f&uuml;r diese Ideen stehen, f&uuml;r ihn die Inkarnation alles Schrecklichen. Der Kampf, in den Breivik sich verwickelt sieht, findet aber vor allem in ihm selbst statt. Er ist eine Abwehrschlacht gegen triebhafte Impulse und durch sie ausgel&ouml;ste &Auml;ngste. Er wendet sich, wie alle Faschisten, gegen die Vermischung der Rassen und Kulturen und tr&auml;umt von der Reinheit und Homogenit&auml;t des Volksk&ouml;rpers. <\/p><p>Breivik entstammt einer Mittelklassefamilie. Der Vater ist ein der Sozialdemokratie nahestehender Diplomat, die Mutter Krankenschwester. Kurz nach der Geburt des Sohnes verl&auml;sst der Vater die Familie und wendet sich einer anderen Frau zu. Anders Breivik w&auml;chst bei der Mutter und dem Stiefvater auf. Vor dem Attentat lebt er wieder eine Zeitlang bei der Mutter. Auch als er woanders wohnt, kommt er jeden Sonntag zur Mutter zum Essen. Beruflich erleidet er in den letzten Jahren mit verschiedenen Projekten Schiffbruch. Beziehungen zu Frauen sind nicht bekannt. Nachbarn schildern ihn als sch&uuml;chtern, ruhig und zur&uuml;ckhaltend. Dieses Profil teilt er mit den jungen Amokl&auml;ufern der letzten Jahre. Wie viele zeitgen&ouml;ssische Massenm&ouml;rder und Amokl&auml;ufer trainiert auch Anders Breivik sich an der Spielkonsole beim Spielen von Ego-Shootern das Mitleid ab. Auf die Anschl&auml;ge bereitet er sich mit dem Kriegsspiel &bdquo;Modern Warfare 2&ldquo; vor. Mit 25 nimmt er sich eine Auszeit und spielt intensiv &bdquo;World of Warcraft&ldquo;. Auf diesem Weg verschafft er sich die n&ouml;tige Grundh&auml;rte f&uuml;r das geplante Massaker. W&auml;hrend des systematischen T&ouml;tens auf der Insel tr&auml;gt Breivik einen St&ouml;psel im Ohr und h&ouml;rt &uuml;ber einen iPod Musik. Er hat sich in eine Gamefigur verwandelt und auch die Choreographie seines Vorgehens scheint von Ego-Shootern inspiriert. Breivik kommt mir vor wie eine Kreuzung aus einem Freikorpsmann der 1920er Jahre und einem zeitgen&ouml;ssischen School-Shooter. Mit jenem teilt er die Verbr&auml;unung seines Hasses und den Rassismus, mit diesem den medialen Narzissmus und den Wunsch ber&uuml;hmt zu werden. <\/p><p>Das Manifest, das ich nur in Ausz&uuml;gen kenne, scheint mir das nachtr&auml;glich verfasste Libretto zu einer Melodie zu sein, die Breivik schon lange in sich trug. Es ist der Versuch einer Versprachlichung eines Konflikts, f&uuml;r den ihm letztlich die Worte fehlen und den er sprachlich nicht wegarbeiten kann. Er scheint von Verschlingungs&auml;ngsten umgetrieben zu werden, Wiederverschlingung durch eine pr&auml;&ouml;dipale, symbiotische Mutter, von der ihm die Abl&ouml;sung nie wirklich gelang. Da sich der Grundkonflikt seinem Bewusstsein entzieht, werden seine Konturen und Themen in die Welt projiziert. Europa wird vom Islam &uuml;berflutet und &uuml;berschwemmt, der &bdquo;Kulturmarxismus&ldquo; und &bdquo;Multikulturalismus&ldquo; liefert Europa an seine Vernichter aus. Wie K&ouml;nig Herodes, als er von der Geburt eines neuen K&ouml;nigs der Juden erfuhr, in Bethlehem alle Knaben unter zwei Jahren t&ouml;ten lie&szlig;, so t&ouml;tet Anders Breivik auf der Insel Otoya den Nachwuchs der Norwegischen Arbeiterpartei, die sich in seinen Augen als Steigb&uuml;gelhalter des Islam und des &bdquo;Kulturmarxismus&ldquo; bet&auml;tigt. War nicht auch der amtierende Ministerpr&auml;sident Stoltenberg einst hier in einem Sommerlager gewesen? Wenn er alle Jugendlichen t&ouml;tet, w&uuml;rde er auch den k&uuml;nftigen Stoltenberg erwischen. <\/p><p>Die Frauen, schreibt