{"id":1101,"date":"2005-01-06T12:17:50","date_gmt":"2005-01-06T10:17:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.nachdenkseiten.de\/v2\/?p=1101"},"modified":"2016-03-21T10:14:02","modified_gmt":"2016-03-21T09:14:02","slug":"verschworung-der-profis-hanno-beck-kommentierte-in-der-faz-das-buch-die-reformluge","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/?p=1101","title":{"rendered":"Verschw\u00f6rung der Profis \u2013 Hanno Beck kommentierte in der FAZ das Buch \u201eDie Reforml\u00fcge\u201c"},"content":{"rendered":"<p>Von Kai Ruhsert, 6.1.2005 f&uuml;r NachDenkSeiten.<br>\n<!--more--><br>\n&bdquo;Die Reforml&uuml;ge&ldquo; polarisiert die Leser und l&ouml;st zuweilen heftige Reaktionen aus. An pauschalisierenden und polemisierenden Kommentaren mangelt es nicht. Eine Kritik, die sich tats&auml;chlich mit den Argumenten befasst und Fehler, Ungenauigkeiten oder &uuml;bersehene Zusammenh&auml;nge aufzuzeigen versucht, steht indes bis heute aus. <\/p><p>Auf der Suche nach einem Experten f&uuml;r diese Aufgabe entschied sich die FAZ f&uuml;r ihren Wirtschaftsredakteur Hanno Beck. Beck hat auch einen Lehrauftrag an der Fachhochschule Frankfurt\/M.; Fachkenntnisse darf man bei ihm also voraussetzen. <\/p><p>Doch schon der erste Absatz beginnt in einem &auml;hnlichen Stil, wie er von anderen, weniger qualifizierten Autoren vorgegeben wurde: Im Plauderton gegenseitigen Schulterklopfens mit dem Leser spricht Beck einige Themen aus dem Buch an, um sich &uuml;ber die so absonderlich erscheinenden Thesen von M&uuml;ller zu erheitern: <\/p><blockquote><p>Wir haben ein demographisches Problem? Glatte L&uuml;ge. Inflation ist unsozial? Gelogen. Wer spart, baut Schulden ab? Die reine Unwahrheit. Leistung mu&szlig; sich wieder lohnen? Wer das behauptet, l&uuml;gt. <\/p><\/blockquote><p><strong>Auf M&uuml;llers Begr&uuml;ndungen geht Beck mit keinem Wort ein! <\/strong><\/p><p>Stattdessen wirft Beck mit Begriffen wie <em>Vulg&auml;rkeynesianismus, Wunschkonzert&ouml;konomie, Eklektizistismus und Polemik<\/em> um sich. Auf den ersten Blick habe M&uuml;ller zwar alles mit Zahlen und Fakten gut begr&uuml;ndet. &ldquo;Doch auf den zweiten Blick sind M&uuml;llers Argumente mehr als entt&auml;uschend und halten einem n&auml;heren Blick selten stand.&rdquo; <\/p><p><strong>Das Selbstbewusstsein dieses Kritikers ist enorm; er h&auml;lt es nicht f&uuml;r n&ouml;tig, auch nur einen der Vorw&uuml;rfe mit einem Beispiel zu erl&auml;utern.<\/strong> Sein Wort muss dem Leser gen&uuml;gen. <\/p><p>An den harten Fakten, mit denen M&uuml;ller seine Thesen untermauert hat, ist nun aber leider nicht zu r&uuml;tteln. Was tun? Nun, wenn die Fakten nicht zu widerlegen sind, kann man immer noch behaupten, dass sie unvollst&auml;ndig seien, dass es also andere, von M&uuml;ller ignorierte Zahlen gebe, die gegenteilige Interpretationen nahelegen &ndash; Beck nennt das &bdquo;selektive Statistik&ldquo;. <\/p><p><strong>Irgendwelche Belege daf&uuml;r? Sie ahnen es l&auml;ngst: Keine! Wieder bleibt es bei der blo&szlig;en Behauptung. <\/strong><\/p><p>F&uuml;r Hanno Beck wird es jetzt etwas eng, denn wegen dem bekannt hohen Anspruch der FAZ an die eigene Seri&ouml;sit&auml;t mag er die Leser doch nicht ganz ohne den Eindruck lassen, der eine oder andere Kritikpunkt sei tats&auml;chlich mit Zitaten aus dem Buch belegbar. <\/p><p>Beck versucht es nun mit dem Vorwurf, M&uuml;ller setze &ldquo;interpretatorische Kreativit&auml;t und Naivit&auml;t&rdquo; ein. <\/p><p>Zitat Beck: <\/p><blockquote><p>Reforml&uuml;ge Nummer 20: &ldquo;Wir k&ouml;nnen nur das verteilen, was wir vorher erwirtschaftet haben.