{"id":110073,"date":"2024-01-26T13:00:56","date_gmt":"2024-01-26T12:00:56","guid":{"rendered":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=110073"},"modified":"2024-01-26T16:40:12","modified_gmt":"2024-01-26T15:40:12","slug":"stimmen-aus-ungarn-moskaus-bereitschaft-fuer-eine-friedensloesung-im-fruehjahr-2022-war-aufrichtig","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=110073","title":{"rendered":"Stimmen aus Ungarn: Moskaus Bereitschaft f\u00fcr eine Friedensl\u00f6sung im Fr\u00fchjahr 2022 war aufrichtig"},"content":{"rendered":"<p>In der <em>Berliner Zeitung<\/em> hat der Historiker und Politikwissenschaftler Klaus Bachmann versucht <a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/politik-gesellschaft\/friedensvertrag-fuer-die-ukraine-warum-auch-die-ard-faktenchecker-unrecht-haben-li.2176267\">zu zeigen<\/a>, dass die russisch-ukrainischen Verhandlungen im Fr&uuml;hjahr 2022 keine Chance auf eine friedliche L&ouml;sung boten. &Uuml;ber einige Punkte der &bdquo;profunden Analyse&ldquo; f&uuml;hrte <strong>&Eacute;va P&eacute;li<\/strong> mit dem ungarischen Politikjournalisten und Russlandexperten <strong>G&aacute;bor Stier<\/strong> ein kurzes Interview.<br>\n<!--more--><br>\n<strong>Herr Stier, in einem aktuellen Beitrag der <em>Berliner Zeitung<\/em> schreibt der Historiker Klaus Bachmann zu den Friedensgespr&auml;chen im Fr&uuml;hjahr 2022: &bdquo;Das, was in der &Ouml;ffentlichkeit dazu kursiert, war nicht mehr als ein Entwurf f&uuml;r einen Waffenstillstand, den damals aber keine Seite unterschreiben wollte.&ldquo; Und: &bdquo;Eines aber ist sicher: Der gemeinsame Kern der verschiedenen Versionen des Istanbuler Entwurfs, die in der &Ouml;ffentlichkeit kursieren, ist zu d&uuml;nn f&uuml;r ein Waffenstillstandsabkommen, von einem Friedensvertrag gar nicht zu reden.&ldquo; Wor&uuml;ber wurde Ihres Wissens nach im M&auml;rz 2022 verhandelt?<\/strong><\/p><p><strong>G&aacute;bor Stier:<\/strong> Nat&uuml;rlich war das erste und wichtigste Thema ein Waffenstillstand, aber die Verhandlungen zielten dar&uuml;ber hinaus, auf l&auml;ngere Sicht, es ging um Bedingungen f&uuml;r den Frieden. Diese Verhandlungen waren m&ouml;glich, weil beide Seiten von den Ereignissen des 24. Februar 2022 schockiert waren: die Ukraine von der Intervention selbst und der Aussicht auf einen langen Krieg, Russland seinerseits von dem ukrainischen Widerstand. Damit war der Plan A, ein &bdquo;Kabul-Szenario&ldquo;, zum Scheitern verurteilt, stattdessen drohte die Aussicht auf einen ungeplanten langen Krieg.<\/p><p><strong>Beide Seiten scheinen die Lage damals noch recht n&uuml;chtern eingesch&auml;tzt zu haben. Der Ukraine schwebte nicht einmal im Traum ein Sieg &uuml;ber Russland vor, und Moskau sah die Chance, den Konflikt schnell und ohne Gesichtsverlust zu beenden. Unter diesen Umst&auml;nden konnten die Verhandlungen eine konstruktive Richtung einschlagen, und die T&uuml;rkei als Vermittler versuchte, diese mit aller Kraft zu verst&auml;rken. Anfangs sah es so aus, als ob dies auch Washington passen w&uuml;rde. Doch mit dem Fortschreiten der Verhandlungen wurde die Angelegenheit als Gelegenheit betrachtet, Russland ein f&uuml;r alle Mal zu schw&auml;chen.<\/strong><\/p><p><strong>Bachmann h&auml;lt die Neutralit&auml;t und die Sicherheitsgarantien f&uuml;r die Ukraine f&uuml;r nur zweitrangig: &bdquo;Der am heftigsten debattierte Aspekt, der in allen Versionen des Entwurfs vorkommt, ist gleichzeitig der am wenigsten relevante.&ldquo; Und: &bdquo;Im Austausch f&uuml;r etwas, was sie bis dahin gar nicht wollte (NATO-Mitgliedschaft), h&auml;tte die Ukraine etwas bekommen, was sie schon lange hatte (Sicherheitsgarantien), was ihr aber seit 2014 keinerlei Nutzen gebracht hat.