er, sollte man &bdquo;vor die Alternative stellen, Nonne, Prostituierte oder Mutter zu werden&ldquo;. M&uuml;hsam errechnet er einen Quotienten f&uuml;r den Grad der Sexualmoral der Frauen in 17 europ&auml;ischen L&auml;ndern und den USA. Skandinavien schneidet dabei erwartungsgem&auml;&szlig; sehr schlecht ab. Er hat Sehnsucht nach der R&uuml;ckkehr der Pr&uuml;gelstrafe f&uuml;r Kinder und des Patriarchats. Es sind im Kern die gleichen Motive und Themen, die Theweleit aus den Texten der Freikorps-Soldaten herauslas: Es sind Mutters&ouml;hnchen, die durch eine zur Schau gestellte M&auml;nnlichkeit und Gewalt beweisen wollen, dass sie keine Memmen und Schwuchteln sind. Durch eine leib-seelische Panzerungen sch&uuml;tzen sie sich vor Desintegration und psychischer Fragmentierung. Wer T&auml;ter wie Breivik verstehen will, sollte den Staub von Theweleits &bdquo;M&auml;nnerphantasien&ldquo; blasen und sich der M&uuml;he unterziehen, die beiden B&auml;nde noch einmal zu lesen. Wir m&uuml;ssen diese T&auml;ter zu verstehen versuchen, wenn wir ihnen ernsthaft begegnen und etwas entgegensetzen wollen. An Theweleit und Lloyd deMause geschult, k&auml;me es darauf an, die affektive Struktur ihrer Texte zu entschl&uuml;sseln und die in ihren Begriffen und Metaphern chiffriert zur Sprache gebrachten K&ouml;rpergeheimnisse zu entr&auml;tseln. <\/p><p>Alle seine Intellektualisierungen und graphomanischen Rationalisierungen sind nur Chiffren f&uuml;r innere &Auml;ngste, seine wahnhaften paranoiden Verfolgungsphantasien verweisen auf seine eigenen aggressiven Bestrebungen: Alles, was er drau&szlig;en von irgendwelchen finsteren, islamischen M&auml;chten bef&uuml;rchtet, m&ouml;chte er gern selbst anrichten und hat es dann ja auch angerichtet. Wenn es k&ouml;nnte, w&uuml;rde das in symbiotischer Gefangenschaft gehaltene Kind in seiner unermesslichen Wut die ganze Welt in die Luft sprengen. Der Erwachsene versucht es. <\/p><p>Es gibt, wie Nietzsche bereits wusste, so etwas wie einen Juckreiz unterdr&uuml;ckter Gef&uuml;hle, der von einer &uuml;bertriebenen Selbstbeherrschung ausgel&ouml;st wird: Das, was man in sich selbst verbissen und krampfhaft niederh&auml;lt, setzt man aus sich heraus und bek&auml;mpft es dort in Gestalt von Minderheiten und Abweichlern oder allem, was einem fremd vorkommt. &Auml;u&szlig;eres weist innen auf Versch&uuml;ttetes &ndash; und das im Innern Versch&uuml;ttete gibt keine Ruhe und heftet sich au&szlig;en an Objekte, die es symbolisieren. <\/p><p>Das niedergedr&uuml;ckte und besch&auml;digte Leben br&uuml;tet &uuml;ber seinen Kompensationen und sinnt auf Rache. Auf der Basis eines an seiner Entfaltung gehinderten, durch p&auml;dagogische Dressur partiell get&ouml;teten Lebens entwickelt sich eine Tendenz, sich am Anderen schadlos zu halten und zu verfolgen, was einem lebendiger vorkommt: &bdquo;Der da, der rei&szlig;t sich nicht so zusammen wie ich!&ldquo; Spielerisch-provokant hat diesen Mechanismus eine Berliner Punkerin entlarvt, die in den Anfangsjahren der Punk-Bewegung mit ihrem schrillem Outfit und bunten Haaren in ein Taxi einstieg und vom Fahrer gefragt wurde: &bdquo;Wat bist&lsquo;n du f&uuml;r eene?&ldquo;. Sie antwortete ihm: &bdquo;Gestatten, ich bin Ihr Trieb!