&rdquo; Nat&uuml;rlich eine L&uuml;ge, meint der Autor: Der Verteilungsproze&szlig; geschehe automatisch im Einklang mit dem Produktionsproze&szlig;. So naiv kann M&uuml;ller gar nicht sein, als da&szlig; er diesen Satz und seinen intendierten Bezug zu der Sekund&auml;rverteilung und ihren Folgen nicht willentlich mi&szlig;versteht. <\/p><\/blockquote><p>Diese S&auml;tze lassen zun&auml;chst auf einen inhaltlich fundierten Kritikpunkt hoffen. Genaugenommen enthalten sie zwei Vorw&uuml;rfe:<\/p><ol>\n<li>Albrecht M&uuml;ller stelle den Inhalt der weit verbreiteten &Uuml;berzeugung, man k&ouml;nne nur das verteilen, was man vorher erwirtschaftet habe, grunds&auml;tzlich falsch dar. Er ignoriere n&auml;mlich, dass es dabei haupts&auml;chlich um die nachtr&auml;gliche Einkommensumschichtung &uuml;ber Steuern und Sozialabgaben gehe.<\/li>\n<li>Schwerer noch wiegt der explizite Verdacht, dass M&uuml;ller den Leser vors&auml;tzlich t&auml;usche.<\/li>\n<\/ol><p>Zitieren wir einfach aus dem Buch (gegen Ende der von Beck erw&auml;hnten Reforml&uuml;ge 20): <\/p><p>&bdquo;&hellip; Unser Land leidet nicht unter zu viel Verteilungsgerechtigkeit (siehe dazu auch Denkfehler Nr. 21, 22 und 32 &hellip;)&ldquo; <\/p><p>Die Kapitel, auf die M&uuml;ller an dieser Stelle verweist, lauten: &bdquo;Die Arbeit muss billiger werden&ldquo;, &bdquo;Die Lohnnebenkosten sind zu hoch&ldquo; und &bdquo;Mehr Eigenverantwortung, weniger Sozialstaat&ldquo;. Sie betreffen durchweg die Sekund&auml;rverteilung! <\/p><p>Um seine eigenen Worte zu gebrauchen: So naiv kann Hanno Beck gar nicht sein, dass er dies nicht willentlich falsch verstanden hat. <\/p><p>M&uuml;llers Absicht ist es, den engen Zusammenhang zwischen Produktion und Verteilung hervorzuheben, um deutlich zu machen, welcher Schaden mit Hilfe dieser Reforml&uuml;ge angerichtet wird, indem unzureichende Einkommenssteigerungen das Wachstum der Produktion bremsen. Die Unterscheidung zwischen Prim&auml;r- und Sekund&auml;rverteilung ist f&uuml;r M&uuml;ller in diesem Kontext von untergeordneter Bedeutung. <\/p><p>Es steht Hanno Beck nat&uuml;rlich frei, eine andere Meinung zu haben (diese aber bitte zu begr&uuml;nden) und andere Schwerpunkte zu setzen. <strong>Wenn er jedoch Albrecht M&uuml;ller wider besseren Wissens unterstellt, den Leser t&auml;uschen zu wollen &ndash; dann f&auml;llt dieser Vorwurf auf ihn selbst zur&uuml;ck.<\/strong> <\/p><p>Es folgt der zweite (und bereits letzte!) Versuch von Beck, eine konkrete Kritik zu formulieren: <\/p><blockquote><p>Da&szlig; M&uuml;ller dabei auch innerhalb seines eigenen Theoriegeb&auml;udes ins Schwimmen kommt, scheint ihn nicht zu bremsen: Wenn wir nur unter einer Unterauslastung der Kapazit&auml;ten leiden, wie er postuliert, dann d&uuml;rfte eine aktive Konjunkturpolitik eigentlich nicht zu inflation&auml;ren Prozessen f&uuml;hren (&hellip;)<\/p><\/blockquote><p>Dieser Punkt ist besonders aufschlussreich: Entweder ist es Beck gelungen, einen so banalen Fehler nachzuweisen, dass jede weitere Besch&auml;ftigung mit dem Buch obsolet erscheint. <strong>Oder aber Hanno Beck hat den Text sinnentstellend wiedergegeben.<\/strong> <\/p><p>Es gen&uuml;gt, M&uuml;ller etwas weniger selektiv zu zitieren, als Beck es zu tun pflegt: <\/p><blockquote><p>&bdquo;H&auml;tten wir die Chance, mit der bedr&uuml;ckenden Arbeitslosigkeit und der Unterbesch&auml;ftigung besser fertig zu werden, wenn wir in Kauf n&auml;hmen, dass die Preise auch einmal um 3 oder 4 Prozent steigen, <strong>wenn die Wirtschaft endlich boomt<\/strong>?