&ldquo; Wie beurteilen Sie das, vor allem, da die Vorschl&auml;ge aus Kiew selbst kamen, wie Aussagen ukrainischer Politiker und Verhandlungsf&uuml;hrer am 29. M&auml;rz 2022 zeigen?<\/strong><\/p><p><strong>Stier<\/strong>: Ich verstehe den Autor nicht wirklich. Warum sollte die Frage der Neutralit&auml;t und der Sicherheitsgarantien f&uuml;r die Ukraine zweitrangig gewesen sein? Vielleicht in dem Sinne, dass der Waffenstillstand f&uuml;r sie damals das Wichtigste war &hellip; Aber im Gegensatz zur aktuellen Spektakelpolitik, die weit von der Realit&auml;t entfernt ist, dachte Kiew noch realistisch und suchte nach einer umfassenden L&ouml;sung. In diesem Sinne waren sie sich bewusst, dass eine Einigung Kompromisse auf beiden Seiten erfordern w&uuml;rde, und sie versuchten, diese zu erreichen. So h&auml;tten sie beispielsweise die Krim-Frage f&uuml;r 15 Jahre auf Eis gelegt und die russische Bedingung der Neutralit&auml;t akzeptiert &ndash; aber nicht nur so dahingesagt, sondern Neutralit&auml;t mit Sicherheitsgarantien.<\/p><p><strong>Die Formulierung war also so, dass sich die Ukraine auf die Garantien und Russland auf die Neutralit&auml;t konzentrieren konnte. Die Neutralit&auml;t war f&uuml;r die Ukraine das kleinere &Uuml;bel, und die Garantien wurden sehr wichtig, denn mit der Invasion wurden alle im Artikel von Bachmann genannten Garantien seit 1994 obsolet. (&bdquo;<em>Sie [die Garantien] waren enthalten im bilateralen Freundschaftsvertrag mit Russland von 1997, im Vertrag &uuml;ber die gegenseitige Anerkennung der Grenzen von 2003, im Budapester Memorandum von 1994 und im Abkommen &uuml;ber die Aufteilung der Schwarzmeerflotte sowie in mehreren multilateralen Abkommen, angefangen von der Helsinki-Schlussakte &uuml;ber die Europ&auml;ische Menschenrechtskonvention bis zur UN-Charta&ldquo;, so Bachmann.<\/em>)<\/strong><\/p><p>Diese Garantien lassen sich &uuml;brigens nicht nur dahingehend interpretieren, welche L&auml;nder den Status quo garantieren, sondern auch aufgrund des russischen Narrativs, wonach eine neue europ&auml;ische Sicherheitsarchitektur notwendig sei, weil nur diese die Sicherheit Europas gew&auml;hrleisten k&ouml;nne.<\/p><p><strong>Wie sehen Sie die Auswirkungen des westlichen Einflusses, wof&uuml;r der Besuch des damaligen britischen Premiers Boris Johnson am 9. April 2022 in Kiew ein deutliches Zeichen war?<\/strong><\/p><p><strong>Stier:<\/strong> Der westliche Einfluss auf die Ukraine war damals schon bedeutend &ndash; wie wir daran sehen k&ouml;nnen, dass Johnson sein Ziel in k&uuml;rzester Zeit erreicht hat &ndash;, aber nicht so stark wie heute. So konnte die Ukraine von Anfang an mit Russland verhandeln und, wenn auch nicht ganz eigenst&auml;ndig, einen Friedensplan vorlegen. Am Ende kam es zu dem, was im Interesse des Westens war: dass Russland im Krieg feststeckt, indem die Ukraine geopfert wird. Das gilt selbst dann, wenn einige an den Sieg der Ukraine geglaubt haben.<\/p><p><strong>Wie beurteilen Sie Russlands Bereitschaft zu Kompromissen und zum Friedensschluss? Nach Aussage des damaligen ukrainischen Botschafters Oleksander Chalyi, Mitglied der ukrainischen Delegation von Friedensunterh&auml;ndlern im Fr&uuml;hjahr 2022,<em> <\/em>war Russlands Pr&auml;sident Wladimir Putin entschlossen, Frieden zu schlie&szlig;en, und &bdquo;wir waren einer friedlichen L&ouml;sung sehr nahe&ldquo;.