&ldquo; <\/p><p>Ressentiments und Feindseligkeit schlagen dem um sein Gl&uuml;ck Betrogenem aus allen Poren. Auf Anzeichen von einem Mehr an Gl&uuml;ck und Lebendigkeit wird er mit H&auml;rte und Grausamkeit reagieren. &bdquo;Gleiches Unrecht f&uuml;r alle&ldquo;, avanciert zur unausgesprochenen Maxime seines ungelebten Lebens. Der Faschismus setzte dieses Ressentiment politisch in Gang, er war und ist psychodynamisch die Wiederkehr des Verdr&auml;ngten: &bdquo;Wenn die toten W&uuml;nsche auferstehen, werden sie verwandelt in die Masse der Umzubringenden&ldquo;, hei&szlig;t es bei Theweleit.<\/p><p>In dem Ma&szlig;e, wie wir Objekt und Opfer solcher Erziehungsprozesse geworden sind, sind wir alle partiell Get&ouml;tete und tragen in uns den Widerstreit des Toten mit dem Lebendigen aus. Ein Teil von uns ist durch haltende, sch&uuml;tzende und w&auml;rmende K&ouml;rper und fr&uuml;he Liebesobjekte belebt und bewohnt, der andere durch Abwesenheiten, Strafen, K&auml;lte und Verlassenheit unbewohnt, entlebendigt, an&auml;sthesiert, im Extremfall totgestellt. Zwischen diesen beiden in uns miteinander ringenden Prinzipien herrscht kein ruhiges, hom&ouml;ostatisches Gleichgewicht und jeder Mensch muss sich entscheiden, welches von beiden die Oberhand &uuml;ber sein und in seinem Leben gewinnen soll. Entscheidet man sich nicht, hat man sich auch entschieden: Der &Uuml;berhang der gesellschaftlichen Objektivit&auml;t, der aufgeh&auml;uften und zu Kapital gewordenen toten Arbeit der vergangenen Generationen wird daf&uuml;r sorgen, dass im Zustand scheinbarer Balance das t&ouml;dliche Prinzip den Sieg davontr&auml;gt. Affirmation ans Tote oder Emanzipation, auf diese existentielle Frage antwortet jeder mit seinem Lebenslauf. <\/p><p>Die Erzeugung des Menschlichen ist das Kriterium von Emanzipation, weniger die abstrakte politische Entscheidung zwischen links und rechts. Geschichtliche Erfahrungen haben uns schmerzhaft dar&uuml;ber belehrt, dass auch vermeintlich linke Entw&uuml;rfe in den Sog einer t&ouml;dlichen und todbringenden Produktionsweise geraten k&ouml;nnen, wenn sie sich von der regulativen Idee der Emanzipation als der Erzeugung des Menschlichen allzu weit entfernen. Es gibt in Gestalt des Toten in uns einen fortdauernden Faschismus weit unterhalb des Kopfes, einen Faschismus der Gef&uuml;hle oder der Gef&uuml;hllosigkeit, der uns zu einem lebenslangen Austrag des Kampfes n&ouml;tigt. Wer resigniert und sich der Schwerkraft des Realen &uuml;berl&auml;sst, gibt dem Toten in sich Raum zur Entfaltung, das sich mit dem &Uuml;berhang des Toten drau&szlig;en mannigfach verflicht und durch dieses gest&uuml;tzt wird. &bdquo;Der Tod tritt ein, wenn das Leben nichts mehr hat, das es zu verteidigen gilt&ldquo;, schreibt John Berger in seinem Buch &bdquo;Mit Hoffnung zwischen den Z&auml;hnen&ldquo;.<\/p><p>Die Tat des Anders Behring Breivik hat uns daran erinnert, dass es nach wie vor so etwas gibt wie Klassenkampf und dass dieser von der Gegenseite mit aller H&auml;rte und Brutalit&auml;t und ohne jede R&uuml;cksichtnahme gef&uuml;hrt wird. Der Kampf hat eine Innenseite, in der es um die innerpsychische Hegemonie des Lebendigen &uuml;ber das Tote oder des Toten &uuml;ber das Lebendige geht und nicht um h&ouml;here Produktivit&auml;t und die proletarische Kontrolle einer immer effektiveren Ausbeutung der Natur. Zwischen Achtung und Verachtung des Lebendigen verl&auml;uft die Trennungslinie, nicht zwischen Links und Rechts, dem veralteten b&uuml;rgerlichen Gegensatz, dessen Austrag immer nur neue Varianten von Macht und Naturbeherrschung hervorbringt und die Dominanz des Toten &uuml;ber das Lebendige zu verewigen droht. Gegen den t&ouml;dlichen Hass der Faschisten k&ouml;nnen wir nur auf die Energien der Lebenstriebe und die Entwicklung einer sinnlichen Vernunft setzen, die die Aggressivit&auml;t, Brutalit&auml;t und H&auml;sslichkeit der etablierten Lebensweise nicht l&auml;nger zu ertragen vermag.