&ldquo;<\/p><\/blockquote><p>(Hervorhebung von K.R.) <\/p><p>Der von Beck behauptete Widerspruch existiert nicht; auch M&uuml;ller erwartet eine Tendenz zu einer h&ouml;heren Inflationsrate erst dann, wenn die Konjunktur sich erholt und die Kapazit&auml;tsauslastung zugenommen hat. <\/p><p>Hanno Beck zeigt sich noch an einem weiteren Punkt entschlossen, M&uuml;ller auf seine besondere Weise zu interpretieren: <\/p><blockquote><p>(&hellip;)  Und wenn er, wie unter Denkfehler Nummer 18 postuliert, Inflation braucht, um &ldquo;dem Bewegungsdrang der &Ouml;konomie ein wenig Raum zu geben&rdquo;, so deckt sich das zudem nicht mit seiner Diagnose, da&szlig; den h&ouml;heren Preisen schlie&szlig;lich auch h&ouml;here nominale Zinsen und L&ouml;hne gegen&uuml;berstehen, weswegen Inflation harmlos sei. Das ist &auml;u&szlig;erst diskussionsw&uuml;rdig: Wenn Inflation ohne Auswirkung auf die realen Gr&ouml;&szlig;en bleibt, wie soll sie dann besch&auml;ftigungswirksam werden? <\/p><\/blockquote><p>Tats&auml;chlich wird der Inflation an keiner einzigen Stelle des Buches ein besch&auml;ftigungswirksamer Effekt zugeschrieben! M&uuml;ller pl&auml;diert daf&uuml;r, Inflation nur als unerw&uuml;nschte Folge einer Konjunkturerholung und auch dann nur in engen Grenzen zu tolerieren, um das so wichtige Wachstum nicht ohne Not abzuw&uuml;rgen. <\/p><p>Anhand der wirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland in den letzten Jahrzehnten weist M&uuml;ller nach, dass eine geringf&uuml;gig h&ouml;here Inflation keineswegs zu Reallohnverlusten f&uuml;hren muss. Bei Beck wird daraus die absurde Behauptung, &ldquo;die Inflation bleibe ohne Auswirkung auf die realen Gr&ouml;&szlig;en&rdquo;. <\/p><p>Dass Beck zum Schluss von einem polemischen und beleidigenden Stil des Buches spricht, mutet nur noch komisch an. <\/p><p>Von Hanno Beck hatte man die bisher anspruchsvollste Kritik erwartet; tats&auml;chlich enth&auml;lt sie nur Polemik, Verdrehungen und Sinnentstellungen. Qualitativ unterbietet er schlie&szlig;lich (fast) alles, was je &uuml;ber das Buch von Albrecht M&uuml;ller erschienen ist. <\/p><p>Wie ist es m&ouml;glich geworden, dass die FAZ einen Text ver&ouml;ffentlicht, der so nachl&auml;ssig mit der Wahrheit umgeht? <\/p><p>&bdquo;Die Reforml&uuml;ge&ldquo; hat mit dieser Rezension eine weitere Pr&uuml;fung bestanden. <\/p><p>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.faz.net\/s\/Rub2E8C985607B44756884B7A1383CD205C\/Doc~EF98D28B71B594502A1460C1AD02462C5~ATpl~Ecommon~Scontent.html\" title=\"Externer Link zu http:\/\/www.faz.net\/s\/Rub2E8C985607B44756884B7A1383CD205C\/Doc~EF98D28B71B594502A1460C1AD02462C5~ATpl~Ecommon~Scontent.html\">Rezension von Hanno Beck in der FAZ<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Kai Ruhsert, 6.1.2005 f&uuml;r NachDenkSeiten.<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":""},"categories":[123,208],"tags":[1542,1544,300,1110],"class_list":["post-1101","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kampagnentarnworteneusprech","category-rezensionen","tag-faz","tag-kampagnenjournalismus","tag-mueller-albrecht","tag-reformluege"],"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1101","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1101"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1101\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":32349,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1101\/revisions\/32349"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1101"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1101"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.nachdenkseiten.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1101"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}