<\/strong><\/p><p><strong>Stier:<\/strong> Russland zeigte damals eine echte Bereitschaft, den Krieg schnell zu beenden. Meines Erachtens war diese Bereitschaft durchaus aufrichtig, und sei es nur, weil der stets vorsichtige Putin schnell erkannt haben muss, dass die urspr&uuml;nglichen Ideen gescheitert waren und dass ein langer Krieg Russland letztlich auf den Weg des Zerfalls der Sowjetunion bringen k&ouml;nnte. So mag es ihm in den Sinn gekommen sein, dass es besser w&auml;re, sich aus dieser Falle zu befreien.<\/p><p>Da dies nicht funktionierte, musste er sich nun an die neue Realit&auml;t anpassen und die Situation zum Vorteil Russlands wenden. So entstand die Strategie der Zermalmung, die bis heute andauert. Letztlich ist es nicht undenkbar, dass Putin den urspr&uuml;nglichen Zielen der &bdquo;milit&auml;rischen Sonderoperation&ldquo; n&auml;herkommt, indem er den Westen nicht aussteigen l&auml;sst und ihn in einen langen Krieg zwingt. Die L&auml;nge dieses Krieges ist jedoch nicht unwichtig, da sie auch die Kosten bestimmt, zu denen Russlands Pr&auml;sident alle oder einen Teil seiner Ziele erreichen wird.<\/p><p><strong>Herr Stier, ich danke Ihnen f&uuml;r das Gespr&auml;ch.<\/strong><\/p><p><small>Titelbild: Shutterstock \/ vchal<\/small><\/p><div class=\"moreLikeThis\">\n<strong>Mehr zum Thema: <\/strong>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=108270\">Stimmen aus Ungarn: Baldiger Ukraine-Beitritt schw&auml;cht EU<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=107545\">Stimmen aus Ungarn: Der Westen entt&auml;uscht, Selenskyj nerv&ouml;s<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=109594\">Der Tod eines US-amerikanischen Bloggers im ukrainischen Gef&auml;ngnis und die Doppelmoral<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=107473\">Stimmen aus der Ukraine: Welche europ&auml;ischen Werte &bdquo;verteidigt&ldquo; Selenskyj eigentlich?<\/a>\n<\/p><\/div><p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/vg09.met.vgwort.de\/na\/16633e6688e94370940e0cd8d43157c7\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der <em>Berliner Zeitung<\/em> hat der Historiker und Politikwissenschaftler Klaus Bachmann versucht <a href=\"https:\/\/www.berliner-zeitung.de\/politik-gesellschaft\/friedensvertrag-fuer-die-ukraine-warum-auch-die-ard-faktenchecker-unrecht-haben-li.2176267\">zu zeigen<\/a>, dass die russisch-ukrainischen Verhandlungen im Fr&uuml;hjahr 2022 keine Chance auf eine friedliche L&ouml;sung boten. &Uuml;ber einige Punkte der &bdquo;profunden Analyse&ldquo; f&uuml;hrte <strong>&Eacute;va P&eacute;li<\/strong> mit dem ungarischen Politikjournalisten und Russlandexperten <strong>G&aacute;bor Stier<\/strong> ein kurzes Interview.<\/p>\n","protected":false},"author":11,"featured_media":93296,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[209,171],"tags":[3240,2161,259,260],"class_list":["post-110073","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-interviews","category-militaereinsaetzekriege","tag-diplomatische-verhandlungen","tag-friedensabkommen","tag-russland","tag-ukraine"],"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/Shutterstock_2133057897.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/110073","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/11"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=110073"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/110073\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":110161,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/110073\/revisions\/110161"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/93296"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=110073"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=110073"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=110073"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}