<\/p><p>Das Vorurteil fungiert als ein &bdquo;Schl&uuml;ssel, um eingepresste Bosheit loszulassen&ldquo;, schrieb Max Horkheimer. Wenn es uns also darum zu tun ist, eine vers&ouml;hnte Gesellschaft zu errichten, k&auml;me es darauf an, gesellschaftliche Lebensverh&auml;ltnisse zu schaffen, unter denen den Menschen weniger Bosheit eingepresst wird als heute und in deren Rahmen sie Fremde und das Fremde nicht mehr f&uuml;rchten m&uuml;ssten. Ob das gelingt, h&auml;ngt entscheidend davon ab, wie die Gesellschaft mit ihren nachwachsenden Generationen umgeht. Es kommt darauf an, Bedingungen zu schaffen, unter denen Kinder ihre &bdquo;psychische Geburt&ldquo; (Margaret Mahler) vollenden und zu wahren Menschen mit menschlichen Eigenschaften und F&auml;higkeiten heranwachsen k&ouml;nnen. Nur so bilden sich die psychischen Voraussetzungen wahrhafter Demokratie aus,  die vor allem in der F&auml;higkeit bestehen, mit Ambivalenzen, Schwebezust&auml;nden, offenen Fragen und Konflikten umgehen zu k&ouml;nnen. Diese reifen, gewisserma&szlig;en dialektischen Subjekt- und Ich-Funktionen, die Menschen instand setzen, unl&ouml;sbare Widerspr&uuml;che pr&uuml;fend in der Schwebe zu belassen, Dissens und Verschiedenheit zu ertragen, nach Kompromiss und vern&uuml;nftigem Ausgleich zu suchen, stehen auf dem Spiel oder bilden sich zur&uuml;ck, wenn Massen von Menschen unter dem Druck von Angst und aufkeimender Wut auf einfachere Mechanismen der psychischen Regulation regredieren. Das urspr&uuml;nglich schwache Ich gewinnt seine St&auml;rke erst aus einem nicht-selektiven Umgang mit einer ambivalenten Umgebung, und droht unter Spannung und Stress auf die Ebene archaischer Spaltungen zur&uuml;ckzufallen. <\/p><p>Auch unter durchschnittlichen Erwachsenen bleibt das Bed&uuml;rfnis wirksam, unertr&auml;gliche Spannungszust&auml;nde und kognitive Dissonanzen durch Spaltung und Projektion zu entsch&auml;rfen. Wenn die Un&uuml;bersichtlichkeit eskaliert und die Wirklichkeitskonstruktionen unter dem Einbruch von allzu viel Unvertrautem, das sich den gewohnten Wahrnehmungsweisen und Deutungsmustern nicht f&uuml;gt, zu erodieren drohen, schl&auml;gt die Stunde der populistischen Vereinfacher und Fanatiker. An den Grenzen zum Anderen radikalisieren sich die Differenzwahrnehmungen, und man versucht, die gef&auml;hrdete eigene Identit&auml;t dadurch zu retten, dass man, was nicht sichtlich Seinesgleichen ist, auszugrenzen und zu bek&auml;mpfen beginnt. Das Bild des &bdquo;B&ouml;sen&ldquo;, das den verunsicherten Menschen in Gestalt des jeweiligen S&uuml;ndenbocks im Innern und des Feindes im &Auml;u&szlig;eren pr&auml;sentiert wird, ist das beste Gef&auml;&szlig; f&uuml;r alle m&ouml;glichen diffusen Bedrohtheitsgef&uuml;hle. Weil unter der Schicht normalen, angepassten Verhaltens primitive internalisierte Objektbeziehungen und um die Spaltung gruppierte Abwehrmechanismen latent fortbestehen, geraten Demokratie, Rechtsstaat und Vernunft in Krisenzeiten regelm&auml;&szlig;ig in Gefahr. Ein gewisses Ma&szlig; an sozialer Sicherheit und Angstfreiheit ist unabdingbare Voraussetzung einer demokratischen Gesellschaft. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zur Erinnerung: Am 22. Juli 2011 z&uuml;ndete der 32-j&auml;hrige Norweger Anders Behring Breivik zun&auml;chst im Regierungsviertel in Oslo Bomben, wobei sieben Menschen ums Leben kamen. 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